Das Königreich von Sede (102)

Schemel sitzt am Fenster, dunkel
Innen seine Stube, außen
Alles dunkel, weil es Nacht ist –
Schemel hört ein leises Quaken,
Eine Botschaft, unverständlich
Leider; seine Laute nimmt er,
Zupft zwei Töne, lauscht und wartet;
Fragevoll ist stets das Dunkel,
Voller Antwort auch, und manchmal
Fügt das eine sich zum andern.

Was erscheint, verschwindet wieder

Schüchtern legt das erste Licht sich
Auf die Kronen der Platanen,
Läuft zusammen, tropft herunter
Auf die breiten Rosenbüsche,
Auf die Tulpen, heller wird es,
Morgen wird es in den Beeten,
An den Wegen, auf der Parkbank,
Die seit Stunden schon belegt ist:
Doktor Sotz sitzt unbeweglich
Auf ihr, dem noch Unbekannten
Still im Geiste nachzuspüren,
Leeren Blickes tut er’s, achtlos:
Merkt nicht, dass im Beete vor ihm
Erde sich bewegt, sich aufwölbt
Wie ein Maulwurfshügel, aber
Größer längst, ein Berg im Beete;
Ruhig kurz, bis aus der Spitze
Eine Hand zum Licht sich ausstreckt –
Fest, gedrungen (schwarze Ränder
Unter allen Fingernägeln)
Hebt die Hand sich aus dem Hügel
Und ein Rot, die Morgensonne
Ist es nicht, ist eine Zipfel-
Mütze, wie sie Zwerge tragen,
Und ein Bart folgt, und ein Wams folgt,
Gürtel, Hose, Stiefel, alles,
Was zu einem Zwerg gehört, folgt,
Bis – ein Zwerg vor Sotzens Parkbank
Steht, der wischt sich feuchte Erde
Aus dem Bart und von den Ärmeln,
Räuspert sich dann laut vernehmlich,
Dass der Doktor ihn bemerke …
Sotz bemerkt ihn, und von Neuem
Räuspert sich der Zwerg, die Kehle
Freizumachen, stellt sich aufrecht,
Legt die Hände auf den Rücken
Und beginnt, mit tiefer Stimme
Ein gar seltsam Lied zu singen:

Tief in der Erde, den menschlichen Blicken verborgen,
Leidet der Zwerge Geschlecht an zwei zwergischen Sorgen.
Welche das sind,
Sagt dir ein eigenes Kind,
Sotz! noch am heutigen Morgen.

Also singt der Zwerg und endet
Den Gesang, verbeugt, nein beugt sich
Zu dem Loch, dem er entstiegen,
Nieder, greift hinein, entnimmt ihm
Einen Spaten, geht fünf Schritte
Von dem Loch fort, und nun gräbt er,
Flinken Schwungs den Spaten regend,
Unter sich ein – Loch und ist schon
Halb verschwunden, schon bewegt sich
Nichts mehr als ein wenig Erde,
Die ins Loch rutscht; und jetzt nichts mehr.
Doktor Sotz, der reglos dasitzt,
Immer noch, erstaunt dies alles,
Und dies alles zu durchdenken
Ist sein Plan, den er verschiebt, denn
Schritte hört er näherkommen,
Schnelle, schnell, und Selbstgespräche:
Liese auf dem Weg zur Schule,
Spät wie immer, und so kürzt sie
Durch den Park ab, durch des Morgens
Klares Licht; und immer fröhlich.

Ohne Titel

Eigenartig unverständlich
Klingen Verse, wenn sie jemand
Spricht, der ein Stück Käsekuchen,
Frischen, isst, dieweil er redet:
Unverständlich, nahrhaft trotzdem,
Und wer solchem Vortrag beiwohnt,
Weiß vom Hunger wie vom Sattsein.

Das Königreich von Sede (87)

In der Nacht ein erstes Dämmern,
Das der alte Narr des Königs,
Schlafverlassen, still durchschreitet,
Hin zum Graben, der sein Ziel ist.

Frühling ist’s noch längst nicht; Schemel
Tut, als wäre ihm entgangen,
Dass ein Frosch sich kühnen Sprunges
In der Tasche seiner Jacke
Eingefunden hat, ein wenig
Wärme für sich abzuzweigen …

Hell und heller wird es, Schemel
Steht am Graben in der Kälte,
Ohne Regung, bis der Frosch sich,
Kühnen Sprungs! ins Wasser aufmacht:
Alle hören’s, alle Frösche
Grüßen frohgemut die Sonne.

Das Königreich von Sede (86)

Sitzt der Frosch auch unbeweglich,
Wandert doch sein Schatten weiter,
Hastig nicht und nicht gemächlich,
Eines Schrittes mit der Sonne,
Bis er einer Nacht begegnet,
Selbst zur Nacht wird und die Dinge
In sich aufnimmt und verwandelt,
Und vom Frosch, der ihn geworfen,
Nicht mehr weiß; der fortgehüpft ist.

Das Königreich von Sede (83)

Daune – König Daunenkissen,
Strenggenommen, aber jeder
Nennt ihn Daune seit den Tagen
Seiner Knabenzeit; ein schmächtig
Prinzlein war er, spindeldürres,
Jeder Luftzug schien geeignet,
Ihn empor- und fortzutragen,
Ganz wie eine Daunenfeder …
Später dann, als junger König,
Bald erprobt in vielen Nöten,
Schwoll der Arme Kraft, der Beine
Kraft ihm an, die Brust ward weiter,
Alles strebte auf, bis schließlich
Sich des Körpers edle Formung
Eines Herrschers würdig zeigte.
Groß war nun die Macht des Königs,
Eine andre aber größer;
Deren Name ist Gewohnheit,
Und es sind ihr untertänig
Sedes Menschen, und sie rufen
Ihren König, längst kein Kind mehr,
Spindeldürres, längst kein Herrscher
Voller Kraft mehr, massig längst schon,
Langsam, weiß sind Bart wie Haare:
Rufen ihren König Daune.