Erzählverse: Der Blankvers (104)

In Klabunds „Ben Jonson und der Spitzbube“ fügen sich Blankverse auf eine sehr schöne Art in die Prosaerzählung ein. Erzählt wird von Walter Tracey, der sich, nachdem er in London sein Vermögen durchgebracht hat, als Straßenräuber versucht:

 

Der erste, der ihm auf der Straße vor London in die Hände fiel, war niemand anders als der Dichter Ben Jonson. Dieser zog seine Pistole und apostrophierte den Banditen in dem von ihm erfundenen Blankvers wie folgt:

Du Höllenhund, du Abfall allen Drecks,
Du Jauchetonne, die die Luft verpestet,
Du Schurke, Gauner, Lump und Strolch: entfleuch!
Dass diese Kugel, eisenrohrentsprungen,
Dir nicht die krätz’ge Brust zerreißt, dein Leib
Ein Fraß der wilden Hund‘ und Katzen werde!

Der Räuber, der den Dichter erkannte, parierte seinen Hieb geistesgegenwärtig mit der gleichen Waffe:

Ich habe bessere Verse schon gehört
Und bin vor ihnen nicht davongelaufen.
O schweig, Ben Jonson, schweig und gib klein bei!
(Da du nicht groß beigeben kannst, denn groß
Ist Shakespeare nur, dem seinen Ruhm du neidest.)
Du Schneiderjunge holpriger Trochäen,
Gedankengauner, Dieb an fremdem Geist,
Du Räuber auf den Straßen Phantasias:
Heraus mit deinem Gold! Ich nehme Geld
In Vers und Prosa, wie es eben kömmt.
Doch wehrst du dich mit deiner Donnerbüchse
(Die älter, wahrlich, als der Hammer Thors),
Wird man auf deinem Grabstein lesen können:
Hier liegt Ben Jonson, dessen leere Verse
Den Tod ihm brachten und sein voller Beutel.

Ben Jonson musste sich in jeder Richtung geschlagen bekennen. Er lieferte Tracey seine Guineen aus und ging missmutig seines Weges.

Das Königreich von Sede (60)

Prinz Klappstuhl blättert um und weiß, das ist kein guter Gedanke.

Sicher, seine Froschuhr ist vorgegangen – nur der erste der vier Frösche, die gelernt hatten, nach je einer Viertelstunde wegzuhüpfen, hat wohl seine Zeit abgesessen, während die anderen sich erkennbar früher auf den Weg gemacht haben, den Mückenschwärmen über dem Schlossgraben zu; aber jetzt blättert der junge Prinz schon zum dreizehnten Mal eine Seite der alten Sammlung um, und das sind mindestens vier Blätterer zuviel.

So ein Brunnen ist tief. Wenn ein Stein reinfällt,
Und man horcht: da ist nichts, erst – endlich ein Platsch!
Und der Brunnen an sich? Erst nichts, dann ein Loch
In die Erde hinab, samt Wasser am Grund.
Das ist Platsch. Was ist Stein, was bewegte den Stein?

Klappstuhl horcht. Vom Schloss klingt eine Stimme herüber, und als der Königssohn aufschaut, bemerkt er auf dem Torturm Pulverfass, den Seher, der ruft und wütend mit den Armen wedelt.

Wieder den Unterrichtsbeginn verpasst – das riecht nach Strafarbeit in der Küche. Aber eigentlich macht das nichts, denn beim Abwaschen wird der Prinz einen Becher als Stein, und den Zuber als Brunnen benutzen können, und so sollte sich dem Platsch! auf den Grund kommen lassen; und was zu tun ist, um den festgetrampelten Lehmboden der Küche um einen wirklichen Brunnen zu erweitern – nun, das wird sich dann auch finden.

Wieder ruft Pulverfass; sein Schüler schließt lächelnd das Buch, steht auf und läuft zum Schloss.

Alles Käse

Käse! Vorsichtig, sehr vorsichtig setzte die Maus einen Fuß auf die Falle. Vergebliche Mühe: ein lautes „Schnapp!“ nahm einige ihrer Zehen in Haft. Der herbeieilende Besitzer der Falle sah, was geschehen war, und stimmte einen Jubelgesang an:

Tritt ein Mäusebein
In die Falle rein,
Nennt man das ein Reinbein!

Die Maus zog und zerrte und spürte, wie sie freikam. Sie verbannte allen Schmerz aus ihrer Stimme und sang, derweil sie in Sicherheit huschte, stolz zurück:

Kommt jedoch die Maus
Aus der Falle raus,
Nennt man das die Rausmaus!

Der verblüffte Fallensteller aber kehrte mit einem unterdrückten Fluch und den Worten „Na gut, Unentschieden für diesmal“ zu seinem Fernsehsessel zurück.

Der Spiegel der vielen Stunden

In einer alten Chronik wird berichtet, wie Wilhelm der Genervte den Spiegel der vielen Stunden erwarb, und wie er mit Hilfe dieses Spiegels seinen Sohn, der als Junge nur der zapplige Bernhard gerufen wurde, von seiner Unrast befreite; und wie Bernhard, als er selbst König war, den Beinamen der Geduldige erhielt. Auch weiß die Chronik ein Rätseldistichon zu nennen, das auf diese Tat gemacht wurde:

Wer erzog zur Geduld den zappligen Bernhard? Sein Spiegel;
Schaute er morgens hinein, sah er erst abends heraus.

Schüttel-Prosimetrum

Als die ersten Brandpfeile in die hölzernen Wälle seiner Festung einschlugen, reimte sich der König sofort zusammen, was los war: Sein Bruder probte den Aufstand! Jedoch waren die Brände – der freiwilligen Feuerwehr sei Dank! – bald unter Kontrolle, und von oben herab rief der König,

die Hand voll Stolz erhoben:
„Bleib standhaft, Holz! Zerstoben
ist schon sein Traum, verschenkt
der Thron, im Schaum ertränkt!“

Dem Bruder aber blieb nichts, als ohnmächtig die Faust gegen das Bollwerk zu schütteln.