Wahrheit. [Fußnoten, 6]

„Weißt du eigentlich, warum die Leute im Internet zu viel von sich preisgeben?“, meinte Dusk.
Ihre Frage überraschte mich. „Weil sie Aufmerksamkeit um jeden Preis wollen?“
„Weil sie wollen, dass jemand sie wirklich kennt. Dass jemand die Wahrheit über sie kennt.“

Der Tag, als wir begannen, die Wahrheit zu sagen, Susan Juby.

Lissi [Protokolle, Lissi, 1]

Plötzlich war er wieder da, einfach so. Vanessa Gildenknecht hat es auf Facebook gepostet.
Monatelang musste ich ihre „OMG, dieser Nagellack ist einfach irre!“-Nachrichten ertragen, aber gut, es hat sich dann ja doch gelohnt. An einer Ampel wollte sie ihn gesehen haben, einfach so, mitten in München.
Ich sollte ihn längst vergessen haben, nur, so einfach ist das nicht; und immerhin war ich nicht die einzige, der das mit dem Vergessen schwer fiel, das sah man an den Reaktionen auf Facebook. Zuerst gab es gar keine Reaktionen, stattdessen eine beängstigende Stille; wenn das überhaupt geht, Stille im Internet, aber irgendwie ging es. Und danach kam auch nicht mehr viel, entgeisterte Smileys und ob sie sich wirklich sicher sei, sie solle sich bloß von ihm fernhalten, vergiss den Typ.

Ha, ha. Fernhalten, vergessen, super Idee.

Sam tut niemandem gut, mein Bruder ist das beste Beispiel dafür. Wahrscheinlich hätte es Jan auch ganz allein geschafft, sich umzubringen, mit irgendwelchen Drogen oder so. Waren ja auch Drogen, allen voran die Sam-Droge – allein wäre Jan sicher nicht auf die Idee gekommen, auf dieser Bahn herumzuspazieren, na ja, vielleicht doch, aber wenn Sam dabei war, ist er regelmäßig an Dingen gescheitert, die eine Nummer zu groß für ihn waren. Als müsse er etwas beweisen; musste er ja auch, ging uns doch fast allen so.

Jedenfalls, Sam war wieder da. OMG. Zuerst habe ich mir eingeredet, das wäre Blödsinn, die will sich doch nur wichtig machen, aber eigentlich wusste ich, dass es doch stimmt, eigentlich war von Anfang an klar, dass er irgendwann wieder zurückkommen würde. Und was machst du dann, Lissi? Dich fernhalten natürlich. Ha ha.

Dabei war das mit dem Fernhalten zuerst sogar ziemlich einfach, ich wusste ja gar nicht, wo er war, im Münchner Stadthaus jedenfalls nicht und auch nicht im Haus am See.
Tagelang ging ich von der Arbeit zu Fuß nach Hause, machte einen Umweg über die Prinzregentenstraße, Martin wunderte sich schon; Spazieren gehen, Lissi?, hat er gefragt. Ernsthaft?
Aber am Eisbach tauchte Sam nicht auf. Auch bei seinem Bruder war er nicht.

Den habe ich schließlich gefragt, also Rafael. Er sah aus, als hätte er nur darauf gewartet, dass ich angekrochen komme. Vermutlich hat er das sogar, der Arsch. Vielleicht ist er noch schlimmer als Sam, anders schlimm.
Sieh an, die Lissi, hat er mit seinem erbärmlichen Lächeln gesagt. Am liebsten hätte ich ihn getreten.
Rafael hätte mir jedenfalls nichts verraten, gar nichts, hätte er nicht gewusst, dass er damit weder mir noch Sam einen Gefallen tut.

Zuerst dachte – oder hoffte ich, er weiß so wenig wie ich, aber nein, Rafael wusste schon immer, wo Sam zu finden war.
Nur als Sam das große Verschwinden durchzog, da wusste er nichts – und das war überhaupt das Beste an Sams Verschwinden, dass Rafael nicht die leiseste Ahnung hatte, wo sein bescheuerter Bruder plötzlich war.
Aber jetzt wusste er es natürlich doch und nachdem er die Situation lang genug ausgekostet hatte, erzählte er was von einem Bauernhof, in der Nähe von irgendeinem Kaff Richtung Holzkirchen.

Ein Bauernhof. Sam.
Der verarscht mich doch, dachte ich. Trotzdem habe ich Martin vollgequatscht; Martin steht auf mich, der fährt mit mir auch aufs Land, wenn es sein muss.

Sam habe ich dann aber doch nicht getroffen.
Wir sind in einem sterbenslangweiligen Naturschutzgebiet herumgelaufen – im Nebel, übel war das, bestimmt wäre alles ganz anders gekommen ohne diesen scheiß Nebel. Und die Vögel, die waren richtig unheimlich, aus dem Nichts kamen die, schwarze Schatten und dieses Gekrächze, nee, Lissi, das machst du jetzt nicht, du fährst besser wieder in die Stadt zurück.

Und in der Stadt hätte ich bleiben sollen, aber ein paar Tage später fuhr ich dann doch wieder Richtung Holzkirchen, alleine dieses Mal. Klar, ich hätte Martin noch mal fragen können, aber der ging mir auf die Nerven mit seinen Blicken. War das erste Mal schon ein Fehler, ihn zu fragen.
Manche Sachen musst du alleine durchziehen.
Auch wenn von vornherein klar ist, dass sie nicht gut ausgehen werden.

[…] und der Schuss brach. [Fußnoten, 5]

„Wenn es jetzt um Wild ging, dem mein Trachten besonders galt, pardonierte ich es. […] Ich wollte ihm noch weitere Male begegnen, es erneut erleben und genoss seinen Anblick bewusster als in jungen Jahren. Mir vorzustellen, was dem Wild, das vor mir stand, bisher widerfahren sein könnte und was ihm vielleicht noch bevorsteht, wurde mir zur Gewohnheit.“

Auf den letzten Drücker, Prof. Dr. Kurt Pitzler, Wild und Hund 22/2015

Lore Draxler, Hausfrau [Protokolle, Draxler]

Als es mit der Liesl bergab ging, da haben wir hin und her überlegt, was zu tun ist. Die Hanni war jeden Tag dort und hat nach dem Rechten gesehen, aber auf Dauer ging das nicht, die Hanni hat ihre eigene Familie und es wurde ja auch nicht besser mit der Liesl.
Die Hanni hat überlegt, die Tochter anzurufen, die Elfie, aber die Elfie, die würde sowieso nicht kommen. Vor ein paar Jahren wollte sie die Liesl nach Spanien holen, so ein Blödsinn, die Liesl hätte es keine drei Tage ausgehalten; vermutlich wäre sie schon auf dem Weg zum Flughafen zusammengeklappt und gar nicht erst in Spanien angekommen. Wo sie doch seit jeher immer so ängstlich gewesen ist.

Und von der Enkelin wusste keiner was. Früher war sie ein, zwei Mal da gewesen, in den Sommerferien; mei, was war die Liesl stolz, aber das war lange her und seither hat sie sich kaum mehr blicken lassen.

Aber auf einmal war sie dann doch wieder da, gerade zum rechten Zeitpunkt. Die Hanni hat es der Marianne erzählt, die Enkelin sei da, hat sie gesagt, bleiben würde sie und ihre Tochter hätte sie dabei, ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt.

Und alle dachten an den Franz und wie er früher um die Elfie herumscharwenzelt ist – er war nicht der einzige, die Elfie hat nichts anbrennen lassen, aber der Franz war der hartnäckigste von allen. Alles hätte er ihr zu Füßen gelegt, aber die Elfie wollte nur eins, nämlich weg von hier und das konnte er ihr nicht bieten, da ist er wie die Liesl – hier geboren, hier begraben, der geht nicht weg.
Und dass die Elfie Bäuerin wird und hier bleibt, daran hat auch keiner geglaubt, noch nicht einmal der Franz. Gehofft hat er es vielleicht, aber daran geglaubt – nein.
Die Elfie ist dann wirklich fortgegangen und kurz darauf hieß es, sie hätte eine Tochter bekommen. Wer weiß, hat so mancher gesagt und an den Franz gedacht, wer weiß.

Aber wie die Karolina, also die Enkelin von der Liesl und die Tochter von der Elfie zurückgekommen ist, wie wir sie gesehen haben, da dachte keiner mehr an den Franz. So eine hübsche Frau. Freundlich war sie und patent, die Marianne hat sie gleich in die Bäckerei geholt, das war schlau von ihr, aufs Geschäft versteht sie sich – sie hat sich denken können, dass alle die Enkelin sehen wollen und eine Hilfe hat sie sowieso gebraucht, sie wurde ja auch nicht jünger.
Und sie war nicht nur hübsch, die Karolina, sie war auch freundlich, zu jedem, sogar zur Hirschbichler Lore. Nach drei Tagen wusste sie schon, wer die dunklen Brötchen lieber hat als die hellen und mir hat sie immer eine Topfentasche für meine Franziska zurückgelegt.

Natürlich wurde trotzdem geredet. Vor allem, als die beiden andauernd beim Edgar waren. Die zwei jungen Dinger und der alte Mann und gerade der Edgar, was will sie denn da, was will sie denn von dem. Aber vor allem das kleine Mädchen, ganz allein ist sie dorthin gegangen – die Karolina hatte sie im Kindergarten angemeldet, aber da ist sie nicht geblieben, ausgebüxt ist sie, immer wieder. Stromert allein durch die Gegend, so ein kleines Ding, das geht doch nicht, das ist doch nicht gut.

Und dann hat die Karolina auch noch angefangen, nach dem See und den anderen alten Geschichten zu fragen, gerade nach denen, die alle lieber vergessen wollten. Die Hanni hat gesagt, sie hätte auch die Liesl gefragt, dabei weiß doch jeder, dass man die Liesl so etwas nicht fragen darf und natürlich, drei Tage lang war sie ganz durcheinander deswegen und konnte nicht mehr schlafen.

Warum fragt sie auch nach den alten Geschichten, das tut ihr nicht gut, keinem tut das gut, manches sollte man einfach vergessen und fertig.
Aber wenigstens die Liesl war versorgt.

Sam [Bekenntnisse, 8]

Als ich aus dem Wasser kam, saß ein kleines Mädchen unter der Weide. Auf dem Baumstamm direkt neben meinen Kleidern, als hätte sie auf mich gewartet.
Einen kurzen Moment lang fragte ich mich, ob sie echt war. Außer mir war noch nie jemand hier gewesen. Edgars Geschichten von den Regenelfen fielen mir ein.
Aber sie trug einen kreischend rosafarbenen Glitzerpulli, auf dem ein Pony mit einer goldenen Krone abgebildet war. Außerdem regnete es auch gar nicht.
Und natürlich gibt es keine Regenelfen.

Sie musste echt sein.

„Du bist im See geschwommen“, sagte sie und ließ mich nicht aus den Augen. Ich griff nach dem Handtuch.
„Niemand schwimmt im See.“ Sie starrte mich immer noch an. „Schon gar nicht ohne Kleider.“
Ich legte das Handtuch weg, griff nach meiner Hose.
„Du bist der Krähenjunge, stimmt’s?“
Jetzt war ich es, der sie anstarrte. Ein kleines Mädchen mit alten Augen. So stellte ich mir den Grund des Sees vor – wie die Tiefe in ihren Augen.
„Ich hab gewusst, dass du kommst. Edgar hat es mir gesagt. Er hat auf dich gewartet.“
Edgar.
„Jetzt ist er tot.“

Ja. Jetzt ist er tot.

Karolina [Protokolle, Karolina, 1]

Märchen erzählen sie. So dachte ich.

Von einem See, der nie zufriert, nicht in den kältesten Wintern.
Von einem See, auf dessen Wasseroberfläche nach dem Sturm kein einziges Herbstblatt schwimmt.
Von einem See, der noch im schlimmsten Sturm die Ruhe selbst ist. Um ihn herum ächzen Bäume, fallen Äste, doch der See liegt ruhig, nicht eine Welle, die bricht.

Märchen.
Denkst du.

Aber dann willst du es doch wissen, willst es mit eigenen Augen sehen und – gehst hin. Deine Schritte werden langsamer, je näher du ihm kommst, die Geräusche des Waldes werden lauter, bedrohlicher, dein Herz schlägt schneller, klopft dir gegen die Brust, eine Amsel, die im Laub der letzten Jahre nach Würmern sucht, erschreckt dich, doch dann – nichts mehr, Stille.
Alles verstummt, denn da liegt er, der See.
Diese Stille, diese Bedrohung, das bildest du dir ein. Denkst du.
Wegen ihrer Geschichten. Zu viele davon hast du gehört.

Der See.
Du hättest ihn dir größer vorgestellt.
Tief sei er, sagen sie. Niemand schafft es bis zum Grund.
Wie auch?, hast du dich gefragt. Dort schwimmt sowieso keiner.

Der See lauert dich an.
Du bist zwei, drei Schritte vom Ufer entfernt stehengeblieben. Versuchst, ihn auf Abstand zu halten.

Ein plötzlicher Windstoß greift dir unter die Jacke, lässt dich zurückzucken. Der Wind hat ein Blatt erwischt, einen Vorboten des kommenden Herbstes, lautlos trägt er es durch die Luft, hoch über das Wasser, lässt es dann fallen, es kreiselt, fängt sich, gleitet weiter, kreiselt, fällt – du trittst einen Schritt nach vorn, noch einen, das Blatt, wo ist es, wo trägt er es hin – es kreiselt, fällt, wird davongetragen, hinein in den Wald.
Luft, du brauchst Luft. Hast den Atem angehalten. Willst gehen, jetzt gleich, aber der See, er ist so nah, so –
Nicht hineinstarren, sagen sie. Nicht aufs Wasser hinausschauen. Es zieht dich sonst hinaus, hinein.
Nicht hineingehen, sagen sie. Er lässt dich nie mehr los.

Noch einen, du machst noch einen Schritt, gehst in die Knie, streckst deine Hand aus, einen Finger, berührst das Wasser – es ist gar nicht so kalt – der Himmel, der Wasserspiegelhimmel, du störst seine Ruhe. Ringe breiten sich aus.

Da lebt nichts, sagen sie. Keine Fische, keine Frösche, kein Wasserläufer, nichts. Nur –

João, flüsterst du. João, bist du hier?
Geh nicht dorthin, sagen sie. Geh nicht zum See.
Edgar, der seltsame Edgar, der in deine Seele hineinsehen kann, auch er schüttelt den Kopf.

Du schüttelst den Kopf.
Stehst auf, drehst dich um und – gehst.

Du wirst wiederkommen. Der See hat silbrige Spinnenfäden nach dir ausgeworfen. Du bist ihm ins Netz gegangen.

Werner Stammler, Landmaschinenmechaniker [Protokolle, Stammler]

Der Junge, ja.

Die Hunde sind immer durchgedreht, wenn er in die Nähe kam. Sogar unser Wurli, Gott hab ihn selig, hat gekläfft wie ein Großer und der Wurli, das war nun wirklich ein harmloser, kleiner Kerl, der hat niemandem etwas zuleide getan.
Zur Monika habe ich gesagt, der Wurli habe Angst vor dem Jungen, deshalb kläffe er so. Geh, Werner, hat sie geantwortet und die Augen verdreht. Ihr war er aber auch nicht geheuer, der Junge. Der war niemandem geheuer.
Und dabei wussten wir anfangs noch gar nicht, dass er der Enkel vom Johann ist.

Der Johann. Bei dem haben die Hunde gekuscht, haben sich mit eingezogenem Schwanz im Heu verkrochen. Der Wurli wäre wahrscheinlich drei Tage lang nicht mehr hinterm Ofen vorgekommen, aber den Wurli gab es damals noch gar nicht, ich war ja selbst noch ein kleiner Bub.

Der Junge jedenfalls – als es rauskam, dass er der Enkel vom Johann ist, haben alle einen noch größeren Bogen um ihn gemacht.
Geredet hat jeder von ihm, was ist das für ein Junge da draußen beim Edgar, alle haben sich das gefragt. Beim Edgar, da ist doch sonst nie jemand, nur ab und zu der Riedinger Georg. Und der geht auch nur deshalb hin, weil er immer noch darauf hofft, die Anna käme zurück. Obwohl die Anna längst tot und noch viel länger fort ist, hofft er noch darauf, der arme Kerl.

Jedenfalls war auf einmal der Junge da und keiner wusste was. Irgendeiner hat ihn am See gesehen, schwimmen würde er dort, hieß es.
An den See wollte der Wurli auch nicht, niemand will dorthin.
Aber der Junge war dort. Ganz allein beim Edgar und dann auch noch am See. Dabei war er zu der Zeit bestimmt noch keine dreizehn.

Da stimmt was nicht, hat die Sendlinger Inge gesagt.
Das sagt sie gern, die Sendlingerin. Wenn die Maria sonntags nur drei Brötchen holt statt fünf, wenn der Toni mit der Post eine halbe Stunde später kommt als sonst, wenn der Hacker Hans noch kein Heu gemacht hat, aber auch, wenn der Hacker als Erster Heu macht. Die Sendlingerin findet immer was zum Reden, findet immer etwas, das nicht stimmt.
In dem Fall haben ihr aber alle Recht gegeben. Nur die Wagner Klara, die nicht, die Klara hat sich rausgehalten, die Klara hält sich eigentlich immer raus, schon seit jeher und jetzt ist sie über Neunzig, da wird sie auch nicht mehr damit anfangen, sich einzumischen.
Einer hat die Klara gesehen, als sie auf dem Friedhof mit dem Jungen geredet hat. Was hat sie nur mit dem Jungen zu reden? Und was macht so ein Junge überhaupt auf dem Friedhof?

Jetzt hat er ja einen Grund dorthin zu gehen, jetzt liegt der Edgar dort.

Der Johann tot, der Edgar tot, das ganze Dorf hat aufgeatmet, und der Franz, der Bub von der Sendlinger Inge, der hat schon laut überlegt, was er mit dem Hof machen wird, er wolle ihn kaufen, hat er gesagt, mitsamt den Äckern, aber natürlich ohne den See, den See, den will keiner.

Und ausnahmsweise hat es ihm jeder gegönnt, dem Sendlinger. Soll er doch den Hof haben, Hauptsache, man hat mit der ganzen Bagage nix mehr zu tun.

Keiner von denen ist zur Beerdigung vom Edgar gekommen, noch nicht mal die Tochter, dabei war es doch ihr Onkel, aber die war ja auch vorher nie dagewesen, keiner von ihnen, nur der Johann und der Junge.
Bezahlt haben sie die Beerdigung natürlich, einen jungen Burschen im Anzug haben sie geschickt, der hat alles organisiert, es gab sogar einen Leichenschmaus beim Fischerwirt. Der Sendlinger Franz hat sich an den Burschen herangewanzt, umsonst, der wusste nichts. Dann ist er nach München gefahren, der Sendlinger, im feinen Anzug, und danach hat man nichts mehr von ihm gehört, kein Wort mehr über den Hof, aber es wollte auch keiner nachfragen, wir haben einfach darauf gehofft, dass der Hof in Vergessenheit gerät, verfällt, zuwächst, keinen Ärger mehr macht. Und es kam ja auch keiner, es passierte nichts, mit jedem Tag haben wir ein bisschen leichter geatmet.

Aber dann war er wieder da, der Junge. Ein Mann, jetzt.

Zu früh, wir haben uns zu früh gefreut.

Hermann Lechner, Chiemseefischer [Protokolle, Lechner]

Da war plötzlich dieser Junge. Aus dem Nichts ist er gekommen. Ich hätte seine Ruderschläge hören müssen, damals hörte ich noch gut, aber die Schnur hatte sich verheddert, das hat mich abgelenkt. Und gesehen hat man sowieso nicht viel, über dem See hing der Nebel.

Was ist denn da nur passiert, habe ich gedacht. So ein kleiner Junge, vielleicht acht oder neun, ganz allein und fürchterlich durchgefroren; er hatte keine Jacke an, nur einen dünnen Pullover. Das war das erste, was ich getan habe: meine Jacke ausziehen und ihm überhängen.

Was ist denn passiert, habe ich gefragt, warum bist du ganz allein auf dem See. Aber er hat nichts gesagt, kein einziges Wort. Ich sah ihn an, sein blasses Gesicht mit den düsteren Augen und Tante Lina fiel mir ein mit ihren Geistergeschichten, ihren Sprüchen über den Tod.
Der Junge hatte Augen wie der Tod, dunkel und leer. Was hinter der Leere war, wollte ich lieber nicht herausfinden.
Der Tod in Gestalt eines Achtjährigen.

Damals erschrak ich, wollte nichts von ihm wissen, vom Tod. Heute würde ich ihn mit offenen Armen empfangen, aber er kommt ja nicht, nicht zu mir.
Jedenfalls, ich habe dem Jungen meine Jacke um die Schultern gehängt, es waren kalte Schultern, aber es waren auch einfach nur die Schultern eines Jungen, eines lebenden, atmenden, durchgefrorenen Jungen.

Immer, wenn ich danach auf den See hinausgefahren bin, habe ich nach ihm Ausschau gehalten. Manchmal meinte ich, ihn zu sehen, dann lief mir eine Gänsehaut über den Rücken und trotzdem konnte ich nicht wegbleiben, bin jedes Mal näher dorthin gefahren, wo ich glaubte, ihn zu sehen.
Er war es dann doch nie.

Ich habe ihn mit nach Hause genommen, Erna hat heißen Kakao gemacht und gab ihm etwas Passendes, etwas Warmes zum Anziehen, sie hatte ja immer noch die alten Sachen vom Markus im Schrank. Was sage ich, es ist immer noch alles da, ich habe es dann auch nicht übers Herz gebracht, es wegzugeben.
Der Junge nahm den Kakao und sagte immer noch nichts. Sie hat mich angesehen und ich habe mit den Schultern gezuckt. Jedes andere Kind hätte sie in die Arme genommen, hätte ihm über die Haare gestrichen. Aber dieser Junge, der hat sogar meine Erna auf Abstand gehalten.

Wir haben dann den Alois angerufen, den Huber Alois, der ist Polizist, also er war es, jetzt ist er längst im Ruhestand.
Ich hab dem Alois gesagt, was ich wusste, das war ja nicht viel, wo ich den Jungen gefunden hatte, oder er mich, mehr war das nicht.

Ich habe den Alois später gefragt, ob er was aus dem Jungen herausbekommen hat; was ist denn nun eigentlich passiert, habe ich gefragt.
Verlaufen hätte er sich und dann am Ufer das Boot gefunden.

Das hat der Alois so wenig geglaubt wie ich.
So einer wie der verläuft sich nicht.

Es geht ja doch [Fußnoten, 4]

„[…] Um in einen Bereich vorzudringen, der eigentlich nicht mehr geht, und dann festzustellen: Es geht ja doch.“

Dorothea Brandt in Menschenversuch, Claudio Catuogno, Süddeutsche Zeitung vom 1./2. August 2015

Sam [Bekenntnisse, 7]

Es war immer kalt beim Ansitz. Und immer dachte ich, es würde mir nichts ausmachen, dieses Mal nicht. Aber es war, als wisse er den Zeitpunkt. Wie lange er warten muss, bis es mir dann doch etwas ausmacht.
Als ich kleiner war, musste ich stehen. Im Sitzen siehst du nur die Holzbretter, sagte er. Wir sind nicht wegen der Bretter gekommen.
Später saß ich neben ihm. Wir berührten uns nie. Nur wenn –

Mit der Dunkelheit erwachte sogar der tote Wald zum Leben. Die Dunkelheit, ich mochte sie von Anfang an, vielleicht aus diesem einen Grund: Weil sie sogar tote Wälder zum Leben erweckt. Die Kälte hingegen –

Du gewöhnst dich an alles. Wiederholung und Regelmäßigkeit. Dann – so erschreckend es anfangs auch ist – gewöhnst du dich daran. Immer.
Sobald du dich daran gewöhnt hast, kommt etwas Neues.
Wir fahren in ein fremdes Revier, zur falschen Uhrzeit.
Obwohl es eine warme Nacht ist, spürst du die Kältewelle schon im Auto heranrollen. Nichts anmerken lassen, nie.
Ein Sturm hat Bäume gefällt, dicke Stämme, sie liegen kreuz und quer, wir gehen an einem umgefallenen Hochsitz vorbei, machen Halt vor einem anderen. Eine hölzerne Leiter führt hinauf.
Ich gehe voran, immer. Einmal bin ich durchgebrochen, beim siebten Tritt. Ich höre sein Lachen noch heute.
Dann: Sitzen. Der Dunkelheit zuhören.
Du musst über die Umgebung Bescheid wissen, bevor sie über dich Bescheid weiß.

Ich höre sie, bevor ich sie sehe. Eine junge Frau, sie trägt eine helle Bluse und einen Rock, der zu lang und fransig ist für diesen Wald. Für jeden Wald. Sie kommt kaum vorwärts, immer wieder verheddert sich der Stoff im Geäst. Es scheint sie nicht zu stören.
An einem der umgestürzten Baumstämme bleibt sie stehen. Genau in unserem Blickfeld, vielleicht hundert Meter weit weg.
Sie weiß, dass wir hier sind, denke ich.

Ich sah den Alten nicht an. Keine Berührungen, keine Blicke, keine Worte. Wir wissen auch so, was der andere tut. Tun wird. Er wusste es jedenfalls. Immer.
Eine Zeitlang habe ich geglaubt, er könne sogar das Atmen einstellen, einfach so, weil er es will. Die besten Apnoetaucher kommen gute zehn Minuten ohne Atmen aus. Der Alte wäre ein guter Apnoetaucher geworden.

Die Frau zog sich aus. Sie lehnte sich gegen den Stamm einer der wenigen noch aufrecht stehenden Buchen und zog sich aus. Vollmond und nichts, was das Mondlicht verdunkelt, nichts, was sich zwischen uns und ihren Anblick gestellt hätte.
Ihren nackten Anblick. Im silbrigen Mondlicht stand sie da, stand einfach da und sah uns an. Setzte sich dann auf einen der umgefallenen Stämme, rittlings. Lehnte sich zurück. Ich konnte sie atmen hören. Ich glaubte wirklich, ich konnte sie atmen hören.
Sie berührte sich.
Ihr Atem ging schneller.
Noch schneller.

Er muss sie beauftragt, bezahlt haben, es gab keine Zufälle, nicht bei ihm.
Ich habe mich gefragt, ob er ihr auch von dem Gewehr erzählt hatte, das er in den Händen halten würde.