Herbst-Sestine

Das Land der Griechen mit der Seele suchend –
Ich wage es, mir diesen Vers zu borgen,
Denn es ist Herbst und einer jener Tage,
An denen ich mir selber nicht vergebe:
Ich seh ins Buch und seh des vielgeliebten
Poeten Verse – und sie sind mir fremd.

Was ist geschehn? Ein solcher Vers, mir fremd?
Das Land der Griechen mit der Seele suchend …
Wie kommt es überhaupt, dass, was wir liebten,
Uns plötzlich fremd ist? Wirkte heut verborgen
Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe
Im Wissen um die Trübsal dieser Tage?

Ich les der Verse viel an diesem Tage,
Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe …
Das Land der Griechen mit der Seele suchend …

So will ich gehn und mir Verstehen borgen
Bei dem geschätzten Vers für die geliebten,

Denn ach! mich trennt das Meer von den Geliebten,
mit Herbstgrau voll und voller trüber Tage,
Und ihr geheimer Sinn bleibt mir verborgen –
Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
Das Land der Griechen mit der Seele suchend.
Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe.

Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
Denn ach! mich trennt das Meer von den Geliebten,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend …

Am Ende aber tritt der Sinn zu Tage!
Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen –

So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
Denn ach! mich trennt das Meer von den Geliebten,
Und an dem Ufer steh ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend.

Verborgen bleibt der Liebe Sinn Verliebten;
Ich gebe mich geschlagen und vertage
Die Sache, fremd der Welt und weitersuchend …

Bücher zum Vers (49)

Janos Riesz: Die Sestine

Sestinen sind recht umfangreiche Gedichte, sie haben 39 Verse; und im Aufbau sehr ungewöhnlich. Daher sind sie seit dem Mittelalter zwar immer wieder geschrieben worden, aber nie in übermäßig großer Zahl, und im Deutschen noch seltener als in anderen europäischen Sprachen und Literaturen.

Eine neuere Sestine von Oskar Pastior (der ein ganzes, durchaus lesenswertes Büchlein mit Seistinen gefüllt hat) gibt es auf lyrikline zu lesen und zu hören:

fortschreitender metabolismus in einer sestine

– Aber wie das so ist mit Pastiors Texten – sie sind gewöhnungsbedürftig. Ein besseres Beispiel ist also vielleicht diese Sestine von Elizabeth Bishop:

A miracle for breakfast

Wenn man aber nun wissen will, woher die Sestine kommt, wer sie in den letzten achthundert Jahren geschrieben hat, welche Form sie im Deutsche, Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen angenommen hat, welche Inhalte in ihr umgesetzt worden sind: Dann ist man im Buch von Riesz gut aufgehoben. Erschienen 1971 bei Fink verhandelt es auf über 300 Seiten all das und noch mehr.

Vor allem, wenn man selbst (deutsche) Sestinen versuchen möchte, lohnt ein Blick in diesen Band also auf jeden Fall!