Das Ein-Vers-Gedicht (21)

Ein drittes der hexametrischen „Plattdeutschen Sprichwörter“ von Friedrich Rückert! Danach sollen wieder andere Verfasser zum Zuge kommen.

 

Heißa, bin ich gestorben, so pisst mir der Hund an den Grabstein.

 

Der Hexameter ist ein Vers von eher, nun ja: würdevoller Haltung. Die wird hier durch den derben Inhalt unterlaufen; aber Rückerts Einzelvers bewegt sich trotzdem kräftig und ausdrucksstark, und gerade das „x X / x x X / x x X X“ der zweiten Vershälfte ist ein Auf- und Vorwärtsstreben, dem ich immer wieder gern nachhöre.

Mit Versen erzählen!? (8)

In früheren Zeiten hat man sich über das epische Erzählen mit Versen viele Gedanken gemacht. Gustav Freytag etwa hat in „Neue epische Dichtungen auf dem deutschen Büchermarkt“ erst über den dazu passenden Vers nachgedacht – und fast alle Versarten ausgechlossen, zum Beispiel:

Der Hexameter ist einst bei einem fremden Volk aus Klangverhältnissen der Wortsilben entstanden, die wir durch unsere Hebungen und Senkungen nur unvollständig nachahmen können, er macht, wenn seine Schulregeln streng beobachtet werden, den Redegang unvermeidlich steif und geschraubt und er wird durch den trochäischen Fall, den er im Deutschen erhält, bei nachlässiger Behandlung nur zu leicht einförmig. Es gehörte der feine Sprachsinn Goethes dazu, ihn mit Freiheit zu gebrauchen.

Übrig bleibt am Ende noch der fünfhebige Iambus. Freytag:

Er hat am wenigsten Farbe und lässt sich wohl mit den durchsichtigen Lasuren der Malerei vergleichen, welche über jeden Farbenton des Stoffes gezogen werden können. Es sind feine Wirkungen mit ihm hervorzubringen, aber er verlangt eine schöpferische Kraft, welche ihn geschickt dem jedesmaligen Stoff anzupassen weiß. Auch bei ihm sind für einen jungen Dichter Schwierigkeiten zu überwinden; zunächst macht gerade sein durchsichtiger, nie stark in das Ohr fallender Rhythmus eine große Herrschaft über die Sprache nötig. Gerade bei ihm ist die Behandlung der Zäsuren, das Maß der rhythmischen Freiheiten, die Verwendung männlicher oder weiblicher Ausgänge und die Benutzung des Reims von großem Einfluss auf seinen Charakter, und jede Unbehilflichkeit des Dichters, die bei andern Versen eher durch den Klang des Metrums und des Reims überdeckt wird, tritt an ihm unverhüllt zu Tage.

… Da ist was dran! Aber auch über die Art, wie der Vers mit Inhalt gefüllt werden sollte, und mit welchem Inhalt: weiß Freytag zutreffendes anzumerken.

Der Vers ist ein schlechter Überzug für eine Erzählung ohne Interesse, ohne Zusammenhang und logische Folgerichtigkeit. Wer in Versen erzählt, wird auch in der Auswahl der charakterisierenden Momente, durch welche er schildern oder stimmen will, große Sicherheit besitzen müssen, denn ihm stehen verhältnismäßig weniger Momente zu Gebote, als dem Erzähler in Prosa. Ein einzelnes Bild muss oft die Stärke einer leidenschaftlichen Bewegung, zwei, drei kleine Striche vielleicht eine Örtlichkeit, zum Beispiel einen landschaftlichen Hintergrund, lebendig vorführen. Wenn das Gemüt des Dichters das Zweckmäßige hier nicht kräftig empfindet, wird aller Wortreichtum unnütz sein. Der Vers unterstützt in großartiger Weise die Wirkung einer richtig empfundenen Charakteristik, weil er das wahr Empfundene viel vornehmer zu sagen vermag, als der prosaische Satz, aber er wird peinlich, wenn er den Mangel solcher Empfindung durch sein Geklapper ersetzen soll. Und grade sein Klang verführt leicht zur Phrase.

Das Für und Wider der Verserzählung, knapp aber klar auf den Punkt gebracht!

Das Ein-Vers-Gedicht (20)

Wieder eins von Friedrich Rückerts „Plattdeutschen Sprichwörtern“ (ich lese gerade wirklich gerne in ihnen), diesmal aber  ein wirklicher Hexameter, und das meint: ohne Reim!

 

Leisester Handdruck schmerzt, wenn einer die Gicht in der Hand hat.

 

Wieder eine feine Gestaltung der zwei- und dreisilbigen Einheiten – die zweisilbigen mit recht schwerer zweiter Silbe, die dreisilbigen mit sehr leichter zweiter und dritter Silbe:

Leisester / Handdruck / schmerzt, || wenn / einer die / Gicht in der / Hand hat.

Wollte man unbedingt etwas bekritteln, man könnte anmerken, die ersten beiden Versfüße stimmen mit den Wörtern überein, statt dass sich die beiden Größen „schneiden“ – aber das hieße einen guten Grundsatz übertreiben!

Das Ein-Vers-Gedicht (19)

1855 hat Friedrich Rückert mehrere Hundert „Plattdeutsche Sprichwörter“ geschrieben, was meint: oft schon vorhandene Sprichwörter in Versform gebracht, meist in die Form eines einzelnen Hexameters. Davon werde ich hier bestimmt noch einige vorstellen! Den Anfang macht ein Vers, in dem mich, ausnahmsweise! der Reim nicht stört; vielleicht, weil er, statt Aufmerksamkeit von der Bewegungslinie des Verses wegzunehmen, diese Linie vielmehr zu gestalten hilft!

 

Geld macht witzig was dumm ist, was rauh glatt, grade was krumm ist.

 

Geld macht / witzig was / dumm ist, || was / rauh glatt, / grade was / krumm ist.

Eine gar nicht mal so kleine Zahl dieser Sprichwörter ist gereimt, und viele sind auf andere Art rau oder ungeschliffen – das gehört vielleicht dazu, wenn es um solche „volkstümlichen“ Texte geht?! Hier ist, was den Versbau angeht, allerdings nichts davon zu bemerken: Die dreisilbigen Einheiten weisen, wie es sich gehört, sehr leichte Silben in der Senkung auf, während die zweisilbigen Einheiten eine vergleichsweise schwere Silbe in der Senkung haben – der Vers hat Kraft und Schwung, was durch den aufgelockerten Satzbau unterstützt wird; und davon kann auch der enthaltene Reim nicht ablenken!

Dichterkniff

Schlafen willst du, da stürmt auf dich los ein Haufen Geschichten,
Mehr als gewaltigen Schwungs?! Bleib stehen, bis sie ganz nah sind,
Tritt dann zur Seite, jetzt! – und sie stolpern verwunderten Blickes
An dir vorbei; und verschwinden im Nichts.

Erzählformen: Das Distichon (15)

Darf man Verse aus längeren Texten herauslösen und als eigenständige Texte vorstellen?! Hm … Ich mache das gelegentlich; ein Beispiel ist ein Distichon aus Friedrich Hölderlins „Der Wanderer“. Von diesem längeren Gedicht gibt es zwei Fassungen, und in der ersten ist besagtes Distichon noch, na ja, unscheinbar:

 

Nichts zu erzeugen und nichts zu pflegen in sorgender Liebe,
Alternd im Kinde sich nicht wiederzusehn, ist der Tod.

 

Ein wenig spannungsarm?! Ein Eindruck, der auch durch den nicht recht unterteilten Hexameter zustande kommt. In der zweiten Fassung hat Hölderlin diese Schwäche behoben!

 

Nichts zu erzeugen ist ja und nichts zu pflegen in Liebe,
Alternd im Kinde sich nicht wieder zu sehn, wie der Tod.

 

Wunderbar! Durch das Einfügen des „ist ja“ bekommt der Hexameter eine schöne Zäsur; und das ganze Verspaar eine schöne Spannung durch das Auseinanderstellen  des „ist ja … wie der Tod“. Dafür musste das „sorgender“ weichen, aber das ist ohnehin eines dieser Adjektive, die eher schaden als nutzen.

Mit dieser zweiten Fassung gewinnt das Distichon auch eigenständigen Charakter, finde ich; es wird epigrammtauglich. Epigrammtische Distichen sind im allgemeinen klarer, schärfer im Aufbau im Vergleich zu elegischen Distichen – hier ist es das elegische Distichon auch; im zweiten Versuch.

Darum, denke ich, kann es auch für sich stehen, ohne den Bezug auf den restlichen „Wanderer“. Den zu lesen aber trotzdem lohnt – es sind viele wunderbare Verse drin. Die sich herauslösen lassen; auch einzelne Hexameter aus der Distichoneinheit, zum Beispiel.

 

Unter dem Strauche saß ein ernster Vogel gesanglos

 

Ein herrlicher Vers auch das!