dreiundvierzig

Kapitel fünf_Ja, es geht tatsächlich weiter, von so einem kleinen Sturz die Böschung runter stirbt man doch nicht; trotzdem ist mir das Thema ein klein wenig peinlich, und wenn ich diesen Satz jetzt nicht mehr schreiben würde, hätte ich es geschafft, die bisher kürzeste Kapitelüberschrift zu schreiben.

Sitting Bull scheint außerordentlich guter Laune zu sein. »Fällt der einfach die Böschung runter, haha, ich glaub es nicht. Mann, was hast du dir denn dabei gedacht – wolltest du dich umbringen, oder was?«

Erstmals bin ich froh, dass Sitting Bull meine Gedanken hören kann, denn das Sprechen fällt mir momentan noch ein wenig schwer. Ich denke: Und wenn dem so wäre?

»Hahaha.«

Du bist mir momentan keine Hilfe.

»Hahaha.«

Sehr witzig. Willst du mich damit etwa aufmuntern?

»Ja. Wirkt es wenigstens?«

Du bist verrückt, weißt du das?

»Und das sagt mir einer, der die Böschung runterfällt, um sich umzubringen.«

Ist ja schon gut. Können wir jetzt damit aufhören?

»Hahaha … okay, jetzt geht’s wieder.«

Danke.

»Vielleicht solltest du in ein Krankenhaus gehen.«

Das hatten wir schon mal, erinnerst du dich?

»Stimmt. Bringt ja letzten Endes alles nix.«

***

Für heute haben wir uns vorgenommen, weiter nach Norden vorzudringen, um bis morgen die Berge erreicht zu haben; dann wollen wir versuchen, sie zu überqueren. Natürlich wissen wir, dass es entsetzlich kalt werden wird, aber in einem Film habe ich einen guten Trick aufgeschnappt: Man muss nur einen Bären töten und sein Fell abziehen. Hängt man sich das Fell um, kann einem die Kälte nichts mehr anhaben.

Lediglich der Aufstieg zur Gipfelkette wird beschwerlich. Immerhin, sage ich mir, geht es auf der anderen Seite nur noch bergab.

»Hoffen wir, dass du da nicht auch runterfällst.«

Wir hatten abgemacht, nicht mehr darüber zu reden, oder?

»Du kannst ja auch noch nicht wieder reden.«

Ich sage nichts mehr.

zweiundvierzig

Ich setze mich auf die Kühlerhaube und zünde mir eine Zigarette an, die erste seit ich-weiß-nicht-wann.

»Rauchen ist ungesund.«

»Du würdest einen guten Aschenbecher abgeben.«

»Und du bist ungerecht. Ich habe dir schließlich nichts getan.«

»Du nicht.«

»Selbst schuld.«

Wahrscheinlich. Aber was kann ich tun. Was kann ich tun, wenn alle so komisch sind, seit ich versuche, normal zu sein. Kurz überlege ich, Sitting Bull einfach wegzuwerfen und alles zu vergessen. Ich meine, es würde sich nicht verschlechtern; alles, meine ich. Ich könnte meine Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und mich selbst könnte ich auch vergessen. Gut, in manchen Momenten würde ich mich vermissen oder vermissen, dass ich nie herausfinden konnte, wer ich bin – aber Sorgen hätte ich keine. Ich könnte sogar heiraten. Eine Frau beispielsweise. Und um unnötige Komplikationen zu vermeiden, müsste ich sie nicht einmal lieben. Vielleicht könnte ich sogar Maria vergessen. Mit Nastassja und Dimitri könnte ich mich treffen, ihnen meine Frau vorstellen, wir könnten Wein trinken, lachen, die beiden Frauen würden sich auf Anhieb prächtig verstehen, und Dimitri und ich würden einander einen Stubser mit dem Ellbogen geben und alles wäre perfekt. Sitting Bull – er hat es selbst gesagt, ich würde nicht mehr an ihn denken.

Ich schüttle den Kopf und sehe auf die Ortschaft am Fuß des Hügels. Lichter brennen dort schon lange keine mehr.

Abermals schüttle ich den Kopf, vielleicht, um zu prüfen, ob noch etwas drin ist. Mit einem Mal fühle ich mich unfassbar leer.

Normalerweise wäre jetzt der Punkt gekommen, an dem man nicht mehr weiter nachdenkt, sondern sich umdreht und mit einem komischen Gefühl im Bauch so weitermacht wie bisher.

Ich mache einen zögerlichen Schritt nach vorn, dann noch einen, einen dritten. Keiner soll sagen, ich hätte es absichtlich herbeigeführt, als ich die Böschung hinunterfalle.

einundvierzig

Irgendwann endlich kommen wir an: ein unscheinbares Wirtshaus, drinnen ist es schön warm und es brennen Kerzen, es ist viel zu voll, ich dränge mich an den Leuten vorbei die kleine Treppe hinunter in den Keller. Die niedrige Decke des Kellergewölbes ist ungewohnt, aber hier sind nicht so viele Menschen wie oben. Es riecht heimelig nach warmem Essen und kaltem Bier. Manche sehen mich verwundert an, vielleicht kennen sie mich nicht. Man ist guter Laune, obwohl keine Musik läuft. Ich dränge mich zur hintersten Wand durch, ganz allein an einem viel zu großen Tisch sitzt Dimitri. Er habe, sagt er, als ich mich setze, noch nichts bestellt. Er habe damit auf mich warten wollen.

Wir plaudern eine Zeit lang über Unwichtiges, irgendwann kommt die Bedienung und Dimitri bestellt eine Flasche billigen Wein und ich bestelle eine Flasche Bier.

»Bist du nicht mit dem Auto da?«

Ich winke ab.

»Na, du wirst doch nicht etwa im Auto übernachten wollen? Ich kann dich auch irgendwo absetzen nachher, wenn du noch weiter willst.«

Wieder winke ich ab.

Unsere Getränke werden gebracht, ich staune: das ging schnell.

***

Dimitri scheint guter Laune. Mir fällt ein, dass wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben. Er ruft zu jemand in meinem Rücken: »Hey, hey – hier ist noch ein Platz frei.«

Augenblicke später setzte sie sich zu uns. »Meine Freundin müsste auch gleich wiederkommen.«

Dimitri grinst übers ganze Gesicht, legt einen Arm um ihre Schulter und nimmt einen Schluck von seinem Wein; auch ihr schenkt er ein. Ihre Freundin setzt sich zu mir ans Tischende, rechtwinklig zu mir, ich sehe ihr Gesicht im Profil; was der Kerzenschein erhellt – alles andere bleibt im Dunkeln.

Dimitri, wie von ganz weit weg, sagt: »Hey, willst du sie nicht küssen?«

Schnell hebe ich die Bierflasche an meine Lippen. Die Situation ekelt mich mehr und mehr an.

Zum Glück bezahlen wir recht bald, und Dimitri steigt mit seiner Begleitung ins Auto. Ob er mich noch irgendwo absetzen soll, hat er nicht mehr gefragt. Die Freundin wohnt in der Nähe, ich bringe sie nach Hause.

Sie sagt: »Tut mir leid wegen des misslungenen Abends«, fügt hinzu: »So ist Nastassja eben.«

Ich sage: »Ja, anscheinend ist sie so.«

Sie lächelt noch einmal, dann lässt sie mein Handgelenk los und ich gehe zum Auto zurück. Aus irgendeinem Grund drängt es mich, heute noch weiterzufahren. Zumindest weit genug, bis ich das Wirtshaus nicht mehr sehen kann.

vierzig

Stempski und Frieder lassen wir zurück. Ob sie noch etwas in Altheim zu erledigen haben, weiß ich nicht. Wahrscheinlich werden sie etwas finden, das sie beschäftigen wird, bis wir uns wiedersehen; dass ich sie wiedersehen werde, daran zweifle ich natürlich nicht eine Sekunde.

Schließlich habe ich mich gar nicht von ihnen verabschiedet – und jemand, von dem man sich nicht verabschiedet, den trifft man wieder, ob man will oder nicht. Und jemand, von dem man sich verabschiedet, den wird man ohnehin nicht mehr los.

Ich verabschiede mich nie, wenn ich gehe.

»Von deinem Heimatort hast du dich einen ganzen Tag lang verabschiedet. Und jetzt? Was ist jetzt mit ihm? Und Maria?«

Die habe ich immer noch nicht angerufen.

»Du wolltest sie anrufen?«

Na – warum denn nicht?

»Es wäre vielleicht der Situation nicht angemessen, weißt du.«

»Welcher Situation?«

»Das wirst du schon sehen, wenn wir sie treffen.«

Es ist unglaublich, dass wir sie noch nicht getroffen haben. Ich meine, wir tun so wenig dafür, sie zu treffen, dass ich manchmal ganz vergesse, weswegen wir eigentlich unterwegs sind. Die ganze Zeit sitzen wir in irgendwelchen Städten, in irgendwelchen Häusern fest, tun komische Dinge oder gar nichts – und dabei müssen wir nur einen einzigen Menschen finden.

»Warum hast du es plötzlich so eilig? Weißt du etwas Besseres, mit dem du deine Zeit verbringen könntest?«

Nein.

»Na also.«

***

Ich weiß nicht – zufrieden bin ich damit trotzdem nicht. Ich meine, warum sollte ich mein ganzes Leben mit Warten verbringen, anstatt gleich ein Ende zu setzen?

»Weißt du, warum?«

Nein.

Wahrscheinlich deshalb, weil dieses Warten mein Leben ist; und das will ich noch nicht beenden, da gibt es noch zu viele Leute, die ich sehen will, und noch zu viel, das ich wissen will, und noch zu viel, an das ich mich gern erinnern würde, wenn ich irgendwann im Himmel sitzen werde. Man verpasst zu viel da oben.

Das schlechte Wetter und die glatte Straße überraschen mich.

Ist nicht bald Weihnachten?

»Warum sollte dich das interessieren?«

»Na ja …«

»Jemand, der sogar seinen Geburtstag allein feiern muss, sollte doch eigentlich keinen Grund haben, sich auf Weihnachten zu freuen.«

»Ich dachte nur, das sei wichtig …«

»Weißt du, was wirklich wichtig ist?«

»Vielleicht du.«

»Nein.«

»Ich?«

»Vielleicht.«

»Aber wieso sollte ich wichtiger sein als du?«

»Keine Ahnung – ich rate doch auch nur.«

Komische Art zu raten. Es scheint mir nämlich System dahinter zu stecken. Das Gefühl habe ich immer, wenn Sitting Bull etwas sagt; ich kann mir nicht vorstellen, dass er Dinge einfach so sagt. Dazu, glaube ich, weiß er zu viel.

»Was kann ich schon wissen? Vergiss nicht, ich bin nur ein Sonderangebot aus dem Discounter, und von deinem Leben habe ich nicht die geringste Ahnung.«

»Das sagst du doch nur so.«

»Kann sein.«

neununddreißig

Leider fühle ich mich am nächsten Tag zu krank, um zu den Windmühlen zu gehen; abgesehen davon weiß ich nicht einmal, wo sie zu finden sind, geschweige denn, ob es sie überhaupt gibt.

Ein wenig genieße ich es, einen Grund dafür zu haben, den ganzen Tag auf der Couch liegen zu können. Auch die Fieberträume sind eine Abwechslung zu meinen in letzter Zeit stets traumlosen Nächten. Bisweilen habe ich das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen, als rutschte ich von der Couch in irgendeinen Abgrund. Meist bin ich wach, ohne es zu wissen. Oder: kann ich sagen, dass ich wach bin?

Es ist nicht wirklich schlimm, aber ich war in meinem Leben so selten krank, dass ich gar nicht mehr wusste, wie es ist, krank zu sein. Solange man gesund ist, kann man sich das ohnehin nicht vorstellen; ebenso, wie man sich als Kranker nicht vorstellen kann, wie es ist, gesund zu sein. Mir zumindest geht es immer so. Deshalb gewöhne ich mich an Krankheiten. Oftmals habe ich tagelang andauernde Schmerzen, etwa Kopf- oder Zahnschmerzen oder Schmerzen im Rücken oder in den Beinen, aber ich gewöhne mich schnell daran, nehme sie als gegeben hin – und dann vergesse ich sie meist. Wenn man aber den ganzen Tag auf der Couch liegen soll, dann kann man sich nicht ablenken, und in meinem Fieber kann ich nicht einmal einen Gedanken zu Ende denken. Was mir bleibt – und von Sitting Bull weiß ich auch nicht, wo er steckt –, ist der Fernseher.

Nur verursacht der noch mehr Kopfschmerzen, als ich ohnehin schon habe.

Letzte Nacht waren die Schmerzen so stark, dass ich aufgestanden und durchs Haus getorkelt bin, auf der Suche nach ich-weiß-nicht-was, bis ich mich dann wieder auf die Couch gelegt habe, und am nächsten Tag wusste ich gar nichts mehr davon und Frieder und Stempski mussten mir davon erzählen.

Ich übertreibe ganz gern, was das Ausmaß meiner Krankheiten und Schmerzen angeht, allerdings nicht anderen gegenüber. Die wissen meist nicht einmal, dass ich krank bin.

Es ist selten, dass ich etwas erlebe – und wenn ich dann schon mal so richtig krank bin, koste ich das auch so richtig aus. Das mag verrückt oder anderen Kranken gegenüber despektierlich erscheinen, aber so ist das nun mal. Das kann mir niemand ausreden.

Ich versuche dennoch, einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen. Wenn nun also die Windmühlen gar nicht da sind, ist hier für mich nichts mehr zu tun und zu erreichen. Wenn sie aber da sind und ich in dem Moment krank werde, da ich sie erwähne, dann soll ich sie vielleicht gar nicht erreichen. Wahrscheinlich ist es das.

Folglich: sobald ich wieder gesund bin, fahren wir.

Jetzt, da hier nichts mehr zu erwarten ist, geht es mir gleich besser. Auch die restlichen drei Tage, die es noch dauert, bis ich wieder fit bin, kommen mir nicht mehr so langweilig und trostlos vor. Ich freue mich bereits.

»Jetzt hast du es begriffen«, meint Sitting Bull am Tag unserer Abreise.

»Was?«

»Worum es hier geht.«

Ach ja? Und worum geht es?

»Man geht ständig von einem Platz zum anderen, und an dem einen passiert etwas, das einen weiterbringt – und an dem anderen eben nicht.«

Und dann?

»Dann muss man weitergehen.«

Eben.

achtunddreißig

Stempski und Frieder sitzen auf der Eckbank und machen da weiter, wo sie in der Kneipe aufgehört haben: Bier trinken.

Ich kann nicht sagen, weshalb ich ihre Gegenwart manchmal einfach nicht ertrage. Vielleicht, weil ich den Eindruck habe, sie würden ständig etwas von mir erwarten: dass sie etwas erleben oder ähnliches. Vielleicht rede ich mir das aber auch nur ein, weil ich zu wenig tue, weil ich selbst mehr von mir erwarte. Vielleicht kann ich nicht glauben, dass sie mir immer noch folgen und nichts anderes zu tun haben, als in meiner Nähe zu sein. Es ist ja nicht einmal so, dass ich sie brauche. Ob ich nun mit ihnen oder allein hier sitze, es macht im Grunde keinen Unterschied.

»Warum können wir nicht einfach leben?«, fragt Frieder.

Stempski schaut ihn an. »Was meinst du mit: einfach leben?«

»Na ja, warum machen wir es uns selbst schwer zu atmen … alles, was mit dem Leben zu tun hat, wieso machen wir es uns immer komplizierter … ich meine das wörtlich: warum können wir nicht einfach leben?«

»Keine Ahnung …«

Ich sage: »Damit wir uns einreden können, das Leben sei es wert, gelebt zu werden. Wäre das Leben einfach, es könnte uns alle einfach mal kreuzweise.«

»Ich fände ein einfaches Leben aber viel schöner.«

»Ich auch.«

»Wir können es uns aber nicht aussuchen. Deshalb haben wir Alkohol.«

»Weshalb?«

»Na ja: da haben wir tatsächlich die freie Auswahl.«

Wir lachen.

***

Jaja, das Leben ist kein Wunschkonzert. Später am Abend fangen wir trotzdem noch an zu singen. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass es sogar recht lustig war, sich nach so langer Zeit wieder mit Stempski und Frieder zu unterhalten. Wer die Möglichkeit hat, sich mit den beiden zu treffen – ich glaube, der sollte die Möglichkeit nutzen.

Es gibt hier übrigens doch einen Fernseher.

Zwar nur drei Programme, aber heute haben wir Glück, es läuft Fußball. Irgendwann ziehe ich mich zurück, aus dem Wohnzimmer höre ich Stempski und Frieder noch jubeln und fluchen. Inzwischen sind sie richtig betrunken.

»Müssen wir lange hierbleiben?«, frage ich Sitting Bull.

»Willst du morgen fahren?«

»Nein.«

»Na also.«

Ich traue mich nicht zu sagen, dass ich am liebsten ganz ganz weit weg fahren würde. Es ist hier zwar nicht ganz so schlimm wie in Mexiko, aber es passiert auch weniger, ich meine: ich habe einfach nicht das Gefühl weiterzukommen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dieser Ort irgendetwas mit mir oder meiner Vergangenheit zu tun haben soll.

Geschweige denn seine Windmühlen.

Die hatte ich schon wieder völlig vergessen. Vielleicht können sie mir ja weiterhelfen. Ich meine, weshalb sollte Sitting Bull mir diese Station als »Die Windmühlen von Altheim« angekündigt haben, wenn es gar nichts mit ihnen zu tun hat?

Manchmal bin ich wirklich zu dämlich.

siebenunddreißig

»Dir ist doch schon seit Tagen langweilig«, meint Sitting Bull ebenso missmutig. Auch er scheint mit dem Haus nicht zufrieden zu sein.

»Weil«, antworte ich, »ich auch seit Tagen nichts mehr gemacht habe.«

»Du bist hierher gefahren. Was willst du denn noch tun? Jetzt erzähl mir am Ende noch, dass du wieder einen Job haben möchtest.«

»Ich würde gern zurück zum Theater.«

»Das wollen alle. Alle behaupten, zurück zum Theater zu wollen. Dass es aber einen Grund dafür gab, weshalb sie überhaupt von dort weg sind, das vergessen sie dabei immer.«

Vielleicht, denke ich mir, weil es diesen Grund nie wirklich gab. Vielleicht mussten sie ihn sich einreden, um überhaupt etwas Abstand gewinnen zu können, um sich weiterzuentwickeln oder so, nur um dann zu sehen, dass es doch gut war dort, von wo sie weggegangen sind.

Sitting Bull lacht. »Was für untypische Gedanken. Es verwundert mich, so etwas gerade von dir zu hören.«

Wieso?

»Na, wenn es einen gibt, der immer nur davongeht und davonrennt und davonfährt, einen, der alles vergisst, was er in irgendeiner Form verlassen hat, dann bist du es doch.«

»Maria habe ich nie vergessen.«

»Weil du sie nie verlassen hast.«

»Und Nastassja habe ich auch nicht vergessen.«

»Weil du sie gar nicht kennst.«

»Und Stempski und Frieder?«

»Machst du Witze?«

»Und dich? Vor dir bin ich nie davongerannt.«

»Doch.«

»Ein Mal. Aber ich werde dich nie vergessen.«

»Doch.«

»Nein.«

»Doch. Das Perfide beim Vergessen ist, dass man auch vergisst, nicht vergessen zu wollen. Das ist der ganze Trick.«

»Und warum tun wir Menschen es überhaupt?«

»Was?«

»Das Vergessen.«

»Weil es euch Lust bereitet.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich auch nicht. Vielleicht ist es eine Art Selbstkasteiung – keine Ahnung.«

Ich glaube ihm kein Wort. Obwohl ich mir recht sicher bin, dass er die Wahrheit sagt. Aber man kommt nicht drum herum.

sechsunddreißig

Eine Türklingel gibt es nicht, aber Stempski öffnet ohnehin, bevor ich mir etwas überlegen kann, und wir treten ins Haus.

Zwei Geschosse hat es, das habe ich von außen schon gesehen, aber keine sichtbare Verbindung zwischen ihnen. Keine Treppe, nicht einmal eine Falltür mit Strickleiter. Vielleicht, denke ich mir, gibt es auf der Rückseite des Hauses eine Außentreppe oder einen Balkon, von dem eine Strickleiter herunterhängt. Wenn man in den Keller wolle, erklärt mir Stempski, müsse man nach draußen und von dort durch die Kellertür – die aber sei von innen verschlossen. Er habe daher Frieder weggeschickt, etwas Essbares einzukaufen, denn die Kühltruhe sei im Keller und somit unerreichbar. Ich wundere mich: Anscheinend haben sie mich wirklich erwartet.

Stempski hat Kaffee gemacht, nicht stark genug für meinen Geschmack, aber wenn man ihn schwarz trinkt, ist er okay. Ich will mich ohnehin gleich schlafen legen.

Stempski vertröstet mich auf die Couch im Wohnzimmer. Leider, sagt er, seien die Betten im ersten Obergeschoss und er wisse immer noch nicht, wie man dorthin komme.

Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen.

Stempski will noch ein bisschen raus, murmelt was von: einen trinken gehen. Es wird, denke ich mir, ohnehin noch eine Weile dauern, bis Frieder vom Einkaufen zurückkommt. Ich höre noch die Tür hinter Stempski ins Schloss fallen, dann schlafe ich auch schon.

***

Irgendwann wache ich wieder auf; im Haus ist alles ruhig, ich bemerke, dass ich in meinen Klamotten geschlafen habe. Ich trotte in die Küche, suche nach etwas Essbarem, denke mir, dass Frieder inzwischen schon zurückgekehrt sein musste, denn der Kühlschrank ist voll, ich nehme mir also etwas zu essen und ein Glas Milch.

Beim Essen bemerke ich, dass mir langweilig ist.