Karolina [Protokolle, Karolina, 2]

Als mich der See ein zweites Mal zu sich rief, regnete es. Es war ein schneeflockenleichter Nieselregen, kaum zu spüren, kaum zu hören, aber nach einer halben Stunde bist du völlig durchnässt und schiltst dich eine Idiotin, überhaupt nach draußen gegangen zu sein. Und dann auch noch an den See.

Ich hätte zu Hause sein sollen, bei Emmi und einer Tasse dampfenden Kakaos.

Aber nein, ich stand am See und sah hinaus auf den Nebelschleier, der sich über der Wasseroberfläche gebildet hatte. In der Hand hielt ich einen Kieselstein, ich hatte ihn zuvor im Wald aufgesammelt, einen elliptischen Kiesel in unterschiedlichen Nuancen von Grau. In meiner Hand war er warm geworden, die Wärme ein seltsamer Gegensatz zur frösteligen Kühle, die sich unter meine Kleidung geschlichen hatte. Mit dem Daumen rieb ich über die glattgeschliffene Oberfläche, ein rundum perfekter Kiesel, wäre da nicht die eine Kerbe gewesen, die gerade genug Platz für eine Fingerkuppe bot.

Ich war versucht, den Stein aufs Wasser hinauszuwerfen, in einem hohen Bogen, um herauszufinden, ob er die Stille stören, lautlos untergehen oder sich einfach in Nichts auflösen würde.

Aber ich warf ihn nicht, man wirft keine Steine in diesen See. Das war nichts, was sie sagten, es war etwas, das ich wusste.

 
***
 

Der Stein liegt noch immer auf der Fensterbank in der Küche, neben dem Körbchen mit den Zwiebeln und dem Knoblauch. Ich muss ihn nicht mehr werfen, um zu wissen. Er würde sinken. Und sinken. Und sinken.