zwei

Eine Spritze, schießt es mir durch den Kopf. In einem Krankenhaus gibt es eine Menge Spritzen und bestimmt das ein oder andere giftige Mittel, das ich mir spritzen könnte. Der Doktor ist noch nicht da, und ich eile, haste den Gang hinunter, erinnere mich: In dem Zimmer, in dem die Blumenvasen stehen, da, wo man sich einen Fernseher oder sowas ausleihen kann, da lagen immer Spritzen rum, wahrscheinlich für die Krankenschwestern. Falls es sowas wie drogenabhängige Krankenschwestern gibt, brauchen die ja auch Spritzen. Eigentlich habe ich gar keine Zeit, so viel zu denken, aber ich denke nun mal ziemlich schnell, also schneller als ich denken kann, deshalb denke ich schon das eine, während ich das andere schon nicht mehr denke (oder so ähnlich), und ehe ich mich versehe, stehe ich vor dem Raum mit den Spritzen. Mist, jemand drin. Während ich mich an die Wand lehne und auf eine günstige Gelegenheit lauere, bemerke ich, dass ich ja eine richtige Blutspur hinter mir herziehe und mittlerweile schon in einer richtigen Blutlache stehe. Ich hole mir noch eine Zeitung und einen Energydrink aus der Caféteria, bevor ich umkippe.

***

Als ich wieder aufwache, sitzt mir gegenüber auf dem Besucherstuhl eine große schwarze Katze mit einem Menschenkopf, den ich aber in der Dunkelheit gar nicht sehen kann, vielleicht hat sie also auch gar keinen Menschenkopf; aber sprechen kann sie.

»Bevor ICH etwas sage …«

»Du hast schon etwas gesagt«, entgegne ich bemüht listig.

»Wer?«

»DU.«

»Ach so. Ja.«

»Und?«

»Bevor ICH etwas sage, solltest du dein Handy ausschalten.«

Nun ist es ja schon seltsam genug, wenn man von einer großen schwarzen Katze gebeten wird, sein Handy auszuschalten – die Sache verkompliziert sich allerdings, wenn man gar kein Handy besitzt.

»Warum?«

»Man könnte uns abhören.«

Ich krame unter dem Kopfkissen, finde endlich das Handy, das ich nicht besitze; es leuchtet nicht, nur die Batterieanzeige, ich schalte es aus.

»Perfekt. Da wir jetzt ungestört sind: Du weißt ja sicher, wer ICH bin.«

»Nein.«

»Der Doktor hat mICH nicht erwähnt?«

Nicht dass ich wüsste. Ich versuche mich zu erinnern, aber an das Gespräch mit dem Doktor will ich mich gar nicht erinnern.

»Und alles andere? Hat er davon gesprochen?«

Komm zur Sache. Das sage ich natürlich nicht. Wer möchte es sich schon mit einer Katze verscherzen, die dabei ist, einem die großen Geheimnisse des Lebens zu offenbaren?

»Schade. ICH hatte gehofft, wenigstens du müsstest nicht ahnungslos sterben.«

Na endlich kommt sie auf den Punkt. »Du bist also hier, um mich zu töten?« Zweierlei fällt mir auf: dass es Nacht ist – und die Zähne der Katze.

»Ja.«

Ich hab nur ganz ganz wenig Zeit, zur Seite zu springen, aber irgendwie schaffe ich es. Die Katze verfängt sich in der Bettdecke, ich nutze die Gunst der Sekunde und werfe mein Bett um. Im Wissen, dass ich diesen Killer dadurch nicht lange aufhalten kann, stürze ich zur Tür hinaus und den Gang entlang in Richtung des nächsten Aufzugs. Hinter mir höre ich das Keuchen der Katze, ihre Krallen schlagen den Boden bei jedem ihrer Schritte, ich entscheide mich kurzentschlossen für die Treppe und laufe aller dramatischen Wahrscheinlichkeit zum Trotz nach unten, Richtung Tiefgarage. Jemand ruft: »Nicht nach unten, das ist eine Sackgasse«, aber habe schon die beiden Treppen genommen und stoße die Tür zur Tiefgarage auf. Dann lausche ich. Von der Katze ist nichts zu hören, aber ich renne dennoch weiter und weiter, bis ich irgendwann genau auf ein Auto renne und auf der Kühlerhaube liegenbleibe, und da merke ich, dass die Kühlerhaube eigentlich mein Bett ist und mein Kissen und der Beistelltisch und darauf die Dose mit dem Energydrink und davor der Besucherstuhl, und dass das alles wahrscheinlich ein sehr vielsagender und bedeutsamer Albtraum war.

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