Schachprobleme (2)

Wie es am Anfang immer geht: Es ist alles noch nichts besonderes, aber man findet freundliche Menschen, die die eigenen Interessen teilen und sich bemühen, den zu ihnen stoßenden Anfänger zu fördern. Godehard Murkisch, der die Schachspalte der „Landeszeitung“ aus Lüneburg betreute, war so freundlich, dort am 29. Juni 1985 folgende Aufgabe zu veröffentlichen:

Matt in zwei Zügen – Circe

„Circe“ ist eine etwas eigenartige „Märchenschach“-Bedingung: geschlagene Figuren tauchen auf dem Feld wieder auf, auf dem sie am Anfang der Partie gestanden haben! Wenig überraschend wird in der Lösung viel geschlagen:

1.Txg2 (Ta8) – die Klammer zeigt an, dass der geschlagene Turm auf a8 wieder erscheint. Nun droht 2.Tg3#; Schwarz kann zwecks Abwehr dieser Drohung den erschienenen Turm zwar für ein Abzugsschach nutzen, allein, es hilft nichts, weil die dabei geschlagenen weißen Figuren ihrerseits einen Abzug ermöglichen: 1. … Sxc6+ (Lf1) 2.Tg8#, oder 1. … Sxd7+ (Th1) 2.Lb8#.

Schachprobleme (1)

„Schachprobleme“ meint hier: Eigene Schachprobleme, selbst ausgedachte. Das ist etwas, auf das ich in jungen Jahren verfallen war; und irgendwann habe ich mich getraut, den Leiter einer Schachspalte – den damals schon über achtzigjährigen Hans Klüver, der die Problemecke des „Stern“ betreute – anzuschreiben und ihm einige dieser Probleme zu schicken. Und siehe da: Eines davon erschien, in einem Akt der Nachwuchsförderung, am 5. April 1984 im „Stern“!

Matt in zwei Zügen

Die Lösung ist schnell gefunden: 1.Kb2 fesselt zwar eigene Figuren, den Sb4 und den Td4, droht dafür aber 2.Dc2#. Dagegen hat Schwarz zwei Verteidigungen: 1. … Sb6, was aber den Sb4 wieder zugfähig macht und außerdem der Df6 den Blick nach a6 verstellt, wodurch 2.Sxa6# möglich wird; und 1. … Se5, was nun wiederum den Td4 wieder zugfähig macht und dem Th5 den Blick nach d5 verstellt; 2.Txd5# ist die Folge. Ob dieser Gehalt den betriebenen Aufwand rechtfertigt, lasse ich besser offen; aber immerhin, ein gewisser Wille zur Gestaltung ist erkennbar; und ein junger Mensch war damals sehr stolz darauf, „in der Zeitung zu stehen“!

Was bleibt

Folgendes Schachproblem, ersonnen von Wolfgang Pauly, habe ich vor zwei Wochen das erste Mal gesehen und heute immer noch im Kopf; das ist ein gutes Zeichen …

Es handelt sich um ein Hilfsmatt in drei Zügen, was meint: Beide Seiten arbeiten zusammen, um das Matt des schwarzen Königs zu erreichen; die Zugfolge ist Schwarz zieht, Weiß zieht, Schwarz zieht, Weiß zieht, Schwarz zieht, Weiß setzt matt – jeder Seite macht drei Züge, Schwarz beginnt!

„Schwarz beginnt“ ist allerdings unschön, denn begönne Weiß, könnte er sofort mit Sc3 mattsetzen! Leider hat Schwarz auch keinen Abwartezug und muss die Stellung verändern. Aber dieses Matt bemerkt zu haben, lohnt trotzdem, wie die Lösung zeigt: 1. … Kb1-a2 2.Kd2-c3 Ka2-b1 3.Kc3-b4 Kb1-a2 – jetzt ist eine Stellung erreicht, die genau der Ausgangsstellung entspricht, nur am anderen Rand. Und diesmal ist Weiß wirklich am Zug! 4.Sd1-c3 matt!

Nicht schwer, aber einprägsam; und das ist eine gute Eigenschaft. Wer darüber hinaus noch etwas grübeln möchte, kann alle Steine eine Reihe nach rechts verschieben und dann noch einmal versuchen, ein Hilfsmatt in drei Zügen zu finden; Pauly hat dieses Problem als „Zwilling“ veröffentlicht!

Der Doppelrätsler

Jean Dufresne war ein Berliner Schachmeister des 19. Jahrhunderts, von Berufs wegen aber eigentlich Journalist. Da kann es nicht wundern, dass er auch über das Schach geschrieben hat – sein „Kleines Lehrbuch des Schachspiels“ war sehr bekannt und sehr langlebig! Seine zwei Seiten kamen auch in Bezug auf die Rätselei zum Vorschein – er hat eine Sammlung von Schachproblemen veröffentlicht, selbst einige wenige Probleme gebaut und ansonsten Rätselgedichte geschrieben. Ein kleiner Zweizeiler:

 

Palindrom

Dem schmucken Renner steht’s wohl an,
und rückwärts, wohlgepflegt, dem Mann.

 

Gesucht ist das Wortpaar „Trab – Bart“. Als Schachaufgabe stelle ich ein Selbstmatt Dufresnes aus dem Jahr 1849 vor – Weiß zwingt dabei den Schwarzen, ihn selbst mattzusetzen!

Selbstmatt in sechs Zügen! Keine sehr schwere Aufgabe, in der die ersten beiden Züge verwendet werden, die schwarzen Zugmöglichkeiten einzuschränken und ein gut bekanntes Schema zu verwirklichen; danach spult sich die Lösung dann recht mechanisch ab: 1. Sc3-a4+ Kc1-d1, 2.Lg6-h5+ Tg8-g4. Nun kann nur noch der schwarze Bauer auf h4 ziehen. Weiß muss derweil den zum Matt benötigten Springer heranführen: 3. Sa4-b6 h4-h3, 4. Sb6-d5 h3-h2, 5. Sd5-f4. Wandelt Schwarz nun den Bauern in eine Dame oder einen Turm um, ist Weiß sofort Matt. Sonst bleibt aber nur 5. … h2-h1L, 6. Sf4-g2 Lh1xg2# oder 5. … h2-h1S, 6.Sf4-g2 Sh1-g3#.

Aber gut. Für alle, die dem Schach nicht so zugetan sind, hier noch ein Rätselgedicht Dufresnes:

 

Homonym

Womit schon manch ein Mann geschwind
Sich großen Reichtum hat erhandelt,
Damit hat manch ein armes Kind
Schon harte Herzen umgewandelt.

 

„Mit Weinen“. Das mag so sein, das mit dem Handeln; da kenne ich mich wenig aus …

Einmalig!

Nichts Neues unter der Sonne,
So sprechen die Weisen am Belt,
So fabeln die Dichter im Süden –
O Lüge so alt wie die Welt!

So die erste Strophe eines Gedichts von Heinrich Ritter von Levitschnigg, der ein Schachbegeisterter war und auch ein Schachbuch geschrieben hat; wie passend, dass gerade eine heute gespielte Schachpartie geeignet sein könnte, den Inhalt der Strophe zu stützen!

Eigentlich sind tatsächlich alle Fehler schon einmal gemacht worden, jedenfalls bezogen auf die allerersten Züge einer Schachpartie; und alle Wege, die eigene Dame innerhalb von sechs Zügen zu verlieren, sind sicher schon gegangen worden. Aber!

Hier sitzen zwei Spieler am Brett, deren Spielstärke sich deutlich unterscheidet, und um trotzdem eine ausgeglichene Partie zu ermöglichen, verzichtet Schwarz von Anfang an auf seine wertvollste Figur, die Dame, und auf einen wichtigen Schutz seines Königs, den Bauern auf f7. Dann geht es los:

1.e2-e4 Sg8-h6, 2.Sb1-c3 e7-e6, 3.Dd1-h5+ g7-g6, 4.Dh5-e5. Mit Doppelangriff auf den Turm h8 und den Bauern c7! 4. … Sh6-f7. Schwarz schützt den Turm und bedroht die weiße Dame. Die zieht weiter: 5.De5xc7 Sb8-c6. Eigentlich hätte Weiß die Dame gar nicht erst auf Raubzug schicken sollen – sein Mehr an Kraft ist durch den schwarzen Verzicht auf Dame und Bauer auch so groß genug?! Jetzt aber droht die Dame im feindlichen Lager zu stranden, und sollte sich schleunigst nach g3 zurückziehen. Indes: 6.Lf1-b5 Lf8-d6.

Da ist es passiert: Die weiße Dame ist angegriffen und kann dem Geschlagenwerden nicht mehr entkommen. Weiß gab auf!

Und vielleicht, ganz vielleicht gab es diese Partie wirklich noch nicht: Weder wird (heutzutage) sonderlich oft mit Vorgabe gespielt, noch, sollte es doch geschehen, mit genau dieser Vorgabe; und auch der erste schwarze Zug ist vergleichsweise ungewöhnlich. Also!

Schachprobleme und Gedichte

… scheinen nicht viel gemeinsam zu haben, erst einmal; aber das täuscht. Beides sind zum Beispiel Dinge, mit denen man sich ohne jegliches Hilfsmittel beschäftigen kann, sowohl aufnehmend und bedenkend als auch selbst schaffend – mehr als den eigenen Kopf braucht es dafür nicht. Auch nehmen beide in Anspruch, „Kunst“ zu sein; die Gedichte unmittelbar, die Schachprobleme etwas verstohlener, aber immer noch bemerkbar.

Da wundert es nicht, dass einiges von dem, was über den einen Bereich gesagt wird, ohne Schwierigkeiten auf den anderen übertragbar ist.  1913 hat Alan C. White das Buch „Sam Loyd and his Chess Problems“ veröffentlicht,  das, übersetzt von Wilhelm Massmann, 1926 auch auf Deutsch erschienen ist; eine Ausgabe, von der 1984 in der Edition Olms ein Nachdruck erschienen ist. In diesem sehr gelungenen Buch über einen einzigartigen Rätselerfinder, der viele noch heute bewunderte Schachprobleme ersonnen hat, findet sich auch dieses Zitat Samuel Loyds.

Jeder Verfasser stößt auf einfache und bedeutungslose Gedanken, und wenn er sich nun die Mühe gemacht hat, sie darzustellen, so erblickt er nichts Böses darin, sie auch zu veröffentlichen; dabei vergisst er aber, dass er sie darbietet als Proben seiner Fertigkeit und seines Stils.

Und doch, ja: Das sind Worte, die sich auch sehr viele derer, die Gedichte schreiben, über den Schreibtisch hängen könnten; und aus deren Betrachtung sie Gewinn zögen.

Vom Büchermachen

Bücher müssen gemacht, was heißt: erarbeitet werden; das war schon immer so, und ist auch nicht wirklich abhängig von ihrem Inhalt.

Der aus Aleppo stammende Syrer Philipp Stamma war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einer der besten Schachspieler, und 1737 veröffentlichte er in Paris, später dann, 1745, noch einmal in London eine Sammlung von Schachproblemen. Diese Sammlung haben gut hundert Jahre später die Berliner Ludwig Bledow und Otto von Oppen neu herausgegeben – „Stammas hundert Endspiele“, erschienen 1856 bei von Veit. Die eigentliche Arbeit hat dabei Bledow geleistet, wie von Oppen am Anfang des Buches in einer Art, die wiederum 150 Jahre später seltsam anrührend wirkt, beschreibt:

Endlich ging er selbst ans Werk und legte sich den Apparat zurecht mit der ihm eigentümlichen behaglichen Umständlichkeit und Sorgfalt, welche uns noch jetzt in Zweifel lässt, ob er denn gar keine anderen Geschäfte, oder ob der Tag mehr Stunden für ihn gehabt habe als für die übrige Welt. Bledow war ein Pedant im guten Sinne des Worts, er nahm einen Folioband von solchem Umfange, wie er ihn nach seinem Überschlage für nötig hielt, und fügte demselben die nötige Zahl blauer Büchlein wie Adjudanten bei; dann entwarf er mit seiner zierlichsten Handschrift den Titel, ganz so wie er gedruckt werden sollte und ich ihn beibehalten habe, ließ die Zahlenübersicht der sämtlichen Endspiele mit Ergänzungen folgen, welche sich auf abweichende Aufstellungen der bisherigen Ausgaben beziehen, gab ein vollständiges Verzeichnis dieser Ausgaben mit eigenen kurzen Notizen und ging dann zu den Spielen selbst über. Ein jedes bekam in dem Hauptbuche sein besonderes Blatt oder auch mehrere, wo viel zu notieren war, er vermerkte Übereinstimmung oder Abweichungen aller bisher erschienenen Ausgaben sowie die eigenen Äußerungen der Autoren, oder wies, wo sie zu umfangreich waren, auf die Werke selbst hin; selbst deren Druckfehler entgingen seiner Aufmerksamkeit nicht. Seine eigenen Glossen beschränkten sich auf kurze Sätze, Fragen, Frage- oder Ausrufungszeichen, Bezugnahmen dessen, was er schon bearbeitet hatte und was leider großen Teils verloren ist; dann studierte er jedes einzelne Spiel, prüfte es wiederholt und notierte erst den Zweifel, dann die festgestellte Gewissheit. In den blauen Büchlein führte Bledow noch eine besondere Kontrolle und trug in ihnen alles zusammen, was ihm als Material irgendwie brauchbar erschien.

Jetzt konnte er anfangen, die hundert Endspiele, wie er es auf dem Titel angekündigt hatte, zu bearbeiten und binnen wenigen Wochen ein klassisches Werk vollenden; der Tod nahm ihm die Feder aus der Hand. Ich habe die meinige dem abgeschiedenen Freunde geliehen, ich schrieb alles, und doch ist alles, oder fast alles, Bledows Nachlass.

Von Oppen ist hier sicher ein wenig umständlich – aber was passte besser zum Inhalt? Der eigentliche Inhalt, die hundert Schachprobleme Stammas, folgt danach. Ich stelle zum Schluss eines der einfacheren davon vor:

Gefordert ist ein Matt in drei Zügen, die Lösung lautet: 1.Tg4-g5+ Kh5xg5, 2.Sd8-f7+ Kg5-h5, 3.g2-g4#. Da auch dem weißen König einiges Ungemach droht, muss Weiß schnell sein, sprich: von Beginn an Schach geben!