elf

Stempski und Frieder sind bestimmt schon dort und warten auf uns, weil sie ein Flugzeug genommen haben: Stempski war zu übel zum Autofahren. Auf einmal bezweifle ich, dass Fliegen eine gute Idee war. Um mich abzulenken, stelle ich mir das Chaos an Bord vor.

Dann fällt mir etwas anderes ein. »Sitting Bull?«

»Ja?«, sagt er aus dem Getränkehalter heraus.

»Du hast doch gesagt, Imbsweiler könne mir helfen.«

»Ja.«

»Also? Das hat er doch gar nicht.«

»Er hat dir Nastassja vorgestellt.«

»War das so wichtig?«

»Ja.«

Ich frage lieber nicht weiter, mehr Wahrheiten kann ich heute nicht ertragen, außerdem muss ich mich aufs Fahren konzentrieren, weil ich mich nämlich immer auf irgendwas konzentrieren muss.

Nastassja sitzt neben mir, hat den Kopf in den Nacken gelegt und zählt die Sterne am Himmel, aber weil sie sie durchs Autodach nicht sehen kann, ist sie ziemlich bald damit fertig.

Am nächsten Morgen kommen wir an einem Hafen an. Ich sage: »Hier ist Mexiko.«

Nastassja sagt: »Das ist nicht Mexiko.«

Ich sage: »Du wärst enttäuscht von Mexiko.«

»Ich bin enttäuscht.«

»Sag ich doch.«

Wir steigen aus, ich nehme Sitting Bull, wir gehen zum Wasser und sehen uns die Schiffe an, bis wir eins gefunden haben, das mir gefällt.

Ich sage: »Ich werde mit dem Schiff weiterfahren.«

Nastassja sagt: »Ich bleibe hier.«

»Du lügst.«

»Ja.«

»Dann ist das hier ein Abschied?«

»Nein.«

Ich gehe an Bord, und Nastassja geht in Richtung dieser Ortschaft, die auf dieser kleinen Landzunge links von mir liegt, diese Ortschaft, in deren Richtung sie geht, und von da aus kann man das Meer sehen. In diese Richtung geht sie.

Mein Schiff legt ab.

***

In meiner Kabine sitzen Frieder und Stempski. Beide sehen recht fröhlich aus – vielleicht, weil sie nicht wissen, was sie erwartet, vielleicht, weil es ihnen egal ist. Wir unterhalten uns nur kurz, Stempski geht dann an Deck oder aufs Klo oder sowas, und auch ich gehe an die frische Luft.

Draußen brennt die Sonne, wie immer. Heute kann man es spüren, man kann es riechen und man kann es an den anderen Leuten sehen: Willst du mich nicht ins Meer wefen? – immerhin kommen wir von dort, da kann es nicht wirklich schlimm sein, dort zu sterben. Vielleicht wird man auch gerettet, von einem Delfin zum Beispiel oder von einem U-Boot. Also doch lieber hierbleiben. Jeder hier an Bord stand schon vor dieser Frage: Springen oder nicht springen? – Dass noch alle da sind, ist ein Fehler in der Wahrscheinlichkeit. Würde man unendlich viele Menschen aufs Meer rausfahren und stünden unendlich viele Menschen vor dieser Entscheidung, würde sich der Anteil der Springenden beim anzunehmenden Prozentsatz einpendeln: etwa die Hälfte. Das ist wahrscheinlich.

Wenn es Nacht wird, verfärbt sich das Wasser, bis man es nicht mehr sehen kann, also genau wie die Erde, wenn man auf dem Festland ist; es lässt sich durchaus aushalten auf dem Meer.

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