Kiki (27)

Von Dimitri hatte Kiki nichts mehr gehört, abgesehen von dem wenigen, das ihm Drehmer erzählte; Kiki nannte ihn weiterhin Drehmer, weil er nichts anderes hatte, an das er sich halten konnte.

Anscheinend war Dimitri untergetaucht. Auch im ›Nil‹ wusste man von nichts. Manche sagten, sie hätten Dimitri gesehen: in der U-Bahn, auf dem Weg zum Flughafen vielleicht, ganz kurz nur, im Vorbeifahren, auf einem der Schiffe, die sich den Fluss entlangquälten. Es gab auch schon die Ersten, die leugneten, jemals einen Dimitri gekannt zu haben.

Kiki gab auf derlei Geschichten nicht viel. Wenn Dimitri es für nötig hielt, würde er sich schon wieder melden. Und wenn nicht, wenn er sich tatsächlich abgesetzt hatte, dann war es Kiki auch egal – in Wahrheit: es war ihm egal.

Mia redete weiterhin vom Geld, wenn sie sich sahen.

Man konnte sagen: das Geld war unwichtig für Kiki, es war eher ein seltsamer Tatendrang, der sich seiner bemächtigt hatte. Auch Jemine hatte es überrascht; er und Jemine sahen sich nicht mehr so häufig. Sie wohnten noch zusammen. Sie schliefen auch noch miteinander.

***

»Natürlich darfst du nicht auffallen«, wiederholte Drehmer und griff nach seinem Bier. »Und du musst darauf achten, dass dir niemand zum Bahnhof folgt.«

Kiki sparte sich das Nicken. Er sah auf den Koffer. Die Kombination hatte Drehmer ihm nicht verraten wollen; der andere kenne sie, hatte er gesagt.

Sie saßen im ›Roter Oktober‹ – dabei hatte Kiki sich geschworen, nie wieder hierher zu kommen, als er das erste Mal mit Magnus hier gewesen war. Normalerweise hielt er sich an solche Schwüre; inzwischen war es aber schon spät – Kiki wusste selbst nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hatte.

Wie selbstverständlich wechselte Drehmer das Thema, fragte: »Hast du eigentlich jemanden, mit dem du teilen kannst?«

Kiki war zu überrascht, um sich eine Lüge auszudenken. Er schüttelte den Kopf.

»Ist eine schöne Sache«, fuhr Drehmer fort.

Kiki konnte nicht sagen, ob ihm die Situation unangenehm oder unheimlich war.

»Ich weiß nicht, was ich machen würde, sollte ich herausfinden, dass sie mich betrügt. Ihr könnte ich wahrscheinlich verzeihen. Aber wer auch immer …«

Kiki sah Drehmer an und dachte an Pelle.

»Mach doch nicht so ein Gesicht«, sagte Drehmer, als sei er aus einem Tagtraum aufgewacht. »Morgen um diese Zeit haben wir es geschafft.«

Er lachte und klopfte Kiki auf die Schulter. Kiki lachte nicht.

Kiki (26)

Kiki sah nach draußen.

Das Licht hatte er gelöscht, sein Flimmern hatte ihm in den Augen gebrannt. Draußen war nicht viel zu erkennen – die Lichter der Straßenlaternen hingen regungslos in der Luft, umschwirrt von nervösen Motten.

Jemine war nicht nach Hause gekommen. Es hatte ihn nicht überrascht; am Morgen hatte sie gesagt, sie würde eine Freundin besuchen.

Kiki fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht, um die Nase herum kitzelte es, es kam vielleicht von den Motten im Licht. Was ihn am meisten quälte – er wusste nicht, dass ihn eigentlich nichts quälte – war weniger das, was geschehen war, sondern vielmehr die Folgerichtigkeit, mit der es geschehen war. Kiki dachte nie über sein Leben nach.

Bücher auf der Couch, ein bewegtes Bild, leise Stimmen oder Musik. Geschirr auf dem Tisch, unbenutzt und lächerlich. Leere Flaschen auf dem Boden, ein unhörbar leises Geräusch hin und her schwappender Flüssigkeit; Wellenschlagen.

Er zog sich vom Fenster zurück in die Dunkelheit. Schatten, hatte sich Kiki einmal gedacht, werden nicht von den Dingen geworfen, sondern aus ihnen herausgesaugt.

***

»Mir war klar, dass Erik sich wieder in seltsame Geschäfte verwickelt hat«, sagte Mia. Es war – so schien es – alles, was sie zu sagen wusste, und Kiki bereute, es ihr erzählt zu haben; auf die Art, in der man bereut, kein Gewissen zu haben.

»Und wie lange ist er schon dabei?«, fragte Mia knapp an Kikis Ohr vorbei.

Kiki zögerte. »Er und Dimitri scheinen sich schon lange zu kennen.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Allerdings hat keiner der anderen jemals etwas von einem Herrn Drehmer gehört.«

»Drehmer?« Mia hob ihren Kopf.

»Das ist doch Eriks Nachname«, sagte Kiki.

»Eriks Nachname … und meiner« – sie sagte es mit einem unbestimmbaren Unterton – »ist Albert. Wenn jemand dir etwas anderes erzählt hat, hat dieser Jemand gelogen.«

Kiki wusste nichts damit anzufangen.

Er nahm den Blick von der Zimmerdecke und befand: ein unbestimmbarer Unterton für einen unbestimmbaren Ort. Die Wände weiß; das einzige Bild im Zimmer am Kopfende des Bettes, ein eigenartiges Gemälde: eine Frau, die auf einem Stier ritt. Kiki hatte gelacht, als er es gesehen hatte, aber das Lachen war eher eine Abwehrreaktion gewesen.

»Um wie viel geht es?«, fragte Mia.

Kiki musste einen Augenblick überlegen, was sie damit wohl meinte. Dann sagte er: »Keine Ahnung. Ein paar Hunderttausend.«

»Und wie viel davon bekommst du?«

»So viel, wie Dimitri für richtig hält«, antwortete Kiki ohne zu überlegen.

»Also nicht ein paar Hunderttausend?«

Kiki lachte. »Nein, wahrscheinlich nicht.« Im selben Moment wusste er, dass es ihr ernst war.

»Mit ein paar Hunderttausend könnten wir abhauen.«

»Mit ein paar Hunderttausend könnte jeder abhauen.«

»Warst du schon einmal in Spanien?«

Kiki erwiderte nichts mehr.

Kiki (25)

Nachts machte sich der Wind bemerkbar.

Drehmer zog sein Jackett aus und warf es über eine der Mülltonnen. Von irgendwo kam Musik, fast unhörbar leise.

Dort hinten war Dimitri vor einer halben Stunde verschwunden, nachdem er ihnen – nochmals – gesagt hatte, er würde sich auf sie verlassen. Kiki hatte er auf die Schulter geklopft, wie er es schon unzählige Male getan hatte. Und dennoch.

Kiki drehte sich auf dem Absatz um, sah erneut an den Häusern nach oben, die die Gasse bildeten. Fenster ohne Fensterscheiben. Vielleicht hatte man hier einmal gewohnt; Kiki kannte sich hier nicht aus, es war der Bezirk des Holländers.

Drehmer nahm sein Jackett von der Mülltonne und drehte sich zu Kiki. Aus dem Bündel nahm er eine Handfeuerwaffe und hielt sie Kiki hin.

Kiki sagte nichts und rührte sich nicht. Man sah ihm nicht einmal an, dass gerade seine Welt zusammenbrach. Irgendwo saß Jemine, vielleicht wartete sie auf ihn.

»Nur für alle Fälle«, sagte Drehmer mit einem seltsam milden Lächeln. Kiki hörte ihn nicht, sah nur das Lächeln, das er für seltsam grotesk befand.

»Hm«, meinte Kiki.

»Du wirst sie nicht brauchen.«

»Dann behalte sie.«

Als Drehmer bemerkte, dass es Kiki ernst war, lachte er, trug sein Bündel zurück zu den Mülltonnen und zündete sich eine Zigarette an.

Am Ende der Gasse leuchtete ein Scheinwerferpaar auf. Kiki und Drehmer gingen ihm entgegen; Kiki einen halben Schritt zurück. Drehmer vergewisserte sich nochmals seines Bündels und öffnete dann die Fahrertür. Kiki versuchte, einen wahrnehmbaren Ausdruck in seine Haltung zu legen, als er sich schräg hinter Drehmer aufstellte. Auf dem Beifahrersitz lag ein Regungsloser.

Es bedeutete lediglich, dass Dimitris Plan aufging.

Drehmer wechselte ein paar Worte mit dem Fahrer. Kiki hörte nicht zu, er wusste ohnehin, worum es ging. Es ging um den Koffer, den Drehmer entgegennahm.

Das Auto fuhr rückwärts aus der Gasse. Drehmer grinste Kiki an. »Ich hab’s dir doch gesagt«, meinte er. Kiki nickte, er fühlte sich grauenvoll und konnte nicht sagen, warum.

Es hätte anfangen müssen zu regnen. Stattdessen stand Pelle neben ihnen.

»Hätte nicht gedacht, dass Dimitri euch das Ganze überlässt«, sagte er. Er meinte mehr, als er sagte. Drehmer hatte den Koffer und sein Bündel in der Armbeuge.

Über Pelle gab es viele Geschichten; manche von ihnen mochten älter sein als er, und dennoch zog sich sein Name durch sie hindurch, tauchte an Stellen auf, an denen man ihn nicht erwartete. Es war nicht zu sagen, ob sich Pelle durch seine Taten oder diese Geschichten einen Namen gemacht hatte.

Was gesagt werden kann: vor manchen Dingen schützen uns nicht einmal unsere Namen.

Kiki (24)

Drehmer war nicht nach Hause gekommen, was Kiki der Frage überließ, ob er nicht alles geträumt hatte.

Der Wetterbericht hatte Hitzegewitter gemeldet, aber am Himmel war nichts zu sehen; ein entferntes Leuchten am Horizont vielleicht. Einzig ungewöhnlich war, dass die Luft nach Blumen und Gräsern statt nach Autos roch.

Hier war Kiki schon lange nicht mehr gewesen. Menschen saßen noch in Cafés mit nichtssagendem grünbraunem Dekor. Goldrand. Hupende Autos quälten sich durch die Seitengassen, die Straßenbeleuchtung war dezent, die Reklametafeln auch.

Darüber verlor sich die S-Bahn.

Kiki warf seine Zigarette in eine Pfütze, die von der letzten Nacht übriggeblieben war. Das Spiegelbild der Kunstgalerie zitterte.

***

Drehmer sah anscheinend keinen Anlass, sich zu entschuldigen.

»Ich hoffe, du hast nicht allzu lange auf mich gewartet«, sagte er.

»Deine Frau hat mich ohnehin nicht ins Haus gelassen«, log Kiki. Die Antwort schien Drehmer zufriedenzustellen.

Sie saßen zwischen Flipperautomaten – wo gab es denn heutzutage noch Flipperautomaten? – und Billardtischen – einer in der rechten Ecke, einer in der linken, beide nicht benutzt – in einer Kneipe, an die Kiki sich nur dunkel erinnern konnte; Drehmer hätte er sie nicht zugetraut, er schien aber öfter hier zu sein. Der Barkeeper hatte ihm zugenickt.

Drehmer sah lange und tief in sein Bierglas. Es wirkte, als würde er gleich etwas ungemein Wichtiges sagen; etwas, das auszusprechen ihn seine ganze Konzentration kosten würde.

Kiki grinste in sich hinein. Und Drehmer erhob sich langsam von seinem Platz und ging zu den Toiletten.

Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte Kiki nach. Er hatte Mühe damit, die Ereignisse der letzten Tage in Reihe zu bringen, die ständigen Ortswechsel – die, wie es ihm vorkam, ständigen beliebigen Ortswechsel – brachten ihn durcheinander, brachten die Chronologie seiner Erinnerungen durcheinander. Die Vergangenheit eines Menschen, hatte sich Kiki einmal gedacht, gehört ihm nicht, hat ihm nie gehört.

Kiki (23)

»Halten sich so zäh wie du«, sagte Jemine und versuchte zu lachen. Mit dem Handrücken wischte sie Blütenstaub von der Tischdecke.

Kiki sah sie an. Es formten sich keine Worte in ihm.

Von Dimitri und Drehmer hatte er ihr nichts erzählt, nichts von Dimitris Plan und dem Geld und dem Holländer. Nichts vom Hintereingang der ›Scheune‹ in einer Woche und nichts vom Bahnhof in zwei Wochen.

Jemine zwang eine widerspenstige Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr. Sie sah übermüdet aus – es war vielleicht das Wetter.

Kiki fand, dass sie umwerfend aussah.

Eine aufgehende Sonne brach durchs Fenster, Kiki konnte nicht sagen, was es zu bedeuten hatte.

***

Den letzten Anstieg von der Bushaltestelle musste Kiki zu Fuß bewältigen. Währenddessen bestätigte er sein Vorurteil, in einer grauenhaften Gegend zu sein: Weiße Einfamilienhäuser – genau das, was er von diesem Drehmer erwartet hatte. Hätten uns ja auch an einem neutralen Ort treffen können, dachte er sich, oder will er mir seine Briefmarkensammlung zeigen?

Überwiegend rot die Blumenbeete – die Hängenden Gärten von Babylon; Kiki wusste nicht, woher er diesen Ausdruck kannte, was er bezeichnete oder warum er ihm in den Sinn kam – ein Briefkasten, der in drei Fächer unterteilt war: Zeitungen, Post, Werbung.

Kein Namensschild zu finden. Aber die Hausnummer stimmte.

Kiki stieg die breite Treppe zur Tür hinauf, sah noch einmal nach links und rechts – die Bürgersteige waren leer, der Bus längst hinter der nächsten Biegung verschwunden – und verewigte dann seinen Fingerabdruck auf dem grauschwarzen Klingelknopf.

Kurzes Warten. Vogelstimmen.

Eine Frau – Anfang dreißig? – in einem schwarzgrauen Morgenmantel öffnete.

»Ich bin mit Erik verabredet«, war das Einzige, das Kiki einfiel.

Ein schwer zu deutendes Lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht. »Natürlich sind Sie das«, sagte sie und trat einen Schritt zur Seite. »Es scheint ein Hobby meines Mannes zu sein, Leute während seiner Abwesenheit hierher einzuladen.«

Kiki wusste nicht, ob er eintreten sollte. »Erik … Ihr Mann ist also nicht da?«, fragte er endlich.

Die Frau machte eine wegwerfende Handbewegung. »Gott weiß, wo er ist. Das macht er in letzter Zeit des Öfteren; geht ohne ein Wort, um irgendwann zurückzukommen.«

Kiki war sich des Untertons bewusst. Er fragte sich, ob sie über Erik und Dimitri Bescheid wusste, und kam, im Wohnzimmer angekommen, zu dem Schluss: nein.

»Was wollten Sie denn mit meinem Mann besprechen?«, fragte sie aus der Küche.

Da Kiki keine Antwort einfiel, tat er so, als hätte er sie nicht gehört.

»Verstehe«, sagte sie, als sie mit zwei Gläsern aus der Küche kam und Kiki eins davon reichte. Dabei fiel ihm ein silberner Ring an ihrer linken Hand auf.

»Ein schöner Ehering«, sagte er mehr zu sich als zu ihr.

Sie lachte. »Meinen Ehering trage ich nicht, wenn Erik nicht da ist.«

Mit einem Mal standen sie sich nahe – es trennte sie eine halbe Armlänge Luft. Kiki blickte in Augen, die ihm seltsam vertraut schienen.

»Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?«, fragte er.

»Hm«, meinte sie nur. »Wo denn?«

Aber Kiki wusste es nicht zu sagen. Ihm wurde schwindlig, als er darüber nachzudenken versuchte. Sein Kopf wollte ihm zerspringen.

Sie setzten sich.

Kiki (22)

Kiki warf die Zigarette – lediglich angeraucht – auf die Gleise, dachte einen Moment lang an nichts. Dann dachte er an Jemine und wie sie am Morgen gesagt hatte, es sei sein Leben, damit könne er tun, was er wolle. Kiki hatte geantwortet: ja, vielleicht sei dem so.

Natürlich hatte sie sich mit dieser Antwort nicht zufrieden gegeben.

»Ja, vielleicht«, hatte sie ihn imitiert. »Vielleicht musst du auch erst Dimitri fragen, ob es wirklich dein Leben ist.« Es hatte resigniert geklungen, aber das war nur die optimistische Variante.

Es war noch früh am Morgen, trotzdem lag bereits die Hitze des Tages über der Stadt. Viel Betrieb war nicht, die meisten Bahnen nur zur Hälfte gefüllt; es war Mittwoch.

Für einen Moment sah Kiki sich in einer der Bahnen sitzen, sah, wie sich die Türen schlossen und die S-Bahn den Bahnhof verließ, das Gleisbett verließ, die Stadt und sein Blickfeld verließ und Kiki nicht mehr war; irgendwo am Horizont neben Stadtschloss und Bankenviertel verschwunden. In die untergehende Sonne gefahren und auf der anderen Seite wieder herausgekommen.

Kiki lachte – es hätte aber auch ein Husten sein können.

***

Dimitris Wohnung – Kiki betrat sie zum ersten Mal – lag ebenso unauffällig wie zweckmäßig in einer ruhigen Wohnsiedlung im Südosten. Keine teuren Bars, ohnehin fast kein Nachtleben, von einer Eckkneipe mit blinden Fenstern abgesehen, dafür mehrere Lebensmittelgeschäfte, ein Tabakladen, ein Friseur, eine Reinigung, ein Park mit einem oder zwei – es waren zwei – Kinderspielplätzen, eine Videothek mit zehntausend Erotikfilmen auf einhundert Quadratmetern.

Hatte man den Gebäudekomplex erreicht, ging man in den zweiten – wenn man aus Richtung des Bahnhofs kam – Hinterhof links, durch eine Tür, die etwas zu niedrig war, um eine Eingangstür zu sein, einen Gang mit Kinderwägen und Kinderspielzeug – Sandeimer, eine Schaufel – entlang, links in eine Art Keller; schließlich eine Treppe hinauf.

Zweiter Stock.

Die Wohnung selbst: spartanisch, aber durchaus nicht ohne Augenmaß, eingerichtet. An den Wänden Fotografien, nichtssagend, schwarzweiß, zwei volle Bücherregale – Kiki hatte schon lang kein Buch mehr in der Hand gehabt – eine Wanduhr ohne Ziffernblatt. Eine schwarze Couch, ein Fernsehsessel, kein Fernseher.

Auf der Couch ein Mann – Kiki tat sich immer schwer, das Alter von Menschen einzuschätzen, er mochte Ende vierzig sein – in einem, für Kikis Begriffe, teuren Anzug.

Kiki mochte ihn nicht und blickte im Zimmer umher; die markante Nase, das kantige Kinn, die fast schon zerfurcht zu nennenden Lippen, die zusammengekniffenen blaugrauen Augen fielen ihm nicht auf.

Dimitri trat hinter Kiki ins Zimmer.

»Darf ich vorstellen«, sagte er im Vorbeigehen, »Kiki – Erik Drehmer. Erik – Kiki, einfach nur Kiki.«

Kiki murmelte etwas, das sich wie »G’n Tag« anhörte, und setzte sich neben den Couchtisch auf den Teppichboden.

Kiki (21)

»Du weißt, dass ich am liebsten allein arbeite«, brummte Erik.

Dimitri schien amüsiert. »Und du weißt«, entgegnete er, »dass ich die ganze Sache angeleiert habe; und die ist mir zu wichtig, um irgendein Risiko einzugehen.«

Das Wort ›Risiko‹ ließ Erik aufhorchen. Die Art und Weise, in der Dimitri es aussprach, gefiel ihm nicht. Halbe-halbe, so hatten sie es immer gehalten.

»Außerdem«, fuhr Dimitri fort, »ist das nicht irgendein Typ, sondern jemand, in den ich vollstes Vertrauen habe.«

Erik glaubte nicht, dass Dimitri irgendjemandem vertraute.

»Und einer, dem die Zukunft gehört.« Mit diesen Worten suchte Dimitri nach seinen Zigaretten.

»Mit anderen Worten: völlig unerfahren.«

»Wenn du so willst. Sagen wir lieber: Sein jugendlicher Tatendrang und deine Erfahrung, das ist die perfekte Mischung.«

»Klischee«, konstatierte Erik.

Dimitri lachte. »Glaub mir, du wirst Kiki lieben. Und wenn nicht … das sollte doch der Unternehmung nicht im Weg stehen; für so professionell halte ich dich schon.« Er gab die Suche nach seinen Zigaretten auf und ging zum Bücherregal – hunderte Bücher; nichts Besonderes, Franzosen, Russen, die meisten wahrscheinlich mehrmals gelesen, oberflächlich – griff nach einem Buch, zog einen Zettel zwischen den Seiten hervor und reichte ihn Erik. Der besah ihn sich genau.

Es war dunkel in Dimitris Wohnung; die Fenster geöffnet und die Jalousien geschlossen, dunkelgrauer Teppich, an einzelnen Stellen von heruntergefallenen Zigaretten angesengt, die Kaffeeflecke kaum sichtbar. Zwei Aschenbecher auf dem Glastisch. Eine Couch, ein Sessel. Kein Fernseher, ein altes Radio.

Im Flur wurde die Wohnungstür geöffnet.

Erik starrte weiterhin auf den Zettel, konnte ihm keine wirkliche Information entnehmen. »Ich hoffe, du hast etwas Schönes gefunden«, hörte er Dimitri sagen, dann: »Oh, ihr kennt euch ja noch gar nicht: das ist Erik, ich denke, ich muss dir schon einmal von ihm erzählt haben.«

Erik sah auf; dann – dieses ›dann‹ bezeichnet eine Zeitspanne, die ihm später Kopfzerbrechen bereitete – erhob er sich von der Couch und griff instinktiv nach der ihm entgegengestreckten Hand.

»In Wirklichkeit hat mir Dimitri schon oft von Ihnen erzählt«, sagte Nastassja.

Erik wusste nicht zu sagen, was man in seinem Gesicht lesen konnte. Dimitri kehrte mit drei Gläsern und einer Flasche Wein aus der Küche zurück.

»Lasst uns anstoßen«, sagte er.

»Nein«, erwiderte Erik ein wenig zu schnell. Auf Dimitris Blick hin ergänzte er: »Wein ist ein Teufelszeug.«

***

Erik sah auf den trüben Nachmittag hinaus. Trotz der Klimaanlage war die drückende Schwüle bis ins Hotelzimmer zu spüren.

»Was hätte ich dir sagen sollen?«

Erik antwortete nicht, er wusste nichts zu antworten. Wahrscheinlich erwartete Nastassja auch gar keine Antwort von ihm. Sie gehörte Dimitri.

Normalerweise entstanden solche Gedanken nicht in ihm; wäre es ihm bewusst gewesen, hätte er sich vielleicht dafür geschämt. Aber dafür war kein Platz in diesem Moment und in diesem Raum.

Kiki (20)

Erik sah auf die Uhr, zum wiederholten Mal. Er fühlte sich wie vor seinem ersten Date. Vielleicht war es das auch. Er hatte ein Hotelzimmer reserviert und Mia etwas von einem Geschäftstermin erzählt.

Der Blick auf die Flaniermeile nicht uninteressant: Zahllose Geschäfte, Mode oder Souvenirs, die Art von Dingen, die zu kaufen man sich für gewöhnlich zu schade war. Erstaunlich wenige Menschen für einen so schönen Sommerabend. Ein tadellos blauer Himmel und ein gänzlich unbestimmbarer Geruch, leicht genug für die träge Abendluft.

»Eine Mischung aus Minze und Sonnencreme.« Nastassja stand mit einem Mal neben ihm. Erik sah fragend zu ihr auf, erinnerte sich dann eines Lächelns.

»Der Geruch, der heute in der Luft liegt«, fuhr sie fort. »Eine Mischung aus Minze und Sonnencreme.« Sie legte ihre Handtasche – neu – auf den Tisch und setzte sich neben Erik. »Ich hoffe, es war nicht allzu schwierig, eine Entschuldigung für deine Frau zu finden.«

Erik schüttelte leicht den Kopf. Es war – so schien es ihm – müßig, Nastassja zu fragen, was sie noch über ihn wusste. Oder woher sie wusste, was sie wusste.

»Schräg gegenüber oder am Ende der Straße?«

Erik wusste keine Antwort.

»In welchem Hotel hast du ein Zimmer reserviert?«

»Am Ende der Straße.«

***

»Wundert es dich nicht, wie viel ich über dich weiß?«, fragte Nastassja.

»Ich wundere mich schon lange nicht mehr über Frauen«, erwiderte Erik und reichte ihr den Aschenbecher.

»Dann kennst du sie gut.«

»Wen?«

»Die Frauen.« Sie lachte.

Erik lachte nicht, sondern stand auf, blickte kurz wie benommen – er war zu schnell aufgestanden – im Raum umher und ging dann ins Badezimmer. Noch konnte er in den Spiegel sehen.

Kiki (19)

Erik war jemand, der anderen nur ungern etwas schuldete. Er wusste nicht, was er Dimitri schuldete. Einen ausreichend großen Gefallen; Dimitri konnte so etwas genau taxieren. Je länger Erik nachdachte, desto richtiger schien es ihm: Dimitri kannte er. Menschen, die für Banken oder Firmen arbeiteten und an ihn adressierte Briefe verschickten, kannte er nicht.

Von den Briefen hatte Mia nie etwas erfahren. Von dem Gefallen, den er Dimitri schuldete, würde sie auch nichts erfahren.

Erik saß in seinem Büro – größer als manch anderes Büro in diesem Gebäude; ein brauner Schreibtisch, der teurer wirkte als er war, zwei Bilder, Kunstdrucke, Blick auf die Baustelle am Neuen Bahnhof, ein Vorzimmer mit Sekretärin – und drehte einen Bleistift zwischen den Fingern. Was nicht zu leugnen war: er hatte, und das wurde ihm erst jetzt klar, die ganze Zeit auf Dimitri gewartet.

Der alten Zeiten wegen.

Vielleicht hatte Dimitri Ähnliches gespürt; hatte vielleicht – sie kannten sich schon lange – über unsichtbare Antennen Signale empfangen, Notiz genommen von Eriks Sehnsucht und seinem Frust, seiner Eifersucht und der plötzlichen Enge seines Lebens.

Am Morgen hatte ihm seine Sekretärin einen mehrfach gefalteten Zettel in die Hand gedrückt, mit den Worten: »Eine gewisse Nastassja hat das gestern für Sie abgegeben.«

»Ich kenne keine Nastassja«, hatte Erik erwidert.

»Sie meinte, Sie hätten sie im ›Nil‹ getroffen.«

Kiki (18)

Imbsweiler hatte keine Freundin und verbrachte nicht viel Zeit in seiner Wohnung. Mit diesem Fazit erhob sich Erik von der Couch und ging in Richtung Küche. Mia war vor einigen Minuten mit einem Glas Champagner in der Hand verschwunden; sie war schon deutlich angetrunkener als er.
In der Küche stand Magnus Imbsweiler und unterhielt sich mit Menschen, die Erik noch nie zuvor gesehen hatte. Seinen Gruß erwiderte Erik nur zögernd. Eine Party, bei der alle ihre Hintern gegen die Küchenzeile drückten und hofften, die Zeitspanne schadlos zu überbrücken, bis man – ohne unhöflich zu wirken – gehen konnte.
Erik trat zurück auf den Flur; er beschloss, so zu tun, als würde er sich die Wohnung ansehen.
Im Flur kam ihm Mia entgegen, und der Mann, den sie hinter sich herzog, war Dimitri.
»Sieh mal, Schatz«, lachte sie, »ist das nicht ein Zufall?«
»Komisch, nicht wahr?«, bestätigte Dimitri.
Erik murmelte eine Antwort, dann legte er Dimitri – wie einem alten Freund – die Hand auf die Schulter und schob sich zwischen ihn und Mia.
»Ich habe vor ein paar Tagen schon …«, begann Dimitri, als sie sich im Wohnzimmer fanden.
»Nicht«, zischte Erik, dann fügte er hinzu: »Hier können wir nicht reden.«

***

Erik führte die Finger über die Oberfläche des Pfefferstreuers. Dimitri schwieg. Der Kellner räumte die Teller ab. Der Pfefferstreuer, befand Erik, fühlte sich an, wie sich Pfefferstreuer eben anfühlen.
»Ich denke nicht, dass du meine Hilfe brauchst«, sagte Erik, als der Kellner den Tisch verlassen hatte. »Ich denke nicht, dass du jemals jemandes Hilfe gebraucht hast.«
»Vielleicht nicht.« Dimitri grinste. »Aber wir könnten doch wenigstens so tun? Ich meine, nur der alten Zeiten wegen.«
»Du weißt, wie ich über die alten Zeiten denke.«
Dimitri lehnte sich zurück, zündete sich eine Zigarette an. »Natürlich. Die Nummer mit dem anständigen Leben hast du mir damals oft genug erzählt.«
»Und?«, erwiderte Erik genervt.
»Ich glaube sie dir nicht, das ist alles.«
»Es geht nicht nur um mich.« Mehr wusste Erik nicht mehr zu sagen.
»Ah, Mia – eine reizende Frau, wirklich.« Dimitri blies den Rauch seiner Zigarette Richtung Decke.
Äußerlich blieb Erik ruhig. »Wie viel?«, fragte er irgendwann.
Dimitri lachte. »Fünfhunderttausend.«