fünfunddreißig

Kapitel vier_Na, so langsam wird’s ja vielleicht doch was, zumindest habe ich inzwischen einigermaßen zu meinem Stil gefunden, wenn man das überhaupt so sagen kann. Bei allem, was noch zu erzählen ist, kann ich mir allerdings nicht vorstellen, dass es ewig so weitergehen kann – aber mal sehen. Zumindest kommen jetzt die Windmühlen von Altheim, oder so.

 

Schon von ganz weit weg kann man sie sehen. Ich weiß nicht einmal, was die Windmühlen von Altheim sind, ob jetzt reale oder ideelle Gebäude, ob sie hier überhaupt stehen und wie sie aussehen, was sie besagen, ob es richtige Windmühlen sind oder ganz kleine aus Ton oder Plastik, ob sie vielleicht eine Umschreibung für etwas oder einfach nur ein wohlklingender Ausdruck sind – ich weiß es nicht. Trotzdem stelle ich mir vor, dass sie genau so aussehen müssten und genau dort stehen müssten und genau von so weit weg bereits zu sehen sein müssten.

Natürlich: beweisen kann ich es nicht. Aber beschwören jederzeit.

»Das ist so«, sagt auch Sitting Bull.

»Und wenn es anders ist?«, frage ich, während ich immer noch versuche, in Altheim irgendeine Ortschaft zu erkennen.

»Wenn es anders ist, dann ist es eben anders. Weshalb sollte man Wert auf diese Spitzfindigkeiten legen?«

Vermutlich ist Altheim nur ein ideeller Ort. Ich kann es nicht erkennen, auch nicht beschreiben, und vor allem kann ich es nicht beziffern. Menschen scheinen trotzdem hier zu leben. Auch Stempski und Frieder warten hier auf uns, zumindest hatten sie mir das gesagt, als wir uns das letzte Mal gesehen hatten.

Autos gibt es hier mehr als Menschen. Allerdings halten die meisten nicht an, sondern fahren lediglich ganz ganz langsam durch die Ortschaft und verschwinden hinter der nächsten Biegung. Ich frage mich, wie sich überhaupt jemand hierher verirren kann. Ich meine: wohin ist man wohl unterwegs, wenn Ortschaften wie diese auf dem Weg dorthin liegen? Wohin fährt man, wenn man vom Irgendwo kommt und das Nirgendwo auf dem Weg liegt?

Ich weiß es nicht.

Und Sitting Bull scheint sich nicht dafür zu interessieren. »Eine ganz normale kleine Ortschaft. Ich verstehe nur nicht, weshalb du dir so viele Gedanken über sie machst. Überlass das den Leuten, die hier wohnen.«

Da hat er auch wieder recht. Aber: »Wir werden’s hier auch eine Zeit lang aushalten müssen.«

»Wir gehen einfach nicht aus dem Haus, dann wird’s schon nicht so schlimm werden; man darf sich nur nicht in irgendwas einmischen.«

Inzwischen sind wir vor dem Haus angekommen: es ist von außen eher grau als weiß, hat einen ebenerdigen Eingang zum Keller, den man für die Haustür halten könnte, würde nicht der Briefkasten fehlen; es hat Fenster, deren Fensterläden geschlossen sind, einen Kamin, der nicht benutzt wird, keine Satellitenschüssel auf dem Dach, dafür ein Vogelnest, vielleicht also Kabelanschluss oder gar keinen Fernseher. Der Gehweg vor dem Haus scheint frisch gekehrt, was mich verwundert, immerhin ist es Herbst und links und rechts vom Haus stehen Bäume. Einen Garten hat es allerdings nicht. Vielleicht nach hinten.

vierunddreißig

Geweckt werde ich pünktlich vom Lärm der Leute und der Autos und von der Musik, die aus der Hütte kommt. Drinnen ist es schön warm und es riecht nach Zigaretten und Bier und hier und da auch bereits nach Wodka oder Korn. Ich fühle mich zu Hause. Im Nebenzimmer verlange ich ein Bier – natürlich für umsonst.

»Wir kennen dich aber nicht«, sagt man mir.

»Ich euch auch nicht«, gebe ich zurück.

»Ach so.«

Selbstverständlich bekomme ich das Bier, ohne dafür zu bezahlen. Im ersten Stock wird schon gekifft. Ich bleibe unten. Aus irgendeinem Grund scheinen die Menschen es für schändlich zu halten, mich nicht zu kennen – die meisten tun so, als ob, finden Namen für mich; so könnte ich heißen, wenn sie mich kennen würden. Am Schluss streiten sie sich darum. Ich finde es hier zum Brüllen komisch.

Nastassja dagegen wirkt nicht allzu fröhlich. »Bestimmt«, sagt sie, »denkst du, ich sollte heute nicht hierherkommen.«

»Nein. Ich denke, du hättest heute nicht hierherkommen sollen.«

Kurz darauf ist sie verschwunden, und auch ich gehe, übernachte diesmal im Auto. Manche Menschen, denke ich mir, wissen gar nicht, wie gut sie sind. Die meisten überlegen sich eher, wie gut sie wären, wären sie jemand anders.

Das ist ein schöner Gedanke zum Einschlafen.

***

»Warum war Nastassja eigentlich auch da?«, frage ich Sitting Bull am nächsten Tag.

»Auf der Party?«

»Ja, oder in der Kirche – oder überhaupt in diesem Dorf.«

»Sie wohnt dort.«

»Das wusste ich gar nicht.«

»Nein. Woher auch.«

Wie klein die Welt doch ist, denke ich mir. Inzwischen habe ich mich schon wieder weit vom Dorf entfernt, ohne ihr Haus gesehen zu haben.

»Doch, hast du.«

Wirklich?

»Ja.«

Da wusste ich aber nicht, dass es ihr Haus ist.

»Na und? Ändert das etwas daran, dass es ihr Haus war?«

»Ja.«

»Ihr Menschen seid seltsam.«

»Woher willst du das wissen? Du kennst doch nur mich.«

Eine Antwort bleibt Sitting Bull mir schuldig, unsere Fahrt an diesem Tag bleibt schweigsam, endlich einmal wieder. Man hat Zeit, selbst zu denken, wenn man nicht reden muss, beziehungsweise: man kann endlich wieder denken, wenn man nicht reden muss. Ich glaube, ich widerspreche mir gerade.

Sogar mit mir selbst muss ich kommunizieren.

»Können wir uns nicht wieder eine Wohnung nehmen?«, fragt Sitting Bull.

Ich überlege. Es ist tatsächlich schon ein paar Tage her, dass ich nicht im Auto geschlafen habe, um am nächsten Tag weiterzufahren. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe auch ich dieses Leben plötzlich satt. Ich meine, wenn ich wirklich, wie Sitting Bull nicht müde wird zu betonen, erst am Anfang meiner Reise stehe, dann kann es sicherlich nicht schaden, mal für eine Woche auszuspannen.

»Ich habe kein Wort von Urlaub gesagt.«

Schade. Ich hatte mich bereits an den Gedanken gewöhnt. Aber, wenn ich mich recht erinnere: »Warten Stempski und Frieder nicht irgendwo auf uns?«

»Ja.«

»Dann sollten wir vielleicht dorthin fahren – was meinst du?«

»Ja.«

Na also. Die beiden habe ich ohnehin schon lange nicht mehr gesehen. Nicht dass ich sie allzu sehr vermissen würde, aber irgendwie scheint es mir meine Pflicht zu sein, sie nicht aus den Augen zu verlieren.

»Wenn wir zu Stempski und Frieder fahren wollen«, sage ich, »dann müssen wir aber umdrehen.«

»Ja.«

Wir drehen.

dreiunddreißig

Irgendwann reicht es mir, ich fahre wieder los und halte erst an, als ich an einer Kirche vorbeikomme. Ich steige aus.

»Willst du mitkommen?«, frage ich Sitting Bull.

»Was ist das?«

»Eine Kirche.«

»Ist das so etwas wie ein Kino?«

»Ja, aber ohne Plüsch auf den Sitzen.« Ich lache.

»Dann komme ich mit.«

Es ist grade kein Gottesdienst, daher ist die Kirche ganz leer. Trotzdem setze ich mich in die letzte Bankreihe, ohne genau zu wissen, was ich machen soll. Ich sehe mich um: die Fenster, die kleinen Statuen, linkes Kirchenschiff und rechtes Kirchenschiff und mittleres Kirchenschiff, Balustrade Wendeltreppe Altar Kanzel und so weiter. In dieser Kirche ist alles sehr kompakt, ich meine, man kann von meinem Platz aus alles sehen. Das ist wohl so, denke ich, damit die Messen hier nicht ganz so langweilig sind.

Auf einmal bemerke ich, dass der Pfarrer – ich weiß aus irgendeinem Grund sofort, dass es der Pfarrer ist – neben mir steht.

»Wie schön«, sagt er und faltet die Hände vor dem Bauch zusammen, »dass es auch noch junge Menschen gibt, die zum Beten in die Kirche kommen.«

»Ich bete aber gar nicht.«

»Nein?«

»Ich sitze nur hier.«

»Oh … und jetzt?«

»Jetzt sind Sie ja da. Jetzt muss ich nicht mehr warten.«

»Warten – worauf?«

»Auf Sie.«

»Auf … sind Sie etwa einer von denen, die wissen, dass ich …«

Ich nicke.

»Oh …« Er scheint es plötzlich sehr eilig zu haben. »Wenn das so ist, dann können Sie natürlich noch bleiben. Ich muss jetzt … ein paar Menschen die Beichte abnehmen.«

»Vergessen Sie sich selbst nicht, Väterchen.«

»Nein … nein, natürlich nicht.«

Mit diesen Worten schleicht er sich davon. Sitting Bull meint: »Das ist ja sogar noch besser als Kino.«

Ich lache. Am Eingang stehen ein paar Leute, haben bereits eine Schlange zum Beichtstuhl gebildet. Es scheint ihnen unangenehm, dass ich sie mir so genau betrachte. Ich versuche an ihrem Aussehen abzulesen, was sie wohl beichten werden. Das, was sie beichten müssten, würden sie es ernst damit meinen, verschweigen sie wohl, vor dem Pfarrer wie auch vor sich selbst. Und der Pfarrer? Er wird sich in seiner Rolle heute komisch vorkommen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Als wäre er nun völlig befreit, höre ich ihn aus dem Beichtstuhl heraus lachen. Wie nichtig ihm jetzt alles erscheinen mag.

***

Irgendwann gehe ich wieder nach draußen. Vor der Tür steht Nastassja.

»Du willst beichten?«, frage ich.

»Ja.«

»Und was?«

»Dich.«

»Ich bin frei von Schuld.«

»Mag sein. Aber ich bin nicht frei von dir.«

»Und die Welt noch nicht frei von uns allen – so ist nun mal das Leben. Der Pfarrer ist heute ohnehin nicht in der Lage, jemandem die Beichte abzunehmen.«

»Nein?«

»Nein. Er glaubt sich gerade selbst frei von Schuld.«

»Muss er das nicht sein?«

»Er war es noch nie.«

»Ich will trotzdem hin.«

»Meinen Segen hast du.«

Ich steige die Stufen der Kirchentreppe hinab und ins Auto. Über Nastassjas Worte denke ich nicht weiter nach. Weshalb sollte das auch wichtig sein. Vielleicht geht es ihr danach ja sogar besser. Ich bezweifle es.

In zwei Stunden, lese ich auf dem Plakat, das an ein Scheunentor geleimt ist, soll an einer Waldhütte in der Nähe eine Party steigen. So lange, denke ich mir, kann ich warten. Ich fahre zur Hütte, stelle das Auto ab und schlafe ein.

zweiunddreißig

Wir fahren also unter bayerisch-blauem Himmel ohne bayerisch-weiße Wölkchen weiter, und ab und zu sehe ich sogar aus der Ferne eine Ortschaft, meist durch Bäume hindurchschimmernd, still in einem kleinen Tal verborgen. Ich traue mich aber nicht, dort hinzufahren. Wer weiß schon, was da für Menschen wohnen. Womöglich essen die sich noch gegenseitig, zumindest aber die Bewohner der anderen Ortschaften. Kein Wunder, dass die Regierung das verschweigt. Hier gelten die Gesetze der Natur – und die sind rau und gnadenlos.

Ich lache.

Es macht Spaß, sich solche Geschichten über Menschen auszudenken, die nicht wissen können, dass man sich solche Geschichten über sie ausdenkt. Wenn man sich ganz ganz viel Mühe gibt, glaubt man letzten Endes sogar den Unsinn, den man da verzapft, oder es kommt ein Stück weit der Wahrheit nahe. Dann aber wird es zum reinen Selbstzweck.

Es muss irgendetwas geben, das ich noch nicht gemacht habe.

»Du hast vieles noch nicht gemacht.«

»Ich meine, etwas, das mich weiterbringt.«

»Weiter?«

Weiter dorthin, wo ich hinkommen soll.

»Du fährst doch schon, oder?«

Ist es wirklich so einfach?

»Ja.«

***

An der nächsten Abzweigung fahre ich nach rechts, einen Schotterweg entlang, einen Waldweg entlang, einmal muss ich aussteigen, um eine Schranke zu öffnen, dann fahre ich weiter. Entgegen meiner Erwartungen komme ich irgendwann tatsächlich in ein kleines Dorf.

Einmal durchquere ich es, dann stelle ich das Auto am Sportplatz etwas oberhalb des Dorfes ab und schaue in den Tag hinein. Manchmal sehe ich auch Menschen. Sie sind meist alt oder allein oder zu ganz ganz vielen – oder alles drei. Es sind auch jüngere Menschen dabei, aber die gehen schneller als die alten oder sie gehen nicht ganz so weit, von der Strecke her, meine ich.

einunddreißig

Der Tag ist leicht und der Himmel blau. Natürlich macht auch mich das glücklich, keiner soll sagen, ich würde solche Gefühle nicht kennen. Ein Satz, den ich vor kurzem einmal gelesen habe, in einem grauenhaften Buch, geht mir nicht mehr aus dem Kopf: »Der Himmel macht Werbung für bayerisch-blau.«

Eine entsetzliche Vorstellung: bayerisch-blau. Wer könnte da an einen wolkenlos schönen Himmel denken? Mir kommen sofort hässliche dicke betrunkene Männer in den Sinn. Und wieso überhaupt Werbung? Es wäre noch okay gewesen, hätte dort gestanden, der Himmel sehe aus wie bayerisch-blau. Selbst das ist hart an der Grenze. Aber Werbung? – Lustigerweise handelte das Buch vom Weg aus der Alkoholabhängigkeit. Wahrscheinlich verleiht dem das bayerisch-blau noch ein wenig Lokalkolorit.

Aus einem Zugfenster blickend könnte man jetzt die Landschaft bewundern. Es ist seltsam, dass Blätter im Herbst lebendiger aussehen als im Sommer, das macht eine Aussage über das Leben.

»Als ob du den Herbst deines Lebens schon erreicht hättest.«

Habe ich. Und ich habe schon mehr Winter erlebt und Frühlinge und Sömmer und Herbste, als du dir vorstellen kannst.

»Den Sommer gibt es nicht im Plural.«

Das kommt daher, dass jeder Mensch behauptet, in seinem bisherigen Leben habe es nur einen einzigen echten Sommer gegeben. Und bei jedem ist es ein anderer. Das ist die Vielfalt in der Einzigartigkeit, und umgekehrt.

»Vielfalt in der Einzigartigkeit?« Sitting Bull scheint mir nicht recht zu glauben. Es hat ja auch niemand behauptet, er habe einen Ahnung vom Menschsein.

Ich sage: »Chaotische Unwiederholbarkeit. Man schottet sich ab von der Logik, um einzigartig zu sein, glaub mir. Die ganze Menschheitsscheiße läuft nur auf chaotische Unwiederholbarkeit hinaus.«

»Aber: was ist Einzigartigkeit?«

»Das … ach, vergiss es.« Einer Dose den Unterschied zwischen indifferent und different zu erklären, ist nur insofern schwierig, als dass er sich wahrscheinlich selbst umbringen müsste, würde er en Unterschied kennen. ›Der Unterschied zwischen indifferent und different‹ ist übrigens auch ein hübsches Wortspiel. Man soll nicht glauben, ich würde mir nicht jedes meiner Worte genau überlegen.

dreißig

Sitting Bull meint, ich sei zu betrunken, um heute noch weiterzufahren. Ich beschließe, im Auto zu übernachten.

Gerade als ich mich auf die Rückbank lege, klopft es an der Scheibe. Es ist die Frau von vorhin.

Sie habe mich in der Kneipe gesehen.

»Ich saß die ganze Zeit im hintersten Winkel. Sie können mich gar nicht gesehen haben.«

Sie habe mich trotzdem gesehen. Ob ich denn allen Ernstes im Auto übernachten wolle.

Also gehen wir zu ihr nach Hause.

»Tun Sie das öfter?«

Sie kenne die Menschen. Wenn einer harmlos sei, dann sehe sie ihm das an. Das letzte Mal habe ein Mann sie nach ihrem Rendezvous auch zu ihrer Wohnung begleitet, man habe dort noch ein bisschen Musik gehört, auch getanzt, aber als sie ihm gesagt habe, er solle gehen, da sei er ohne Widerspruch gegangen. Das habe sie beeindruckt, sagt sie.

Sie gibt mir eine Decke und ein Kissen, und ich mache es mir auf dem Boden gemütlich.

***

Am nächsten Morgen räume ich noch die Decke und das Kissen auf, bevor ich gehe.

Sitting Bull sitzt noch im Auto, er hat anscheinend gar nicht bemerkt, dass ich in der letzten Nacht nicht da war, zumindest spricht er mich nicht darauf an. Allerdings glaube ich ihm immer noch nicht, dass er tatsächlich schlafen kann.

Es würde einfach nicht zu ihm passen. Sitting Bull ist einer von denen, die man sich nicht abwesend vorstellen kann – oder nicht ansprechbar.

»Du hast zu viel Vertrauen.«

In mich? Oder in die Menschen? In die Welt? – Glaub mir, wenn ich mir eins abgewöhnt habe, dann Vertrauen.

»Du denkst anders.«

»Anders?«

»Anders als du redest.«

Wenn ich etwas rede, muss ich es vorher denken, sonst wüsste ich gar nicht, was ich rede. Ich kann also gar nicht anders, als zu denken, was ich rede und zu reden, was ich denke.

»Das ist dein Fehler.«

»Was?«

»Du tust so, als gäbe es ein Vorher und ein Nachher.«

»Es gibt ein Vorher und ein Nachher.« Es muss ein Vorher und ein Nachher geben. Was wäre ich denn sonst.

»Und was glaubst du«, meint Sitting Bull, »weshalb du Maria treffen musst?«

neunundzwanzig

Ob ich aus dieser Gegend sei, fragt der Barkeeper.

Ich verneine.

Die Frau neben mir ist so etwas wie die Alleinunterhalterin hier. Schon seit Stunden hält sie die anderen Gäste mit Erzählungen aus ihrer Jugend bei Laune. Es kommt mir unglaublich vor, dass sie einmal jugendlich war, aber wahrscheinlich bin ich da ungerecht. Wobei ich dazusagen muss, dass ich selbst nie jung war. Man könnte sagen, ich sah im Leben immer schon alt aus. Das wiederum sage ich nur, weil ich es bin, ansonsten müsste ich mir dafür eine reinschlagen.

Auch jetzt, sagt sie, gehe es in ihrem Liebesleben immer noch drunter und drüber. Ihrem letzten Typen habe sie diese Woche erklären müssen, dass es vorbei sei – es sei schön gewesen, mehr auch nicht. Sie habe auch gar nicht mehr die Zeit für solche Sachen.

Sie habe ja sogar – und an dieser Stelle sieht sie den Barkeeper an, sucht nach Bestätigung – sie habe ja sogar fast keine Zeit mehr, abends noch hierherzukommen. Höchstens noch ein, zweimal die Woche, und am Wochenende käme sie auch nicht mehr, da säßen immer ein paar Typen hier, die sie nicht sehen wolle.

Was sie sagt, verwundert mich. Wer so viele Menschen liebt, denke ich mir, macht sich anscheinend viele Feinde. Das Verwunderliche dabei ist, dass es sich meist um ein und dieselben Personen handelt. Liebst du mich, dann hass ich dich, aber ich sag’s dir nicht.

Sie erzählt weiter, dabei wollte sie doch gerade gehen, war schon aufgestanden – jetzt bestellt sie noch eine Weißweinschorle. Sie erzählt nun davon, wie viel Geld sie früher ausgegeben habe. Einfach so. Einfach so ein Auto gekauft oder eine neue Couch, ohne mit der Wimper zu zucken; sie habe sich darum überhaupt keine Gedanken gemacht. Es sei nicht gut, sagt sie einmal, wenn junge Menschen so viel Geld verdienten. Fast klingt sie traurig bei diesem Satz.

Sie kriegt die Kurve. Gleich danach erzählt sie, wie sie vor kurzem ausgegangen sei. Ganz in der Nähe. Sauerkraut habe sie gegessen und Weißwein getrunken. Es gäbe ja wirklich guten Weißwein, der müsse nicht einmal teuer sein, aber das Zeug, das sie da getrunken habe – nein, so etwas Ungenießbares sei ihr noch nie vorgesetzt worden. Auf der Rückfahrt habe ihr Freund anhalten müssen, sie habe dann ins Gebüsch gekotzt.

Alle lachen.

Ich staune und nippe an meinem Bier. Ob alles wahr ist, was sie erzählt, kann ich nicht nachprüfen, aber ich glaube ihr gerne. Ihre Geschichten sind zwar nicht wirklich gut, aber gut genug, um wirklich zu sein. Sie stehen felsenfest da, unangreifbar, genau wie sie selbst.

achtundzwanzig

Aus dem Radio kommt Musik, Sitting Bull hat mir erlaubt, es einzuschalten – auch er kann sich nicht mehr an seine Verschwörungstheorien erinnern. Heute regnet es nicht, aber alles ist noch nass von gestern. Gestern hat es den ganzen Tag geregnet, und die Herbstblätter stürzten sich als verzerrte Puppen von den Bäumen, durchschnitten vom Regen im Halbdunkel unter einem Dach aus Wolken.

Ich rede viel. Auch Sitting Bull ist überrascht, wie gesprächig ich bin. Häufig erzähle ich von meinen Reisen, seltener von den Menschen, denen ich dabei begegnet bin. An die meisten von ihnen erinnere ich mich auch gar nicht mehr. Ob man in Deutschland oder in Griechenland einem Busfahrer die Fahrkarte zeigt – es ist alles so schrecklich austauschbar. Letztlich bleibt alles gleich.

»Das kommt daher, dass du nie gelernt hast hinzusehen.«

Mag sein. Aber wieso sollte mich dieser Verlust nun schmerzen? Wer sein Leben lang nicht hinsah, der verspürt schnell keinen Drang mehr danach, hinsehen zu können – meist denkt er, er kenne alles schon. Ob Teich oder Meer – beides ist gleich nass. Der Unterschied liegt in der Distanz, die man darauf zurücklegen kann. Auf dem Meer kann man seinen Ausgangspunkt weiter zurücklassen als auf einem Teich.

Mein Rücken schmerzt. Seit Tagen habe ich mich mit niemandem mehr beim Autofahren abwechseln können. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, den Polizisten wieder mitzunehmen. Ich verwerfe diesen Gedanken sofort.

Schon seit Stunden fahren wir durch ein und dieselbe Stadt. Zumindest haben wir inzwischen die Innenstadt verlassen und sind in einem Vorort angekommen. Als ich in einem Hinterhof ein altes Kino entdecke, halte ich an.

Wir sind die Einzigen im Kino. Nicht einmal an der Kasse sitzt jemand, und einen Filmvorführer scheint es auch nicht zu geben. Dafür echtes Plüsch auf den Sitzen.

»Wo findet man so etwas noch?«, frage ich Sitting Bull.

»Nirgends …« Auch er ist völlig begeistert.

Ich suche mir eine Filmrolle heraus und schaue, ob ich den Film zum Laufen kriege. Nach ein paar Versuchen klappt es. Ich bleibe hier oben, Sitting Bull sitzt im Zuschauerraum. Es freut mich, ihm endlich einmal eine Freude bereiten zu können.

siebenundzwanzig

Immer sind es die kältesten Nächte, denen eine lange Dämmerung vorausgeht. Ich meine, nicht unbedingt, was die Temperaturen betrifft. Bisweilen finde ich mich selbst unheimlich kalt. Vor allem benutze ich in letzter Zeit häufiger Worte, die mit ›un‹ beginnen. Wenn man einmal im Kreis läuft, kommt man irgendwann überall dort wieder vorbei, wo man schon einmal war. Es ist traurig. Es schließt alles ein – als könnte ich nichts Neues erleben, weil alles schon mal da war, und als könnte ich mich nicht verändern, weil ich alles schon mal war. An was soll man sich in dieser Situation schon halten, wenn nicht an Erinnerungen? Wenn ich nichts Neues werden kann, dann will ich doch wenigstens das Alte kennen.

***

Am Ende bleibt eins: Was vor mir war, ist das, was ich nicht bin – und was ich nicht bin, das ist Maria. Vielleicht kann ich es deshalb nicht glauben, dass mir Nastassja bekannt vorkommt. Ich glaube mich an sie zu erinnern, aber genau das kann doch nicht sein. Ob sie weiß, wer ich bin?

Sitting Bull sagt: »Du wirst doch nicht etwa beginnen zu begreifen?«

Vielleicht.

»Nein. Du bist noch nicht so weit. Aber …«

Aber?

»Alles, was du jetzt denkst, wirst du noch einmal denken müssen. Und alles, was du bis jetzt warst, was dir die Berechtigung gibt für das, was du bist, all das wirst du noch einmal sein müssen.«

Und?

»Du wirst es dann möglicherweise anders bewerten.«

Anders bewerten?! Ist das alles? Und die Explosionen und die Monster und die Verfolgungsjagden? Bin ich das nicht auch? Ist es denn nicht so? Kannst du denn überhaupt eine Aussage machen, kannst du mich bewerten – guck nicht so, genau das tust du – und weißt du überhaupt, was ich bin? Was ich bin, ich meine, verstehst du, was ich dich frage: weißt du, was ich bin?

»Du wirst es anders bewerten. Das ist alles.«

»Kein Himmel und keine Hölle? Kein ›Du hast meinen besten Freund getötet, sprich dein letztes Gebet‹? Kein Bereuen oder Handauflegen und kein ›Alles wird gut, mein Sohn, alles, alles wird gut‹?«

»…«

Was bliebe hier noch zu sagen. Vielleicht wird durchs Aussprechen alles nur noch schlimmer. Es gibt viele Dinge, die nicht passiert wären, hätte man sie nicht gesagt. Oder umgekehrt – ich weiß es nicht mehr so genau.