Tag : Moosbruck

Karolina [Protokolle, Karolina, 3]

Wir haben so eine Art Spirale im Bad hängen: bunte, papierne Ringe an einer Schnur. Ich habe sie im Vorübergehen in einem Schaufenster entdeckt und sofort gekauft. Obwohl ich einen Termin hatte, einen Termin wegen Emmi, ich wollte sowieso lieber nicht hingehen und dann sah ich diese Spirale. Ich habe angerufen, den Termin abgesagt und stattdessen die Spirale gekauft. Habe sie nach Hause getragen und am Fenster im Bad befestigt. Dort hängt sie seither und wenn ich morgens den Moment erwischt habe, an dem die Sonnenstrahlen das Fenster erreicht haben, dann haben sich die Ringe gedreht, im Sonnenlicht.
Und ich habe gelächelt.

Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Ein Zeichen.
Für meine Mutter ist alles ein Zeichen.
Ein Grund, nicht daran zu glauben.
Aber sogar Marianne, ich meine Marianne, wer könnte bodenständiger sein. Sogar sie sagt, immer, wenn ein Blatt vom Baum falle und vor ihr zu Boden kreisele, denke sie an ihren Heinz und dass es ein Zeichen von ihm sei.
Wenn Marianne an Zeichen glaubt, dann –

Seit er da ist, hat sie sich nicht mehr gedreht, die Spirale.
Ich komme nicht vom Fleck, nicht aus dem Bad heraus, mein Blick klebt an den bunten Ringen. Emmi steht in der Tür und sieht mich an.
Ein Luftzug, denke ich. Es muss wohl ein Luftzug gewesen sein.
Jetzt ist es Emmi, die lächelt.

Vermisst du deinen Vater denn nicht, hat sie mal jemand gefragt, ich habe es zufällig mitangehört.
Aber warum denn, hat sie geantwortet. Er ist doch immer da.

Gerda Bruckner, Hausfrau [Protokolle, Bruckner]

Der Johann, natürlich erinnere ich mich an den Johann, den vergisst man nicht so leicht.
Er kam wegen – ach, ich weiß nicht mehr, um was es ging, ein Geschäft wird es gewesen sein, der Johann machte sein Lebtag Geschäfte, mit zwanzig hatte der schon mehr Geld als andere mit fünfzig.

Wäre ihm nur nicht die Anna über den Weg gelaufen. Die Georgi Anna, das hübscheste Mädchen im Dorf. Und ein liebes noch dazu, für alle hatte sie ein Lächeln, auch für den Johann, den haben nicht viele angelächelt, den hat man lieber gar nicht erst angesehen, und das, wo er doch so fesch war.
Der Johann, der hat die Anna gesehen und wollte sie haben.
Er war einer, der am Ende bekommt, was er will.

Die einen rieten ihr zu. Einen besseren findest du nicht, sagten sie, so eine gute Partie, ein Städter zwar, aber dann musst du dir wenigstens nicht mehr die Hände schmutzig machen.

Was wussten die schon. Man kann sich die Hände auch schmutzig machen, ohne in den Kuhstall zu gehen.

Andere waren neidisch, die Hirschbichlerin vor allem. Dabei hatte sie doch ihren Georg und den großen Hof, aber das war ihr nicht genug, der Hirschbichlerin ist es nie genug.

Die Mehrheit im Dorf war allerdings der Meinung, die Anna solle besser die Finger vom Johann lassen. Der einzige, der es laut gesagt hat, war der Moosacher Fritz. Und plötzlich gingen ihm die Tiere ein, im Sturm flog ihm das Dach davon und von der Bank hat er dann kein Geld bekommen, obwohl er doch ein rechtschaffener Mensch ist, was keiner besser wusste, als der Toni von der Bank; aber der Toni hat den Kopf geschüttelt und gesagt, es täte ihm leid, er könne nichts machen, Befehl von oben. Von oben, das war München.

Die Anna hat ihn am Ende genommen, den Johann. Ach, keine andere Wahl hat sie gehabt, die Anna.
Er hat sie in die Stadt mitgenommen und danach hat man sie hier kaum mehr gesehen. Manchmal ist es besser, du kommst nicht zurück.

Aber dass sie den Edgar zurückgelassen hat.
Nur, was hätte sie auch tun sollen, sie konnte ihn schlecht mitnehmen, der Edgar wäre auch gar nicht mitgegangen, er ist keiner, der fortgeht, der bleibt auf dem Hof, bis sie ihn mit den Füßen voran hinaustragen.

Und so war es dann ja auch.

Schneenacht [Geschehnisse, 3]

Die Nacht ist hell vom fallenden Schnee. Dicke Flocken haben sich auf den Zaunpfosten des ehemaligen Gemüsegartens niedergelassen, haben ihnen eine zentimeterdicke Haube verpasst.
Sam sitzt auf der Bank vor dem Hof. Sitzt, wie er immer mit Edgar gesessen hat, mit Edgar und dem Hund.
Der Geruch von Edgars Tabak hängt in der Luft und Sam hat seine langsamen, pfeifenstopfenden Bewegungen vor Augen, das Aufflammen des Streichholzes in der Nase.
Was wirst du tun, wenn sie kommt, fragt Edgar.
Mit ihr zum See gehen.
Edgar nickt. Das hat er sich gedacht.

Karolina [Protokolle, Karolina, 2]

Als mich der See ein zweites Mal zu sich rief, regnete es. Es war ein schneeflockenleichter Nieselregen, kaum zu spüren, kaum zu hören, aber nach einer halben Stunde bist du völlig durchnässt und schiltst dich eine Idiotin, überhaupt nach draußen gegangen zu sein. Und dann auch noch an den See.

Ich hätte zu Hause sein sollen, bei Emmi und einer Tasse dampfenden Kakaos.

Aber nein, ich stand am See und sah hinaus auf den Nebelschleier, der sich über der Wasseroberfläche gebildet hatte. In der Hand hielt ich einen Kieselstein, ich hatte ihn zuvor im Wald aufgesammelt, einen elliptischen Kiesel in unterschiedlichen Nuancen von Grau. In meiner Hand war er warm geworden, die Wärme ein seltsamer Gegensatz zur frösteligen Kühle, die sich unter meine Kleidung geschlichen hatte. Mit dem Daumen rieb ich über die glattgeschliffene Oberfläche, ein rundum perfekter Kiesel, wäre da nicht die eine Kerbe gewesen, die gerade genug Platz für eine Fingerkuppe bot.

Ich war versucht, den Stein aufs Wasser hinauszuwerfen, in einem hohen Bogen, um herauszufinden, ob er die Stille stören, lautlos untergehen oder sich einfach in Nichts auflösen würde.

Aber ich warf ihn nicht, man wirft keine Steine in diesen See. Das war nichts, was sie sagten, es war etwas, das ich wusste.

 
***
 

Der Stein liegt noch immer auf der Fensterbank in der Küche, neben dem Körbchen mit den Zwiebeln und dem Knoblauch. Ich muss ihn nicht mehr werfen, um zu wissen. Er würde sinken. Und sinken. Und sinken.

Lissi [Protokolle, Lissi, 1]

Plötzlich war er wieder da, einfach so. Vanessa Gildenknecht hat es auf Facebook gepostet.
Monatelang musste ich ihre „OMG, dieser Nagellack ist einfach irre!“-Nachrichten ertragen, aber gut, es hat sich dann ja doch gelohnt. An einer Ampel wollte sie ihn gesehen haben, einfach so, mitten in München.
Ich sollte ihn längst vergessen haben, nur, so einfach ist das nicht; und immerhin war ich nicht die einzige, der das mit dem Vergessen schwer fiel, das sah man an den Reaktionen auf Facebook. Zuerst gab es gar keine Reaktionen, stattdessen eine beängstigende Stille; wenn das überhaupt geht, Stille im Internet, aber irgendwie ging es. Und danach kam auch nicht mehr viel, entgeisterte Smileys und ob sie sich wirklich sicher sei, sie solle sich bloß von ihm fernhalten, vergiss den Typ.

Ha, ha. Fernhalten, vergessen, super Idee.

Sam tut niemandem gut, mein Bruder ist das beste Beispiel dafür. Wahrscheinlich hätte es Jan auch ganz allein geschafft, sich umzubringen, mit irgendwelchen Drogen oder so. Waren ja auch Drogen, allen voran die Sam-Droge – allein wäre Jan sicher nicht auf die Idee gekommen, auf dieser Bahn herumzuspazieren, na ja, vielleicht doch, aber wenn Sam dabei war, ist er regelmäßig an Dingen gescheitert, die eine Nummer zu groß für ihn waren. Als müsse er etwas beweisen; musste er ja auch, ging uns doch fast allen so.

Jedenfalls, Sam war wieder da. OMG. Zuerst habe ich mir eingeredet, das wäre Blödsinn, die will sich doch nur wichtig machen, aber eigentlich wusste ich, dass es doch stimmt, eigentlich war von Anfang an klar, dass er irgendwann wieder zurückkommen würde. Und was machst du dann, Lissi? Dich fernhalten natürlich. Ha ha.

Dabei war das mit dem Fernhalten zuerst sogar ziemlich einfach, ich wusste ja gar nicht, wo er war, im Münchner Stadthaus jedenfalls nicht und auch nicht im Haus am See.
Tagelang ging ich von der Arbeit zu Fuß nach Hause, machte einen Umweg über die Prinzregentenstraße, Martin wunderte sich schon; Spazieren gehen, Lissi?, hat er gefragt. Ernsthaft?
Aber am Eisbach tauchte Sam nicht auf. Auch bei seinem Bruder war er nicht.

Den habe ich schließlich gefragt, also Rafael. Er sah aus, als hätte er nur darauf gewartet, dass ich angekrochen komme. Vermutlich hat er das sogar, der Arsch. Vielleicht ist er noch schlimmer als Sam, anders schlimm.
Sieh an, die Lissi, hat er mit seinem erbärmlichen Lächeln gesagt. Am liebsten hätte ich ihn getreten.
Rafael hätte mir jedenfalls nichts verraten, gar nichts, hätte er nicht gewusst, dass er damit weder mir noch Sam einen Gefallen tut.

Zuerst dachte – oder hoffte ich, er weiß so wenig wie ich, aber nein, Rafael wusste schon immer, wo Sam zu finden war.
Nur als Sam das große Verschwinden durchzog, da wusste er nichts – und das war überhaupt das Beste an Sams Verschwinden, dass Rafael nicht die leiseste Ahnung hatte, wo sein bescheuerter Bruder plötzlich war.
Aber jetzt wusste er es natürlich doch und nachdem er die Situation lang genug ausgekostet hatte, erzählte er was von einem Bauernhof, in der Nähe von irgendeinem Kaff Richtung Holzkirchen.

Ein Bauernhof. Sam.
Der verarscht mich doch, dachte ich. Trotzdem habe ich Martin vollgequatscht; Martin steht auf mich, der fährt mit mir auch aufs Land, wenn es sein muss.

Sam habe ich dann aber doch nicht getroffen.
Wir sind in einem sterbenslangweiligen Naturschutzgebiet herumgelaufen – im Nebel, übel war das, bestimmt wäre alles ganz anders gekommen ohne diesen scheiß Nebel. Und die Vögel, die waren richtig unheimlich, aus dem Nichts kamen die, schwarze Schatten und dieses Gekrächze, nee, Lissi, das machst du jetzt nicht, du fährst besser wieder in die Stadt zurück.

Und in der Stadt hätte ich bleiben sollen, aber ein paar Tage später fuhr ich dann doch wieder Richtung Holzkirchen, alleine dieses Mal. Klar, ich hätte Martin noch mal fragen können, aber der ging mir auf die Nerven mit seinen Blicken. War das erste Mal schon ein Fehler, ihn zu fragen.
Manche Sachen musst du alleine durchziehen.
Auch wenn von vornherein klar ist, dass sie nicht gut ausgehen werden.

Lore Draxler, Hausfrau [Protokolle, Draxler]

Als es mit der Liesl bergab ging, da haben wir hin und her überlegt, was zu tun ist. Die Hanni war jeden Tag dort und hat nach dem Rechten gesehen, aber auf Dauer ging das nicht, die Hanni hat ihre eigene Familie und es wurde ja auch nicht besser mit der Liesl.
Die Hanni hat überlegt, die Tochter anzurufen, die Elfie, aber die Elfie, die würde sowieso nicht kommen. Vor ein paar Jahren wollte sie die Liesl nach Spanien holen, so ein Blödsinn, die Liesl hätte es keine drei Tage ausgehalten; vermutlich wäre sie schon auf dem Weg zum Flughafen zusammengeklappt und gar nicht erst in Spanien angekommen. Wo sie doch seit jeher immer so ängstlich gewesen ist.

Und von der Enkelin wusste keiner was. Früher war sie ein, zwei Mal da gewesen, in den Sommerferien; mei, was war die Liesl stolz, aber das war lange her und seither hat sie sich kaum mehr blicken lassen.

Aber auf einmal war sie dann doch wieder da, gerade zum rechten Zeitpunkt. Die Hanni hat es der Marianne erzählt, die Enkelin sei da, hat sie gesagt, bleiben würde sie und ihre Tochter hätte sie dabei, ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt.

Und alle dachten an den Franz und wie er früher um die Elfie herumscharwenzelt ist – er war nicht der einzige, die Elfie hat nichts anbrennen lassen, aber der Franz war der hartnäckigste von allen. Alles hätte er ihr zu Füßen gelegt, aber die Elfie wollte nur eins, nämlich weg von hier und das konnte er ihr nicht bieten, da ist er wie die Liesl – hier geboren, hier begraben, der geht nicht weg.
Und dass die Elfie Bäuerin wird und hier bleibt, daran hat auch keiner geglaubt, noch nicht einmal der Franz. Gehofft hat er es vielleicht, aber daran geglaubt – nein.
Die Elfie ist dann wirklich fortgegangen und kurz darauf hieß es, sie hätte eine Tochter bekommen. Wer weiß, hat so mancher gesagt und an den Franz gedacht, wer weiß.

Aber wie die Karolina, also die Enkelin von der Liesl und die Tochter von der Elfie zurückgekommen ist, wie wir sie gesehen haben, da dachte keiner mehr an den Franz. So eine hübsche Frau. Freundlich war sie und patent, die Marianne hat sie gleich in die Bäckerei geholt, das war schlau von ihr, aufs Geschäft versteht sie sich – sie hat sich denken können, dass alle die Enkelin sehen wollen und eine Hilfe hat sie sowieso gebraucht, sie wurde ja auch nicht jünger.
Und sie war nicht nur hübsch, die Karolina, sie war auch freundlich, zu jedem, sogar zur Hirschbichler Lore. Nach drei Tagen wusste sie schon, wer die dunklen Brötchen lieber hat als die hellen und mir hat sie immer eine Topfentasche für meine Franziska zurückgelegt.

Natürlich wurde trotzdem geredet. Vor allem, als die beiden andauernd beim Edgar waren. Die zwei jungen Dinger und der alte Mann und gerade der Edgar, was will sie denn da, was will sie denn von dem. Aber vor allem das kleine Mädchen, ganz allein ist sie dorthin gegangen – die Karolina hatte sie im Kindergarten angemeldet, aber da ist sie nicht geblieben, ausgebüxt ist sie, immer wieder. Stromert allein durch die Gegend, so ein kleines Ding, das geht doch nicht, das ist doch nicht gut.

Und dann hat die Karolina auch noch angefangen, nach dem See und den anderen alten Geschichten zu fragen, gerade nach denen, die alle lieber vergessen wollten. Die Hanni hat gesagt, sie hätte auch die Liesl gefragt, dabei weiß doch jeder, dass man die Liesl so etwas nicht fragen darf und natürlich, drei Tage lang war sie ganz durcheinander deswegen und konnte nicht mehr schlafen.

Warum fragt sie auch nach den alten Geschichten, das tut ihr nicht gut, keinem tut das gut, manches sollte man einfach vergessen und fertig.
Aber wenigstens die Liesl war versorgt.

Sam [Bekenntnisse, 8]

Als ich aus dem Wasser kam, saß ein kleines Mädchen unter der Weide. Auf dem Baumstamm direkt neben meinen Kleidern, als hätte sie auf mich gewartet.
Einen kurzen Moment lang fragte ich mich, ob sie echt war. Außer mir war noch nie jemand hier gewesen. Edgars Geschichten von den Regenelfen fielen mir ein.
Aber sie trug einen kreischend rosafarbenen Glitzerpulli, auf dem ein Pony mit einer goldenen Krone abgebildet war. Außerdem regnete es auch gar nicht.
Und natürlich gibt es keine Regenelfen.

Sie musste echt sein.

„Du bist im See geschwommen“, sagte sie und ließ mich nicht aus den Augen. Ich griff nach dem Handtuch.
„Niemand schwimmt im See.“ Sie starrte mich immer noch an. „Schon gar nicht ohne Kleider.“
Ich legte das Handtuch weg, griff nach meiner Hose.
„Du bist der Krähenjunge, stimmt’s?“
Jetzt war ich es, der sie anstarrte. Ein kleines Mädchen mit alten Augen. So stellte ich mir den Grund des Sees vor – wie die Tiefe in ihren Augen.
„Ich hab gewusst, dass du kommst. Edgar hat es mir gesagt. Er hat auf dich gewartet.“
Edgar.
„Jetzt ist er tot.“

Ja. Jetzt ist er tot.

Karolina [Protokolle, Karolina, 1]

Märchen erzählen sie. So dachte ich.

Von einem See, der nie zufriert, nicht in den kältesten Wintern.
Von einem See, auf dessen Wasseroberfläche nach dem Sturm kein einziges Herbstblatt schwimmt.
Von einem See, der noch im schlimmsten Sturm die Ruhe selbst ist. Um ihn herum ächzen Bäume, fallen Äste, doch der See liegt ruhig, nicht eine Welle, die bricht.

Märchen.
Denkst du.

Aber dann willst du es doch wissen, willst es mit eigenen Augen sehen und – gehst hin. Deine Schritte werden langsamer, je näher du ihm kommst, die Geräusche des Waldes werden lauter, bedrohlicher, dein Herz schlägt schneller, klopft dir gegen die Brust, eine Amsel, die im Laub der letzten Jahre nach Würmern sucht, erschreckt dich, doch dann – nichts mehr, Stille.
Alles verstummt, denn da liegt er, der See.
Diese Stille, diese Bedrohung, das bildest du dir ein. Denkst du.
Wegen ihrer Geschichten. Zu viele davon hast du gehört.

Der See.
Du hättest ihn dir größer vorgestellt.
Tief sei er, sagen sie. Niemand schafft es bis zum Grund.
Wie auch?, hast du dich gefragt. Dort schwimmt sowieso keiner.

Der See lauert dich an.
Du bist zwei, drei Schritte vom Ufer entfernt stehengeblieben. Versuchst, ihn auf Abstand zu halten.

Ein plötzlicher Windstoß greift dir unter die Jacke, lässt dich zurückzucken. Der Wind hat ein Blatt erwischt, einen Vorboten des kommenden Herbstes, lautlos trägt er es durch die Luft, hoch über das Wasser, lässt es dann fallen, es kreiselt, fängt sich, gleitet weiter, kreiselt, fällt – du trittst einen Schritt nach vorn, noch einen, das Blatt, wo ist es, wo trägt er es hin – es kreiselt, fällt, wird davongetragen, hinein in den Wald.
Luft, du brauchst Luft. Hast den Atem angehalten. Willst gehen, jetzt gleich, aber der See, er ist so nah, so –
Nicht hineinstarren, sagen sie. Nicht aufs Wasser hinausschauen. Es zieht dich sonst hinaus, hinein.
Nicht hineingehen, sagen sie. Er lässt dich nie mehr los.

Noch einen, du machst noch einen Schritt, gehst in die Knie, streckst deine Hand aus, einen Finger, berührst das Wasser – es ist gar nicht so kalt – der Himmel, der Wasserspiegelhimmel, du störst seine Ruhe. Ringe breiten sich aus.

Da lebt nichts, sagen sie. Keine Fische, keine Frösche, kein Wasserläufer, nichts. Nur –

João, flüsterst du. João, bist du hier?
Geh nicht dorthin, sagen sie. Geh nicht zum See.
Edgar, der seltsame Edgar, der in deine Seele hineinsehen kann, auch er schüttelt den Kopf.

Du schüttelst den Kopf.
Stehst auf, drehst dich um und – gehst.

Du wirst wiederkommen. Der See hat silbrige Spinnenfäden nach dir ausgeworfen. Du bist ihm ins Netz gegangen.

Werner Stammler, Landmaschinenmechaniker [Protokolle, Stammler]

Der Junge, ja.

Die Hunde sind immer durchgedreht, wenn er in die Nähe kam. Sogar unser Wurli, Gott hab ihn selig, hat gekläfft wie ein Großer und der Wurli, das war nun wirklich ein harmloser, kleiner Kerl, der hat niemandem etwas zuleide getan.
Zur Monika habe ich gesagt, der Wurli habe Angst vor dem Jungen, deshalb kläffe er so. Geh, Werner, hat sie geantwortet und die Augen verdreht. Ihr war er aber auch nicht geheuer, der Junge. Der war niemandem geheuer.
Und dabei wussten wir anfangs noch gar nicht, dass er der Enkel vom Johann ist.

Der Johann. Bei dem haben die Hunde gekuscht, haben sich mit eingezogenem Schwanz im Heu verkrochen. Der Wurli wäre wahrscheinlich drei Tage lang nicht mehr hinterm Ofen vorgekommen, aber den Wurli gab es damals noch gar nicht, ich war ja selbst noch ein kleiner Bub.

Der Junge jedenfalls – als es rauskam, dass er der Enkel vom Johann ist, haben alle einen noch größeren Bogen um ihn gemacht.
Geredet hat jeder von ihm, was ist das für ein Junge da draußen beim Edgar, alle haben sich das gefragt. Beim Edgar, da ist doch sonst nie jemand, nur ab und zu der Riedinger Georg. Und der geht auch nur deshalb hin, weil er immer noch darauf hofft, die Anna käme zurück. Obwohl die Anna längst tot und noch viel länger fort ist, hofft er noch darauf, der arme Kerl.

Jedenfalls war auf einmal der Junge da und keiner wusste was. Irgendeiner hat ihn am See gesehen, schwimmen würde er dort, hieß es.
An den See wollte der Wurli auch nicht, niemand will dorthin.
Aber der Junge war dort. Ganz allein beim Edgar und dann auch noch am See. Dabei war er zu der Zeit bestimmt noch keine dreizehn.

Da stimmt was nicht, hat die Sendlinger Inge gesagt.
Das sagt sie gern, die Sendlingerin. Wenn die Maria sonntags nur drei Brötchen holt statt fünf, wenn der Toni mit der Post eine halbe Stunde später kommt als sonst, wenn der Hacker Hans noch kein Heu gemacht hat, aber auch, wenn der Hacker als Erster Heu macht. Die Sendlingerin findet immer was zum Reden, findet immer etwas, das nicht stimmt.
In dem Fall haben ihr aber alle Recht gegeben. Nur die Wagner Klara, die nicht, die Klara hat sich rausgehalten, die Klara hält sich eigentlich immer raus, schon seit jeher und jetzt ist sie über Neunzig, da wird sie auch nicht mehr damit anfangen, sich einzumischen.
Einer hat die Klara gesehen, als sie auf dem Friedhof mit dem Jungen geredet hat. Was hat sie nur mit dem Jungen zu reden? Und was macht so ein Junge überhaupt auf dem Friedhof?

Jetzt hat er ja einen Grund dorthin zu gehen, jetzt liegt der Edgar dort.

Der Johann tot, der Edgar tot, das ganze Dorf hat aufgeatmet, und der Franz, der Bub von der Sendlinger Inge, der hat schon laut überlegt, was er mit dem Hof machen wird, er wolle ihn kaufen, hat er gesagt, mitsamt den Äckern, aber natürlich ohne den See, den See, den will keiner.

Und ausnahmsweise hat es ihm jeder gegönnt, dem Sendlinger. Soll er doch den Hof haben, Hauptsache, man hat mit der ganzen Bagage nix mehr zu tun.

Keiner von denen ist zur Beerdigung vom Edgar gekommen, noch nicht mal die Tochter, dabei war es doch ihr Onkel, aber die war ja auch vorher nie dagewesen, keiner von ihnen, nur der Johann und der Junge.
Bezahlt haben sie die Beerdigung natürlich, einen jungen Burschen im Anzug haben sie geschickt, der hat alles organisiert, es gab sogar einen Leichenschmaus beim Fischerwirt. Der Sendlinger Franz hat sich an den Burschen herangewanzt, umsonst, der wusste nichts. Dann ist er nach München gefahren, der Sendlinger, im feinen Anzug, und danach hat man nichts mehr von ihm gehört, kein Wort mehr über den Hof, aber es wollte auch keiner nachfragen, wir haben einfach darauf gehofft, dass der Hof in Vergessenheit gerät, verfällt, zuwächst, keinen Ärger mehr macht. Und es kam ja auch keiner, es passierte nichts, mit jedem Tag haben wir ein bisschen leichter geatmet.

Aber dann war er wieder da, der Junge. Ein Mann, jetzt.

Zu früh, wir haben uns zu früh gefreut.

In der Bäckerei [Geschehnisse, 2]

Er erinnert sich an das Bimmeln der Türglocke, erinnert sich an den Geruch nach frischem Brot und altem Laden. Nichts hat sich hier verändert: eine Regalreihe Mehl – die mit dem lachenden Bäcker auf der Packung, darunter Semmelbrösel und Nudeln, darunter Schokolade – Ritter Sport, die traditionellen Sorten: Vollmilch, Nugat, Trauben-Nuss. Erbeer-Minze oder Vanille-Mousse wird man hier nicht finden. Alles fein säuberlich mit dem neongelben Preisaufkleber versehen. Und das Brot wird nicht in Tüten gepackt – man bekommt es in dünnes, graues Papier eingeschlagen.

„Ich bin gleich für Sie da!“
Die Stimme aus dem Nebenraum ist neu. Früher stand Frau Edinger im Laden, immer, Tag für Tag, ein kittelschürzengeblümter Drache mit einem Wust dunkler Locken. Sie folgte ihm mit misstrauischen Blicken, ließ ihn nie aus den Augen. Am Ende fehlte dann doch immer etwas.
Er lächelt.

„Was darf es sein?“
Kein Drache in diesen Tagen. Keine Kittelschürze, keine Locken. Stattdessen lange, dunkle Haare, zu einem Zopf gebunden, ein türkisfarbenes Tuch darüber. Ein Piratengesicht, fehlt nur noch der Ohrring, die Augenklappe.
Er will ihr das Tuch wegnehmen, mit den Händen den Zopf auflösen, er will sie am See haben, nackt. Und da hat er noch nicht mal in ihre Augen gesehen.
Augen von der Farbe eines aufziehenden Gewitterhimmels.
Blitz, Donner, Regen, Sturm. Noch nicht. Aber bald.
Sie fragt ein zweites Mal: „Sie wünschen?“
Nein, denkt er. Das willst du nicht wissen.

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