Bücher zum Vers (26)

Martin Boghardt: Der iambische Trimeter im Drama der Goethezeit

Erschienen bei Buske 1973, klingt der Titel dieses Bandes vielleicht so, als würden leicht abgehobene Nebendinge in ihm verhandelt. Dem ist nicht so! Gleich in dreierlei Hinsicht werden sehr lehrreiche Dinge vorgestellt:

– Es wird aufgezeigt, auf welche Weise der Trimeter in Deutsche gelangte (zuerst einmal durch Übersetzungen aus dem Griechischen), und wie er sich dann so gestaltete und formte, dass er zu einem wirklich deutschen Vers wurde. Das ist immer spannend zu verfolgen und offenbart viel über das Wesen eines Verses.

– Es werden ausführlich Goethes Trimeter im „Faust“ besprochen sowie Schillers Trimeter aus der „Jungfrau von Orleans“ und der „Braut von Messina“. Und wann immer die Verse der beiden durchleuchtet werden, sollte man dabei sein; ihre Verse sind einfach zu gut, als dass man nichts aus Texten lernen könnte, die sich mit ihnen beschäftigen.

– Schließlich geht Boghardt auch noch auf Friedrich Schlegels „Alarcos“ ein. Das ist ein Stück, dass ich ohne die Hinweise in diesem Buch wahrscheinlich nie zur Kenntnis genommen hätte; doch gerade hier versucht Schlegel den Trimeter in vorher und nachher beispielloser Weise einzusetzen. Ob das glückt, wie es glückt, wo es scheitert – alles das erschließt den Vers noch weiter.

Zusammen mit den Anhängen und einigen weiterführenden Anmerkungen erhält der Leser allso ein ziemliches Rundumpaket in Sachen Trimeter, und, wer den Vers selbst versucht, auch reichlich Anregungen und Beispiele. So gesehen, ein allgemein empfehlenswertes Buch!

Pandora

Es ist dunkel. Man hört eine Wohnung und vorsichtige Schritte.

Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat!

Und Tat ist alles, selbst in tiefer Nacht der Gang
Zum Kühlschrank hin, um nach dem vielen Grübeln Trost
In einem Käsebrot zu finden. Denn der Sinn
Des Lebens, schwer ist er zu fassen! Mir ist nur …

Die Kühlschranktür wird geöffnet. Aus dem Inneren fällt Licht auf einen
Mann in den Vierzigern, der in den Kühlschrank schaut.

Bestimmt, Erleuchtetes zu sehen, nicht das Licht!

 

 

(„Des echten …“, „Bestimmt, …“: Diese beiden Verse habe ich mir aus Goethes „Pandora“ geliehen.)

Das Königreich von Sede (9)

Das neue Jahr beginnt erst; scharf weht, kalt der Wind.
Beim ersten Dämmern sitzt des Königs alter Narr,
Sitzt Schemel also, denn sein Schlaf ist kurz und leicht:
Hoch oben auf dem Nordturm, still in sich versenkt.
Kaum tönt die Laute, während Schemel tonlos singt –

Der Frühling streute Blumen aus
Mit blütentrunkner Hand,
Der Winter schlich ihm hinterher,
Zertrat, was er nur fand,
Ging lachend fort zum Nebelhaus –
Die Wiesen stehen leer

„Und trotzdem wird der Frühling kommen.“ – Kanapee,
Der alte König, längst verdammt zu kurzem Schlaf
Auch er: tritt neben seinen Narren. Der schaut auf –
„Der Frühling kommt bestimmt, mein König; doch für wen?“
– Und lässt die Laute wieder tönen, kaum, und singt.

Das Königreich von Sede (6)

– Bruchstück –

Am Rand des alten Waldes, müßig hingelehnt
An einer Eiche schattenschweren, kühlen Stamm:
Betrachten Schemel und sein Prinz den Sommertag,
Der mittagsheiß und träge Schloss und Menschen hüllt.

„Da es viel zu warm ist heute, irgendwas zu tun“,
Beginnt der Prinz, den Schemel lächelnd unterbricht:
„Und irgendwas zu tun uns ohnehin nicht liegt …“
„… Da alledem“, fährt Klappstuhl würdig fort, „so ist:
Erzähl mir, Schemel, heut‘ aus deiner Jugendzeit!“

„Den Kram von früher? Ach, das liegt so weit zurück …
Obwohl: Da war ein heißer Sommer, grad wie der
In diesem Jahr; ich war erst fünfzehn, glaube ich,
Und war mit Patsche – Meister unseres Pulverfass‘,
Und damals Seher – schon seit Wochen unterwegs,
Ein Mittel aufzutreiben, das den Nebelfrosch
Samt seinem stummen Quarren fern vom Schlosse hält.

Mit welchem Horn hast du getutet?!
Ich weiß nicht mehr, mit welchem Horn!
Dann frisch geraten und vermutet!
Ich glaub, es war das Horn da vorn!
Los! Nimm dies Horn und blas es wieder!

Er bläst das Horn; das Horn macht „Tut“;
Das Böse gähnt, und legt sich nieder,
Und schläft, vergessend aller Wut.