Tag : Karolina

Karolina [Protokolle, Karolina, 3]

Wir haben so eine Art Spirale im Bad hängen: bunte, papierne Ringe an einer Schnur. Ich habe sie im Vorübergehen in einem Schaufenster entdeckt und sofort gekauft. Obwohl ich einen Termin hatte, einen Termin wegen Emmi, ich wollte sowieso lieber nicht hingehen und dann sah ich diese Spirale. Ich habe angerufen, den Termin abgesagt und stattdessen die Spirale gekauft. Habe sie nach Hause getragen und am Fenster im Bad befestigt. Dort hängt sie seither und wenn ich morgens den Moment erwischt habe, an dem die Sonnenstrahlen das Fenster erreicht haben, dann haben sich die Ringe gedreht, im Sonnenlicht.
Und ich habe gelächelt.

Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Ein Zeichen.
Für meine Mutter ist alles ein Zeichen.
Ein Grund, nicht daran zu glauben.
Aber sogar Marianne, ich meine Marianne, wer könnte bodenständiger sein. Sogar sie sagt, immer, wenn ein Blatt vom Baum falle und vor ihr zu Boden kreisele, denke sie an ihren Heinz und dass es ein Zeichen von ihm sei.
Wenn Marianne an Zeichen glaubt, dann –

Seit er da ist, hat sie sich nicht mehr gedreht, die Spirale.
Ich komme nicht vom Fleck, nicht aus dem Bad heraus, mein Blick klebt an den bunten Ringen. Emmi steht in der Tür und sieht mich an.
Ein Luftzug, denke ich. Es muss wohl ein Luftzug gewesen sein.
Jetzt ist es Emmi, die lächelt.

Vermisst du deinen Vater denn nicht, hat sie mal jemand gefragt, ich habe es zufällig mitangehört.
Aber warum denn, hat sie geantwortet. Er ist doch immer da.

Karolina [Protokolle, Karolina, 2]

Als mich der See ein zweites Mal zu sich rief, regnete es. Es war ein schneeflockenleichter Nieselregen, kaum zu spüren, kaum zu hören, aber nach einer halben Stunde bist du völlig durchnässt und schiltst dich eine Idiotin, überhaupt nach draußen gegangen zu sein. Und dann auch noch an den See.

Ich hätte zu Hause sein sollen, bei Emmi und einer Tasse dampfenden Kakaos.

Aber nein, ich stand am See und sah hinaus auf den Nebelschleier, der sich über der Wasseroberfläche gebildet hatte. In der Hand hielt ich einen Kieselstein, ich hatte ihn zuvor im Wald aufgesammelt, einen elliptischen Kiesel in unterschiedlichen Nuancen von Grau. In meiner Hand war er warm geworden, die Wärme ein seltsamer Gegensatz zur frösteligen Kühle, die sich unter meine Kleidung geschlichen hatte. Mit dem Daumen rieb ich über die glattgeschliffene Oberfläche, ein rundum perfekter Kiesel, wäre da nicht die eine Kerbe gewesen, die gerade genug Platz für eine Fingerkuppe bot.

Ich war versucht, den Stein aufs Wasser hinauszuwerfen, in einem hohen Bogen, um herauszufinden, ob er die Stille stören, lautlos untergehen oder sich einfach in Nichts auflösen würde.

Aber ich warf ihn nicht, man wirft keine Steine in diesen See. Das war nichts, was sie sagten, es war etwas, das ich wusste.

 
***
 

Der Stein liegt noch immer auf der Fensterbank in der Küche, neben dem Körbchen mit den Zwiebeln und dem Knoblauch. Ich muss ihn nicht mehr werfen, um zu wissen. Er würde sinken. Und sinken. Und sinken.

Karolina [Protokolle, Karolina, 1]

Märchen erzählen sie. So dachte ich.

Von einem See, der nie zufriert, nicht in den kältesten Wintern.
Von einem See, auf dessen Wasseroberfläche nach dem Sturm kein einziges Herbstblatt schwimmt.
Von einem See, der noch im schlimmsten Sturm die Ruhe selbst ist. Um ihn herum ächzen Bäume, fallen Äste, doch der See liegt ruhig, nicht eine Welle, die bricht.

Märchen.
Denkst du.

Aber dann willst du es doch wissen, willst es mit eigenen Augen sehen und – gehst hin. Deine Schritte werden langsamer, je näher du ihm kommst, die Geräusche des Waldes werden lauter, bedrohlicher, dein Herz schlägt schneller, klopft dir gegen die Brust, eine Amsel, die im Laub der letzten Jahre nach Würmern sucht, erschreckt dich, doch dann – nichts mehr, Stille.
Alles verstummt, denn da liegt er, der See.
Diese Stille, diese Bedrohung, das bildest du dir ein. Denkst du.
Wegen ihrer Geschichten. Zu viele davon hast du gehört.

Der See.
Du hättest ihn dir größer vorgestellt.
Tief sei er, sagen sie. Niemand schafft es bis zum Grund.
Wie auch?, hast du dich gefragt. Dort schwimmt sowieso keiner.

Der See lauert dich an.
Du bist zwei, drei Schritte vom Ufer entfernt stehengeblieben. Versuchst, ihn auf Abstand zu halten.

Ein plötzlicher Windstoß greift dir unter die Jacke, lässt dich zurückzucken. Der Wind hat ein Blatt erwischt, einen Vorboten des kommenden Herbstes, lautlos trägt er es durch die Luft, hoch über das Wasser, lässt es dann fallen, es kreiselt, fängt sich, gleitet weiter, kreiselt, fällt – du trittst einen Schritt nach vorn, noch einen, das Blatt, wo ist es, wo trägt er es hin – es kreiselt, fällt, wird davongetragen, hinein in den Wald.
Luft, du brauchst Luft. Hast den Atem angehalten. Willst gehen, jetzt gleich, aber der See, er ist so nah, so –
Nicht hineinstarren, sagen sie. Nicht aufs Wasser hinausschauen. Es zieht dich sonst hinaus, hinein.
Nicht hineingehen, sagen sie. Er lässt dich nie mehr los.

Noch einen, du machst noch einen Schritt, gehst in die Knie, streckst deine Hand aus, einen Finger, berührst das Wasser – es ist gar nicht so kalt – der Himmel, der Wasserspiegelhimmel, du störst seine Ruhe. Ringe breiten sich aus.

Da lebt nichts, sagen sie. Keine Fische, keine Frösche, kein Wasserläufer, nichts. Nur –

João, flüsterst du. João, bist du hier?
Geh nicht dorthin, sagen sie. Geh nicht zum See.
Edgar, der seltsame Edgar, der in deine Seele hineinsehen kann, auch er schüttelt den Kopf.

Du schüttelst den Kopf.
Stehst auf, drehst dich um und – gehst.

Du wirst wiederkommen. Der See hat silbrige Spinnenfäden nach dir ausgeworfen. Du bist ihm ins Netz gegangen.

In der Bäckerei [Geschehnisse, 2]

Er erinnert sich an das Bimmeln der Türglocke, erinnert sich an den Geruch nach frischem Brot und altem Laden. Nichts hat sich hier verändert: eine Regalreihe Mehl – die mit dem lachenden Bäcker auf der Packung, darunter Semmelbrösel und Nudeln, darunter Schokolade – Ritter Sport, die traditionellen Sorten: Vollmilch, Nugat, Trauben-Nuss. Erbeer-Minze oder Vanille-Mousse wird man hier nicht finden. Alles fein säuberlich mit dem neongelben Preisaufkleber versehen. Und das Brot wird nicht in Tüten gepackt – man bekommt es in dünnes, graues Papier eingeschlagen.

„Ich bin gleich für Sie da!“
Die Stimme aus dem Nebenraum ist neu. Früher stand Frau Edinger im Laden, immer, Tag für Tag, ein kittelschürzengeblümter Drache mit einem Wust dunkler Locken. Sie folgte ihm mit misstrauischen Blicken, ließ ihn nie aus den Augen. Am Ende fehlte dann doch immer etwas.
Er lächelt.

„Was darf es sein?“
Kein Drache in diesen Tagen. Keine Kittelschürze, keine Locken. Stattdessen lange, dunkle Haare, zu einem Zopf gebunden, ein türkisfarbenes Tuch darüber. Ein Piratengesicht, fehlt nur noch der Ohrring, die Augenklappe.
Er will ihr das Tuch wegnehmen, mit den Händen den Zopf auflösen, er will sie am See haben, nackt. Und da hat er noch nicht mal in ihre Augen gesehen.
Augen von der Farbe eines aufziehenden Gewitterhimmels.
Blitz, Donner, Regen, Sturm. Noch nicht. Aber bald.
Sie fragt ein zweites Mal: „Sie wünschen?“
Nein, denkt er. Das willst du nicht wissen.

In der Bäckerei [Geschehnisse, 1]

Sie steht hinter der Kasse, als er die Tür öffnet. Sieht ihn an, als hätte sie auf ihn gewartet.
Sie hat auf ihn gewartet.
Ihre Gewitteraugen. Nichts von Emmi darin. Und in Emmis Augen nichts von einem Gewitter. Nur die Tiefe bodenloser Seen – Augen, die alles sehen, alles gesehen haben. Und meine, fragt er sich.

Ich bin schwanger, sagt sie.
Er nickt. Ich weiß.

Sie fragt nicht, wie er es wissen kann. Er kann es nicht wissen, aber er weiß es.

Von dir, fügt sie hinzu.

Natürlich.

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