sechzehn

Wir könnten auch fliegen. Das ginge schneller und man hätte eine bessere Aussicht. Das Anhalten wäre wahrscheinlich schwieriger; man müsste sich etwas einfallen lassen. Ich weiß auch nicht, ob einer von uns einen Hubschrauber oder ein Flugzeug fliegen könnte.

Sitting Bull vielleicht.

»Wir müssen mit dem Auto fahren.«

Wir hätten ja auch gar kein Flugzeug und keinen Hubschrauber; reine Gedankenspielerei. Unnütz, verstehst du?

»Nein.«

Das dachte ich mir schon.

»Ist auch das unnütz?«

Du weißt es doch.

»In der nächsten Ortschaft halten wir an.«

Das kam jetzt allerdings überraschend.

Die Ortschaft sieht genauso aus wie alle anderen, an denen wir bislang vorbeigekommen sind. Etwas zu groß für die wenigen Häuser, die hier stehen, und die Menschen strömen auf die Straße, als wir ankommen. Ich frage mich, wie so viele Leute in so wenigen und so kleinen Häusern wohnen können. Wahrscheinlich können sie es, ich weiß es nicht. Vielleicht leben sie von der Sonne und von der Bläue des Himmels.

Frieder könnte das.

Und Stempski – Stempski schläft.

Anscheinend wollen sie im Auto sitzenbleiben. Ich nehme Sitting Bull und betrete das nächstbeste Haus, das ich finde. Man bietet mir zu essen an, also esse ich. Es ist tatsächlich eng hier, aber man lässt mir Platz. Ich frage mich, womit ich das verdient habe. Ich setze mich etwas abseits in eine Ecke, um niemanden zu stören, obwohl ich weiß, dass man mich die ganze Zeit über betrachtet.

»Und was machen wir jetzt hier, großer Häuptling?«

»Du wirst nachher in eine Kneipe gehen.«

Ich lache auf. »Werde ich das? Ui, das gefällt mir.«

»Heute Nacht wirst du spielen.«

»Meine Rolle…?«

»Nein.«

Welche dann?

»Irgendeine. Das ist unwichtig. Es ist nur eine Probe.«

Und warum gerade ich?

»Hast du es nicht langsam aufgegeben, diese Frage zu stellen?«

Ich sollte.

***

Drinnen riecht es muffig – vielleicht, weil es draußen zu hell ist. Hier trinkt man Getränke aus kleinen Gläsern, nicht aus großen, was wohl zu bedeuten hat, dass der Alkohol hochprozentiger ist. Man würfelt, in der Ecke hinten hat jemand Karten.

Die ganze Szenerie scheint unfassbar beliebig. Sogar eine kleine Bühne gibt es hier. Wahrscheinlich treten dort für gewöhnlich Sängerinnen auf, stelle ich mir vor. Deshalb gibt es auch einen Hinterausgang. Ich wette, der Mann hinter dem Tresen hat irgendwo ein Gewehr deponiert, griffbereit. Ich langweile mich jetzt schon.

An einem der Tische sitzt Nastassja. Ich setze mich zu ihr. »Du bist ja auch hier.«

»Weil hier Mexiko ist.«

»Das hat man mir gar nicht gesagt.«

»Hast du gefragt?«

»… es kommt mir nur ein wenig klein vor.«

»Bist du etwa enttäuscht?«

Ich muss lachen.

»Ich habe gehört, du spielst heute Nacht auch«, sagt Nastassja.

»Es scheint sich schnell herumzusprechen.«

»Nein, gesagt hat es mir niemand – ich habe es nur gehört.«

»Natürlich.«

Einen Moment lang überlege ich, dass ich sie hätte fragen sollen, ob sie auch spielt. Wahrscheinlich schon. Ich habe sie noch nie auf der Bühne gesehen. Ich müsste sie mit Maria vergleichen – oder ich müsst an Maria denken; eigentlich ist es dasselbe.

»Vielleicht«, sagt Nastassja, »gibst du mir heute auf der Bühne meine Antwort.«

»Ich bin unzurechnungsfähig, wenn ich spiele.«

»Ja?«

»Frag Imbsweiler.«

»Es scheint, ich müsste mich wehren.«

Schon wieder hat Sitting Bull mich indirekt zu Nastassja geführt. Hält er sie für so wichtig? – aber ich weiß nicht warum.

»Werden sie heute Nacht applaudieren?«

»Ja.«

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