Kiki (33)

Wir können Kiki in diesem Moment nicht so sehen wie bislang. Er selbst, könnte er später sagen, war nicht anwesend; es ließe sich vielleicht widerlegen, wäre der Bahnhof bereits mit Überwachungskameras ausgestattet. Wir könnten ihn dann sehen, wie er einer Person gegenübersteht – zwischen ihnen die Stoffreste, der Koffer – die eine Waffe auf ihn richtet. Und da wir nicht hören können, was gesprochen wird, nicht einmal erkennen können, ob etwas gesprochen wird, könnten wir die völlige Reglosigkeit der Beteiligten für einen Fehler in der Wiedergabe halten. Und möglicherweise kämen wir zu dem Schluss, es müsse etwas im Ausdruck Kikis gewesen sein, etwas in seinem Blick, das den Anderen dazu bewogen habe, die Waffe zu senken, den eigenen Koffer wieder an sich zu nehmen und sich zum Gehen zu wenden; und es würde uns nicht einmal wundern, dass er genau in dem Moment, in dem Kiki aus seiner Starre erwacht, zu Boden fällt.

Halbwegs fachkundige Zeugen könnten die Waffe, die Mia in der Hand hält, als Revolver identifizieren; die Zyniker unter ihnen könnten sie niedlich nennen, die Art von Schusswaffe, die man seiner Frau zum Schutz vor Einbrechern schenkt. Tatsächlich hatte Mia sie am Morgen aus der Nachttischschublade genommen.

Jetzt nahm sie den Koffer mit dem Geld an sich. Es wunderte Kiki nicht einmal.

»Eins wollte ich dich noch fragen«, sagte er, als Mia, den Koffer in der einen, den Revolver in der anderen Hand, rückwärts in Richtung der Bahnhofshalle ging.

»Und das wäre?«

»Warum?«

Sie schien kurz nachdenken zu müssen, als wäre ihr etwas entfallen, das sie für genau diesen Moment vorbereitet hatte. Dann sagte sie: »Was kümmert es dich, wen ich liebe.«

Kiki (32)

Manchmal geschehen Dinge zur selben Zeit, aber dann wissen sie nicht voneinander; wie sollten sie voneinander wissen, wenn alles unwiederholbar ist. Zu verschiedenen Zeiten kann es ein und denselben Mund geben, aber dann wissen sie nicht voneinander und keiner würde von ihnen sagen können, dass sie sich gleichen. Erst, wenn sie zu sprechen beginnen, schleicht sich der Verdacht in unsere Köpfe, schon einmal gehört zu haben, was sie erzählen; und was sie erzählen, leugnen wir, um nicht an unserem Verstand zweifeln zu müssen. Es kann aber keiner dieses Gesicht leugnen, von dem man sagt, es sei einem ebenso fremd wie vertraut – ähnlich einer Fotografie, die man noch nicht entwickelt hat.

***

Kiki strich gedankenverloren über das Schwarz des Koffers. Es waren ungewöhnlich viele Leute am Bahnhof unterwegs und er hatte sich bereits mehrmals gefragt, weshalb Drehmer ausgerechnet diesen Ort für die Übergabe ausgesucht hatte. Die Bahnhofsmission hatte man geschlossen, es hatte die Obdachlosen nicht vertreiben können.

Das Geld war ihm egal – er hatte es Drehmer verschwiegen – man kann also nicht behaupten, dass ihm der Koffer mit jedem Schritt schwerer wurde. Über ihm öffnete sich die Glaskuppel der Bahnhofshalle, es sah beinah elegant aus. Kiki hatte noch nie einen Sinn für Eleganz gehabt. Im hinteren Teil des Bahnhofs lagen die Schließfächer im Schatten.

Kiki war selbst erstaunt darüber, wie unbeeindruckt er um die Ecke bog. Der Andere war bereits da, in seiner Hand den Koffer mit dem Geld. Nichts von all dem wirkte auf Kiki, als würde er es selbst erleben; er betrachtete es skeptisch, wie man ein Trompe-l’œil betrachtet. Möglicherweise verspürte er aus diesem Grund keine Angst, möglicherweise lag es an den Geburtstagskerzen, die er am Morgen für Jemine gekauft hatte; er hatte das Geld in seinem Geldbeutel gezählt und es würde für ein Geschenk reichen – Kiki konnte nicht sagen, weshalb er daran dachte, als der Andere den ihm hingereichten Koffer öffnete, einen Augenblick ungläubig hineinstarrte und etwas rief, das wie aus weiter Ferne zu Kiki drang. Der Koffer fiel zu Boden, sein Inhalt – alte Stoffreste, weiß, rot, blau, grün – verteilte sich auf dem Boden und Kiki fand die Mündung einer Waffe auf sich gerichtet.

Kiki (31)

Wo Nastassja war, wusste keiner zu sagen.

Manche, die Erik gefragt hatte, hatten ihm erwidert, sie sei gemeinsam mit Dimitri untergetaucht; Dimitri schien keiner zu vermissen. Im Allgemeinen glaubte man auch nicht daran, dass sie Dimitri verlassen haben könnte. Frieder, der Soldat, der vor kurzem seine Frau verlassen hatte und seitdem in einer billigen Absteige seine Tage verbrachte – die billige Absteige, in der er sich mit seiner Geliebten getroffen hatte; die Geliebte, die ihn verlassen hatte, als sie von der Trennung Wind bekam – hatte Erik erzählt, Nastassja sei nach Südamerika; oder Spanien.

In den letzten Tagen waren die paar Hunderttausend immer mehr wert geworden. Nicht dass er zuvor eine Wahl gehabt hätte. Diese Stadt, dachte Erik irgendwann, verändert die Menschen.

***

Vor ihm öffnete sich der Bahnhofsplatz – vereinzelt Schatten von Häusern und Wolken – und über dem Bahnhofsplatz öffnete sich der Himmel, und beide wirkten nicht sonderlich interessiert an dem, was an diesem Tag passieren sollte. Man vernahm das Rattern der Züge.

Ein Bahnhof sollte nicht mehr sein als der Anblick, den man aus einem Zugfenster von ihm hat – das hatte Dimitri einmal gesagt.

Statt darüber nachzudenken, sah Erik die Straße hinunter, die noch für einige Zeit dem Verlauf der Bahntrasse folgte, vorbei an Kneipen und Restaurants, indischen, chinesischen, italienischen, vorbei am Neuen Bahnhof, bis sie sich von den Schienen löste, das Opernhaus passierte, die alte Kapelle, und endlich im Park mündete.

Noch einmal atmete Erik tief durch; keiner konnte sagen, welche Gedanken ihm in diesem Moment durch den Kopf gingen, und deshalb soll hiervon nicht die Rede sein.

Kiki (30)

Erik war zu überrascht, um etwas zu erwidern, während Dimitri sich aus dem Schatten der Treppe löste. Er sah übermüdet aus, das Gesicht unrasiert, die Wangen eingefallen – aber seltsam sorgenfrei, schoss es Erik durch den Kopf.

Dimitri lächelte beinah freundlich. »Weißt du, Erik«, begann er, und tatsächlich wirkte es, als trage er eine lange vorbereitete Rede vor, »obwohl ich viel erlebt habe, mehr als die meisten, war ich noch nie ein guter Geschichtenerzähler. Nicht dass es mir an Arroganz, an Überzeugungskraft mangeln würde – aber es braucht sicher mehr, um ein guter Geschichtenerzähler zu sein; Geduld vielleicht oder Zeit. Ich hatte stets von beidem zu wenig. Und trotzdem möchte ich dir eine Geschichte erzählen. Ich war damals« – er machte eine Pause, als müsste er überlegen – »vielleicht vier oder fünf Jahre alt, und ich war das, was man ein ängstliches Kind nennt. Ich kann nicht mehr sagen, worin diese Angst ihren Ursprung hatte – wer kennt schon den Bauplan seines Charakters? – ich weiß aber genau, wann ich sie verloren habe: Ich war« – wieder hielt er inne – »vielleicht vier oder fünf Jahre alt, als ich eines Abends fürchterliche Bauchschmerzen bekam. Ich verließ mein Bett, ging ins Wohnzimmer, in dem meine Eltern saßen, und fragte meine Mutter unter Tränen, ob ich den nächsten Tag noch erleben würde. Weißt du, was sie erwidert hat?«

Erik erwiderte nichts.

»Sie hat mich ausgelacht«, sagte Dimitri im Grundton bitterer Folgerichtigkeit. »Dieser Mensch, dem ich vertraute, von dem ich abhängig war, an den ich mich in meiner Verzweiflung, meiner kindlichen Todesangst wendete – lachte mich aus. Und weißt du, was das Gute daran war?«

Erik erwiderte nichts.

»Das Gute daran war« – Dimitri stand nun direkt vor Erik, der den Hintern an die Kommode drückte – »dass ich seitdem keine Angst mehr habe. Und weiß, ob jemand zu mir steht oder nicht.«

Dimitri trat einen Schritt zurück, drehte sich von Erik weg; er schien ein unhörbares Lachen zu lachen.

»Du hast schon einmal versucht, mich zu betrügen – erinnerst du dich noch?«, fragte er endlich.

Erik erwiderte nichts.

»Natürlich erinnerst du dich noch. Vielleicht glaubst du deshalb, mir noch etwas schuldig zu sein; nun, wenn dem so ist« – Dimitri zögerte erneut – »dann schuldest du mir eine Antwort auf meine Frage: Seit wann? Bevor ich sie dir vorgestellt habe oder danach? Nastassja wollte mir nicht antworten.«

Jahrelang musste die gusseiserne Figur auf der Kommode gestanden haben, unbeachtet, von gelegentlichem Abstauben abgesehen, jetzt lag sie wie selbstverständlich in Eriks Hand. Dimitri fiel und nahm nicht mehr wahr: den Aufprall seines Kopfes auf das Treppengeländer, den dumpfen, vom Teppich verschluckten Ton, mit dem sein Körper auf den Boden schlug.

Kiki (29)

Es war nicht das Hotel am Ende der Straße, sondern das gegenüber; absurd auch der Gedanke, sie hätten sich im selben Hotel über den Weg laufen können.

Erik richtete sich im Autositz auf und nahm einen Schluck Kaffee aus einem Pappbecher; die Frau am Kiosk hatte seltsam abwesend gewirkt, fast hätte Erik sie drauf angesprochen. Erik hasste Kaffee aus Pappbechern.

***

Es ist folgende Bemerkung vonnöten:

Während sich das Leben einiger Menschen in dieser Stadt dramatisch veränderte, veränderte sich in der Stadt im Großen und Ganzen nichts; die Stadt war bekannt dafür, sich ständig zu verändern: der Neue Bahnhof wurde umgebaut, man brauchte einen repräsentativen Hauptbahnhof.

Die Besitzer der Bars würden sich später über diesen Sommer beklagen, nicht zu erklärende Umsatzeinbußen feststellen; erst kürzlich war ein Buch erschienen, das sich auf dreihundert Seiten mit dem Nachtleben und den Bars der Stadt beschäftigte. Auf diesem Gebiet war die Literatur nicht mehr zu überblicken – manch einer überlegte sich, selbst ein solches Buch zu schreiben, blieb dann aber bei Lyriksammlungen.

Alles in allem war dieser Sommer ein ungewöhnlich heißer Sommer, aber keiner, an den man sich noch lang erinnern sollte.

***

Natürlich hatte er schon zuvor mit dem Gedanken gespielt, Kiki ins offene Messer laufen zu lassen; es wäre töricht, das zu leugnen, wie es auch töricht gewesen wäre, derlei Überlegungen nicht anzustellen.

Dennoch kam ihm diese Rechtfertigung gelegen. Andere hätten es einen Wink des Schicksals genannt, aber weder kannte Erik diese Redewendung noch hatte er sich je darum bemüht, den Begriff des Schicksals mit Inhalt zu füllen.

Mia war nicht zu Hause gewesen, als er von den Resten seiner Arbeit gekommen war. Den Zettel am Kühlschrank hatte er ignoriert – es stand darauf, sie sei eine Freundin besuchen – und stattdessen den Stimmen gelauscht, die von draußen in die Küche drangen; die Vögel wurden noch einmal munter, bevor die Nacht anbrach.

Erik fischte ein Glas aus der Spülmaschine.

Kiki, da war er sicher, hatte keinen Verdacht geschöpft vorhin, im ›Roter Oktober‹, als Erik ihm den falschen Koffer gegeben und ihm zum Abschied auf die Schulter geklopft hatte.

Als er in den Flur trat, schenkte er dem Garderobenspiegel ausnahmsweise keine Beachtung.

»Sie kommt wohl spät.« Es war Dimitri.

Kiki (28)

Erik ließ die Waffe im Handschuhfach zurück und mühte sich die Treppe zur Haustür nach oben.

In der Glasscheibe der Haustür erschien Pelles Gesicht, bekam Risse, zersprang wie Eis, auf das man einen unvorsichtigen Schritt setzt. Im Hausflur herrschte Dunkelheit. Es musste gegen Morgen sein; eine Stunde hatte die Fahrt von der ›Scheune‹ hierher gedauert und unterwegs hatte Erik noch den Koffer an einem sicheren Ort unterbringen müssen.

Noch einmal prüfte er den Anrufbeantworter: keine neue Nachricht. Er hatte befürchtet, Pelle könnte im Lauf des Tages noch einmal angerufen haben, nachdem er die erste Nachricht – Pelle wisse etwas über ihn, das Dimitri nicht gefallen würde – gelöscht hatte.

An der Garderobe fehlte Mias Mantel. Erik war zu müde, um sich zu wundern.

Der Lichtschalter änderte nichts an der Stille im Haus. Erik trat ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch standen: eine leere Flasche Rotwein und zwei Gläser. Erik kümmerte es nicht, und diese Tatsache hätte er gern geleugnet.

Stattdessen nahm er ein Buch aus dem Bücherregal – eine Tierschützerin und ein Fotograf kämpfen gegen Elfenbeinschmuggler; einer von Eriks Lieblingsromanen – warf es auf die Couch und stellte sich hinter den Fernsehsessel, die Unterarme auf der Rückenlehne.

***

Mia legte ihr Buch beiseite und löschte die Lampe auf ihrem Nachttisch.

Sie schien sofort eingeschlafen zu sein.

Wahrscheinlich hatte sie keinen Grund, nachts schlaflos im Bett zu liegen, dachte Erik. Außerdem dachte er an Nastassja und daran, dass er diesen Satz nie geglaubt hatte: die Zeit zerstört alles. Er glaubte ihn immer noch nicht.

Das Fenster war geschlossen, also hörte man keine Grillen – aber dieser Ort gehörte ohnehin nicht mehr zu Erik, und in der Nähe von Hotelzimmern gab es keine Grillen.

Die Nacht: geräuschlos, hier oben dunkler als unten in der Stadt. Neumond, klarer Himmel. Ein sonniger Tag würde folgen, so hatte es in der Wettervorhersage geheißen, und anders in diesen Tagen waren nur die Wettervorhersagen.

Kiki (27)

Von Dimitri hatte Kiki nichts mehr gehört, abgesehen von dem wenigen, das ihm Drehmer erzählte; Kiki nannte ihn weiterhin Drehmer, weil er nichts anderes hatte, an das er sich halten konnte.

Anscheinend war Dimitri untergetaucht. Auch im ›Nil‹ wusste man von nichts. Manche sagten, sie hätten Dimitri gesehen: in der U-Bahn, auf dem Weg zum Flughafen vielleicht, ganz kurz nur, im Vorbeifahren, auf einem der Schiffe, die sich den Fluss entlangquälten. Es gab auch schon die Ersten, die leugneten, jemals einen Dimitri gekannt zu haben.

Kiki gab auf derlei Geschichten nicht viel. Wenn Dimitri es für nötig hielt, würde er sich schon wieder melden. Und wenn nicht, wenn er sich tatsächlich abgesetzt hatte, dann war es Kiki auch egal – in Wahrheit: es war ihm egal.

Mia redete weiterhin vom Geld, wenn sie sich sahen.

Man konnte sagen: das Geld war unwichtig für Kiki, es war eher ein seltsamer Tatendrang, der sich seiner bemächtigt hatte. Auch Jemine hatte es überrascht; er und Jemine sahen sich nicht mehr so häufig. Sie wohnten noch zusammen. Sie schliefen auch noch miteinander.

***

»Natürlich darfst du nicht auffallen«, wiederholte Drehmer und griff nach seinem Bier. »Und du musst darauf achten, dass dir niemand zum Bahnhof folgt.«

Kiki sparte sich das Nicken. Er sah auf den Koffer. Die Kombination hatte Drehmer ihm nicht verraten wollen; der andere kenne sie, hatte er gesagt.

Sie saßen im ›Roter Oktober‹ – dabei hatte Kiki sich geschworen, nie wieder hierher zu kommen, als er das erste Mal mit Magnus hier gewesen war. Normalerweise hielt er sich an solche Schwüre; inzwischen war es aber schon spät – Kiki wusste selbst nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hatte.

Wie selbstverständlich wechselte Drehmer das Thema, fragte: »Hast du eigentlich jemanden, mit dem du teilen kannst?«

Kiki war zu überrascht, um sich eine Lüge auszudenken. Er schüttelte den Kopf.

»Ist eine schöne Sache«, fuhr Drehmer fort.

Kiki konnte nicht sagen, ob ihm die Situation unangenehm oder unheimlich war.

»Ich weiß nicht, was ich machen würde, sollte ich herausfinden, dass sie mich betrügt. Ihr könnte ich wahrscheinlich verzeihen. Aber wer auch immer …«

Kiki sah Drehmer an und dachte an Pelle.

»Mach doch nicht so ein Gesicht«, sagte Drehmer, als sei er aus einem Tagtraum aufgewacht. »Morgen um diese Zeit haben wir es geschafft.«

Er lachte und klopfte Kiki auf die Schulter. Kiki lachte nicht.

Kiki (26)

Kiki sah nach draußen.

Das Licht hatte er gelöscht, sein Flimmern hatte ihm in den Augen gebrannt. Draußen war nicht viel zu erkennen – die Lichter der Straßenlaternen hingen regungslos in der Luft, umschwirrt von nervösen Motten.

Jemine war nicht nach Hause gekommen. Es hatte ihn nicht überrascht; am Morgen hatte sie gesagt, sie würde eine Freundin besuchen.

Kiki fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht, um die Nase herum kitzelte es, es kam vielleicht von den Motten im Licht. Was ihn am meisten quälte – er wusste nicht, dass ihn eigentlich nichts quälte – war weniger das, was geschehen war, sondern vielmehr die Folgerichtigkeit, mit der es geschehen war. Kiki dachte nie über sein Leben nach.

Bücher auf der Couch, ein bewegtes Bild, leise Stimmen oder Musik. Geschirr auf dem Tisch, unbenutzt und lächerlich. Leere Flaschen auf dem Boden, ein unhörbar leises Geräusch hin und her schwappender Flüssigkeit; Wellenschlagen.

Er zog sich vom Fenster zurück in die Dunkelheit. Schatten, hatte sich Kiki einmal gedacht, werden nicht von den Dingen geworfen, sondern aus ihnen herausgesaugt.

***

»Mir war klar, dass Erik sich wieder in seltsame Geschäfte verwickelt hat«, sagte Mia. Es war – so schien es – alles, was sie zu sagen wusste, und Kiki bereute, es ihr erzählt zu haben; auf die Art, in der man bereut, kein Gewissen zu haben.

»Und wie lange ist er schon dabei?«, fragte Mia knapp an Kikis Ohr vorbei.

Kiki zögerte. »Er und Dimitri scheinen sich schon lange zu kennen.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Allerdings hat keiner der anderen jemals etwas von einem Herrn Drehmer gehört.«

»Drehmer?« Mia hob ihren Kopf.

»Das ist doch Eriks Nachname«, sagte Kiki.

»Eriks Nachname … und meiner« – sie sagte es mit einem unbestimmbaren Unterton – »ist Albert. Wenn jemand dir etwas anderes erzählt hat, hat dieser Jemand gelogen.«

Kiki wusste nichts damit anzufangen.

Er nahm den Blick von der Zimmerdecke und befand: ein unbestimmbarer Unterton für einen unbestimmbaren Ort. Die Wände weiß; das einzige Bild im Zimmer am Kopfende des Bettes, ein eigenartiges Gemälde: eine Frau, die auf einem Stier ritt. Kiki hatte gelacht, als er es gesehen hatte, aber das Lachen war eher eine Abwehrreaktion gewesen.

»Um wie viel geht es?«, fragte Mia.

Kiki musste einen Augenblick überlegen, was sie damit wohl meinte. Dann sagte er: »Keine Ahnung. Ein paar Hunderttausend.«

»Und wie viel davon bekommst du?«

»So viel, wie Dimitri für richtig hält«, antwortete Kiki ohne zu überlegen.

»Also nicht ein paar Hunderttausend?«

Kiki lachte. »Nein, wahrscheinlich nicht.« Im selben Moment wusste er, dass es ihr ernst war.

»Mit ein paar Hunderttausend könnten wir abhauen.«

»Mit ein paar Hunderttausend könnte jeder abhauen.«

»Warst du schon einmal in Spanien?«

Kiki erwiderte nichts mehr.

Kiki (25)

Nachts machte sich der Wind bemerkbar.

Drehmer zog sein Jackett aus und warf es über eine der Mülltonnen. Von irgendwo kam Musik, fast unhörbar leise.

Dort hinten war Dimitri vor einer halben Stunde verschwunden, nachdem er ihnen – nochmals – gesagt hatte, er würde sich auf sie verlassen. Kiki hatte er auf die Schulter geklopft, wie er es schon unzählige Male getan hatte. Und dennoch.

Kiki drehte sich auf dem Absatz um, sah erneut an den Häusern nach oben, die die Gasse bildeten. Fenster ohne Fensterscheiben. Vielleicht hatte man hier einmal gewohnt; Kiki kannte sich hier nicht aus, es war der Bezirk des Holländers.

Drehmer nahm sein Jackett von der Mülltonne und drehte sich zu Kiki. Aus dem Bündel nahm er eine Handfeuerwaffe und hielt sie Kiki hin.

Kiki sagte nichts und rührte sich nicht. Man sah ihm nicht einmal an, dass gerade seine Welt zusammenbrach. Irgendwo saß Jemine, vielleicht wartete sie auf ihn.

»Nur für alle Fälle«, sagte Drehmer mit einem seltsam milden Lächeln. Kiki hörte ihn nicht, sah nur das Lächeln, das er für seltsam grotesk befand.

»Hm«, meinte Kiki.

»Du wirst sie nicht brauchen.«

»Dann behalte sie.«

Als Drehmer bemerkte, dass es Kiki ernst war, lachte er, trug sein Bündel zurück zu den Mülltonnen und zündete sich eine Zigarette an.

Am Ende der Gasse leuchtete ein Scheinwerferpaar auf. Kiki und Drehmer gingen ihm entgegen; Kiki einen halben Schritt zurück. Drehmer vergewisserte sich nochmals seines Bündels und öffnete dann die Fahrertür. Kiki versuchte, einen wahrnehmbaren Ausdruck in seine Haltung zu legen, als er sich schräg hinter Drehmer aufstellte. Auf dem Beifahrersitz lag ein Regungsloser.

Es bedeutete lediglich, dass Dimitris Plan aufging.

Drehmer wechselte ein paar Worte mit dem Fahrer. Kiki hörte nicht zu, er wusste ohnehin, worum es ging. Es ging um den Koffer, den Drehmer entgegennahm.

Das Auto fuhr rückwärts aus der Gasse. Drehmer grinste Kiki an. »Ich hab’s dir doch gesagt«, meinte er. Kiki nickte, er fühlte sich grauenvoll und konnte nicht sagen, warum.

Es hätte anfangen müssen zu regnen. Stattdessen stand Pelle neben ihnen.

»Hätte nicht gedacht, dass Dimitri euch das Ganze überlässt«, sagte er. Er meinte mehr, als er sagte. Drehmer hatte den Koffer und sein Bündel in der Armbeuge.

Über Pelle gab es viele Geschichten; manche von ihnen mochten älter sein als er, und dennoch zog sich sein Name durch sie hindurch, tauchte an Stellen auf, an denen man ihn nicht erwartete. Es war nicht zu sagen, ob sich Pelle durch seine Taten oder diese Geschichten einen Namen gemacht hatte.

Was gesagt werden kann: vor manchen Dingen schützen uns nicht einmal unsere Namen.

Kiki (24)

Drehmer war nicht nach Hause gekommen, was Kiki der Frage überließ, ob er nicht alles geträumt hatte.

Der Wetterbericht hatte Hitzegewitter gemeldet, aber am Himmel war nichts zu sehen; ein entferntes Leuchten am Horizont vielleicht. Einzig ungewöhnlich war, dass die Luft nach Blumen und Gräsern statt nach Autos roch.

Hier war Kiki schon lange nicht mehr gewesen. Menschen saßen noch in Cafés mit nichtssagendem grünbraunem Dekor. Goldrand. Hupende Autos quälten sich durch die Seitengassen, die Straßenbeleuchtung war dezent, die Reklametafeln auch.

Darüber verlor sich die S-Bahn.

Kiki warf seine Zigarette in eine Pfütze, die von der letzten Nacht übriggeblieben war. Das Spiegelbild der Kunstgalerie zitterte.

***

Drehmer sah anscheinend keinen Anlass, sich zu entschuldigen.

»Ich hoffe, du hast nicht allzu lange auf mich gewartet«, sagte er.

»Deine Frau hat mich ohnehin nicht ins Haus gelassen«, log Kiki. Die Antwort schien Drehmer zufriedenzustellen.

Sie saßen zwischen Flipperautomaten – wo gab es denn heutzutage noch Flipperautomaten? – und Billardtischen – einer in der rechten Ecke, einer in der linken, beide nicht benutzt – in einer Kneipe, an die Kiki sich nur dunkel erinnern konnte; Drehmer hätte er sie nicht zugetraut, er schien aber öfter hier zu sein. Der Barkeeper hatte ihm zugenickt.

Drehmer sah lange und tief in sein Bierglas. Es wirkte, als würde er gleich etwas ungemein Wichtiges sagen; etwas, das auszusprechen ihn seine ganze Konzentration kosten würde.

Kiki grinste in sich hinein. Und Drehmer erhob sich langsam von seinem Platz und ging zu den Toiletten.

Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte Kiki nach. Er hatte Mühe damit, die Ereignisse der letzten Tage in Reihe zu bringen, die ständigen Ortswechsel – die, wie es ihm vorkam, ständigen beliebigen Ortswechsel – brachten ihn durcheinander, brachten die Chronologie seiner Erinnerungen durcheinander. Die Vergangenheit eines Menschen, hatte sich Kiki einmal gedacht, gehört ihm nicht, hat ihm nie gehört.