Das Ein-Vers-Gedicht (17)

Zum Abschluss der kleinen Aphorismen-Reihe noch ein Blick in „Deutsche Aphorismen“, herausgegeben von Klaus von Welser und erschienen 1988 in der Serie Piper. Ein Band, der sich ganz auf die großen Namen verlässt, wie schon die Verfasser der Aphorismen auf der ersten Seite zeigen: Jean Paul, Goethe (zweimal!), Nietzsche, Lichtenberg. Dazwischen eins von Eschmann; aber das ist dann eben über Goethe …

Auch in diesem Band sind viele der Aphorismen Verse. Ich wähle statt eines Hexameters diesmal einen iambischen Siebenheber, er findet sich auf Seite 69:

 

Gib nichts auf keines Menschen Wort; das ist die höchste Freiheit.

 

– Sagt (der nicht ganz so bekannte) Wilhelm Heinse. Im Silbenbild:

Gib nichts / auf kei– / nes Men– / schen Wort; || das ist / die höch– / ste Frei– / heit.

Eine schöne Bewegung unter Einschluss des für den Siebenheber kennzeichnenden, festen Einschnitts nach der achten Silbe! Mithin: Ein Ein-Vers-Gedicht.

Das Königreich von Sede (72)

Prinzessin Sofarosa schläft im Schatten hoher Bäume,
Verschläft den heißen Sommertag: erst als die Sonne fort ist,
Erst als vom Tintenfässchen sich der Zecher frohe Stimmen
Zu ihr verirren, wacht sie auf und gähnt, und reckt und streckt sich;
Sie nimmt vom Käse, nippt am Wein, sie schnürt die Wanderschuhe
Und bricht zu ihrer Reise auf – den Königsweg hinunter,
Am Schloss vorbei, man sieht sie nicht; und weiter in die Nacht.

Ohne Titel

Als Dr. Sotz den Park betritt, ist’s Abend schon, und kühl,
Und Stille wächst – aus ihr heraus: dem Doktor das Gefühl
Krümelnden Seins, bröckelnden Seins, weniger jetzt: die Welt;
Der Welt ein neuer Rand, ganz rau – weh jedem, der hier fällt …

Aus Rissen steigt, aus Spalten auf, zerbröckelt ist die Zeit,
Zerbröckelt ist, was ewig schien: auf steigt Vergangenheit,
Geräusche, fremd und sonderbar, geweht in Sotzens Ohr:
Aus grübelschwerem Schweigen nickt ein Eulenschrei hervor.

Da fällt der Doktor auf die Knie, wird humpeln wochenlang –
Das spürt er nicht, er spürt dem Schrei, der eben zu ihm drang,
Dem Eulenschrei im Geiste nach, und in den Sinnen nach;
Und neu geglättet liegt die Welt, liegt wieder leer und brach.