Sam [Bekenntnisse, 7]

Es war immer kalt beim Ansitz. Und immer dachte ich, es würde mir nichts ausmachen, dieses Mal nicht. Aber es war, als wisse er den Zeitpunkt. Wie lange er warten muss, bis es mir dann doch etwas ausmacht.
Als ich kleiner war, musste ich stehen. Im Sitzen siehst du nur die Holzbretter, sagte er. Wir sind nicht wegen der Bretter gekommen.
Später saß ich neben ihm. Wir berührten uns nie. Nur wenn –

Mit der Dunkelheit erwachte sogar der tote Wald zum Leben. Die Dunkelheit, ich mochte sie von Anfang an, vielleicht aus diesem einen Grund: Weil sie sogar tote Wälder zum Leben erweckt. Die Kälte hingegen –

Du gewöhnst dich an alles. Wiederholung und Regelmäßigkeit. Dann – so erschreckend es anfangs auch ist – gewöhnst du dich daran. Immer.
Sobald du dich daran gewöhnt hast, kommt etwas Neues.
Wir fahren in ein fremdes Revier, zur falschen Uhrzeit.
Obwohl es eine warme Nacht ist, spürst du die Kältewelle schon im Auto heranrollen. Nichts anmerken lassen, nie.
Ein Sturm hat Bäume gefällt, dicke Stämme, sie liegen kreuz und quer, wir gehen an einem umgefallenen Hochsitz vorbei, machen Halt vor einem anderen. Eine hölzerne Leiter führt hinauf.
Ich gehe voran, immer. Einmal bin ich durchgebrochen, beim siebten Tritt. Ich höre sein Lachen noch heute.
Dann: Sitzen. Der Dunkelheit zuhören.
Du musst über die Umgebung Bescheid wissen, bevor sie über dich Bescheid weiß.

Ich höre sie, bevor ich sie sehe. Eine junge Frau, sie trägt eine helle Bluse und einen Rock, der zu lang und fransig ist für diesen Wald. Für jeden Wald. Sie kommt kaum vorwärts, immer wieder verheddert sich der Stoff im Geäst. Es scheint sie nicht zu stören.
An einem der umgestürzten Baumstämme bleibt sie stehen. Genau in unserem Blickfeld, vielleicht hundert Meter weit weg.
Sie weiß, dass wir hier sind, denke ich.

Ich sah den Alten nicht an. Keine Berührungen, keine Blicke, keine Worte. Wir wissen auch so, was der andere tut. Tun wird. Er wusste es jedenfalls. Immer.
Eine Zeitlang habe ich geglaubt, er könne sogar das Atmen einstellen, einfach so, weil er es will. Die besten Apnoetaucher kommen gute zehn Minuten ohne Atmen aus. Der Alte wäre ein guter Apnoetaucher geworden.

Die Frau zog sich aus. Sie lehnte sich gegen den Stamm einer der wenigen noch aufrecht stehenden Buchen und zog sich aus. Vollmond und nichts, was das Mondlicht verdunkelt, nichts, was sich zwischen uns und ihren Anblick gestellt hätte.
Ihren nackten Anblick. Im silbrigen Mondlicht stand sie da, stand einfach da und sah uns an. Setzte sich dann auf einen der umgefallenen Stämme, rittlings. Lehnte sich zurück. Ich konnte sie atmen hören. Ich glaubte wirklich, ich konnte sie atmen hören.
Sie berührte sich.
Ihr Atem ging schneller.
Noch schneller.

Er muss sie beauftragt, bezahlt haben, es gab keine Zufälle, nicht bei ihm.
Ich habe mich gefragt, ob er ihr auch von dem Gewehr erzählt hatte, das er in den Händen halten würde.

One thought on “Sam [Bekenntnisse, 7]

  1. Was bedeutet töten?

    Transitives Verb, mit schwacher Beugung, nach Sprechsilben zu trennen, steht im Grammatikbuch.
    Häufigkeitsklasse 11, steht in der Wortschatz-Statistik.
    Du sollst nicht, steht in der biblischen Verbotsliste.
    Einem Lebewesen gewaltsam das Leben nehmen, steht im Lexikon als Begriffsbestimmung.

    Bist Du ein Gewalt-Sam, Sam?
    Mehr als einmal habest Du Dich umgebracht – in welchem Sinne?
    Hast Du mit dem Alten über diese Frage gesprochen, nachgedacht in einer Kirche?
    Im Wald! Ja, dort denkt es sich wohl anders, als im Geistergehäuse.
    Was aber hat ein toter Wald zu bedeuten? Ausgetrocknet und ohne Stoffwechsel, wenn das Himmelswasser zu lange ausgeblieben ist. Leblos? Bewegungslos? Du aber bewegst Dich in ihm.
    Der Wald ist anscheinend tot, weil Du Dich an seine Unbeweglichkeit gewöhnt hast. Und weil diese Episode noch eine gute Weile andauern wird, muss sich etwas ändern.
    Da!
    Die Dunkelheit! Sie birgt ihre eigene Art von Leben, sie lässt sich sogar hören. Und jetzt das Licht, das Mondlicht, das nach 22 Uhr eine nackte Frau beleuchten darf. Kleines Kino in schwarzweiß, besser noch in schwarzsilber: Die Kamera zoomt von der Extremtotalen in den Full Shot, zeigt zielführende Griffe an strategischen Berührungspunkten. So kann das nicht weiter gehen. Am Cliff hangt ein Gewehr.

    Ich befürchte einen fernwirkenden Metallphallus, hoffe aber sehnlich auf etwas wirklich Neues.
    Mondstichig, Lupo.

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