acht

Ich bin einigermaßen überrascht, dass Sitting Bull noch an derselben Stelle sitzt, an der ich ihn zurückgelassen habe – andererseits: was sollte er auch sonst machen? Noch mehr überrascht es mich, dass er mir nicht böse zu sein scheint.

»Ich hatte deine Reaktion eben erwartet. Wahrscheinlich wäre ich an deiner Stelle auch erstmal weggelaufen. Und ich wusste, dass du wieder zurückkommen würdest. Nur eine Frage: War es der Frosch oder die Fliege?«

»Du weißt, dass es der Frosch war.«

»Stimmt.«

»Und nun?«

»Nun nehmen wir diese beiden Witzfiguren und statten deinem Chef einen Besuch ab.«

»Du meinst wohl: meinem ehemaligen Chef?«

»Wer weiß, wer weiß…«

Ich weiß jedenfalls nichts mehr, wenn ich überhaupt jemals etwas gewusst habe. Das Theater ist zwar so ziemlich der letzte Ort, an den ich zurück will, aber wie immer bleibt mir wohl keine Wahl und letzten Endes nur die Hoffnung, dass wenigstens die Anderen wissen, was sie tun.

Frieder scheint keine Probleme damit zu haben; eifrig packt er alle Wertgegenstände in seine Taschen, die er in nichtmeiner Wohnung findet. Stempski scheint keine Notiz davon zu nehmen, sonst würde er ihm wahrscheinlich helfen.

»Und wenn uns der Doktor in die Quere kommt?«

Sitting Bulls Gesicht scheint sich zu verfinstern, was wahrscheinlich vom Fensterlicht kommt. »Der Doktor macht mir weniger Sorgen als seine Schwestern.«

»Seine Schwestern? Ach so: seine Krankenschwestern.«

»Das dachtest du.«

»…?! Jemand kann nicht zwanzig Schwestern haben, die alle am selben Ort und im selben Job arbeiten…«

»Das sagt einer, der von einem Riesenfrosch angegriffen wurde.«

»…«

***

»Schalt das Radio ab«, meint Sitting Bull aufgeregt, als wir im Auto sitzen und auf dem Weg zum Theater sind.

»Wieso?«

»Man könnte uns orten.«

»Man? Uns orten? Übers Radio?«

»Du musst wirklich noch einiges lernen. Du denkst sicherlich auch, der Sprecher im Radio könne uns nicht hören, stimmt’s?«

Eigentlich schon…

»Siehst du.«

Die ganze Diskussion hätte ich mir auch sparen können, denke ich mir und schalte das Radio ab. Das bringt uns in die unangenehme Situation, miteinander reden zu müssen. Dass Frieder und Stempski Sitting Bull hören können, glaube ich nicht, aber sie scheinen meine Gespräche mit ihm zu akzeptieren – Stempski, weil ihm ohnehin alles egal ist, und Frieder, weil ihn nun wirklich nichts mehr überraschen kann.

»Was hast du eigentlich die ganze Zeit gemacht, während ich weg war?«, frage ich Sitting Bull.

»Findest du das lustig?«

Naja, irgendwie schon.

»Ich habe geschlafen.«

»Natürlich hast du das.«

»Ja, habe ich.«

»Du bist eine Dose – natürlich hast du geschlafen.«

»Ist wirklich so.«

»Ja.«

»Ja.«

Ist im Grunde auch egal. Immerhin haben wir so die Zeit überbrückt und stehen vor dem Theater. Es sieht genauso aus wie früher – ich meine, vor meinem Aufenthalt im Krankenhaus und dieser ganzen Scheiße. Ich frage mich, wieso ich das Ganze eigentlich immer als ›ganze Scheiße‹ oder ›ganze Geschichte‹ oder sowas bezeichne.

»Weil du gar nicht weißt, was es ist«, schlägt Sitting Bull vor.

Stimmt wahrscheinlich auch wieder.

sieben

Ich wundere mich noch, als mein schwarzer Ledersessel eine braungrüne Farbe annimmt, ich wundere mich schon nicht mehr, als ihm Beine, Augen und ein breit grinsendes Froschmaul wachsen. Frieder weicht stöhnend zurück, aber natürlich hat es dieses Vieh auf mich abgesehen. Frieder, dieser Bär von einem Mann, wird zur Seite geschleudert wie eine Pappfigur, der Boden bebt, als der Frosch auf mich zuspringt, ich falle nach hinten, versuche mich an der Tür nach oben zu ziehen, rutsche ab. In diesem Moment kommt Stempski zurück. Als er den Frosch sieht, sinkt er an der Wand in sich zusammen und ich kann hören, wie er sich übergibt.

Im Gegensatz zu ihm ist mir Frieder wirklich eine Hilfe, als er mit der Stehlampe auf das Monstrum einschlägt, was mir genug Zeit gibt zu bemerken, dass sich die Tür nicht mehr öffnen lässt. Ich nehme das bisschen Mut zusammen, das mir noch geblieben ist, und renne am Frosch vorbei zum Fenster. Ich habe es noch nicht erreicht, als er zum Sprung ansetzt. Irgendetwas zieht mich nach unten, gerade rechtzeitig, um unter ihm hindurchzutauchen. Dann höre ich Glas splittern. Dass der Frosch nicht zermatscht auf der Straße liegt, sondern einfach verschwunden ist, interessiert mich nicht wirklich.

Frieder hilft mir auf die Beine, ich verschnaufe kurz, dann schaffen wir es gemeinsam, Stempski auf die Couch zu legen. Frieder will einen Lappen für den Boden holen, aber ich winke ab. »Lass es. Das soll uns nicht mehr kümmern.«

Frieder nickt nur.

»Ich werde zu Sitting Bull fahren.«

Er nickt erneut.

»Herrgott, nun sag schon was!«

»Was denn?«

»Na, zum Beispiel: Nein, lass den Quatsch, fang jetzt nicht schon wieder damit an, bestimmt haben wir uns den Frosch nur eingebildet, oder sowas.«

»Aber wir haben ihn doch alle drei gesehen. Die Fensterscheibe ist kaputt … ich habe ihn mit der Stehlampe geschlagen!«

»Scheiße nochmal, das weiß ich auch.«

»Also?«

Wir fahren.