Frühjahr, Katzenbuckel


Meinen Traum beschreiben – über meine wachen Minuten die Haut spannen, die ich vom Körper meines Schlafes zog, einweichte, in einer Lauge aus Kalk und Schweigen, bis alles daran lösbar und verständlich scheint, eine Fläche aus hellem Inkarnat, auf der alles sichtbar werden müsste, scharf umrissen, solange ich es im Kontrast zum Menschlichen formulierte; solange ich schriebe, als wäre das Wort wichtiger als sein Grund, nur weil es lesbar wäre.

Weddinger Frühling

 

Einem hölzernen Rahmen war ich eingepasst, Balken, Verstrebungen, so präzise, dass die Fasern sich anglichen, das Auf und Ab des Atmens, dass kein Wunsch nach Bewegung verblieb, nach Veränderung, weil ich ausfüllte, was mir gegeben war und alles Unbequeme, das zunehmende Versteifen von Gelenken und Nacken lediglich die unumgängliche Folge eines jeden Daseins, und bisweilen denke ich daran zurück und schüttle den Kopf oder meine, ich könnte mit diesem Bild in Worte fassen, was du ohnehin schon weißt.

Waldmühlbach, Dezember

 

Ein Satz wird nicht dadurch wahr, dass man ihm das Aufschreiben versagt. Worte, die ich unterwegs im Notizbuch eintrage, klopfe ich ab, sobald ich über die Schwelle trete.

Man verschreibt sich der fixen Idee, mit einem Satz bis zum Kern vorzudringen; man treibt ihn wie einen Nagel ins Holz und stellt schließlich fest: es lässt sich nichts mehr daran aufhängen.

Berlin, Januar 2014

 

Die Lüge, die man sich selbst auftischt: man würde etwas bemessen, indem man es zwischen den Fingern zerreibt.

Bleibt am Ende einer Operation, die ich mit Stift und Papier durchführe, der Gehalt eines Satzes nur eine Messabweichung, die Differenz zwischen dem, was ich sage und dem, was ich meine – darf ich es dir schicken und behaupten, darin sei ich enthalten?

Berlin, Buchstraße, 2008

 

Seit du einmal stehenbliebst und nach einem Wort suchtest – als wäre es ein Ding und fände sich, wo es entfiel – säumt dein mit jedem meiner Schritte aufgegriffenes Verharren die Gehsteige der Stadt, die ich mir nie erschrieben habe; an deren Oberfläche ich mich stets bewegte – im Irrtum, ein Muster zu weben, tatsächlich: den Fäden der Netzspinne nach – gäbe es die Unterführung nicht, die ich durchquere, manchmal, und du weißt warum.

Berlin, Plötzensee

 

Zur Stadt hinaus geht man der Sonne nach, die man als blinden Lichtfleck im Gesichtsfeld trägt. Einmal draußen, bereut man den eigenen Mangel an Begrifflichkeiten für die Dinge. Man bildet die Idee eines Vergessens, das der erfolgreichen Umrundung des Sees folgen könnte; ein synchrones Bewältigen, das sich augenblicklich nach Passieren einer gedachten oder zufällig gewählten Demarkierung einstellt. Um dieser Idee Substanz zu verleihen, denkt man an ein Buch, das man einmal in Händen gehalten hatte und von dem nur der Eindruck unverschämt kurzer Sätze zwischen Schwarzweißfotografien geblieben war und die beruhigende Illusion, jedes Problem lasse sich meistern, sobald man es formulieren könne. Doch anstatt zu formulieren, unterbricht man die Umrundung der Wasserfläche – man hatte sie bis dahin kaum beachtet –, setzt sich auf eine steinerne Bank und notiert: dies. Unweit liest jemand heil gebliebene Blätter vom Weg.