Aufgepasst!

Unbemerkt von der Zeit geschehen Dinge
Rückwärts, wandelt das Huhn zum Ei sich wieder,
Kehrt das Ei in das Huhn zurück (die Mutter,
Auferstanden aus Suppentopf und Pfanne;
Emsig scharrt sie, des Wurms begierig). Endlich
Kehrt den Blick in den Hof die Zeit, verwundert:
Fehlt nicht plötzlich ein Ei? Und ist das Huhn zwar
Ähnlich, aber doch auch: nicht ganz dasselbe?!
Das Huhn – lächelt; es weiß. Doch hat sein Schnabel
Keine Lippen, und nichts verrät sein Lächeln;
Nicht entdeckt sich der Zeit, dass ihrer Herrschaft
Sich die Dinge nur kurz, doch gern entzogen.

Nach einem Gemälde

… hat Friedrich Schiller sein einziges „antikes“ Gedicht geschrieben, was meint: unter Verwendung einer ungereimten, vierzeiligen Odenstrophe. Die sieht so aus:

— ◡ — ◡ ◡ — | ◡ — ◡ — ◡
— ◡ — ◡ ◡ — | ◡ — ◡ — ◡
— ◡ — ◡ ◡ — ◡
— ◡ ◡ — ◡ ◡ —

Wenn man die antiken Bezeichnungen bemüht: Zwei phaläkische Verse, ein Pherekrateus, ein kleiner archilochischer Vers. Wobei die Strophe an sich aber gar nicht antik ist, sondern von Klopstock ersonnen wurde?! Wie auch immer – was Schiller damit angestellt hat, ist das:

 

Senke, strahlender Gott – die Fluren dürsten
Nach erquickendem Tau, der Mensch verschmachtet,
Matter ziehen die Rosse –
Senke den Wagen hinab!

Siehe, wer aus des Meers kristallner Woge
Lieblich lächelnd dir winkt! Erkennt dein Herz sie?
Rascher fliegen die Rosse,
Tethys, die göttliche, winkt.

Schnell vom Wagen herab in ihre Arme
Springt der Führer, den Zaum ergreift Cupido,
Stille halten die Rosse,
Trinken die kühlende Flut.

An den Himmel herauf mit leisen Schritten
Kommt die duftende Nacht; ihr folgt die süße
Liebe. Ruhet und liebet!
Phöbus, der Liebende, ruht.

 

Was sich mythologisch-fremd, aber angenehm liest – und auch schon anderen gefallen hat; sonst wäre das Gedicht ja nicht gleich mehrfach vertont worden, zum Beispiel von Johannes Brahms und Richard Strauss … Und die verwendete Strophe ist einen eigenen Versuch wert. Allemal!