sechs

»Und was genau hat sie damit zu tun?«, frage ich endlich.

»Sie ist es.«

»Ist was?«

»Alles. Mein Grund und dein Grund und der Grund für das, was wir tun und weshalb wir uns kennen und der Grund dessen, wohin wir gehen. Das alles ist sie.«

Eine Zeit lang war ich versucht gewesen, meine Rolle auszufüllen. Jetzt will ich alles, nur nichts mehr hiermit zu tun haben.

»Was tust du?«

Ganz einfach: ich gehe. Noch nie fiel es mir leichter, eine Tür zu öffnen und eine Wohnung und jemanden in dieser Wohnung hinter mir zu lassen als heute. Ich trete auf die Straße. Ich kann ein ganz normaler Mensch in einer ganz normalen Stadt sein. Die Autos wollen mich nicht überfahren, die Menschen mich nicht schlagen, die Katzen mich nicht töten.

Ich muss das alles nicht machen, sage ich mir.

***

Stempski wälzt sich auf der Couch herum wie ein gestrandeter Wal, und wenn er redet, dann weht ein leichter Bierhauch durchs Zimmer. Reden kann Stempski wie kein Anderer, was die Menge des Gesagten angeht. Was er sagt, weiß ich nicht, ich höre ihm nicht zu.

»…«, meint er und versucht aufzustehen. Ich drehe die Musik leiser, als würde es ihm dadurch leichter fallen. Entgegen meinen Erwartungen schafft er es tatsächlich, streicht sich durch seinen desolaten Bart und schleicht Richtung Küche.

»Find ich gut, dass du dich nicht mehr mit dieser Scheiße abgibst«, ruft Frieder aus dem Badezimmer. »Das hätte dich früher oder später ohnehin kaputtgemacht. Denk nur dran, wie sie dich ins Krankenhaus gefahren haben.«

Ich habe keine Lust zu antworten. Drei Wochen sind vergangen, und ohne Frieder und Stempski hätte ich das alles vielleicht schon vergessen. Vielleicht würde es mir ohne sie aber auch wesentlich schlechter gehen. Vielleicht hätte ich es auch ohne sie nicht vergessen können und vielleicht, denke ich nur ganz kurz, ist es auch nicht Sinn der Sache, dass ich es vergesse. Den Sinn vergesse, denke ich mir. Ob er es wirklich ist, weiß ich nicht. Ich verdränge diese Gedanken, denn sie könnten mich zurückführen, und dort, wohin sie mich zurückführen würden, ist Maria, und wo Maria ist, will ich nicht mehr hin.

Frieder, frisch geduscht sieht er aus, kommt aus dem Badezimmer. Es stört mich nicht wirklich, dass er meine Dusche benutzt, aber es scheint mir der Sache nicht angemessen. Welcher Sache? Ich habe den Beiden immer noch nicht erklärt, warum sie hier sind, auch wenn ich genau weiß, dass es einen guten Grund dafür gibt.

Als hätte Frieder meine Gedanken gelesen (was bei mir sehr einfach zu sein scheint), sagt er: »Du weißt ja: Falls du wegen dieser Geschichte nochmal Probleme bekommen solltest… ich meine, Stempski ist zwar ständig besoffen, aber wenn’s drauf ankommt…«

Ich nicke. Eigentlich habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass er es ansprechen würde; es wird dadurch leichter…

Ich komme nicht dazu, etwas zu erwidern. Es ist übrigens nicht die Monsterfliege, sondern der große Frosch.

fünf

Monsterfliegen. Große Frösche. Katzen mit Menschenköpfen, die man nicht sehen kann. Plötzlich habe ich keine Lust mehr zu schlafen. Ich stelle Sitting Bull auf die Fensterbank, man kann ja nie wissen. Außerdem suche ich mir das größte Küchenmesser heraus, das ich finde, denn wenn es um mein Leben geht, verlasse ich mich ungern auf eine Getränkedose.

»Was soll das heißen? Willst du mich beleidigen?«

Himmelherrgott nochmal. Ich sollte besser darauf achten, was ich denke. Als ob denken allein nicht schon genug Arbeit wäre. Ich nehme mir ein Glas Milch.

»Milch ist ungesund.«

Das sagt der Richtige.

»Hör mal – wenn du schon nicht schläfst, dann kann ich dir auch ein bisschen von dieser ganzen Story erzählen.«

»Brich dir nicht die Zunge.«

»Und du mach dir nicht zu viele Gedanken. Soll ich jetzt oder nicht?«

Mir egal, solange es mich nicht allzu sehr langweilt. Vielleicht ist diese ganze Scheiße am Ende noch interessant, dann hätte mein Leben zumindest wieder einen Sinn.

»Als es anging, damals, als du noch bei deinen Eltern gewohnt hast …«

… bevor ich nicht in diese Wohnung gezogen bin.

»… hast du da öfter mal die Zeitung gelesen?«

Na klar … ich denke schon.

»Und stand da jemals etwas über den Vorsitzenden des Taubenzuchtvereins?«

Nein …

»Siehst du.«

»Aha. Du willst mir also erklären, das alles habe damit zu tun, dass in der Zeitung nie etwas über diesen Typen stand?«

Sitting Bull scheint allmählich zu resignieren. »Verstehst du denn nicht? Es muss doch einen Grund haben, dass er sich in dieser Zeit vor der Öffentlichkeit versteckt hat.«

Na toll. Zum Schluss will mir diese sprechende Dose noch erzählen, der Vorsitzende des Taubenzuchtvereins sei für diese ganze Monsterscheiße verantwortlich. Was wohl als Nächstes kommt?

»Kannst du dich noch an Maria erinnern?«

NEIN.

»Ich meine: Maria.«

NEIN.

»Maria … du weißt doch, wen ich meine.«

NEIN.

Maria war so etwas wie ein Mensch. Das sagten zumindest die meisten. Ich konnte das nie glauben. Naja, sie sah aus wie ein Mensch, wenn auch besser. Sie verhielt sich auch wie ein Mensch, wenn es auch nie so wirkte, als ob sie das nötig hätte. Sicherlich gab es schönere Mädchen, aber keines, das man für so schön hielt wie Maria. Sie war schön, wenn sie auf der Bühne stand, unglaublich schön, aber noch mehr war sie grausam auf der Bühne. Ich meine: sie spielte grausam, grauenvoll – aber eben genau das: voller Grauen. Und das wusste sie auch. Sie wusste, wie sehr sie die Zuschauer mit ihrem schlechten Spiel quälen konnte, und keiner hatte sich vorstellen können, dass ein so schöner Mensch das tut und das sagt.

Sie war mehr als menschlich. Manchmal kam sie mir wie ein Kunstwerk vor, ein Kunstwerk, das weh tat. Und ich meine: weh tat. Sie hätte damals jeden haben können und wollte auch jeden, aber sie musste bemerkt haben, dass ich sie wollte. Es schien sie zu interessieren. Manchmal vergaß sie sogar ihren Hass. Sie konnte alles und jeden hassen und meistens tat sie das auch. Wenn sie jemanden kennenlernen wollte, dann nur, um ihn anschließend hassen zu können. Unsere Liebe war menschlich und unser Sex war menschlich. Maria war so etwas wie ein Mensch.

vier

Derweil, da es die Dramaturgie verlangt, weiter nördlich:

»Sie hat also nichts ausgeplaudert? Ich meine, nicht dass diese Tatsache ihr Versagen schmälern würde, aber immerhin verschafft uns das ein wenig Zeit. Trotzdem, er sollte jetzt eigentlich nicht mehr am Leben sein.«

»Der Doktor meinte…«

»Du hast mit dem Doktor gesprochen?!«

»Also, äh, ich … ich habe mit jemandem gesprochen, der, äh, also mit dem Doktor…» Er will aufstehen, aber sie kommt ihm zuvor und stößt ihn in den Stuhl zurück. Einen Moment lang hält er ihrem Blick stand, dann schaut er betreten zu Boden. Was auch imner jetzt folgt, solange er diesen Raum lebend verlässt, kann er sich glücklich schätzen.

Ihre Finger, eben noch zur Faust geballt, entspannen sich wieder. Er sinkt in sich zusammen, wagt es aber immer noch nicht aufzusehen; geschweige denn, etwas zu sagen. Er schweigt also, und ihr ruhiger Atem ist das einzige Geräusch außer dem Summen und Rattern von Faxgerät und Heizung, vereinzelten Schritten auf dem Korridor und dem Schmatzen von ganz, ganz hinten aus der Kantine. Vielleicht kommt von irgendwoher auch Musik. Ansonsten ist nichts zu hören außer ihrem Atem. Ab und zu noch ein Husten oder dieses Geräusch, mit dem eine Flasche um Hilfe ruft, die gerade entkorkt wird, und die startenden und landenden Flugzeuge des nahen Flughafens, dazu das Lärmen der Eisenbahn und ein rauschender Fluss.

Nur ihr ruhiger Atem. Gespenstisch kommt ihm diese Stille vor.

Wieder zurück im Süden. Obwohl es nicht wirklich südlich ist, nur eben südlicher als das Nördliche zuvor. Vom neutralen Standpunkt aus würde man es eher dem Westen zuordnen, aber Westen und Süden gehören ja schon seit jeher zusammen wie Norden und Osten, oder hat von euch schon mal jemand von nordsüdlicher Himmelsrichtung gehört? Ich nicht. Also, zurück im Süden:

Dass ich mich schlafen legen soll, lasse ich mir nicht zweimal sagen.

»Halt«, ruft Sitting Bull von der Küchenablage.

»Was denn nun noch?«

»Bevor du dich ausruhst – stell mich ans Fenster oder an die Tür.« Ich verstehe nicht ganz, aber die Erklärung lässt glücklicherweise nicht lange auf sich warten. »Ich will dich möglichst früh warnen können, falls etwas versuchen sollte, in die Wohnung einzudringen.«

»Etwas???«

Sitting Bull würde jetzt liebend gerne mit den Schultern zucken, das höre ich an seiner Stimme. »Naja, ein großer Frosch vielleicht. Oder eine Monsterfliege.«

drei

Ich erwache erneut, geweckt durch einen Luftzug zwischen der offenen Tür und dem ebenso offenen Fenster. War der Doktor schon hier? Als ob sich überhaupt irgendjemand um mich kümmern würde. Man glaubt ja immer noch, ich sei nicht krank. Und was hatte es mit diesem Albtraum auf sich?

»Ein Versuch, dir die ganze Geschichte zu erklären, ein Hinweis, die ganze riesige Wahrheit über deine Rolle in dieser Sache – aber du bist zu früh aufgewacht«, meint vom Beistelltisch neben mir Sitting Bull.

Ich drehe mich zu ihm.

»Einfach zu früh aufgewacht, so ein Trottel.«

»Und du?«, frage ich einigermaßen hoffnungsvoll. »Kannst du mir nicht einfach alles erklären? Ich meine, die ganzen Dinge, die passieren, die ganzen Dinge, die mit mir passieren, und so?«

»Nein.«

»Nein?«

»Hey, was erwartest du von einem billigen Abklatsch aus dem Discounter? Ich weiß nur, dass uns in dieser Hinsicht noch eine weite Reise bevorsteht.«

»Uns?«

»Jemand wie du hat nicht viele Freunde. Ich an deiner Stelle würde mich über jeden einzelnen freuen, der mir irgendwie weiterhelfen kann.«

»Kannst du das denn?« Ich komme mir vor wie der Papst auf dem Arbeitsamt.

»Ich kenne jemanden, der es kann – und du kennst ihn auch.«

Jetzt bin ich doch gespannt.

»Dein ehemaliger Chef.«

Seit wann ist mein Chef mein ehemaliger Chef? Okay, als ich ihn das letzte Mal sah, blutete er aus der Nase und mir tat die Hand weh. Aber deshalb… Beim Gedanken, er könne der Einzige sein, der in der Lage ist, mir zu helfen, überkommt mich ein Zittern.

Sitting Bull fährt ungerührt fort. »Das Wichtigste ist momentan, dass wir hier rauskommen. Du hast bestimmt schon bemerkt, dass der Doktor nicht auf deiner Seite ist, und den Anderen hier kann man nicht trauen.«

Einen Moment lang zweifle ich nicht an seinen Worten. Aber: »Wohin sollen wir dann? Ich bin immer noch krank und komme in meinem Zustand keine dreißig Meter weit. Und du … naja, du … ich meine, sieh dich doch mal an: Ich müsste dich tragen!«

Sitting Bull scheint auch das nicht zu beeindrucken. »Du bist nicht krank.«

»Und du fängst schon an zu reden wie der Doktor.«

»Als dich letzte Nacht die Katze verfolgt hat, warst du erstaunlich fit.«

»Das war ein Traum.« Woher kennt er ihn?

»War es das?«

***

Sitting Bull sitzt im Getränkehalter und ich probiere die Wagenschlüssel, die in meinem Bett lagen. Sie passen, und der Wagen springt problemlos an. Ich bin der Einzige im Parkhaus, es ist noch sehr früh am Tag. Für einen kurzen Moment der Euphorie vergesse ich meine Skepsis, fühle mich sogar ausgeruht und gesund. Dann fällt mir meine alte Frage wieder ein. »Und wohin nun, großer Häuptling? Wenn du mir darauf jetzt auch noch eine gute Antwort geben kannst, bin ich wirklich beeindruckt.«

»Zu dir.«

»Ich bin schon da.«

»Herrje – ich meine natürlich, zu dir nach Hause.«

Meine Wohnung. Die hatte ich schon ganz vergessen. Dass ich nicht selbst darauf gekommen bin. Trautes Heim, Glück allein. Jaja, die gute alte Wohnung. Mein Zuhause. Moment mal: Ich habe gar keine Wohnung.

»Ich habe gar keine Wohnung.«

»Doch.«

So langsam nervt mich seine Ruhe und Gelassenheit. »Doch?«

»Fahr los, ich führe dich hin.«

Wenn meine Rolle in dieser ganzen Weltgeschichtenscheiße damit anfängt, dass ich mich von einer Energydrinkdose zu meiner Wohnung führen lasse, an die ich mich nicht erinnere, weil ich nie eine hatte, dann hätte ich auch gleich im Krankenhaus bleiben und den Tropf ein bisschen weiter aufdrehen können.

»Du wirst sarkastisch.«

Gott bewahre.

Ich fahre los, immerhin habe ich keine andere Wahl und auch nichts anderes zu tun, und wenn ich einfach nur tue, was Sitting Bull mir sagt, kann ich später bei der Polizei wenigstens alles auf ihn schieben und werde nur der Mittäterschaft angeklagt, Mittäterschaft wobei auch immer, es sei denn, man holt mich gleich mit der fahrenden Gummizelle.

***

Draußen strahlt der Himmel so unnatürlich blau, als wollte er sagen: »Es ist alles in Ordnung«, und wüsste dabei selbst, dass er lügt. Sogar Menschen gibt es hier draußen noch, so lange war ich also gar nicht im Krankenhaus. Und sie sind sogar gesund oder scheinen zumindest gesund oder sie tun nur so, aber immerhin laufen sie normal, also nicht mit Krücken oder gar nicht.

Manchmal fahre ich sogar besonders langsam, um sie zu betrachten, meistens aber, weil ich mich in diesem Stadtteil nicht auskenne und Sitting Bull mir den Weg weisen muss. Die Namen der Straßen hier klingen alle wie die von Ganoven oder von typischen Deutschen.

Irgendwann heißt er mich anhalten, also halten wir vor einem undenkbar alten Gebäude mit trotz seines Alters sieben Stockwerken und vielleicht sogar einem Hinterhof. Fenster gibt es nicht – das heißt, Fenster gibt es schon, aber keine Fensterscheiben.

Ich nehme Sitting Bull, hole die Schlüssel aus meiner Jackentasche, diesmal schon beinahe ohne mich zu wundern, und schließe auf.

Ich staune: Die Wohnung sieht genau so aus, wie ich sie zurückgelassen hätte, hätte ich jemals in ihr gewohnt. Trotzdem weiß ich nicht, wo die Küche ist.

»Du stehst drin.«

Anscheinend gibt es wirklich noch einiges, das ich lernen muss. Wie ich mich darauf freue…

zwei

Eine Spritze, schießt es mir durch den Kopf. In einem Krankenhaus gibt es eine Menge Spritzen und bestimmt das ein oder andere giftige Mittel, das ich mir spritzen könnte. Der Doktor ist noch nicht da, und ich eile, haste den Gang hinunter, erinnere mich: In dem Zimmer, in dem die Blumenvasen stehen, da, wo man sich einen Fernseher oder sowas ausleihen kann, da lagen immer Spritzen rum, wahrscheinlich für die Krankenschwestern. Falls es sowas wie drogenabhängige Krankenschwestern gibt, brauchen die ja auch Spritzen. Eigentlich habe ich gar keine Zeit, so viel zu denken, aber ich denke nun mal ziemlich schnell, also schneller als ich denken kann, deshalb denke ich schon das eine, während ich das andere schon nicht mehr denke (oder so ähnlich), und ehe ich mich versehe, stehe ich vor dem Raum mit den Spritzen. Mist, jemand drin. Während ich mich an die Wand lehne und auf eine günstige Gelegenheit lauere, bemerke ich, dass ich ja eine richtige Blutspur hinter mir herziehe und mittlerweile schon in einer richtigen Blutlache stehe. Ich hole mir noch eine Zeitung und einen Energydrink aus der Caféteria, bevor ich umkippe.

***

Als ich wieder aufwache, sitzt mir gegenüber auf dem Besucherstuhl eine große schwarze Katze mit einem Menschenkopf, den ich aber in der Dunkelheit gar nicht sehen kann, vielleicht hat sie also auch gar keinen Menschenkopf; aber sprechen kann sie.

»Bevor ICH etwas sage …«

»Du hast schon etwas gesagt«, entgegne ich bemüht listig.

»Wer?«

»DU.«

»Ach so. Ja.«

»Und?«

»Bevor ICH etwas sage, solltest du dein Handy ausschalten.«

Nun ist es ja schon seltsam genug, wenn man von einer großen schwarzen Katze gebeten wird, sein Handy auszuschalten – die Sache verkompliziert sich allerdings, wenn man gar kein Handy besitzt.

»Warum?«

»Man könnte uns abhören.«

Ich krame unter dem Kopfkissen, finde endlich das Handy, das ich nicht besitze; es leuchtet nicht, nur die Batterieanzeige, ich schalte es aus.

»Perfekt. Da wir jetzt ungestört sind: Du weißt ja sicher, wer ICH bin.«

»Nein.«

»Der Doktor hat mICH nicht erwähnt?«

Nicht dass ich wüsste. Ich versuche mich zu erinnern, aber an das Gespräch mit dem Doktor will ich mich gar nicht erinnern.

»Und alles andere? Hat er davon gesprochen?«

Komm zur Sache. Das sage ich natürlich nicht. Wer möchte es sich schon mit einer Katze verscherzen, die dabei ist, einem die großen Geheimnisse des Lebens zu offenbaren?

»Schade. ICH hatte gehofft, wenigstens du müsstest nicht ahnungslos sterben.«

Na endlich kommt sie auf den Punkt. »Du bist also hier, um mich zu töten?« Zweierlei fällt mir auf: dass es Nacht ist – und die Zähne der Katze.

»Ja.«

Ich hab nur ganz ganz wenig Zeit, zur Seite zu springen, aber irgendwie schaffe ich es. Die Katze verfängt sich in der Bettdecke, ich nutze die Gunst der Sekunde und werfe mein Bett um. Im Wissen, dass ich diesen Killer dadurch nicht lange aufhalten kann, stürze ich zur Tür hinaus und den Gang entlang in Richtung des nächsten Aufzugs. Hinter mir höre ich das Keuchen der Katze, ihre Krallen schlagen den Boden bei jedem ihrer Schritte, ich entscheide mich kurzentschlossen für die Treppe und laufe aller dramatischen Wahrscheinlichkeit zum Trotz nach unten, Richtung Tiefgarage. Jemand ruft: »Nicht nach unten, das ist eine Sackgasse«, aber habe schon die beiden Treppen genommen und stoße die Tür zur Tiefgarage auf. Dann lausche ich. Von der Katze ist nichts zu hören, aber ich renne dennoch weiter und weiter, bis ich irgendwann genau auf ein Auto renne und auf der Kühlerhaube liegenbleibe, und da merke ich, dass die Kühlerhaube eigentlich mein Bett ist und mein Kissen und der Beistelltisch und darauf die Dose mit dem Energydrink und davor der Besucherstuhl, und dass das alles wahrscheinlich ein sehr vielsagender und bedeutsamer Albtraum war.

eins

Kapitel eins_Ich kann nix dafür, ich musste mir die ganze Geschichte in zwei Wochen aus den Fingern saugen und eigentlich ist es mir auch scheißegal, was ihr davon haltet.

 

»Sie müssen verrückt sein«, keuche ich und falle beinahe auf den Beistelltisch. Der Doktor fängt mich auf, ich setze mich aufs Bett, er rückt seine Krawatte zurecht.

»Sehen Sie. Wenn Sie wirklich krank wären, würden Sie so etwas nicht sagen.«

»Bastard«, flüstere ich noch, dann ziehe ich mir meinen Morgenmantel an und laufe auf den Gang hinaus. Meine Verwandten sind schon wieder verschwunden, sie wollten doch nur eine Vase für die Blumen suchen gehen. Schlagartig wird mir alles klar: Ihre gute Laune, die Aussage, bald würden sie mich nicht mehr besuchen müssen, ihr Unwille, sich mit mir in die Caféteria zu setzen.

Wut. Vorher habe ich nicht gewusst, was das ist. Jetzt staunst du, was? Die Angst hat Engelsaugen. Blödes Geschwätz. Noch ein Tag hier, morgen keine Tabletten mehr, dann wird sich alles auflösen, dann wird sich alles in Wohlgefallen auflösen.

Auf dem Gang überhole ich mehrere andere Kranke. Wer könnte von denen behaupten, sie seien nicht krank? Sollen doch einen von denen rausschmeißen, dann stirbt er daheim, da werden sie schon sehen, was sie davon haben. Ich sollte rausgehen. Ich meine, ich sollte an die Öffentlichkeit gehen. An die Presse. Skandal, schreit es in mir. Es muss Leute geben, die sich für so etwas interessieren, die sich für mich einsetzen, jeder setzt sich für irgendeinen Scheiß ein. Für einen Moment plane ich das alles tatsächlich.

Plötzlich stehe ich in einem Krankenzimmer. Keiner da, aber der Fernseher läuft (Nachrichten, aber keine Meldung über mich. Außerdem weiß ich, dass der Nachrichtensprecher mich nicht sehen kann, deshalb ist er mir egal. Ich könnte ihn jederzeit töten, indem ich umschalte, und er würde sagen: »Vielen Dank, schalten Sie auch das nächste Mal wieder ein, wenn ich krepiere.« Oder es käme eine Katastrophenmeldung und er würde zu glucksen beginnen: »Entschuldigen Sie bitte, natürlich ist das nicht lustig, aber unter meinem Tisch hat es mich grade gekitzelt…«).

Draußen vor dem Balkon reißt der Himmel auf, und da reißt der Himmel, Vergötterung dieses Augenblicks, wo bleibst du, wenn man dich nötig hat, ich gehe raus und bin bereit, mich vom Balkon in den Tod zu stürzen. Unten aber stehen schon der Doktor und seine Schwestern, ich meine seine Krankenschwestern, und halten ein riesiges Sprungtuch, da habe ich keine Chance, dran vorbei zu springen. Mein Morgenmantel flattert schon sprungbereit im Wind, der Doktor schreit irgendwas Bekanntes wie »Weize mich, weize mich« oder so ähnlich, ein Vogel singt, vielleicht stehe ich in seinem Revier oder er will sich mit mir paaren.

Wie dem auch sei, der Doktor hat mich durchschaut, wusste, dass ich versuchen würde, mich umzubringen – ich klettere wieder vom Geländer, stehe kurz ratlos auf dem Balkon im zwanzigsten oder einundzwanzigsten Stock. Eine Spritze schießt mir durch den Kopf …