Oktobernacht, Berlin


Vergessen hatte ich, wofür es galt, sich zu erinnern; dann gingen wir die alten Wege und genau so unscharf wollte ich doch wieder sehen dürfen: Wie weit voraus du warst, dabei von keiner Ungeduld getrieben und bereit, zu warten. Ich holte auf. Wie aber hätte ich, dicht neben dir, längst Abgezweigtes weiterdenken können, das sich nie verzeichnen ließ? Kein Verlass auf meine Karten, bis dahin und selbst heute nicht. Wir kamen irgendwann bei dir zu Hause an, ich blieb noch eine Weile.
Wenn vermag, wofür es gilt, nicht zu vergessen, einem Gedicht Klang und Bewegung einzuschärfen, würde es frei und wirklich, führte dies Gedicht sein wildes Leben –  auch ohne die vollendete Vergangenheit.

Weddinger Frühling

 

Einem hölzernen Rahmen war ich eingepasst, Balken, Verstrebungen, so präzise, dass die Fasern sich anglichen, das Auf und Ab des Atmens, dass kein Wunsch nach Bewegung verblieb, nach Veränderung, weil ich ausfüllte, was mir gegeben war und alles Unbequeme, das zunehmende Versteifen von Gelenken und Nacken lediglich die unumgängliche Folge eines jeden Daseins, und bisweilen denke ich daran zurück und schüttle den Kopf oder meine, ich könnte mit diesem Bild in Worte fassen, was du ohnehin schon weißt.

Nähe Abrillon, Winter 2015

 

Es könnte der Wald gewesen sein, von dem ich gelesen habe, dein Wald. Sehen konnte ich nichts, nur spüren, wie tief ich in ein Dickicht vorgedrungen sein musste, aus dem Auswege zu suchen keinen Sinn ergab, in einer perfekten Dunkelheit. Trotzdem rief ich dann, wahrscheinlich um Hilfe, aber wer käme schon gegen Dämonen an, über die nichts bekannt ist. Die eigenen Rufe sind es gewesen, die mich an den Rand zurück trieben oder lockten, das schwere Dunkel umgab mich hier als zähflüssige Masse, zu ihr könnte der Wal geworden sein, in dessen Innerstem ich gelesen hatte, immer langsamer und bis zur Paralyse, und wer wollte noch schlafen, wenn die Schulen keine Zuflucht bieten, ihre Kinder an Ufern zurückbleiben – mir gelang es schließlich, zu erwachen, und du warst noch da.

 

Waldmühlbach, Dezember

 

Ein Satz wird nicht dadurch wahr, dass man ihm das Aufschreiben versagt. Worte, die ich unterwegs im Notizbuch eintrage, klopfe ich ab, sobald ich über die Schwelle trete.

Man verschreibt sich der fixen Idee, mit einem Satz bis zum Kern vorzudringen; man treibt ihn wie einen Nagel ins Holz und stellt schließlich fest: es lässt sich nichts mehr daran aufhängen.

Saint-Denis, April

 

Schau, ich las, versuchte, zu entziffern: nichts rührte sich, nicht drinnen. Es half nicht, bis in die Nacht zu wachen oder wach zu werden, bevor sie noch zu Ende wäre, immer blieb zu wenig Zeit. Nichts ließ sich begreifen, trotz der Inszenierung einer Starre dort, im Gegenüber. Durch Spiegelungen kam Bewegung in die Zeilen, mir wurde deutlicher, wie das Gewölk die Fäuste ballte hinter meinem Rücken und, vom Wind gejagt, mir immer neu Grimassen schnitt. Ich las in Spiegelschrift, verstand zur Hälfte – und nur dort, wo man das Dunkel zugelassen hatte.

Berlin, Januar 2014

 

Die Lüge, die man sich selbst auftischt: man würde etwas bemessen, indem man es zwischen den Fingern zerreibt.

Bleibt am Ende einer Operation, die ich mit Stift und Papier durchführe, der Gehalt eines Satzes nur eine Messabweichung, die Differenz zwischen dem, was ich sage und dem, was ich meine – darf ich es dir schicken und behaupten, darin sei ich enthalten?

Heidelberg, Mai 2015

 

Einem Text im Innern begegnen, wie ich mit geschlossenen Augen etwas berühren, es erst dadurch mich berühren lassen könnte. Wenn ich erkenne, was mir entspricht, mir widerspricht – etwa, weil ich mich erinnere oder auch, weil es zu Lebendigem gehört, gar lebendig ist – dann wird mein Lesen: Antwort.
Mehr lesen, weiterlesen, tasten, sehen.

Berlin, Buchstraße, 2008

 

Seit du einmal stehenbliebst und nach einem Wort suchtest – als wäre es ein Ding und fände sich, wo es entfiel – säumt dein mit jedem meiner Schritte aufgegriffenes Verharren die Gehsteige der Stadt, die ich mir nie erschrieben habe; an deren Oberfläche ich mich stets bewegte – im Irrtum, ein Muster zu weben, tatsächlich: den Fäden der Netzspinne nach – gäbe es die Unterführung nicht, die ich durchquere, manchmal, und du weißt warum.

Metz, November

 

Fortfahren? Farbveränderungen fühle ich mich ausgeliefert, die Bremskraftverstärkung bereitet weniger Schwierigkeiten.

Spaziergänge mag ich, sie setzen kein Ziel voraus. Von ihnen bringe ich vergangene Zeit mit, Verlust gibt es nicht. Ich trage ein buntes Tuch, eng um den Hals gewickelt.

Der Wind am Fluss wirbelte Blätter auf, trug sie ein Stück weiter, ließ sie wieder sinken – so verwischte er vieles.
Noch gilt, was ich jetzt sehe.

Berlin, Plötzensee

 

Zur Stadt hinaus geht man der Sonne nach, die man als blinden Lichtfleck im Gesichtsfeld trägt. Einmal draußen, bereut man den eigenen Mangel an Begrifflichkeiten für die Dinge. Man bildet die Idee eines Vergessens, das der erfolgreichen Umrundung des Sees folgen könnte; ein synchrones Bewältigen, das sich augenblicklich nach Passieren einer gedachten oder zufällig gewählten Demarkierung einstellt. Um dieser Idee Substanz zu verleihen, denkt man an ein Buch, das man einmal in Händen gehalten hatte und von dem nur der Eindruck unverschämt kurzer Sätze zwischen Schwarzweißfotografien geblieben war und die beruhigende Illusion, jedes Problem lasse sich meistern, sobald man es formulieren könne. Doch anstatt zu formulieren, unterbricht man die Umrundung der Wasserfläche – man hatte sie bis dahin kaum beachtet –, setzt sich auf eine steinerne Bank und notiert: dies. Unweit liest jemand heil gebliebene Blätter vom Weg.