einundzwanzig

Und ich muss lügen, sonst könnte ich keine Vergangenheit haben und keine Geschichten erfinden. Es gibt noch einen Grund, nicht die Wahrheit zu sagen: Wenn man lange genug an die Lüge glaubt, wird sie besser und lebendiger als die Wahrheit. Glücklicherweise sind die Menschen verdammt froh, wenn man ihnen eine harmlose Lüge erzählt.

»Du weißt, dass du mich nie belügen kannst«, sagt Sitting Bull.

Das glaubst du.

»Ja.«

»Schon gelogen.«

»Was?«

Ich weiß nicht, weshalb ich überhaupt noch mit Sitting Bull rede. Bislang hat es zu nichts Gutem geführt. Doch, einmal vielleicht:

Die anderen Autos waren schon längst ganz weit hinter uns in der Dunkelheit verschwunden, und auf dem Rücksitz lag der Koffer mit dem Geld. Wir fuhren immer weiter und weiter, bis wir schon glaubten, die Erde umrundet zu haben und uns wieder unserem Ausgangspunkt zu nähern – so weit und so lange fuhren wir. Sitting Bull schwieg. Es war mir auch lieber so, eine schöne stille Nacht war es. Irgendwann kamen wir an eine Tankstelle, genau in der Mitte zwischen zwei Städten. Sitting Bull und ich gingen hinein, ohne zuvor getankt zu haben. Vorbei an den Regalen und der großen Glasscheibe, in der man sein Spiegelbild sehen konnte, weil es draußen bereits dunkel war. An einem kleinen Tisch standen Nastassja und Dimitri, und auf dem kleinen Tisch standen zwei Dosen billiges deutsches Bier. Eine weitere brachte ich mit. Dimitri wollte Nastassja küssen. – Ich gebe es zu: auch hier konnte mir Sitting Bull nicht helfen.

***

Die Menschen in dieser Stadt bewegen sich alle sehr langsam, wenn sie durch die Straßen gehen. Auch, wenn sie einkaufen oder an der Theke beim Metzger stehen, fällt mir diese unglaubliche Langsamkeit auf. Die wenigsten von ihnen haben ein Auto.

Allerdings, das muss ich sagen, sind die Busverbindungen hier außerordentlich gut, wie generell der öffentliche Nahverkehr hier im Umkreis. Man wird selten kontrolliert, und die einzelnen Verkehrsmittel, ob Bus oder Straßenbahn, sind neu und sauber. Und die Haltestellen sind videoüberwacht. Selten wird man angepöbelt.

Trotzdem laufe ich lieber. Ich weiß nicht, wie oft ich mich hier schon verirrt habe, aber es könnte andererseits ebenso leicht passieren, dass man in den falschen Bus steigt – und dann muss man umso weiter wieder zurücklaufen. Ich habe noch nicht versucht, die Nummern der Busse zu entschlüsseln. Bei den Straßenbahnen gibt es verschiedenfarbige Schilder, vielleicht für die Analphabeten.

Wie gesagt: besonders auffällig scheint mir die Langsamkeit der Menschen.

Sitting Bull interessieren sie mehr als mich. Wenn wir in einem Supermarkt stehen, beschäftigt mich das, was jemand einkauft, mehr als derjenige selbst. Sitting Bull hat ein unglaubliches Gespür für Gesichter. Er weiß, wo Gesichter sind, wo man sie finden kann. Das, sagt er, sei der einzige Trick bei einem Menschen. Ich habe ihm einmal gesagt, wenn er Hände hätte, würde er wahrscheinlich Maler werden. Sitting Bull hat sofort verneint. Ich glaube, es wäre ihm gar nicht möglich, in einem echten Körper zu leben. Er würde verzweifeln an der Möglichkeit zu handeln. Schon jetzt ist ihm dieses Wort fremd, beziehungsweise er kennt es nur in Bezug auf Andere. Dass diese ihre Handlungen willentlich ausführen – das glaubt er mir nicht.

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