zwanzig

Es ist eben eine Herausforderung. Welche andere Aufgabe sollte ich im Leben haben als die, nicht aufzugeben? So lange zu leben, bis ich sterbe. Nur: woran man erkennt, dass ich am Leben bin, das kann ich nicht sagen. Natürlich atme ich; es wäre töricht, das nicht zu tun. Aber vielleicht tue ich es auch nur aus Gewohnheit, wer weiß. Ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand mit dem Atmen aufhören würde, selbst wenn man es nicht mehr bräuchte. Das würde Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauern, bis wir das abgeschafft hätten. Unter Wasser wäre es sicher nützlich. Oder im Weltall.

Alles könnte man neu besiedeln und erforschen.

Es nützt nichts. Noch müssen wir atmen – beziehungsweise: ich muss Dinge tun, die zeigen, die beweisen, dass ich lebe.

»Du selbst bist doch der Beweis dafür, dass du lebst. Wärst du nicht …«

Ich spreche von Protokollierbarem. Als säßen oben im Himmel ganz ganz viele Engel, und jeder von ihnen ist für einen von uns Menschen zuständig; und dann haben sie einen riesigen Notizblock und notieren darauf alles, was der jeweilige Mensch am jeweiligen Tag macht. Was, glaubst du, würde Gott von mir denken, wenn auf meinem Zettel gar nichts stünde?

»Das ist Blasphemie.«

»Will ich doch hoffen.«

***

Ich träume auch gar nichts mehr momentan. Es ist, als hätte ich es mir selbst verboten, weil Träume zu verbieten sind. Es ist auch nicht so, dass ich nachts träume und mich am nächsten Tag nicht mehr an meinen Traum erinnere – vielmehr schließe ich mit dem Akt des Aufwachens einfach die Möglichkeit aus, etwas geträumt haben zu können, wie in dem Moment, wenn man gefragt wird, was man gerade denke, und man antwortet: »Nichts«, weil man in dieser Situation gar keine Vorstellung mehr davon hat, was Denken überhaupt ist.

Natürlich lügt man.

Ich lüge ständig und mit jeder Faser meines Körpers. Nicht deshalb, um anderen Leuten zu schaden, vielmehr, weil mir die Wahrheit immer zu langweilig ist.

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