sechsundzwanzig

»Weißt du«, fragt Sitting Bull, »was mich am meisten an dir beeindruckt hat, heute in der Bank?«

Nein, weiß ich nicht.

»Dass du kein Geld verlangt hast.«

»Wozu auch? Ich bin reich, ich habe schon genug Geld.«

»Wirklich? Willst du mir nicht erzählen, wie es dazu kam?«

Wo ich geboren bin, gab es einen großen See, etwas außerhalb der Ortschaft, dort sind die Leute immer zum Fischen hingegangen. Keiner hat sich Gedanken gemacht um den See, er war eben zum Fischen und zum Angeln da und im Winter, wenn es ganz ganz kalt wurde, dann war der See auch zum Schlittschuhlaufen da. Irgendwann aber regnete es fünf Jahre lang nicht, und dann, im fünften Sommer, ich war vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, da war der See ausgetrocknet. Und auf einmal sahen die Leute, dass der ganze Grund mit Geldstücken übersät war, lauter Vierteldollar und Cents. Keiner konnte es erklären. Einige sagten, es sei noch aus dem Krieg, als amerikanische Soldaten in einem bizarren Ritual ihre Münzen in den See geworfen hätten; das hätte ihnen Glück bringen sollen. Keiner glaubte die Geschichte und keiner sammelte die Münzen ein, weil die Leute zu dieser Zeit die Amerikaner nicht leiden mochten und noch sehr stolz auf ihre eigene Währung waren. Außerdem wusste niemand, wie viel ein Dollar überhaupt wert war.

Also habe ich das Geld eingesammelt. Und im nächsten Jahr kam die Inflation.

»Das ist die seltsamste Geschichte, wie jemand reich wurde, die ich je gehört habe.«

Nicht wahr? Das sagen mir alle, denen ich sie erzähle.

»Hat sie dir schon mal jemand geglaubt?«

Natürlich.

»Und?«

Ich weiß nicht. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Du weißt: an meine Kindheit kann ich mich nicht hundertprozentig erinnern.

»Aber so etwas vergisst man doch nicht.«

Eben.

»Und jetzt? Was hast du dir schon gekauft von deinem Vermögen?«

»Nichts.«

»Nichts?«

»Ich kam noch nicht dazu.«

»Und was würdest du dir kaufen, wenn du die Zeit dafür hättest? Ich meine, was machst du, wenn wir hiermit fertig sind?«

Werden wir das jemals sein?

»Sicher.«

»Sicher?«

»Sicher.«

»Ich meine: bist du dir sicher?«

»Nein.«

Manche Antworten sind so unglaublich vorhersehbar – und trotzdem schmerzen sie. Vielleicht sind es auch die vorhersehbaren, die am schmerzhaftesten sind. Als ob man die Kugel noch sieht, bevor sie einen erwischt.

fünfundzwanzig

Die Bank, die wir uns aussuchen, ist ein kleines Gebäude, etwas versteckt hinter Bäumen und einem Parkplatz mit angrenzender Wiese. Wie ich erwartet hatte, sind die Angestellten mit der Situation völlig überfordert. »Sie wollen also kein Geld?«

»Richtig.«

»Aber Sie überfallen uns und bedrohen uns mit einer Pistole?«

»Richtig.«

»Und, wenn Sie mir das mal erklären könnten: was genau wollt ihr beiden Witzfiguren dann?«

»Keine Ahnung.«

»Keine Ahnung?«

»Richtig.«

»Ja, wer sollte es denn wissen, wenn nicht Sie?«

»Keine Ahnung. Sie vielleicht?«

»Wollen Sie mich etwa verarschen?!«

»Ich glaube, es wäre besser, wenn ich jetzt ginge, oder?«

»Allerdings. Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.«

»Beehren Sie uns bald wieder.«

Ich fahre vom Parkplatz, bevor der Polizist aus der Bank kommt. Irgendwie habe ich keine Lust mehr auf seine Gesellschaft, und außerdem male ich mir bereits aus, wie er seinen Kollegen die heutigen Ereignisse erklärt – oder besser gesagt: zu erklären versucht.

Sitting Bull ist voll des Lobes über mich. »Na, endlich hast du es mal geschafft.«

»Was geschafft?«

»Etwas Sinnvolles zu tun, ohne dass ich es dir vorher sagen musste.«

Fandest du das eben sinnvoll?

»Warum nicht?«

Ich wundere mich nur.

»Du hast gespielt, oder?«

»Wen? Mich?«

»Nein. Aber es war doch lustig, oder? Du hattest mehr Wahrheiten und Lügen parat als damals in Mexiko.«

Jetzt sagt er schon: damals. Dabei kommt es mir gar nicht so vor, als wäre es schon so lange her.

Er meint: »Das passiert immer, wenn man etwas zu einer Erinnerung macht, es in den Status einer Erinnerung hebt. Es lebt dann quasi davon, dass man glaubt, es sei erst gestern geschehen. Es ist ein Paradoxon: Die Leute sagen beispielsweise, die Zukunft sei etwas Unkontrollierbares, etwas, das außerhalb ihres Zugriffs und ihrer Person liege, aber die Vergangenheit bezeichnen sie als ihnen eigen, sie verleiben sie sich ein. Wer gibt ihnen das Recht dazu, frage ich dich.«

Das ist wie mit dem Glück: Wenn man es nicht hat, dann sagt man, man habe keinen Einfluss darauf, und hat man es, dann rechnet man es sich als Verdienst an.

vierundzwanzig

»Eine sprechende Dose im Getränkehalter ist doch etwas verwunderlich, finden Sie nicht auch?«

»Man gewöhnt sich daran.«

»Ich habe eigentlich Sie gefragt.«

»Wen?«

»Na, Sie.«

»Ach so. Und wer sind Sie?«

»Er ist der, der eben gesprochen hat.«

»Ich?«

»Nein.«

»Oder etwa du?«

»Ich … äh, ich weiß es nicht genau.«

Solche Gespräche sind es, die mich erstens bei Laune halten und zweitens endlich wieder voranbringen. Mithilfe des Polizisten wäre es auch leichter, über die Grenze zu kommen. Außerdem hat er eine Pistole, und damit geht alles schneller und vor allem: seinen gewohnten Gang, ich meine, es geht alles so weiter, wie es angefangen hat. Wem das eigene Blut dabei hilft, seinen Weg in die Welt zu finden, der sollte auch weiterhin der Spur des Blutes folgen. Ob nun das eigene oder fremdes – das hängt doch alles zusammen. Der Polizist ist für meine Pläne auch sofort Feuer und Flamme. »Wir müssen ja nicht einmal Geld verlangen. Geld ist ohnehin nur hinderlich im weiteren Verlauf.«

Genau meine Meinung. »Es geht ja nur um den Spaß. Und man kann auch nie wissen, was das für Geld ist, das einem in der Bank angedreht wird.«

»Glauben Sie mir, ich könnte Ihnen da Geschichten erzählen … Farbpatronen, die das Geld unbrauchbar machen und solche Scherze.«

»Ich freue mich auf die Gesichter der Leute, wenn ein Polizist eine Bank überfällt; noch dazu, ohne Geld zu verlangen.«

»Ja-haha, das wird lustig.«

dreiundzwanzig

Es ist nur immer schwierig, die passenden Erinnerungen zu finden.

»Vor allem ist es unnötig.«

Vielleicht.

»Wenn Erinnerungen wahr wären, müsste es dich mehrmals geben.«

Vielleicht.

»Und wenn du so handelst wie in Erinnerungen, dann verdammst du dich lediglich selbst zur Unmöglichkeit.«

Vielleicht. Wollen wir ein bisschen laufen?

»Ja.«

Sitting Bull und ich tun so, als seien wir schön, während ich mit ihm durch die Gassen laufe. Die Lichter der Straßenlaternen sind auch nicht hell genug, um uns als Schwindler zu entlarven. Keine noch so leere Kneipe und kein noch so volles Café schrecken uns ab, hineinzugehen, und wenn man uns in der Kneipe von Katastrophen und im Café von der Rettung der Welt erzählt, dann lachen wir.

Wir lachen und lachen, lachen bis zum Umfallen. Selbst wenn man uns noch so böse anguckt, wir können nicht aufhören zu lachen. Böse Menschen sagen, wir seien verzweifelt.

Ich habe noch jemanden getroffen, den ich von irgendwoher kannte, und dann noch jemanden, den ich bislang noch nicht kannte. Man ist noch ins Kino gegangen.

Es war natürlich ein perfekter Abend.

***

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf, um keinen der Menschen von gestern wiedersehen zu müssen, und fahre mit dem Zug ganz ganz weit weg; zumindest steige ich mit diesen Ambitionen in den Zug ein. Lange stehe ich es allerdings nicht durch, es ist zu laut, ich steige irgendwo aus und mache mich mit Sitting Bull auf die Suche nach einem Auto. Das sollte hier nicht allzu schwierig sein, es ist eine kleine Ortschaft mit immer gleich aussehenden Häusern, eines größer, eines kleiner, alles in allem recht überschaubar.

Ich sehe eine Telefonzelle.

»Willst du jemanden anrufen?«

Nein.

»Weil du nicht weißt, wen du anrufen sollst?«

»Nein.« Vielleicht hat er recht.

Wir finden letztlich ein Auto, der Motor springt an, wir fahren los, ohne zu wissen, wohin. Der Unterschied zu einem Zug liegt darin, dass man mehr Möglichkeiten hat, ins Nirgendwo zu fahren. Und im schlimmsten Fall sind es keine Schaffner, die einen kontrollieren, sondern Polizisten. Natürlich sage ich das nur der Überleitung wegen, denn nach einigen Minuten werden wir von der Polizei angehalten. Kurz überlege ich, einfach weiterzufahren, allerdings könnte es recht lustig werden, also halte ich an.

Schweigen. Nach einer Weile meint einer der Polizisten: »Steigen Sie bitte aus.«

Ich antworte: »Steigen Sie doch ein.«

»Ich darf meinen Posten nicht verlassen.«

»Ihr Kollege ist doch noch da.«

»Man muss aber immer zu zweit sein, wenn man Streife fährt, da kann ich nichts machen, das ist nun einmal Vorschrift.«

»Und warum?«

Er überlegt kurz. »Na, ist doch ganz klar: Damit, wenn einer von beiden das Auto verlassen muss, immer noch einer da ist.«

»Und genau das ist doch jetzt der Fall.«

»Ich …«

»Sie können’s nicht leugnen.«

»Stimmt …«

»Also, steigen Sie jetzt ein?«

» … Ich hole noch schnell meine Sachen.«

Der Andere sieht mich etwas böse an, wahrscheinlich, weil ich nicht ihn gefragt habe, aber andererseits scheint er zu wissen, dass er keine andere Wahl hat als zurückzubleiben. Gemeinsam mit seinem Kollegen fahre ich los.

zweiundzwanzig

Frieder und Stempski sind auch hier.

Sie scheinen wirklich nichts anderes zu tun zu haben, auch wenn ich nicht sagen kann, ob sie einer Arbeit nachgehen, wenn sie morgens das Haus verlassen und abends wiederkommen. Irgendwie kann ich das nicht glauben.

Vielleicht wissen sie einfach nicht, was sie den Tag über mit ihrer Zeit anfangen sollen, oder besser: sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Andere Menschen haben Kinder oder Verwandte oder Feinde, um über diesen Mangel hinwegzuhelfen. Dass sie unglücklich sind, bemerken sie dabei nur selten.

Stempski und Frieder sind nicht unglücklich. Stempski deshalb nicht, weil er gar nicht weiß, was es bedeutet, glücklich zu sein, und Frieder nicht, weil er nicht weiß, was es bedeutet, unglücklich zu sein. Sie passen zueinander. Wenn man Frieders und Stempskis Gesichter im Profil sieht, die beiden Nasen und Münder, die bilden eine Linie. Dabei ist weder Frieder noch Stempski schön. Nicht nur in der Hinsicht nicht, in der ich eine Frau als schön bezeichnen würde, sondern rein von der Machart her. Stempski sieht gar nicht aus wie gemacht, sondern wie gewachsen. Deshalb fehlt ih der Hauch des Göttlichen, er ist wie eine Pflanze oder ein Tier, im besten Sinne: natürlich. Und Frieder? Frieder ist wie eine Ansammlung von Farben, die ständig aus meinem Gesichtsfeld verschwindet, wieder auftaucht, wieder verschwindet. Er stimmt einfach nicht. In seinen besten Momenten fließt er auseinander, in seinen schlechtesten scheint er bereits geschmolzen. Die Tatsache aber, dass er nicht wirklich in diese Welt passt – und das scheint mir der Beweis für eine gewisse Schönheit, die er besitzt –, lässt einen nicht an ihm, sondern an der Welt zweifeln.

Ein Gegenbeweis ist er, seine ganze Person sagt einem: »Es geht auch so.«

Er ist wie Maria.

Maria war nicht wirklich mein Leben. Einmal standen wir in einem leeren Raum und haben uns überlegt, wie wir ihn einrichten würden. Damals standen wir uns sehr nahe. In diesem Raum, meine ich. Aber meine Geschichten gefielen ihr nicht. Mit ihr fing es an, dass ich mich in der Rolle des Erzählers unwohl fühlte. Als ich ihr erzählte, Babies, mit denen niemand redete, würden sterben, meinte sie nur, das sei nicht wahr. Ich antwortete, natürlich nicht, aber es sei doch eine schöne Geschichte. Maria hatte ein äußerst seltsames Verhältnis zur Wahrheit, aber sie liebte sie.

Manchmal habe ich mir gedacht, ich sei schon immer gewesen. Bevor ich Maria kennenlernte, konnte ich mir die Welt nicht ohne mich vorstellen. Jetzt weiß ich: die Welt ohne mich wäre Maria. Seitdem schläft alles in Erinnerungen von mir, und die Luft fühlt sich tatsächlich an wie Luft, wie meine Luft, wenn ich sie atme.

einundzwanzig

Und ich muss lügen, sonst könnte ich keine Vergangenheit haben und keine Geschichten erfinden. Es gibt noch einen Grund, nicht die Wahrheit zu sagen: Wenn man lange genug an die Lüge glaubt, wird sie besser und lebendiger als die Wahrheit. Glücklicherweise sind die Menschen verdammt froh, wenn man ihnen eine harmlose Lüge erzählt.

»Du weißt, dass du mich nie belügen kannst«, sagt Sitting Bull.

Das glaubst du.

»Ja.«

»Schon gelogen.«

»Was?«

Ich weiß nicht, weshalb ich überhaupt noch mit Sitting Bull rede. Bislang hat es zu nichts Gutem geführt. Doch, einmal vielleicht:

Die anderen Autos waren schon längst ganz weit hinter uns in der Dunkelheit verschwunden, und auf dem Rücksitz lag der Koffer mit dem Geld. Wir fuhren immer weiter und weiter, bis wir schon glaubten, die Erde umrundet zu haben und uns wieder unserem Ausgangspunkt zu nähern – so weit und so lange fuhren wir. Sitting Bull schwieg. Es war mir auch lieber so, eine schöne stille Nacht war es. Irgendwann kamen wir an eine Tankstelle, genau in der Mitte zwischen zwei Städten. Sitting Bull und ich gingen hinein, ohne zuvor getankt zu haben. Vorbei an den Regalen und der großen Glasscheibe, in der man sein Spiegelbild sehen konnte, weil es draußen bereits dunkel war. An einem kleinen Tisch standen Nastassja und Dimitri, und auf dem kleinen Tisch standen zwei Dosen billiges deutsches Bier. Eine weitere brachte ich mit. Dimitri wollte Nastassja küssen. – Ich gebe es zu: auch hier konnte mir Sitting Bull nicht helfen.

***

Die Menschen in dieser Stadt bewegen sich alle sehr langsam, wenn sie durch die Straßen gehen. Auch, wenn sie einkaufen oder an der Theke beim Metzger stehen, fällt mir diese unglaubliche Langsamkeit auf. Die wenigsten von ihnen haben ein Auto.

Allerdings, das muss ich sagen, sind die Busverbindungen hier außerordentlich gut, wie generell der öffentliche Nahverkehr hier im Umkreis. Man wird selten kontrolliert, und die einzelnen Verkehrsmittel, ob Bus oder Straßenbahn, sind neu und sauber. Und die Haltestellen sind videoüberwacht. Selten wird man angepöbelt.

Trotzdem laufe ich lieber. Ich weiß nicht, wie oft ich mich hier schon verirrt habe, aber es könnte andererseits ebenso leicht passieren, dass man in den falschen Bus steigt – und dann muss man umso weiter wieder zurücklaufen. Ich habe noch nicht versucht, die Nummern der Busse zu entschlüsseln. Bei den Straßenbahnen gibt es verschiedenfarbige Schilder, vielleicht für die Analphabeten.

Wie gesagt: besonders auffällig scheint mir die Langsamkeit der Menschen.

Sitting Bull interessieren sie mehr als mich. Wenn wir in einem Supermarkt stehen, beschäftigt mich das, was jemand einkauft, mehr als derjenige selbst. Sitting Bull hat ein unglaubliches Gespür für Gesichter. Er weiß, wo Gesichter sind, wo man sie finden kann. Das, sagt er, sei der einzige Trick bei einem Menschen. Ich habe ihm einmal gesagt, wenn er Hände hätte, würde er wahrscheinlich Maler werden. Sitting Bull hat sofort verneint. Ich glaube, es wäre ihm gar nicht möglich, in einem echten Körper zu leben. Er würde verzweifeln an der Möglichkeit zu handeln. Schon jetzt ist ihm dieses Wort fremd, beziehungsweise er kennt es nur in Bezug auf Andere. Dass diese ihre Handlungen willentlich ausführen – das glaubt er mir nicht.

zwanzig

Es ist eben eine Herausforderung. Welche andere Aufgabe sollte ich im Leben haben als die, nicht aufzugeben? So lange zu leben, bis ich sterbe. Nur: woran man erkennt, dass ich am Leben bin, das kann ich nicht sagen. Natürlich atme ich; es wäre töricht, das nicht zu tun. Aber vielleicht tue ich es auch nur aus Gewohnheit, wer weiß. Ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand mit dem Atmen aufhören würde, selbst wenn man es nicht mehr bräuchte. Das würde Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauern, bis wir das abgeschafft hätten. Unter Wasser wäre es sicher nützlich. Oder im Weltall.

Alles könnte man neu besiedeln und erforschen.

Es nützt nichts. Noch müssen wir atmen – beziehungsweise: ich muss Dinge tun, die zeigen, die beweisen, dass ich lebe.

»Du selbst bist doch der Beweis dafür, dass du lebst. Wärst du nicht …«

Ich spreche von Protokollierbarem. Als säßen oben im Himmel ganz ganz viele Engel, und jeder von ihnen ist für einen von uns Menschen zuständig; und dann haben sie einen riesigen Notizblock und notieren darauf alles, was der jeweilige Mensch am jeweiligen Tag macht. Was, glaubst du, würde Gott von mir denken, wenn auf meinem Zettel gar nichts stünde?

»Das ist Blasphemie.«

»Will ich doch hoffen.«

***

Ich träume auch gar nichts mehr momentan. Es ist, als hätte ich es mir selbst verboten, weil Träume zu verbieten sind. Es ist auch nicht so, dass ich nachts träume und mich am nächsten Tag nicht mehr an meinen Traum erinnere – vielmehr schließe ich mit dem Akt des Aufwachens einfach die Möglichkeit aus, etwas geträumt haben zu können, wie in dem Moment, wenn man gefragt wird, was man gerade denke, und man antwortet: »Nichts«, weil man in dieser Situation gar keine Vorstellung mehr davon hat, was Denken überhaupt ist.

Natürlich lügt man.

Ich lüge ständig und mit jeder Faser meines Körpers. Nicht deshalb, um anderen Leuten zu schaden, vielmehr, weil mir die Wahrheit immer zu langweilig ist.

neunzehn

Kapitel 3:__Die Zugfahrt sparen wir uns, weil über Erlebnisse in Zügen schon viel zu viel geschrieben wurde, und außerdem wäre in meiner Geschichte im Zug überhaupt nichts passiert; jedenfalls sollte es mich nicht wundern, wenn sich in diesem Kapitel mein Schreibstil wieder komplett ändert – aber so ist das, wenn man anfängt und nicht weiß, wie es weitergehen soll.

 

Eine weitere Stadt. Ich sollte so langsam mal damit anfangen, mir von jeder Stadt, in die ich auch nur einen Fuß setze, einen Sticker auf den Koffer zu kleben, zu Hause würden mich bestimmt alle darum beneiden. Ich weiß aber noch nicht einmal, wo ich hier bin, weiß nur, dass die Fahrt zehn Stunden gedauert hat, beziehungsweise: zehn Stunden war ich während der Fahrt wach – wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht.

Draußen vor dem Fenster hört man Katzen in der Dunkelheit, ansonsten nichts, nicht einmal gelegentliches Motorengeräusch von einem Auto oder einem Bus oder einer Straßenbahn.

Die Suppe ist bereits kalt. Suppe ist das ideale Essen für jedermann und jederzeit; es kümmert nicht, ob man Hunger hat oder nicht, weil man von Suppe ohnehin nicht satt wird. Dafür hat sie reichlich Fett – und das braucht jeder von uns, wenn er den nächsten Winter überstehen will. Denn der wird uns hart treffen. Vielleicht wird die Ernte ausfallen, weil alles schon gefroren ist, bevor man es ernten kann, auch die Äpfel an den Bäumen, die sind vielleicht festgefroren, weigern sich vom Baum zu fallen und lassen sich auch nicht pflücken – was will man da machen. Im Supermarkt gibt’s dann auch nix mehr, alles weg, verdammte Hamsterkäufe. Entweder waren es die Reichen, die gleich den ganzen Supermarkt aufgekauft haben, oder die sprichwörtliche Hausfrau aus Herne, die schon seit Jahren alles in ihrem Keller bunkert, aus Angst vor dem nächsten Krieg. Und jetzt? Im Winter führt man gerne Krieg, vor allem in der Nähe von Wasser oder Bergen.

Das könnte uns alle treffen. Und das Schlimmste: Wir wären nicht einmal darauf vorbereitet, weil alle Soldaten, die wir haben, entweder schon gar keine Soldaten mehr oder gerade mit dem Zug unterwegs sind. Wer öfter Zug fährt, weiß, wovon ich rede. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, einen grünen Tarnanzug mit blauen Diagonalstreifen für unsere Soldaten zu entwerfen, damit sie sich in den Sitzpolstern der Züge besser tarnen können. Wer öfter Zug fährt, weiß, wovon ich rede.

Zurück zur Suppe: wie gesagt, ist sie längst kalt. Anstatt sie nochmals aufzuwärmen, schütte ich sie weg. Gibt es eben nichts zu essen heute. Ich werde ohnehin zu dick.

»Das kommt eher vom Bier.«

Das sagt der Richtige.

Ich muss mich zwingen zu essen, wie ich mich ohnehin überwinden muss, irgendetwas zu tun, anhand dessen man sagen könnte, ich sei überhaupt noch am Leben. Manchmal scheint mir der Zeitpunkt meines Todes, dieses Limit, bis zu dem ich noch gehen muss, so unendlich weit entfernt, dass ich am liebsten verzweifeln möchte. Aber Leben ist die einzige Möglichkeit, die mir noch bleibt, die Zeit bis zum Sterben zu überbrücken. Für mich ist das Ende etwas, das man sich verdienen muss. Wenn ich einmal sterbe, will ich mir sagen können: Ich habe es so lange ausgehalten. Ich habe nicht aufgegeben. – das ist kindisch, ich weiß.