drei

Ich erwache erneut, geweckt durch einen Luftzug zwischen der offenen Tür und dem ebenso offenen Fenster. War der Doktor schon hier? Als ob sich überhaupt irgendjemand um mich kümmern würde. Man glaubt ja immer noch, ich sei nicht krank. Und was hatte es mit diesem Albtraum auf sich?

»Ein Versuch, dir die ganze Geschichte zu erklären, ein Hinweis, die ganze riesige Wahrheit über deine Rolle in dieser Sache – aber du bist zu früh aufgewacht«, meint vom Beistelltisch neben mir Sitting Bull.

Ich drehe mich zu ihm.

»Einfach zu früh aufgewacht, so ein Trottel.«

»Und du?«, frage ich einigermaßen hoffnungsvoll. »Kannst du mir nicht einfach alles erklären? Ich meine, die ganzen Dinge, die passieren, die ganzen Dinge, die mit mir passieren, und so?«

»Nein.«

»Nein?«

»Hey, was erwartest du von einem billigen Abklatsch aus dem Discounter? Ich weiß nur, dass uns in dieser Hinsicht noch eine weite Reise bevorsteht.«

»Uns?«

»Jemand wie du hat nicht viele Freunde. Ich an deiner Stelle würde mich über jeden einzelnen freuen, der mir irgendwie weiterhelfen kann.«

»Kannst du das denn?« Ich komme mir vor wie der Papst auf dem Arbeitsamt.

»Ich kenne jemanden, der es kann – und du kennst ihn auch.«

Jetzt bin ich doch gespannt.

»Dein ehemaliger Chef.«

Seit wann ist mein Chef mein ehemaliger Chef? Okay, als ich ihn das letzte Mal sah, blutete er aus der Nase und mir tat die Hand weh. Aber deshalb… Beim Gedanken, er könne der Einzige sein, der in der Lage ist, mir zu helfen, überkommt mich ein Zittern.

Sitting Bull fährt ungerührt fort. »Das Wichtigste ist momentan, dass wir hier rauskommen. Du hast bestimmt schon bemerkt, dass der Doktor nicht auf deiner Seite ist, und den Anderen hier kann man nicht trauen.«

Einen Moment lang zweifle ich nicht an seinen Worten. Aber: »Wohin sollen wir dann? Ich bin immer noch krank und komme in meinem Zustand keine dreißig Meter weit. Und du … naja, du … ich meine, sieh dich doch mal an: Ich müsste dich tragen!«

Sitting Bull scheint auch das nicht zu beeindrucken. »Du bist nicht krank.«

»Und du fängst schon an zu reden wie der Doktor.«

»Als dich letzte Nacht die Katze verfolgt hat, warst du erstaunlich fit.«

»Das war ein Traum.« Woher kennt er ihn?

»War es das?«

***

Sitting Bull sitzt im Getränkehalter und ich probiere die Wagenschlüssel, die in meinem Bett lagen. Sie passen, und der Wagen springt problemlos an. Ich bin der Einzige im Parkhaus, es ist noch sehr früh am Tag. Für einen kurzen Moment der Euphorie vergesse ich meine Skepsis, fühle mich sogar ausgeruht und gesund. Dann fällt mir meine alte Frage wieder ein. »Und wohin nun, großer Häuptling? Wenn du mir darauf jetzt auch noch eine gute Antwort geben kannst, bin ich wirklich beeindruckt.«

»Zu dir.«

»Ich bin schon da.«

»Herrje – ich meine natürlich, zu dir nach Hause.«

Meine Wohnung. Die hatte ich schon ganz vergessen. Dass ich nicht selbst darauf gekommen bin. Trautes Heim, Glück allein. Jaja, die gute alte Wohnung. Mein Zuhause. Moment mal: Ich habe gar keine Wohnung.

»Ich habe gar keine Wohnung.«

»Doch.«

So langsam nervt mich seine Ruhe und Gelassenheit. »Doch?«

»Fahr los, ich führe dich hin.«

Wenn meine Rolle in dieser ganzen Weltgeschichtenscheiße damit anfängt, dass ich mich von einer Energydrinkdose zu meiner Wohnung führen lasse, an die ich mich nicht erinnere, weil ich nie eine hatte, dann hätte ich auch gleich im Krankenhaus bleiben und den Tropf ein bisschen weiter aufdrehen können.

»Du wirst sarkastisch.«

Gott bewahre.

Ich fahre los, immerhin habe ich keine andere Wahl und auch nichts anderes zu tun, und wenn ich einfach nur tue, was Sitting Bull mir sagt, kann ich später bei der Polizei wenigstens alles auf ihn schieben und werde nur der Mittäterschaft angeklagt, Mittäterschaft wobei auch immer, es sei denn, man holt mich gleich mit der fahrenden Gummizelle.

***

Draußen strahlt der Himmel so unnatürlich blau, als wollte er sagen: »Es ist alles in Ordnung«, und wüsste dabei selbst, dass er lügt. Sogar Menschen gibt es hier draußen noch, so lange war ich also gar nicht im Krankenhaus. Und sie sind sogar gesund oder scheinen zumindest gesund oder sie tun nur so, aber immerhin laufen sie normal, also nicht mit Krücken oder gar nicht.

Manchmal fahre ich sogar besonders langsam, um sie zu betrachten, meistens aber, weil ich mich in diesem Stadtteil nicht auskenne und Sitting Bull mir den Weg weisen muss. Die Namen der Straßen hier klingen alle wie die von Ganoven oder von typischen Deutschen.

Irgendwann heißt er mich anhalten, also halten wir vor einem undenkbar alten Gebäude mit trotz seines Alters sieben Stockwerken und vielleicht sogar einem Hinterhof. Fenster gibt es nicht – das heißt, Fenster gibt es schon, aber keine Fensterscheiben.

Ich nehme Sitting Bull, hole die Schlüssel aus meiner Jackentasche, diesmal schon beinahe ohne mich zu wundern, und schließe auf.

Ich staune: Die Wohnung sieht genau so aus, wie ich sie zurückgelassen hätte, hätte ich jemals in ihr gewohnt. Trotzdem weiß ich nicht, wo die Küche ist.

»Du stehst drin.«

Anscheinend gibt es wirklich noch einiges, das ich lernen muss. Wie ich mich darauf freue…

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