Die Bewegungsschule (51)

In (26) wurde der sogenannte „Hinkiambus“ vorgestellt …

ta TAM / ta TAM / ta TAM / ta TAM / ta TAM / TAM ta

… mit dem ihn kennzeichnenden doppelten „TAM“ am Versende! Ein kurzer Text in diesem Maß, geschrieben von Friedrich Rückert, liest sich so:

 

Ein Liebchen hatt ich, das auf einem Aug‘ schielte;
Weil sie mir schön schien, schien ihr Schielen auch Schönheit.
Eins hatt ich, das beim Sprechen mit der Zung anstieß,
Mir war’s kein Anstoß, stieß sie an und sprach: „Liebster!“
Jetzt hab ich eines, das auf einem Fuß hinket –
„Ja freilich“, sprech ich, „hinkt sie, doch sie hinkt zierlich.“

 

An den wurde ich erinnert, weil ich auf Youtube eine Vertonung davon gehört habe – von Carl Loewe, gesungen von Hans Hotter: Hinkende Iamben

Einfach einmal reinhören und darauf achten, wie Tonsetzer und Vortragender mit diesem Zusammenstoß zweier schwerer Silben umgegangen sind!

Das Königreich von Sede (65)

Am frühen Morgen kommt Schemel
Zum Graben, wo des Narrs Ankunft
Der Frösche froh Gequak feiert.
Er packt die Laute aus; stimmt sie;
Und singt der alten Zeit Wunder.

Wie der Gesang da wächst, wächst auch
Die Stille, strömt und fließt, langsam,
Aus Noten und Gesang über
In Ding und Frosch, und weiß: alles,
Und lehrt: alles.

Die Bewegungsschule (26)

„ta TAM TAM ta“. Es gibt einen antiken Vers, der diese besondere Bewegung zu seinem Markenzeichen gemacht hat: den sogenannten „Hinkiambus“. Das ist ein abgewandelter Trimeter. Die Silben eines Trimeters wechseln regelmäßig zwischen „ta“ und „TAM„:

ta TAM ta TAM ta TAM ta TAM ta TAM ta TAM

Beim Hinkiambus vertauschen sich dagegen die letzten beiden Silben:

ta TAM ta TAM ta TAM ta TAM ta TAM TAM ta

– Und damit ist das „ta TAM TAM ta“ im Vers! Als Beispiel wähle ich einige Verse aus „Der Hausgarten“ von David Friedrich Strauß:

 

Ich liebe nicht die künstlich warmen Treibhäuser,
Nicht Azaleen oder andre Prachtblumen;
Mein Sinn ist, ich gesteh es, etwas altmodisch;
Er geht auf Rosen, aber nur auf einfache,
Auf braune Nelken, deren Duft das Hirn stärket,
Auf Silberlilien, deren Hauch das Herz reinigt.

 

Hier ist die besondere Schlussbewegung, das „ta TAM TAM ta“, verschieden gestaltet und auch verschieden stark ausgeprägt! Am deutlichsten klingt es in den letzten beiden Versen auf:

Auf braune Nelken, deren Duft das Hirn stärket,
Auf Silberlilien, deren Hauch das Herz reinigt.

Das Hirn stärket, das Hirn reinigt: „ta TAM TAM ta“. Weniger deutlich, aber immer noch vernehmbar ist die Bewegung in zusammengesetzten Wörtern der Art „TAM TAM ta“ – die zweite Silbe ist zwar um einiges „leichter“ als die erste, aber auch um einiges „schwerer“ als die dritte!

Ich liebe nicht die künstlich warmen Treib-häuser,

Obwohl vernehmbar, kommt die Bewegungslinie sicher besser heraus, wenn der Vortragende das „-häu-“ ein wenig stärker betont, als er es unter gewöhnlichen Umständen täte?! Was aber auch gut machbar ist! Auf eine solche „Hilfe von außen“ angewiesen ist dagegen dieser Vers:

Er geht auf Rosen, aber nur auf ein-fache,

– Das „ta TAM TAM ta“ mithilfe eines Wortes wie „einfache“ hörbar zu machen, braucht einigen Vorwand, beziehungsweise die Kenntnis des Versmaßes?! Das aber prägt sich sicherlich ein, je weiter der Text vorankommt; und deswegen kann Strauß das Gedicht auch mit diesen drei Versen schließen:

 

Wen ich mir in die Laube wünschte, wohl weiß ichs,
O Götter, habt ihr Ohren, Herzen? Wie könnt ihr,
Was ihr doch füreinander schuft, getrennt halten?

 

Das „wohl“, das „Wie“ „schwer“ zu lesen, ist unüblich, passt aber gut zum Inhalt und entspricht der inzwischen verinnerlichten Versbewegung. Und während die Sinneinheiten der ersten beiden Verse am Schluss ein „TAM TAM ta“ – „wohl weiß ichs“, „Wie könnt ihr“ – ins Ohr des Hörers rufen, bringt der Schlussvers noch einmal ein reines „ta TAM TAM ta“ zu Gehör: „getrennt halten“.

Insgesamt ist ein Hinkiambus nicht einfach zu schreiben; er hat aber eine sehr herausgehobene Bewegungslinie und macht viel Eindruck. Wer sich an ihm versuchen möchte, wird einigen Spaß mit diesem alten Vers haben!