fünfzehn

Am nächsten Morgen Nebel. Ich wünschte, er würde mich nicht so sehr an das erinnern, was ich bin; ich wünschte auch, ich könnte mehr Form sein als ich bin. Kein Wunder, dass ich mich nicht fassen kann, ich bin mir selbst zu flüchtig.

Heute, so haben wir es abgemacht, fährt Frieder. Er scheint noch am wenigsten beeindruckt von allem, was geschieht. Vielleicht irre ich mich auch, es wäre nicht das erste Mal. Stempski schläft den ganzen Tag und die ganze Nacht, manchmal frage ich mich, ob er tot ist, dabei kann man seinen Atem deutlich hören.

Anscheinend kann Frieder Sitting Bull doch hören, er redet schon den ganzen Tag mit ihm. Mir wird zum ersten Mal bewusst, dass Sitting Bull auch über Nebensächlichkeiten reden kann, Kino beispielsweise interessiert ihn sehr. Warum habe ich nie mit ihm über solche Themen geredet? Weil es nicht meine Sache ist, ich mich um Wichtigeres kümmern muss. Deutete Sitting Bull gestern nicht etwas Derartiges an? Ich weiß es nicht mehr, meine Erinnerung ist wie die Bäume und Meilensteine am Straßenrand: flüchtig, schön und austauschbar.

Letztlich ergibt sich alles aus der zurückgelegten Distanz.

Die Erinnerungen werden zahlreicher – oder die Erinnerungen an Erinnerungen, wie etwa die Musik eines Bildes oder der Geschmack von Tönen. Es vermischt sich, weil es lebendig bleiben will.

***

Je weiter wir fahren, desto mehr Regen gibt es. Ich überlege, wo die Grenze zwischen Regen und Nichtregen liegt und wie sie aussieht. Wenn es irgendwo regnet, denke ich mir, muss es irgendwo nicht regnen. Und dort, wo beides aufeinandertrifft, lässt es sich bestimmt gut leben. Man hat stets die freie Wahl, was man möchte: einen Schritt zur Seite – man hat Wasser, kann duschen. Einen Schritt zur anderen Seite – es ist wieder trocken. Die Sonne scheint vielleicht schon. Einen Regenbogen, glaube ich, kann es nicht geben.

»Dorthin fahren wir.«

Zur Regengrenze?

»Nein. Zum Regenbogen.«

Clown gefrühstückt oder warum scherzt du?

»Warum nicht? Irgendjemand muss es ja tun.«

»Mir ist nicht nach Scherzen zumute.«

»Ich weiß.«

Vielleicht kommen wir demnächst an, vielleicht kommen wir auch nie an, wer weiß. Mir bleibt nur zu warten. Vorsicht Steinschlag, bitte nicht zu schnell fahren, man könnte sonst von der Straße abkommen – und dann bleibt nur der freie Fall. Unten wartet immer noch das Meer. Kommen wir denn nie davon los? Als ob die ganze Welt eine einzige Küste wäre.

»Es wird regnen.«

Es regnet doch schon.

»Dort, wo Maria ist, wird es regnen.«

Warum ist sie dann nicht hier? Und warum redet Sitting Bull die ganze Zeit von Regen?

»Vielleicht versuche ich nur, dich bei Laune zu halten.«

»Vielleicht?«

»Ich weiß es selbst nicht so genau.«

Wir könnten auch über anderes reden. Die Ungeheuer habe ich längst vergessen. Ich glaube auch nicht, dass sie jemals wiederkommen.

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