neun

Im Theater selbst riecht es nach Strom. Beziehungsweise, es riecht extrem nach Elekronik oder Nebelwerfern – ich war lange nicht mehr hier, denke ich.

Hugo kommt um die Ecke, sieht mich und will mich zur Begrüßung umarmen. Ich weiche zurück. Seine gute Laune scheint das nicht zu trüben.

»Schön, dass du wieder da bist. Imbsweiler hat dich schon vermisst.«

Wieso sollte mein Chef mich vermissen?

»Bist du gekommen, um am neuen Projekt teilzunehmen? Ich habe gehört, man hat dich ins Krankenhaus gebracht. Geht’s dir schon wieder besser? Wenn du Nastassja siehst, sag ihr, Imbsweiler sucht sie.«

Neues Projekt? Nastassja? Ich verstehe kein Wort, überlasse Hugo dem Gespräch mit Stempski und Frieder und gehe, Sitting Bull in der Jackentasche, weiter in Richtung Bühne.

Das Erste, was ich sehe, sind die Kameras. Viele Kameras. Und Kabel. Und Scheinwerfer. Und Kameramänner und Kabelträger und Scheinwerferträger.

Plötzlich steht Imbsweiler vor mir. »Hey – dass man dich auch mal wieder sieht.«

»Äh … wie geht’s deiner Nase?«

Er grinst übers ganze Gesicht. »Gut, gut. Ich war einen Tag vor dir im Krankenhaus.«

»Oh, tatsächlich? Und du bist mir nicht mehr böse wegen … dieser Sache?«

»Wie? Ach so, nein, keineswegs. War doch längst überfällig, dass ich mal zusammengeschlagen werde. So oft, wie ich schon jemandem die Fresse poliert habe; oder was glaubst du, wie ich an diesen Job im Theater gekommen bin?«

Normalerweise würde ich jetzt die Welt nicht mehr verstehen, aber dazu ist es schon ein bisschen zu spät. Nur: was sollen die Kameras hier überall?

»Ich bin sicher, du hast es schon bemerkt: Wir drehen hier einen Film!«

»Einen Film? Im Theater?!«

»Naja, hör mal – man muss doch mit der Zeit gehen.«

Ich traue meinen Ohren nicht.

»Schade, dass du im Krankenhaus warst und Maria nicht mehr hier ist.«

Schon wieder dieser Name.

»Aber ich glaube, ich habe passablen Ersatz für sie gefunden – hast du Nastassja schon kennengelernt?«

Der Name auch schon wieder.

»Oh, ich glaube, da hinten ist sie … na, was ist? Kommst du?«

Was soll’s. Solange sich Nastassja nicht in ein Monster verwandelt – und solange sie nicht Maria ist …

»Hi Nastassja, ich brauch dich gleich für die nächste Szene oder so … äh … ich geh dann mal.«

Na toll. Hätte ich mir ja denken können.

»Und du bist?«

»Wenn ich das wüsste…«

»Ich weiß es«, sagt Nastassja.

»Natürlich.«

»Man hat von dir erzählt.«

»Natürlich. Woher kenne ich dich?«

»Von wo ich dich kenne.«

»Du erinnerst mich an jemanden.«

»Nein«, wehrt Nastassja ab.

»Sicher?«

»Ich denke schon. Ich bin da sehr eigen. Man sollte sich nicht gleich beim ersten Treffen auf diese Ebene stellen.«

»Sich selbst?«

»Gegenseitig.«

»Ja … ja, das stimmt wohl. Aber ich habe dich doch noch nie gesehen …?«

»Nein.«

»Seltsam – soll ich lügen?«

»Ich bitte darum.«

»Ich muss morgen in Mexiko sein.«

»Und das heißt?«

»Wir sollten fahren.«

»Ja.« Ihre einzige Antwort.

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