zweiundzwanzig

Frieder und Stempski sind auch hier.

Sie scheinen wirklich nichts anderes zu tun zu haben, auch wenn ich nicht sagen kann, ob sie einer Arbeit nachgehen, wenn sie morgens das Haus verlassen und abends wiederkommen. Irgendwie kann ich das nicht glauben.

Vielleicht wissen sie einfach nicht, was sie den Tag über mit ihrer Zeit anfangen sollen, oder besser: sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Andere Menschen haben Kinder oder Verwandte oder Feinde, um über diesen Mangel hinwegzuhelfen. Dass sie unglücklich sind, bemerken sie dabei nur selten.

Stempski und Frieder sind nicht unglücklich. Stempski deshalb nicht, weil er gar nicht weiß, was es bedeutet, glücklich zu sein, und Frieder nicht, weil er nicht weiß, was es bedeutet, unglücklich zu sein. Sie passen zueinander. Wenn man Frieders und Stempskis Gesichter im Profil sieht, die beiden Nasen und Münder, die bilden eine Linie. Dabei ist weder Frieder noch Stempski schön. Nicht nur in der Hinsicht nicht, in der ich eine Frau als schön bezeichnen würde, sondern rein von der Machart her. Stempski sieht gar nicht aus wie gemacht, sondern wie gewachsen. Deshalb fehlt ih der Hauch des Göttlichen, er ist wie eine Pflanze oder ein Tier, im besten Sinne: natürlich. Und Frieder? Frieder ist wie eine Ansammlung von Farben, die ständig aus meinem Gesichtsfeld verschwindet, wieder auftaucht, wieder verschwindet. Er stimmt einfach nicht. In seinen besten Momenten fließt er auseinander, in seinen schlechtesten scheint er bereits geschmolzen. Die Tatsache aber, dass er nicht wirklich in diese Welt passt – und das scheint mir der Beweis für eine gewisse Schönheit, die er besitzt –, lässt einen nicht an ihm, sondern an der Welt zweifeln.

Ein Gegenbeweis ist er, seine ganze Person sagt einem: »Es geht auch so.«

Er ist wie Maria.

Maria war nicht wirklich mein Leben. Einmal standen wir in einem leeren Raum und haben uns überlegt, wie wir ihn einrichten würden. Damals standen wir uns sehr nahe. In diesem Raum, meine ich. Aber meine Geschichten gefielen ihr nicht. Mit ihr fing es an, dass ich mich in der Rolle des Erzählers unwohl fühlte. Als ich ihr erzählte, Babies, mit denen niemand redete, würden sterben, meinte sie nur, das sei nicht wahr. Ich antwortete, natürlich nicht, aber es sei doch eine schöne Geschichte. Maria hatte ein äußerst seltsames Verhältnis zur Wahrheit, aber sie liebte sie.

Manchmal habe ich mir gedacht, ich sei schon immer gewesen. Bevor ich Maria kennenlernte, konnte ich mir die Welt nicht ohne mich vorstellen. Jetzt weiß ich: die Welt ohne mich wäre Maria. Seitdem schläft alles in Erinnerungen von mir, und die Luft fühlt sich tatsächlich an wie Luft, wie meine Luft, wenn ich sie atme.

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