Ohne Titel

Eigenartig unverständlich
Klingen Verse, wenn sie jemand
Spricht, der ein Stück Käsekuchen,
Frischen, isst, dieweil er redet:
Unverständlich, nahrhaft trotzdem,
Und wer solchem Vortrag beiwohnt,
Weiß vom Hunger wie vom Sattsein.

Das Königreich von Sede (87)

In der Nacht ein erstes Dämmern,
Das der alte Narr des Königs,
Schlafverlassen, still durchschreitet,
Hin zum Graben, der sein Ziel ist.

Frühling ist’s noch längst nicht; Schemel
Tut, als wäre ihm entgangen,
Dass ein Frosch sich kühnen Sprunges
In der Tasche seiner Jacke
Eingefunden hat, ein wenig
Wärme für sich abzuzweigen …

Hell und heller wird es, Schemel
Steht am Graben in der Kälte,
Ohne Regung, bis der Frosch sich,
Kühnen Sprungs! ins Wasser aufmacht:
Alle hören’s, alle Frösche
Grüßen frohgemut die Sonne.

Das Königreich von Sede (86)

Sitzt der Frosch auch unbeweglich,
Wandert doch sein Schatten weiter,
Hastig nicht und nicht gemächlich,
Eines Schrittes mit der Sonne,
Bis er einer Nacht begegnet,
Selbst zur Nacht wird und die Dinge
In sich aufnimmt und verwandelt,
Und vom Frosch, der ihn geworfen,
Nicht mehr weiß; der fortgehüpft ist.

Das Königreich von Sede (83)

Daune – König Daunenkissen,
Strenggenommen, aber jeder
Nennt ihn Daune seit den Tagen
Seiner Knabenzeit; ein schmächtig
Prinzlein war er, spindeldürres,
Jeder Luftzug schien geeignet,
Ihn empor- und fortzutragen,
Ganz wie eine Daunenfeder …
Später dann, als junger König,
Bald erprobt in vielen Nöten,
Schwoll der Arme Kraft, der Beine
Kraft ihm an, die Brust ward weiter,
Alles strebte auf, bis schließlich
Sich des Körpers edle Formung
Eines Herrschers würdig zeigte.
Groß war nun die Macht des Königs,
Eine andre aber größer;
Deren Name ist Gewohnheit,
Und es sind ihr untertänig
Sedes Menschen, und sie rufen
Ihren König, längst kein Kind mehr,
Spindeldürres, längst kein Herrscher
Voller Kraft mehr, massig längst schon,
Langsam, weiß sind Bart wie Haare:
Rufen ihren König Daune.

Das Königreich von Sede (78)

Schemel schaut auf seine Hände,
Schaut auf seine leeren Hände:
Keine Laute, drauf zu spielen,
Keine Schrift, darin zu lesen,
Teller nicht und Flasche nicht –
Nur die alten Narrenhände,
Blaugeädert, dürr und knochig,
Unbeschäftigt ihm im Schoß.

Schemel lächelt und erhebt sich,
Geht zum Schlosstor und durchschreitet’s,
Kommt zum Graben, wo die Frösche
Springen auf der Jagd nach Fliegen,
Nützlich sind die Glieder ihnen,
Nimmermüde Arm wie Bein …

Schemel späht nach einer Fliege,
Und, wie er’s in ferner Jugend
Gerne tat, mit beiden Händen
Unversehrt sie zu umfangen
Sucht er, und gelingt’s, zum Ohr hin
Sie zu heben, und jetzt hört er
Wütendes Gebrumm: Ich bin!

Das Königreich von Sede (77)

Sessellehne war die Zofe
Sofarosas, der Prinzessin,
Die sie selten sah; es liebte
In der Nacht, auf stillen Wegen
Ihre Herrin zu durchwandern
Sedes Wälder, und die Hügel,
Und die grasreich-weite Steppe …

Lene (wie sie alle nannten)
Saß des Tags im Schloss und flickte,
Was die scheue Königstochter
Dagelassen, als sie nächtens
(Alles schlief, es schlief auch Lene)
Innehielt auf ihren Wegen
Kurze Zeit, und an den Wachen
Sich vorbeistahl, ihre Räume
Aufzusuchen, abzulegen,
Was zerrissen, auszutauschen,
Was zerbrochen, und davonging,
Neubekleidet in die Nacht ging.

Lene flickte das Zerriss’ne,
Das Zerbroch’ne aber warf sie
In den Graben, und die Frösche
Quakten, halb erstaunt, halb mürrisch.

Wohnungsschaden

Wasser schwappt in Badewannen,
Töne schwappen in Klavieren;
In den Dichtern schwappen Worte,
Hin und her, und türmen sich
Auf, und hoch und immer höher,
Bis, die Badewannen halten’s
Nicht mehr, nicht mehr die Klaviere
Alles, alle: Übergeschwappt.

Bücher zum Vers (81)

Bernd Füllner / Karin Füllner (Hrsg.): Von Sommerträumen und Wintermärchen.

„Versepen im Vormärz“ lautet der Untertitel dieses Bandes, der 2007 bei Aistesis erschienen ist. Der Titel verweist stark auf Heine, der in der Tat eine wichtige Rolle spielt; aber auch Lenau, Pyrker, Byron, Puschkin, Frankl und Wieland werden von den verschiedenen Verfassern verhandelt.

Mir war Wulf Wülfings Text „Deutschunübertreffliche Gutmüthigkeit“. Zur Rhetorik von Karl Immermanns „Tulifäntchen“ am wertvollsten – es wird der Karriere des kleinen Epos‘ (das hier auch schon beim Verserzähler Erwähnung fand) als erfolgreicher Vortragstext nachgespürt und zu ergründen versucht, welche Eigenschaften ihm diesen Erfolg ermöglichen.

Das geschieht zum Beispiel beim Blick auf diese Verse des Epos, in dem ein „Künstler“ aus dem technisch fortschrittlichen England auftritt:

 

Und aus richtigem Erwägen,
Welch Unheil ein Weib oft stiftet,
So aus Fleisch und Bein gebaut ward,
Wie viel Ärger das Gesinde
Zeugt, das Mensch ist, gleich der Herrschaft,
Hatt‘ er einen Dampfbedienten
Sich gemacht, und eine Dampffrau,
Die ihm förmlich angetraut war.
Dampfbedienter, Dampfgemahlin
Taten ganz dieselben Dienste
Wie zwei Menschen simplen Schlages.

Jener Gentleman sprach denkend
Zu der dampfmaschinenschwangern
Hebel-räderträcht’gen Seele:

 

Anhand dieser Verse macht Wülfing „Neologismen“ – Dampfbedienten, Dampffrau, Dampfgemahlin – als eine kennzeichnende Eigenschaft des „Tulifäntchens“ aus. Es gibt derer noch mehrere, und es lohnt sich nicht nur darum, einmal selbst in das kleine Epos hineinzuschauen – und es, wenn möglich, einmal vorzulesen!