Sam [Bekenntnisse, 4]

Es fing mit den Kirchen an, zuerst bin ich in die Kirchen gegangen. Es war die einfachste Lösung: dort hat mich keiner gesucht.

Es hat mich sowieso keiner gesucht.

Der Alte wusste, wo ich war. Wie er immer alles gewusst hat, über mich, über alle, so wusste er auch von den Kirchen. Er hat sie mir gelassen, hat mich hoffen lassen.
Hoffen – damals war das noch eine Möglichkeit. Kein rettender Gott, das nicht, aber etwas, irgendetwas –

Jedenfalls war ich in den Kirchen und in den Kirchen war Stille. In den Nächten sogar vollkommene Stille. Die wenigsten Kirchen hatten nachts ihre Türen geöffnet, aber –

Es ging so ein Frieden von ihnen aus.

Friede, alles Lüge.

Deshalb hat mir der Alte die Kirchen gelassen. Er wusste, ich würde von selbst draufkommen, die Zeit würde kommen, in der ich in den brennenden Kerzen nur noch die Möglichkeit sah, etwas in Brand zu setzen. Eins dieser Bücher vielleicht, das sie überall herumliegen haben, in das man seine Hoffnungen, Wünsche, Gebete hineinschreiben kann. „Lieber Gott, bitte mach, dass ich zu Weihnachten einen Hund bekomme“, „Herr, gib mir die Kraft, meine Krankheit zu besiegen.“
„Herr, lass ihn jämmerlich verrecken.“

Aber das war mir dann auch nicht recht.

Der Alte hatte auch seine Beerdigung genaustens festgelegt: Aus dem Grab heraus dirigierte er sie, befahl ihnen ihre Plätze, gab ihnen Ansprachen ein, die sie zu seinen Ehren hielten und ließ sie an seinem Grab stehen, mit Gesichtsausdrücken, die zum Anlass passten, dabei waren sie doch gottfroh, ihn endlich los zu sein.

Ich war nicht dort.
Vielleicht war ich der einzige, der ihn nicht begraben haben wollte, trotz allem wollte ich das nicht, nicht so.

Traurig war keiner, auch ich nicht.

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