Sam [Bekenntnisse, 12]

Mit einem Hasen haben wir angefangen. Hase, Reh, Wildsau. Mensch? Er lächelt. Aber nicht doch.
[Du gehörst mir, sagt sein Lächeln. Ohne mich wärst du nichts.]
Dann zieht er dir die Haut ab [Wortwörtlich?]. Wie bei einem Schwein. Erlegt in einer Mondnacht im toten Wald. Hat der Alte mal wieder Strecke gemacht. Der Alte, der kann was. Der kriegt die Sau auch ohne Kirrung.

Immer, wenn er das Messer ansetzt –

Eine Vollmondnacht im toten Wald. Schweinesonne. Draußen der Schnee, wie eine Haube liegt er über dem Wald, eine Glocke, abgeschnitten sind wir von der Welt; abgeschnitten, Messers Schneide, aber sind wir das nicht immer in diesem toten Wald. Und anderswo.
Du musst nur richtig ansetzen, sagt er. Mit der Klinge zwischen Fell und Fett. Was, wenn kein Fett da ist? Er lächelt. Das Messer abziehen, scharf muss es sein. Das Messer wird weniger mit jeder Sau.
Na los, Junge, zieh. Von allein geht die Schwarte nicht ab, so eine Sau, die hängt an ihrer Borste. Bellendes Lachen. Der Alte hat einen Witz gemacht.

Immer, wenn ich das Messer ansetze –
Knochensäge. Filiermesser. Ausbeinmesser. Wetzstahl. Rippenzieher.
Er winkt ab. Einfach nur ein Messer. Scharf muss es sein. Dafür. Und für alles andere.

Wie das Schwein dann da hängt. Ausgezogen, nackt. Der Alte lächelt.

*

Früher.

Ich zog mir die Schwarte über, das Fell. Oder ich schlüpfte zwischen die Rippen, die beiden Hälften der toten Sau umschließen mich. Verschwunden bin ich, weg ist der Junge. Nur noch ein –
[Armes, totes Schwein.]

Tote Schweine wärmen nicht.

Sam [Bekenntnisse, 11]

Dann war ich doch an seinem Grab.
Zur Hütte wollte ich ja auch nicht zurück. Ich dachte, den toten Wald hätte ich hinter mir gelassen, endgültig, warum sollte ich ihn jemals wieder betreten, freiwillig.
Ja klar.
Ich ging zur Hütte, ich ging ans Grab, so ist das mit ihm. Mit mir.
Drauf pissen, hatte ich gedacht, wenigstens das, aber nein, eine steinerne Grabplatte hat er sich ausgesucht, keine Blumen, nichts, Blumen brauchen Pflege und überhaupt, rote Rosen vielleicht? Die Pflege hätte er sich kaufen können, hat er aber nicht, gekauft hat er sich eine Steinplatte, du pisst drauf, es spritzt dir ans Bein.
Und er lächelt.

Johann Lechner, Unvergessen.
Unvergessen, ja klar. Der Alte macht sich noch aus dem Grab heraus über uns lustig.

Ich hätte nicht herkommen sollen.
Ich hätte so vieles nicht.

Sam [Bekenntnisse, 10]

So eine Narbe, sagt er und spießt mit dem Messer ein Stück Wurst auf.
Blutwurst. Rühren, immer schön rühren, damit das Blut nicht klumpt. Wie schnell es aus dem Schwein herausschießt. Und dieser Geruch. Ich blinzele und hasse mich dafür, denn natürlich hat er es gesehen und natürlich lächelt er. Er weiß, was ich denke, immer weiß er es, oft genug besser als ich, und vielleicht ist er es, den ich hasse. Er sollte es sein.

Die Messerspitze verharrt über meiner Augenbraue, berührt sie, ganz sacht. Er ist so feinfühlig mit dem Messer. Ich könnte kotzen und er lächelt immer noch. Aber ich blinzele nicht mehr, jetzt nicht, jetzt schon gar nicht. Mach doch, denke ich und –

Der Hund jault.
Drecksköter.

So eine Narbe, sagt er und ich blinzele immer noch nicht. Sie macht dich interessant. Dein Bruder könnte eine vertragen.
Mein Bruder, ja klar.

Er fängt mit dem Messer einen Tropfen Blut auf.
Hoppla, sagt er und holt eines seiner weißen Taschentücher aus der Jackentasche. Diese Flecken. Wieder lächelt er. Maria hat immer so viel Arbeit damit, sie herauszubekommen.
Mit dem Tuch in der Hand beugt er sich zu mir. Ich weiche zurück. Ich sollte es ihm aus der Hand schlagen, aber ich tue es nicht.
Ich sollte so vieles. Tue es nicht.
Lächelnd steckt er das Tuch wieder ein und spießt das nächste Stück Wurst auf, bietet es mir an.
Scheiß auf deine Wurst, denke ich.
Aus dem Handgelenk schleudert er die Wurst zum Hund, der sofort danach schnappt.

Drecksköter.

Karolina [Protokolle, Karolina, 3]

Wir haben so eine Art Spirale im Bad hängen: bunte, papierne Ringe an einer Schnur. Ich habe sie im Vorübergehen in einem Schaufenster entdeckt und sofort gekauft. Obwohl ich einen Termin hatte, einen Termin wegen Emmi, ich wollte sowieso lieber nicht hingehen und dann sah ich diese Spirale. Ich habe angerufen, den Termin abgesagt und stattdessen die Spirale gekauft. Habe sie nach Hause getragen und am Fenster im Bad befestigt. Dort hängt sie seither und wenn ich morgens den Moment erwischt habe, an dem die Sonnenstrahlen das Fenster erreicht haben, dann haben sich die Ringe gedreht, im Sonnenlicht.
Und ich habe gelächelt.

Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Ein Zeichen.
Für meine Mutter ist alles ein Zeichen.
Ein Grund, nicht daran zu glauben.
Aber sogar Marianne, ich meine Marianne, wer könnte bodenständiger sein. Sogar sie sagt, immer, wenn ein Blatt vom Baum falle und vor ihr zu Boden kreisele, denke sie an ihren Heinz und dass es ein Zeichen von ihm sei.
Wenn Marianne an Zeichen glaubt, dann –

Seit er da ist, hat sie sich nicht mehr gedreht, die Spirale.
Ich komme nicht vom Fleck, nicht aus dem Bad heraus, mein Blick klebt an den bunten Ringen. Emmi steht in der Tür und sieht mich an.
Ein Luftzug, denke ich. Es muss wohl ein Luftzug gewesen sein.
Jetzt ist es Emmi, die lächelt.

Vermisst du deinen Vater denn nicht, hat sie mal jemand gefragt, ich habe es zufällig mitangehört.
Aber warum denn, hat sie geantwortet. Er ist doch immer da.

Sam [Bekenntnisse, 9]

Es war an der Zeit, die Hütte anzuzünden. Am liebsten hätte ich den ganzen verdammten Wald abgefackelt, aber wie soll das gehen, der tote Wald brennt nicht. Die Hütte dann ja auch nicht.
Zu feucht, könnte man sagen. Wenn ich nur an den Keller denke –
Aber ich denke nicht an den Keller.
Ich denke immer an den Keller.
Man könnte auch sagen, es ist eh schon alles tot, was soll da noch brennen.
Edgar hätte das vielleicht gesagt.
Ich weiß nicht, ob Edgar jemals im toten Wald war, vermutlich nicht, Edgar weiß um tote Wälder und macht einen Bogen um sie.
Am See war er nie.

Ich bin hingefahren und wollte die Hütte anzünden. Ging nicht. Am Ende habe ich den Wolf angezündet, der tote Wolf brannte gut.
Ausgerechnet ihn, meinen Verbündeten.
Eine Erlösung, sagen sie, wenn ein Neunzigjähriger stirbt, dessen Leben keins mehr ist. Für ihn war es eine Erlösung.
Es war keine Erlösung, ich habe ihn umgebracht.

Verbündete wecken Erinnerungen.
Ich will mich nicht erinnern. Ich will mich erinnern. Wer kann schon vergessen, ich nicht.

Die verdammte Hütte brannte nicht. Dass der Alte brannte, das wundert mich noch heute.
Egal, es hätte nichts geändert. Die Hütte wäre trotzdem noch da, genauso wie der Alte noch da ist.

Scheiß auf den Alten.
Er hätte gelacht über meine erbärmlichen Brandstifterversuche.

Eine Kälte. [Fußnoten, 7]

„In welcher Erde willst du begraben sein?“
„Weiß ich nicht“, sagte Egger. […]
„Vielleicht bleibt es sich gleich, so wie sich am Ende alles gleich bleibt“, hörte er den Hörnerhannes flüstern. „Aber es wird eine Kälte sein. Eine Kälte, die einem die Knochen zerfrisst. Und die Seele.“
„Auch die Seele?“, fragte Egger, dem plötzlich ein Schauder über das Rückgrat fuhr.
„Vor allem die Seele!“, antwortete der Hörnerhannes.

Ein ganzes Leben, Robert Seethaler.

Gerda Bruckner, Hausfrau [Protokolle, Bruckner]

Der Johann, natürlich erinnere ich mich an den Johann, den vergisst man nicht so leicht.
Er kam wegen – ach, ich weiß nicht mehr, um was es ging, ein Geschäft wird es gewesen sein, der Johann machte sein Lebtag Geschäfte, mit zwanzig hatte der schon mehr Geld als andere mit fünfzig.

Wäre ihm nur nicht die Anna über den Weg gelaufen. Die Georgi Anna, das hübscheste Mädchen im Dorf. Und ein liebes noch dazu, für alle hatte sie ein Lächeln, auch für den Johann, den haben nicht viele angelächelt, den hat man lieber gar nicht erst angesehen, und das, wo er doch so fesch war.
Der Johann, der hat die Anna gesehen und wollte sie haben.
Er war einer, der am Ende bekommt, was er will.

Die einen rieten ihr zu. Einen besseren findest du nicht, sagten sie, so eine gute Partie, ein Städter zwar, aber dann musst du dir wenigstens nicht mehr die Hände schmutzig machen.

Was wussten die schon. Man kann sich die Hände auch schmutzig machen, ohne in den Kuhstall zu gehen.

Andere waren neidisch, die Hirschbichlerin vor allem. Dabei hatte sie doch ihren Georg und den großen Hof, aber das war ihr nicht genug, der Hirschbichlerin ist es nie genug.

Die Mehrheit im Dorf war allerdings der Meinung, die Anna solle besser die Finger vom Johann lassen. Der einzige, der es laut gesagt hat, war der Moosacher Fritz. Und plötzlich gingen ihm die Tiere ein, im Sturm flog ihm das Dach davon und von der Bank hat er dann kein Geld bekommen, obwohl er doch ein rechtschaffener Mensch ist, was keiner besser wusste, als der Toni von der Bank; aber der Toni hat den Kopf geschüttelt und gesagt, es täte ihm leid, er könne nichts machen, Befehl von oben. Von oben, das war München.

Die Anna hat ihn am Ende genommen, den Johann. Ach, keine andere Wahl hat sie gehabt, die Anna.
Er hat sie in die Stadt mitgenommen und danach hat man sie hier kaum mehr gesehen. Manchmal ist es besser, du kommst nicht zurück.

Aber dass sie den Edgar zurückgelassen hat.
Nur, was hätte sie auch tun sollen, sie konnte ihn schlecht mitnehmen, der Edgar wäre auch gar nicht mitgegangen, er ist keiner, der fortgeht, der bleibt auf dem Hof, bis sie ihn mit den Füßen voran hinaustragen.

Und so war es dann ja auch.

Schneenacht [Geschehnisse, 3]

Die Nacht ist hell vom fallenden Schnee. Dicke Flocken haben sich auf den Zaunpfosten des ehemaligen Gemüsegartens niedergelassen, haben ihnen eine zentimeterdicke Haube verpasst.
Sam sitzt auf der Bank vor dem Hof. Sitzt, wie er immer mit Edgar gesessen hat, mit Edgar und dem Hund.
Der Geruch von Edgars Tabak hängt in der Luft und Sam hat seine langsamen, pfeifenstopfenden Bewegungen vor Augen, das Aufflammen des Streichholzes in der Nase.
Was wirst du tun, wenn sie kommt, fragt Edgar.
Mit ihr zum See gehen.
Edgar nickt. Das hat er sich gedacht.

Karolina [Protokolle, Karolina, 2]

Als mich der See ein zweites Mal zu sich rief, regnete es. Es war ein schneeflockenleichter Nieselregen, kaum zu spüren, kaum zu hören, aber nach einer halben Stunde bist du völlig durchnässt und schiltst dich eine Idiotin, überhaupt nach draußen gegangen zu sein. Und dann auch noch an den See.

Ich hätte zu Hause sein sollen, bei Emmi und einer Tasse dampfenden Kakaos.

Aber nein, ich stand am See und sah hinaus auf den Nebelschleier, der sich über der Wasseroberfläche gebildet hatte. In der Hand hielt ich einen Kieselstein, ich hatte ihn zuvor im Wald aufgesammelt, einen elliptischen Kiesel in unterschiedlichen Nuancen von Grau. In meiner Hand war er warm geworden, die Wärme ein seltsamer Gegensatz zur frösteligen Kühle, die sich unter meine Kleidung geschlichen hatte. Mit dem Daumen rieb ich über die glattgeschliffene Oberfläche, ein rundum perfekter Kiesel, wäre da nicht die eine Kerbe gewesen, die gerade genug Platz für eine Fingerkuppe bot.

Ich war versucht, den Stein aufs Wasser hinauszuwerfen, in einem hohen Bogen, um herauszufinden, ob er die Stille stören, lautlos untergehen oder sich einfach in Nichts auflösen würde.

Aber ich warf ihn nicht, man wirft keine Steine in diesen See. Das war nichts, was sie sagten, es war etwas, das ich wusste.

 
***
 

Der Stein liegt noch immer auf der Fensterbank in der Küche, neben dem Körbchen mit den Zwiebeln und dem Knoblauch. Ich muss ihn nicht mehr werfen, um zu wissen. Er würde sinken. Und sinken. Und sinken.

Wahrheit. [Fußnoten, 6]

„Weißt du eigentlich, warum die Leute im Internet zu viel von sich preisgeben?“, meinte Dusk.
Ihre Frage überraschte mich. „Weil sie Aufmerksamkeit um jeden Preis wollen?“
„Weil sie wollen, dass jemand sie wirklich kennt. Dass jemand die Wahrheit über sie kennt.“

Der Tag, als wir begannen, die Wahrheit zu sagen, Susan Juby.