eins

Kapitel eins_Ich kann nix dafür, ich musste mir die ganze Geschichte in zwei Wochen aus den Fingern saugen und eigentlich ist es mir auch scheißegal, was ihr davon haltet.

 

»Sie müssen verrückt sein«, keuche ich und falle beinahe auf den Beistelltisch. Der Doktor fängt mich auf, ich setze mich aufs Bett, er rückt seine Krawatte zurecht.

»Sehen Sie. Wenn Sie wirklich krank wären, würden Sie so etwas nicht sagen.«

»Bastard«, flüstere ich noch, dann ziehe ich mir meinen Morgenmantel an und laufe auf den Gang hinaus. Meine Verwandten sind schon wieder verschwunden, sie wollten doch nur eine Vase für die Blumen suchen gehen. Schlagartig wird mir alles klar: Ihre gute Laune, die Aussage, bald würden sie mich nicht mehr besuchen müssen, ihr Unwille, sich mit mir in die Caféteria zu setzen.

Wut. Vorher habe ich nicht gewusst, was das ist. Jetzt staunst du, was? Die Angst hat Engelsaugen. Blödes Geschwätz. Noch ein Tag hier, morgen keine Tabletten mehr, dann wird sich alles auflösen, dann wird sich alles in Wohlgefallen auflösen.

Auf dem Gang überhole ich mehrere andere Kranke. Wer könnte von denen behaupten, sie seien nicht krank? Sollen doch einen von denen rausschmeißen, dann stirbt er daheim, da werden sie schon sehen, was sie davon haben. Ich sollte rausgehen. Ich meine, ich sollte an die Öffentlichkeit gehen. An die Presse. Skandal, schreit es in mir. Es muss Leute geben, die sich für so etwas interessieren, die sich für mich einsetzen, jeder setzt sich für irgendeinen Scheiß ein. Für einen Moment plane ich das alles tatsächlich.

Plötzlich stehe ich in einem Krankenzimmer. Keiner da, aber der Fernseher läuft (Nachrichten, aber keine Meldung über mich. Außerdem weiß ich, dass der Nachrichtensprecher mich nicht sehen kann, deshalb ist er mir egal. Ich könnte ihn jederzeit töten, indem ich umschalte, und er würde sagen: »Vielen Dank, schalten Sie auch das nächste Mal wieder ein, wenn ich krepiere.« Oder es käme eine Katastrophenmeldung und er würde zu glucksen beginnen: »Entschuldigen Sie bitte, natürlich ist das nicht lustig, aber unter meinem Tisch hat es mich grade gekitzelt…«).

Draußen vor dem Balkon reißt der Himmel auf, und da reißt der Himmel, Vergötterung dieses Augenblicks, wo bleibst du, wenn man dich nötig hat, ich gehe raus und bin bereit, mich vom Balkon in den Tod zu stürzen. Unten aber stehen schon der Doktor und seine Schwestern, ich meine seine Krankenschwestern, und halten ein riesiges Sprungtuch, da habe ich keine Chance, dran vorbei zu springen. Mein Morgenmantel flattert schon sprungbereit im Wind, der Doktor schreit irgendwas Bekanntes wie »Weize mich, weize mich« oder so ähnlich, ein Vogel singt, vielleicht stehe ich in seinem Revier oder er will sich mit mir paaren.

Wie dem auch sei, der Doktor hat mich durchschaut, wusste, dass ich versuchen würde, mich umzubringen – ich klettere wieder vom Geländer, stehe kurz ratlos auf dem Balkon im zwanzigsten oder einundzwanzigsten Stock. Eine Spritze schießt mir durch den Kopf …

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