achtzehn

Werde ich sterben?

»Nein.«

»Aber ich werde diese Stadt nicht verlassen, ohne mich von Nastassja zu verabschieden.«

»Doch, wirst du.«

Ich gehe vor die Tür. Wenn Sitting Bull mit dieser Vorsehungsscheiße anfängt, dann, das habe ich inzwischen gelernt, sollte man einfach tun, was er sagt. Es muss ja schließlich einen Grund für seine Vorsehungen geben. Zumindest glaube ich nicht, dass Vorsehen wahllos ist wie Träumen.

»Und was soll ich jetzt tun, großer Häuptling?«

»Woher soll ich das wissen?«

Ich schlendere eine Zeit lang durch den Regen, ein und dieselbe Straße gehe ich immer wieder auf und ab, vielleicht aus Angst, tatsächlich die Stadt zu verlassen. Ich könnte auch einfach zu Nastassja gehen und mich verabschieden und abwarten, was passiert. Ich gehe Richtung Küste. Einen Hafen gibt es hier nicht, also auch keine Gefahr, aus Versehen auf ein Schiff zu steigen. Ich drehe wieder um. Ich gehe links, ein Stück geradeaus, nicht zu weit und nicht zu kurz, dann wieder links, dann habe ich keine Lust mehr und laufe einfach weiter in die eben eingeschlagene Richtung.

Rechts von mir, etwas abseits des Weges, ein Kinderspielplatz, dann eine Reihe Wohnhäuser, ein Hotel, ein breiter Rasenstreifen, Parkplätze, etwas, das eine Kirche sein könnte, und: der Bahnhof.

»Schicksal«, sagt Sitting Bull.

Ich setze mich auf die erstbeste Bank, die ich finde. Viele Züge stehen hier nicht. Die meisten fahren heute auch nicht mehr ab. Aus der Unterführung kommt ein Penner. Vorne steht eine junge Frau und raucht, eine ältere Frau verschwindet um die Ecke. Der Penner betritt das Bahnhofsgebäude, bestimmt ist ihm kalt, er kommt wieder heraus. Er fragt mich nach Zigaretten. Ich habe wirklich keine.

Er fragt die junge Frau. Plötzlich ist er verschwunden. Die Frau sieht mich an, als sollte ich ihr etwas sagen oder als gäbe es etwas, das ich ihr verschweige.

Unter den Leuten, die in den Zug einsteigen, glaube ich jemanden zu sehen, der Maria ähnlich sieht. An die Möglichkeit, sie könnte es tatsächlich sein, denke ich nicht einen Moment. Wahrscheinlich, sage ich mir, hätte sie es sein sollen. Trotzdem stehe ich auf, gehe durch die Unterführung und steige in den Zug.

siebzehn

»Aber ich meine: wieso muss es immer so sein? – Es ist eben so oder es scheint so, wie es sein muss. Ich kann es nicht erklären, und wenn ich es erklären will, bekomme ich einen trockenen Hals und ich verschlucke mich.«

»Warum fängst du wieder damit an?«

»Nastassja.«

»Du hast noch nie meinen Namen gesagt.«

»Nastassja.«

»Was soll das?«

»Heb es auf.«

»Was aufheben?«

»Mein Herz.«

»…?«

»Es ist weg; und mein Blut ist weg und meine Luft – willst du mir suchen helfen?«

»Nein.«

»Du kannst auch nicht.«

»Nein?«

»Nein. Es ist ja schon alles bei dir.«

Man applaudiert tatsächlich. Ich ziehe Nastassja hinter mir her und wanke durch den Hinterausgang. Auch draußen hört man den Jubel noch. Er schmerzt in meinen Ohren.

»Die letzten Sätze«, fragt Nastassja, »hast du die nur gespielt?«

»Ich spiele immer.«

»Also auch den Schluss.«

»Nein.«

***

Seit ich in der Kneipe gespielt habe, meiden mich die Menschen. Die ersten paar Tage begegneten sie mir freundlich, dann zögernd, inzwischen scheinen sie sich sogar vor mir zu ängstigen.

Ich halte das für selbstverständlich.

Der Himmel hinter der Scheibe ist grau. Es ist schon fast zu dunkel, um noch die Straßen zu sehen – oder die Menschen.

»Sitting Bull?«

»Ja?«

»Als du mir gesagt hast, uns stünde eine weite Reise bevor, da habe ich gedacht … naja, ich dachte, es würde einiges passieren.«

»Und?«

»Es passiert nichts. Entweder wir fahren tagelang durch die Gegend oder wir bleiben tagelang in ein und demselben Ort – und in keinem von beiden Fällen passiert irgendwas.«

»Stimmt.«

»Und weshalb sind wir eigentlich noch hier, wenn Maria hier gar nicht ist?«

»Willst du fahren?«

»Nein.«

Wir hätten ohnehin kein Auto. Stempski und Frieder haben das Auto genommen, gestern, und sind weggefahren, ich weiß nicht, wohin. Bleiben Sitting Bull und ich. Und Nastassja. Es könnte eine Stadt wie jede andere sein, der Unterschied ist nur, ob man sich gerade dort aufhält oder nicht.

»Ich glaube, ich werde einen kleinen Spaziergang machen«, sage ich zu Sitting Bull, der auf der Fensterbank sitzt.

»Nimm mich mit.«

Warum?

»Weil du nicht zurückkommen wirst.«

sechzehn

Wir könnten auch fliegen. Das ginge schneller und man hätte eine bessere Aussicht. Das Anhalten wäre wahrscheinlich schwieriger; man müsste sich etwas einfallen lassen. Ich weiß auch nicht, ob einer von uns einen Hubschrauber oder ein Flugzeug fliegen könnte.

Sitting Bull vielleicht.

»Wir müssen mit dem Auto fahren.«

Wir hätten ja auch gar kein Flugzeug und keinen Hubschrauber; reine Gedankenspielerei. Unnütz, verstehst du?

»Nein.«

Das dachte ich mir schon.

»Ist auch das unnütz?«

Du weißt es doch.

»In der nächsten Ortschaft halten wir an.«

Das kam jetzt allerdings überraschend.

Die Ortschaft sieht genauso aus wie alle anderen, an denen wir bislang vorbeigekommen sind. Etwas zu groß für die wenigen Häuser, die hier stehen, und die Menschen strömen auf die Straße, als wir ankommen. Ich frage mich, wie so viele Leute in so wenigen und so kleinen Häusern wohnen können. Wahrscheinlich können sie es, ich weiß es nicht. Vielleicht leben sie von der Sonne und von der Bläue des Himmels.

Frieder könnte das.

Und Stempski – Stempski schläft.

Anscheinend wollen sie im Auto sitzenbleiben. Ich nehme Sitting Bull und betrete das nächstbeste Haus, das ich finde. Man bietet mir zu essen an, also esse ich. Es ist tatsächlich eng hier, aber man lässt mir Platz. Ich frage mich, womit ich das verdient habe. Ich setze mich etwas abseits in eine Ecke, um niemanden zu stören, obwohl ich weiß, dass man mich die ganze Zeit über betrachtet.

»Und was machen wir jetzt hier, großer Häuptling?«

»Du wirst nachher in eine Kneipe gehen.«

Ich lache auf. »Werde ich das? Ui, das gefällt mir.«

»Heute Nacht wirst du spielen.«

»Meine Rolle…?«

»Nein.«

Welche dann?

»Irgendeine. Das ist unwichtig. Es ist nur eine Probe.«

Und warum gerade ich?

»Hast du es nicht langsam aufgegeben, diese Frage zu stellen?«

Ich sollte.

***

Drinnen riecht es muffig – vielleicht, weil es draußen zu hell ist. Hier trinkt man Getränke aus kleinen Gläsern, nicht aus großen, was wohl zu bedeuten hat, dass der Alkohol hochprozentiger ist. Man würfelt, in der Ecke hinten hat jemand Karten.

Die ganze Szenerie scheint unfassbar beliebig. Sogar eine kleine Bühne gibt es hier. Wahrscheinlich treten dort für gewöhnlich Sängerinnen auf, stelle ich mir vor. Deshalb gibt es auch einen Hinterausgang. Ich wette, der Mann hinter dem Tresen hat irgendwo ein Gewehr deponiert, griffbereit. Ich langweile mich jetzt schon.

An einem der Tische sitzt Nastassja. Ich setze mich zu ihr. »Du bist ja auch hier.«

»Weil hier Mexiko ist.«

»Das hat man mir gar nicht gesagt.«

»Hast du gefragt?«

»… es kommt mir nur ein wenig klein vor.«

»Bist du etwa enttäuscht?«

Ich muss lachen.

»Ich habe gehört, du spielst heute Nacht auch«, sagt Nastassja.

»Es scheint sich schnell herumzusprechen.«

»Nein, gesagt hat es mir niemand – ich habe es nur gehört.«

»Natürlich.«

Einen Moment lang überlege ich, dass ich sie hätte fragen sollen, ob sie auch spielt. Wahrscheinlich schon. Ich habe sie noch nie auf der Bühne gesehen. Ich müsste sie mit Maria vergleichen – oder ich müsst an Maria denken; eigentlich ist es dasselbe.

»Vielleicht«, sagt Nastassja, »gibst du mir heute auf der Bühne meine Antwort.«

»Ich bin unzurechnungsfähig, wenn ich spiele.«

»Ja?«

»Frag Imbsweiler.«

»Es scheint, ich müsste mich wehren.«

Schon wieder hat Sitting Bull mich indirekt zu Nastassja geführt. Hält er sie für so wichtig? – aber ich weiß nicht warum.

»Werden sie heute Nacht applaudieren?«

»Ja.«

fünfzehn

Am nächsten Morgen Nebel. Ich wünschte, er würde mich nicht so sehr an das erinnern, was ich bin; ich wünschte auch, ich könnte mehr Form sein als ich bin. Kein Wunder, dass ich mich nicht fassen kann, ich bin mir selbst zu flüchtig.

Heute, so haben wir es abgemacht, fährt Frieder. Er scheint noch am wenigsten beeindruckt von allem, was geschieht. Vielleicht irre ich mich auch, es wäre nicht das erste Mal. Stempski schläft den ganzen Tag und die ganze Nacht, manchmal frage ich mich, ob er tot ist, dabei kann man seinen Atem deutlich hören.

Anscheinend kann Frieder Sitting Bull doch hören, er redet schon den ganzen Tag mit ihm. Mir wird zum ersten Mal bewusst, dass Sitting Bull auch über Nebensächlichkeiten reden kann, Kino beispielsweise interessiert ihn sehr. Warum habe ich nie mit ihm über solche Themen geredet? Weil es nicht meine Sache ist, ich mich um Wichtigeres kümmern muss. Deutete Sitting Bull gestern nicht etwas Derartiges an? Ich weiß es nicht mehr, meine Erinnerung ist wie die Bäume und Meilensteine am Straßenrand: flüchtig, schön und austauschbar.

Letztlich ergibt sich alles aus der zurückgelegten Distanz.

Die Erinnerungen werden zahlreicher – oder die Erinnerungen an Erinnerungen, wie etwa die Musik eines Bildes oder der Geschmack von Tönen. Es vermischt sich, weil es lebendig bleiben will.

***

Je weiter wir fahren, desto mehr Regen gibt es. Ich überlege, wo die Grenze zwischen Regen und Nichtregen liegt und wie sie aussieht. Wenn es irgendwo regnet, denke ich mir, muss es irgendwo nicht regnen. Und dort, wo beides aufeinandertrifft, lässt es sich bestimmt gut leben. Man hat stets die freie Wahl, was man möchte: einen Schritt zur Seite – man hat Wasser, kann duschen. Einen Schritt zur anderen Seite – es ist wieder trocken. Die Sonne scheint vielleicht schon. Einen Regenbogen, glaube ich, kann es nicht geben.

»Dorthin fahren wir.«

Zur Regengrenze?

»Nein. Zum Regenbogen.«

Clown gefrühstückt oder warum scherzt du?

»Warum nicht? Irgendjemand muss es ja tun.«

»Mir ist nicht nach Scherzen zumute.«

»Ich weiß.«

Vielleicht kommen wir demnächst an, vielleicht kommen wir auch nie an, wer weiß. Mir bleibt nur zu warten. Vorsicht Steinschlag, bitte nicht zu schnell fahren, man könnte sonst von der Straße abkommen – und dann bleibt nur der freie Fall. Unten wartet immer noch das Meer. Kommen wir denn nie davon los? Als ob die ganze Welt eine einzige Küste wäre.

»Es wird regnen.«

Es regnet doch schon.

»Dort, wo Maria ist, wird es regnen.«

Warum ist sie dann nicht hier? Und warum redet Sitting Bull die ganze Zeit von Regen?

»Vielleicht versuche ich nur, dich bei Laune zu halten.«

»Vielleicht?«

»Ich weiß es selbst nicht so genau.«

Wir könnten auch über anderes reden. Die Ungeheuer habe ich längst vergessen. Ich glaube auch nicht, dass sie jemals wiederkommen.

vierzehn

Wir hätten auch in die andere Richtung fahren können, nicht einmal das hätte einen Unterschied gemacht. Vielleicht hätte ich öfter gedacht: Hier war ich doch schon – aber eigentlich nicht. Nein, ich glaube nicht.

Ich möchte auch gar nicht wissen, wohin wir fahren.

»Zu Maria.«

Und wo ist sie?

»Ich weiß es nicht.«

Und fahren wir in die richtige Richtung?

»Es gibt Fragen, die auch ich dir nicht beantworten kann.«

Weil sie unwichtig sind.

»Nein; weil sie wichtig sind.«

»Wichtig?«, frage ich.

»Weil du ihr Grund bist.«

»Das ist nicht ungewöhnlich. Wenn ich das Leben richtig verstanden habe, bin ich der Grund von allem.«

»Ja.«

»Bin ich auch der Grund dessen, wohin wir fahren?«

»Nein.«

Ich hatte es mir schon gedacht.

»Und? Was bleibt dir noch?«

Erinnerungen. Soll ich dir eine erzählen?

Sitting Bull schweigt kurz, dann sagt er: »Ja.«

»Inmitten eines Selbstmordsommers stand sie in der Empfangshalle, ihr Haar blaubeerblond. Und ohne die geringste Spur von Erstaunen blickte sie nach oben, inmitten der Empfangshalle auf die ersten Stufen einer Treppe – auf den letzten Stufen blieb das Unten, blieb eine Menschenmenge nur Hintergrund oder hölzerne Staffelei. Ohne Treppe indes der Balkon, dort verhieß auch das Unten mehr als menschliches Beisammensein – dort aber war keiner, und an diesem Abend des geschäftig gewesenen Tages, zumindest für die meisten in der Empfangshalle, inmitten derer sie stand mit ihrem blaubeerblonden Haar, und ich könnte zwanzig Treppen aufzählen, auf deren ersten Stufen ich lieber oben gestanden wäre am Abend eines erstaunlichen Tages, während auf dem Flur meine Schuhe kalt wurden inmitten dieses wem auch immer gewiesenen, von wem auch immer getragenen Tages, und wo alles stand und innehielt während so vielversprechend der Balkon war an diesem wessen Selbstmord auch immer erfahrenden Tag, und obwohl sie nicht aussah wie der und obwohl sie aussah wie der, verschwand sie nicht, so wie es Spiegelbilder tun.«

»Das ist eine schöne Erinnerung.«

Nein. Außerdem ist es nicht meine. Ich habe sie erfunden.

»Und gerade aus diesem Grund ist es deine.«

»Ich habe keine Lust mehr.«

»Zu fahren?«

Nein, zu leben.

»Das ist dasselbe. Halt eben an.«

Ich werde schlafen.

»Du fährst noch.«

Schlafen Stempski und Fieder schon?

Ich halte an. Drehe mich kurz um, gucke, schaue, tue so, als ob ich einparken müsste, dann schalte ich die Scheinwerfer ab. Die Straße verschwindet.

dreizehn

Irgendwann reicht es mir und ich sage feierlich zu Sitting Bull: »Ja, ich glaube jetzt, dass dies hier mein Heimatort ist.«

»Nein.«

»Nein was?«

»Nein, das glaubst du nicht.«

»Können wir trotzdem gehen?«

»Ja.«

»Und – ist es denn mein Heimatort?«

»Nein.«

***

Am selben Tag noch fahren wir, fahren über unwegsame Straßen, die sich aschgraue staubige Berge hinaufschlängeln, ab und zu halten wir am Wegrand und warten auf etwas, manchmal auf den Sonnenuntergang oder darauf, dass wir müde werden oder Hunger bekommen. Stempski ist immer der Erste, der schläft. Dann versuche ich noch eine Weile, Sterne zu finden, aber ich kann das nicht. Ab und zu kommen wir bei unseren Fahrten durch kleine Dörfer, in denen man uns als Helden feiert, wahrscheinlich, weil dorthin normalerweise keine Fremden kommen. Wenn wir den Dorfbewohnern erzählen, dass wir auf dem Weg zu ihnen schon in einigen anderen Ortschaften waren, glaubt man uns nie. Einmal wird sogar ein Schwein für uns geschlachtet, aber am nächsten Morgen machen wir uns heimlich aus dem Staub, um ihnen ihre Einzigartigkeit zu lassen.

Nirgendwo ein Telefon.

Ich wüsste auch ihre Nummer nicht.

Ich könnte mir eine ausdenken. Vielleicht habe ich Glück. Oder ich rufe eine öffentliche Telefonzelle an und sie steht daneben und hebt den Hörer ab.

***

Wenn wir ganz ganz weit nach vorne gucken, sehen wir, wo wir irgendwann ankommen werden. Und je weiter wir nach vorne gucken, desto länger dauert es, bis wir dort ankommen, wo wir hingeguckt haben. Im Endeffekt ist es egal. Man kommt ständig irgendwo an, dazu braucht man noch nicht einmal ein Auto.

Ich könnte mir auch über andere Dinge Gedanken machen. Etwa über die Veränderung in meinem Leben – aber auch die hätte mit Autofahren zu tun. Das ist das Problem: man kann nicht über den Tellerrand hinaussehen. Man denkt nicht über sich, sondern mit einem selbst. Könnte ich mittels eines Anderen denken, Frieder zum Beispiel oder Maria, dann wäre es einfacher. Ich könnte mich sogar fragen, was ich mache – und warum. Ich könnte sogar darüber rätseln, was ich wohl denke. Indem ich aber mit mir denke, weiß ich es meist schon im Voraus. Dazu braucht man nicht einmal eine Schreibmaschine, dazu genügt ein Spiegel oder irgendwas dergleichen.

Letztlich hängt alles von der zurückgelegten Distanz ab.

zwölf

Ich stelle Sitting Bull auf die Lehne meines Sonnenstuhls, um ihm eine Frage zu stellen. »Warum werde ich eigentlich nicht mehr von Monstern angegriffen?«

»Weil du nicht mehr in der Stimmung dafür bist.«

»… du willst mir allen Ernstes erklären, der einzige Grund dafür ist der, dass ich nicht mehr in der Stimmung dafür bin?!«

»Das sagte ich, oder?«

Ich staune. Dann denke ich nicht mehr darüber nach. Ich denke an gar nichts, folglich denke ich an Maria. Oder Nastassja. Oder an beide. Sie fehlt mir.

Ich frage mich, in welcher Stimmung ich jetzt bin. Anscheinend in keiner, die unerklärliche Ereignisse anlockt. Vielleicht ist sie auch selbst viel zu unerklärlich. Jede überirdische Erscheinung müsste sich, verglichen mit meiner Stimmung, ob ihres Namens in Grund und Boden schämen. Gerade in diesem Moment sind es Namen, die mein Denken belasten.

Ich könnte auch andere Sorgen haben. Jederzeit könnte sich mein Sonnenstuhl in eine riesige weiße Spinne oder etwas derartiges verwandeln.

Es wird immer dunkler. Das ist ein Tag, wenn es immer dunkler wird, und Nacht ist, wenn es immer heller wird. Ich beobachte noch das Wasser, das sich tatsächlich verfärbt, und gehe dann schlafen, weil das immer ein gutes Ende für einen Tag ist, wie es auch ein guter Anfang für eine Nacht ist, und beim Aufwachen ist es genau umgekehrt.

***

Aufwachen ist genau das richtige Wort für das, was mit mir passiert.

Ich wache auf und sehe Stempski und Frieder, die auf dem Rücksitz eines Autos sitzen und auf mich warten. Ich zögere nur kurz.

Wir fahren über die Rampe aus dem Schiffsrumpf und sind da.

»Du weißt doch nicht einmal, wo wir sind«, sagt Sitting Bull.

Stimmt. Und ich weiß auch nicht, wozu wir hier sind.

»Das hier ist dein Geburtsort.«

Nein.

»Wenn ich es dir sage. Nach etwa einer Woche wirst du sehen, dass ich recht habe.«

Ich habe nie auch nur in der Nähe eines Hafens gewohnt.

»Eine Woche. Wir gehen am besten in ein Hotel.«

»Du hast mir noch nicht gesagt, wozu wir hier sind.«

»Der Vorsitzende des …«

Nicht schon wieder. Ich bin ja schon ruhig.

***

Das Hotel scheint gemütlicher, als ich es in Erinnerung hätte, wenn ich mich daran erinnern könnte. Immer noch glaube ich Sitting Bull, ich glaube aber immer noch nicht, dass er die Wahrheit sagt.

Stempski und Frieder werden immer weniger menschlich und immer mehr zu Gepäckstücken, scheint es mir. Ich frage mich ohnehin, wozu ich sie mitgenommen habe. Wahrscheinlich sollte ich sie mitnehmen. Irgendjemand hat es mir gesagt – und ich habe es getan. So ist das Leben.

Wir tun nicht wirklich etwas. Wir sitzen seit Tagen in diesem Hotel, und anscheinend warten alle nur auf den Moment meiner Erleuchtung, darauf, dass ich aufspringe und rufe: »Ja, natürlich!«, und dass ich diesen Ort als meinen Heimatort akzeptiere und ihn umarme oder so ähnlich, als wäre damit mein Auftrag, oder wie auch immer man es nennen mag, erfüllt.

elf

Stempski und Frieder sind bestimmt schon dort und warten auf uns, weil sie ein Flugzeug genommen haben: Stempski war zu übel zum Autofahren. Auf einmal bezweifle ich, dass Fliegen eine gute Idee war. Um mich abzulenken, stelle ich mir das Chaos an Bord vor.

Dann fällt mir etwas anderes ein. »Sitting Bull?«

»Ja?«, sagt er aus dem Getränkehalter heraus.

»Du hast doch gesagt, Imbsweiler könne mir helfen.«

»Ja.«

»Also? Das hat er doch gar nicht.«

»Er hat dir Nastassja vorgestellt.«

»War das so wichtig?«

»Ja.«

Ich frage lieber nicht weiter, mehr Wahrheiten kann ich heute nicht ertragen, außerdem muss ich mich aufs Fahren konzentrieren, weil ich mich nämlich immer auf irgendwas konzentrieren muss.

Nastassja sitzt neben mir, hat den Kopf in den Nacken gelegt und zählt die Sterne am Himmel, aber weil sie sie durchs Autodach nicht sehen kann, ist sie ziemlich bald damit fertig.

Am nächsten Morgen kommen wir an einem Hafen an. Ich sage: »Hier ist Mexiko.«

Nastassja sagt: »Das ist nicht Mexiko.«

Ich sage: »Du wärst enttäuscht von Mexiko.«

»Ich bin enttäuscht.«

»Sag ich doch.«

Wir steigen aus, ich nehme Sitting Bull, wir gehen zum Wasser und sehen uns die Schiffe an, bis wir eins gefunden haben, das mir gefällt.

Ich sage: »Ich werde mit dem Schiff weiterfahren.«

Nastassja sagt: »Ich bleibe hier.«

»Du lügst.«

»Ja.«

»Dann ist das hier ein Abschied?«

»Nein.«

Ich gehe an Bord, und Nastassja geht in Richtung dieser Ortschaft, die auf dieser kleinen Landzunge links von mir liegt, diese Ortschaft, in deren Richtung sie geht, und von da aus kann man das Meer sehen. In diese Richtung geht sie.

Mein Schiff legt ab.

***

In meiner Kabine sitzen Frieder und Stempski. Beide sehen recht fröhlich aus – vielleicht, weil sie nicht wissen, was sie erwartet, vielleicht, weil es ihnen egal ist. Wir unterhalten uns nur kurz, Stempski geht dann an Deck oder aufs Klo oder sowas, und auch ich gehe an die frische Luft.

Draußen brennt die Sonne, wie immer. Heute kann man es spüren, man kann es riechen und man kann es an den anderen Leuten sehen: Willst du mich nicht ins Meer wefen? – immerhin kommen wir von dort, da kann es nicht wirklich schlimm sein, dort zu sterben. Vielleicht wird man auch gerettet, von einem Delfin zum Beispiel oder von einem U-Boot. Also doch lieber hierbleiben. Jeder hier an Bord stand schon vor dieser Frage: Springen oder nicht springen? – Dass noch alle da sind, ist ein Fehler in der Wahrscheinlichkeit. Würde man unendlich viele Menschen aufs Meer rausfahren und stünden unendlich viele Menschen vor dieser Entscheidung, würde sich der Anteil der Springenden beim anzunehmenden Prozentsatz einpendeln: etwa die Hälfte. Das ist wahrscheinlich.

Wenn es Nacht wird, verfärbt sich das Wasser, bis man es nicht mehr sehen kann, also genau wie die Erde, wenn man auf dem Festland ist; es lässt sich durchaus aushalten auf dem Meer.

zehn

Kapitel 2_Ich komme auch nie zurecht mit dieser Rolle des Erzählers – ich meine, wieso soll ausgerechnet ich diese Geschichte erfinden, die ich nicht bin? Aber jetzt kommt ohnehin eine ganz ganz lange Autofahrt mit Nastassja nach Mexiko, weil Lügen die echten Wahrheiten sind.

 

Die Landschaft ist viel zu weit, um noch Deutschland zu sein. Wasser haben wir aber keins überquert, also sind wir nicht in Amerika, es sei denn, wir sind rübergefahren, während ich geschlafen habe. Jetzt fahre ich wieder und Nastassja sitzt neben mir. Ich weiß nicht einmal so genau, wo Mexiko überhaupt liegt, aber seltsamerweise bin ich mir ziemlich sicher, in die richtige Richtung zu fahren. Vielleicht ist Mexiko ja auch einfach dort, wo ich hinfahre, ich meine, einfach nur der Nase nach. Vielleicht bin ich es auch gar nicht mehr, der sich bewegt, sondern nur der Boden unter mir. Eine ebenso erheiternde wie beängstigende Vorstellung, und insofern eine, die zu Mexiko passt – ich weiß es nicht, wahrscheinlich ist es auch nicht wichtig.

Ich lache rüber. »Du bist ja immer noch da.«

»Du hast mir auch keine Gelegenheit gegeben abzuhauen.«

»Möchtest du?«

»Soll ich diesmal lügen?«

»Ja.«

»Ja.«

»Dann sollte ich besser nicht anhalten, oder?«

»Nein. Du musst morgen in Mexiko sein.«

»Sind wir nicht bereits da?«

»Es ist noch nicht morgen.«

»Stimmt auch wieder.«

»Warum siehst du mich so an?«

»Du bist schön.«

»Und deshalb erinnere ich dich an jemanden?«

»Nein – nein, deshalb nicht.«

»Aber du hast doch sicherlich schon öfter schöne Menschen gesehen.«

»Bis vor kurzem habe ich das auch geglaubt.«

»Bis vor kurzem heißt bei dir: kein Leben lang?«

»Ich bin kein Prophet.«

»Du fährst wie einer.«

Ich lache. »Und du bist immer noch da.«

»Ich möchte wissen, warum ich dich an sie erinnere.«

»An wen?«

»Tu nicht so.«

»Du tust weh.«

»Wem?«

»Mir.«

»Wie könnte ich? Mexiko steigt dir zu Kopf, mein Freund. Ich tue dir nicht weh.«

»Aber du machst, dass es weh tut.«

»Dass was weh tut?«

»Keine Ahnung.«

»Heißt das, ich muss weiter auf eine richtige Antwort warten?«

»Würde das heißen, dass du weiterhin da sein wirst?«

»Ja.«

»Dann: ja.«

»…«

neun

Im Theater selbst riecht es nach Strom. Beziehungsweise, es riecht extrem nach Elekronik oder Nebelwerfern – ich war lange nicht mehr hier, denke ich.

Hugo kommt um die Ecke, sieht mich und will mich zur Begrüßung umarmen. Ich weiche zurück. Seine gute Laune scheint das nicht zu trüben.

»Schön, dass du wieder da bist. Imbsweiler hat dich schon vermisst.«

Wieso sollte mein Chef mich vermissen?

»Bist du gekommen, um am neuen Projekt teilzunehmen? Ich habe gehört, man hat dich ins Krankenhaus gebracht. Geht’s dir schon wieder besser? Wenn du Nastassja siehst, sag ihr, Imbsweiler sucht sie.«

Neues Projekt? Nastassja? Ich verstehe kein Wort, überlasse Hugo dem Gespräch mit Stempski und Frieder und gehe, Sitting Bull in der Jackentasche, weiter in Richtung Bühne.

Das Erste, was ich sehe, sind die Kameras. Viele Kameras. Und Kabel. Und Scheinwerfer. Und Kameramänner und Kabelträger und Scheinwerferträger.

Plötzlich steht Imbsweiler vor mir. »Hey – dass man dich auch mal wieder sieht.«

»Äh … wie geht’s deiner Nase?«

Er grinst übers ganze Gesicht. »Gut, gut. Ich war einen Tag vor dir im Krankenhaus.«

»Oh, tatsächlich? Und du bist mir nicht mehr böse wegen … dieser Sache?«

»Wie? Ach so, nein, keineswegs. War doch längst überfällig, dass ich mal zusammengeschlagen werde. So oft, wie ich schon jemandem die Fresse poliert habe; oder was glaubst du, wie ich an diesen Job im Theater gekommen bin?«

Normalerweise würde ich jetzt die Welt nicht mehr verstehen, aber dazu ist es schon ein bisschen zu spät. Nur: was sollen die Kameras hier überall?

»Ich bin sicher, du hast es schon bemerkt: Wir drehen hier einen Film!«

»Einen Film? Im Theater?!«

»Naja, hör mal – man muss doch mit der Zeit gehen.«

Ich traue meinen Ohren nicht.

»Schade, dass du im Krankenhaus warst und Maria nicht mehr hier ist.«

Schon wieder dieser Name.

»Aber ich glaube, ich habe passablen Ersatz für sie gefunden – hast du Nastassja schon kennengelernt?«

Der Name auch schon wieder.

»Oh, ich glaube, da hinten ist sie … na, was ist? Kommst du?«

Was soll’s. Solange sich Nastassja nicht in ein Monster verwandelt – und solange sie nicht Maria ist …

»Hi Nastassja, ich brauch dich gleich für die nächste Szene oder so … äh … ich geh dann mal.«

Na toll. Hätte ich mir ja denken können.

»Und du bist?«

»Wenn ich das wüsste…«

»Ich weiß es«, sagt Nastassja.

»Natürlich.«

»Man hat von dir erzählt.«

»Natürlich. Woher kenne ich dich?«

»Von wo ich dich kenne.«

»Du erinnerst mich an jemanden.«

»Nein«, wehrt Nastassja ab.

»Sicher?«

»Ich denke schon. Ich bin da sehr eigen. Man sollte sich nicht gleich beim ersten Treffen auf diese Ebene stellen.«

»Sich selbst?«

»Gegenseitig.«

»Ja … ja, das stimmt wohl. Aber ich habe dich doch noch nie gesehen …?«

»Nein.«

»Seltsam – soll ich lügen?«

»Ich bitte darum.«

»Ich muss morgen in Mexiko sein.«

»Und das heißt?«

»Wir sollten fahren.«

»Ja.« Ihre einzige Antwort.