Schachprobleme und Gedichte

… scheinen nicht viel gemeinsam zu haben, erst einmal; aber das täuscht. Beides sind zum Beispiel Dinge, mit denen man sich ohne jegliches Hilfsmittel beschäftigen kann, sowohl aufnehmend und bedenkend als auch selbst schaffend – mehr als den eigenen Kopf braucht es dafür nicht. Auch nehmen beide in Anspruch, „Kunst“ zu sein; die Gedichte unmittelbar, die Schachprobleme etwas verstohlener, aber immer noch bemerkbar.

Da wundert es nicht, dass einiges von dem, was über den einen Bereich gesagt wird, ohne Schwierigkeiten auf den anderen übertragbar ist.  1913 hat Alan C. White das Buch „Sam Loyd and his Chess Problems“ veröffentlicht,  das, übersetzt von Wilhelm Massmann, 1926 auch auf Deutsch erschienen ist; eine Ausgabe, von der 1984 in der Edition Olms ein Nachdruck erschienen ist. In diesem sehr gelungenen Buch über einen einzigartigen Rätselerfinder, der viele noch heute bewunderte Schachprobleme ersonnen hat, findet sich auch dieses Zitat Samuel Loyds.

Jeder Verfasser stößt auf einfache und bedeutungslose Gedanken, und wenn er sich nun die Mühe gemacht hat, sie darzustellen, so erblickt er nichts Böses darin, sie auch zu veröffentlichen; dabei vergisst er aber, dass er sie darbietet als Proben seiner Fertigkeit und seines Stils.

Und doch, ja: Das sind Worte, die sich auch sehr viele derer, die Gedichte schreiben, über den Schreibtisch hängen könnten; und aus deren Betrachtung sie Gewinn zögen.

Vom Büchermachen

Bücher müssen gemacht, was heißt: erarbeitet werden; das war schon immer so, und ist auch nicht wirklich abhängig von ihrem Inhalt.

Der aus Aleppo stammende Syrer Philipp Stamma war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einer der besten Schachspieler, und 1737 veröffentlichte er in Paris, später dann, 1745, noch einmal in London eine Sammlung von Schachproblemen. Diese Sammlung haben gut hundert Jahre später die Berliner Ludwig Bledow und Otto von Oppen neu herausgegeben – „Stammas hundert Endspiele“, erschienen 1856 bei von Veit. Die eigentliche Arbeit hat dabei Bledow geleistet, wie von Oppen am Anfang des Buches in einer Art, die wiederum 150 Jahre später seltsam anrührend wirkt, beschreibt:

Endlich ging er selbst ans Werk und legte sich den Apparat zurecht mit der ihm eigentümlichen behaglichen Umständlichkeit und Sorgfalt, welche uns noch jetzt in Zweifel lässt, ob er denn gar keine anderen Geschäfte, oder ob der Tag mehr Stunden für ihn gehabt habe als für die übrige Welt. Bledow war ein Pedant im guten Sinne des Worts, er nahm einen Folioband von solchem Umfange, wie er ihn nach seinem Überschlage für nötig hielt, und fügte demselben die nötige Zahl blauer Büchlein wie Adjudanten bei; dann entwarf er mit seiner zierlichsten Handschrift den Titel, ganz so wie er gedruckt werden sollte und ich ihn beibehalten habe, ließ die Zahlenübersicht der sämtlichen Endspiele mit Ergänzungen folgen, welche sich auf abweichende Aufstellungen der bisherigen Ausgaben beziehen, gab ein vollständiges Verzeichnis dieser Ausgaben mit eigenen kurzen Notizen und ging dann zu den Spielen selbst über. Ein jedes bekam in dem Hauptbuche sein besonderes Blatt oder auch mehrere, wo viel zu notieren war, er vermerkte Übereinstimmung oder Abweichungen aller bisher erschienenen Ausgaben sowie die eigenen Äußerungen der Autoren, oder wies, wo sie zu umfangreich waren, auf die Werke selbst hin; selbst deren Druckfehler entgingen seiner Aufmerksamkeit nicht. Seine eigenen Glossen beschränkten sich auf kurze Sätze, Fragen, Frage- oder Ausrufungszeichen, Bezugnahmen dessen, was er schon bearbeitet hatte und was leider großen Teils verloren ist; dann studierte er jedes einzelne Spiel, prüfte es wiederholt und notierte erst den Zweifel, dann die festgestellte Gewissheit. In den blauen Büchlein führte Bledow noch eine besondere Kontrolle und trug in ihnen alles zusammen, was ihm als Material irgendwie brauchbar erschien.

Jetzt konnte er anfangen, die hundert Endspiele, wie er es auf dem Titel angekündigt hatte, zu bearbeiten und binnen wenigen Wochen ein klassisches Werk vollenden; der Tod nahm ihm die Feder aus der Hand. Ich habe die meinige dem abgeschiedenen Freunde geliehen, ich schrieb alles, und doch ist alles, oder fast alles, Bledows Nachlass.

Von Oppen ist hier sicher ein wenig umständlich – aber was passte besser zum Inhalt? Der eigentliche Inhalt, die hundert Schachprobleme Stammas, folgt danach. Ich stelle zum Schluss eines der einfacheren davon vor:

Gefordert ist ein Matt in drei Zügen, die Lösung lautet: 1.Tg4-g5+ Kh5xg5, 2.Sd8-f7+ Kg5-h5, 3.g2-g4#. Da auch dem weißen König einiges Ungemach droht, muss Weiß schnell sein, sprich: von Beginn an Schach geben!

Genie und Wahnsinn

Der Sohn des im gestrigen Eintrags angeführten Philologen und Schriftstellers Johannes Minckwitz hieß übrigens auch Johannes Minckwitz und war ein vergleichsweise guter Schachspieler, nicht allzuweit hinter den Besten. Schriftstellerisch tätig war er aber doch, er hat einige zu seiner Zeit vielbeachtete Schachbücher geschrieben, darunter eins über den Schachweltmeisterschaftskampf 1886 zwischen Wilhelm Steinitz und seinem Herausforderer Johannes Hermann Zuckertort.

Alle drei, die beiden Spieler wie der Berichterstatter, nahmen allerdings ein unschönes Ende: Zuckertort war nach seiner Niederlage ein gebrochener Mann, der zwei Jahre später, 1888, an einem Schlaganfall starb; Wilhelm Steinitz setzte der Verlust seines Weltmeistertitels im Jahre 1894 gleichfalls so heftig zu, dass er wiederholt in Nervenheilanstalten eingewiesen werden musste und kurz vor seinem Tod im Jahre 1900 glaubte, Schachfiguren mit Hilfe von aus seinem Körper strömender Elektrizität bewegen zu können; und auch Johannes Minckwitz musste 1894 in eine Nervenheilanstalt, ehe er 1901 von einer Straßenbahn überfahren wurde, vor die er sich wohl selbst geworfen hatte, und als letzter von den dreien starb.

Aber Minckwitz war nicht nur ein starker Schachspieler, sondern auch ein geistreicher Erfinder von Schachrätseln – einige seiner Aufgaben sind auf Turnieren mit Preisen ausgezeichnet worden. Die folgende Stellung allerdings ist ein sehr einfaches Problem, eigentlich mehr eine Fingerübung, veröffentlicht 1866 in der „Schachzeitung“:

Die Forderung lautet: Weiß am Zug setzt mit seinem fünften Zug matt. Da der weiße Läufer dem auf einem schwarzen Feld stehenden schwarzen König nichts wird anhaben können, ist klar, dass die beiden weißen Bauern ins Geschehen eingreifen müssen:

  1. g3-g4   h6-h5
  2. h3-h4! h5xg4
  3. h4xg5  g4-g3
  4. g5-g6   g3-g2
  5. g6-g7 matt.

Schlägt Schwarz im zweiten Zug den anderen Bauern, 2 … g5xh4, spielt Weiß 3. g4-g5 und weiter wie in der Lösung bis zum Bauernmatt auf g7.

Ein eigenartiges Schachbuch

Wer sich in den Vor-Internet-Zeiten für historische Schachbücher interessierte, für den war die „Edition Olms“ ein Segen: Dort erschienen in den 1980ern Nachdrucke wichtiger, aber lange vergriffener Werke, darunter auch der „Alexandre“, eine Problemsammlung aus dem 19. Jahrhundert, der, da sie viele Fehler enthielt bezüglich der Verfasserschaft der Aufgaben, „Der gereinigte Alexander“ von Oskar Korschelt beigebunden war. Darin wiederum findet sich in Bezug auf eine Aufgabe des „Alexandre“ diese Bemerkung:

„Diese Stellung hat Al. Lewis, Oriental Chess 30 entnommen, sie stammt aus Zuylen van Nyevelt, La Supériorité, Campe 1793 S. 49 Fig 102-4. (…) Dies ist übrigens das originellste Schachbuch, das mir bis jetzt vorgekommen ist. Mitten im Schachtext am Ende einer Zeile, ohne den letzten Satz zu beendigen, bricht Graf Zuylen van Nyevelt, Staatsrat der Generalsstaaten, ab und beginnt eine Abhandlung, die im ersten Teile die Heilung der Nervosität durch Langeweile und geistige Konzentration behandelt, im zweiten Teile gibt er theologische Erörterungen und im dritten Teile bespricht er militärische Fragen. Dann hebt der Schachtext bei dem unvollendet gebliebenen Satze wieder an, als wäre nichts gewesen.“

Das sind so die Bücher, die auf immer im Gedächtnis bleiben – obwohl man sie nie gelesen hat …