zehn

Kapitel 2_Ich komme auch nie zurecht mit dieser Rolle des Erzählers – ich meine, wieso soll ausgerechnet ich diese Geschichte erfinden, die ich nicht bin? Aber jetzt kommt ohnehin eine ganz ganz lange Autofahrt mit Nastassja nach Mexiko, weil Lügen die echten Wahrheiten sind.

 

Die Landschaft ist viel zu weit, um noch Deutschland zu sein. Wasser haben wir aber keins überquert, also sind wir nicht in Amerika, es sei denn, wir sind rübergefahren, während ich geschlafen habe. Jetzt fahre ich wieder und Nastassja sitzt neben mir. Ich weiß nicht einmal so genau, wo Mexiko überhaupt liegt, aber seltsamerweise bin ich mir ziemlich sicher, in die richtige Richtung zu fahren. Vielleicht ist Mexiko ja auch einfach dort, wo ich hinfahre, ich meine, einfach nur der Nase nach. Vielleicht bin ich es auch gar nicht mehr, der sich bewegt, sondern nur der Boden unter mir. Eine ebenso erheiternde wie beängstigende Vorstellung, und insofern eine, die zu Mexiko passt – ich weiß es nicht, wahrscheinlich ist es auch nicht wichtig.

Ich lache rüber. »Du bist ja immer noch da.«

»Du hast mir auch keine Gelegenheit gegeben abzuhauen.«

»Möchtest du?«

»Soll ich diesmal lügen?«

»Ja.«

»Ja.«

»Dann sollte ich besser nicht anhalten, oder?«

»Nein. Du musst morgen in Mexiko sein.«

»Sind wir nicht bereits da?«

»Es ist noch nicht morgen.«

»Stimmt auch wieder.«

»Warum siehst du mich so an?«

»Du bist schön.«

»Und deshalb erinnere ich dich an jemanden?«

»Nein – nein, deshalb nicht.«

»Aber du hast doch sicherlich schon öfter schöne Menschen gesehen.«

»Bis vor kurzem habe ich das auch geglaubt.«

»Bis vor kurzem heißt bei dir: kein Leben lang?«

»Ich bin kein Prophet.«

»Du fährst wie einer.«

Ich lache. »Und du bist immer noch da.«

»Ich möchte wissen, warum ich dich an sie erinnere.«

»An wen?«

»Tu nicht so.«

»Du tust weh.«

»Wem?«

»Mir.«

»Wie könnte ich? Mexiko steigt dir zu Kopf, mein Freund. Ich tue dir nicht weh.«

»Aber du machst, dass es weh tut.«

»Dass was weh tut?«

»Keine Ahnung.«

»Heißt das, ich muss weiter auf eine richtige Antwort warten?«

»Würde das heißen, dass du weiterhin da sein wirst?«

»Ja.«

»Dann: ja.«

»…«

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