Bücher zum Vers (112)

Dr. Ernst Kleinpaul: Poetik. Die Lehre von der deutschen Dichtkunst.

Ein erfolgreiches Buch aus dem 19. Jahrhundert, erschienen noch 1892 in neunter Auflage bei Heinsius. Wenn man sich nicht an der  etwas altertümliche Erklärungsweise stört, lässt sich vieles erfahren; und wenn auch nicht alles heutigem Kenntnisstand entspricht, kann man über dieses Viele doch allemal lohnend nachdenken!

Ein Beispiel aus dem Hexameter-Abschnitt:

„Dass der nach der Betonung gut gebaute Hexameter keineswegs der deutschen Sprache widerstrebt, erhellt am klarsten aus der Tatsache, dass nicht ganz selten in der Prosa, selbst schon in Luthers Bibelübersetzung, einzelne Hexameter völlig unbeabsichtigt sich bilden, zum Beispiel: Wunder im Lande Hams und schreckliche Werke am Schilfmeer (Psalm 106, 22).“

Mein liebster Satz ist aber der allerletzte, das Buch schließende:

„So ist nunmehr der Kreislauf unserer Poetik beendigt, und wir drücken unseren Lesern, die uns mit Aufmerksamkeit und Verständnis gefolgt sind, im Geiste die Hand.“

Ein schöner Gedanke …

Bücher zum Vers (106)

Kaspar Heinrich Spinner: Der Mond in der deutschen Dichtung von der Aufklärung bis zur Spätromantik.

Kein Buch über den Vers, aber eins voll mit Versen, die für die verschiedenen Dichter – Brockes, Gessner, Wieland, Klopstock, Hölty, Claudius, Bürger, Goethe, Jean Paul, Tieck, Brentano, Eichendorff – klar machen, welche Mond-Vorstellung ihnen zugrundeliegt.

Bei Klopstock zitiert Spinner zum Beispiel diese Hexameter aus dem achten Gesang des Messias (Seite 19):

Wie wenn ein Weiser in Tiefsinn, und seiner Unsterblichkeit werter,
Von den Uneinsamen fern, mit des Mondes Düften zum Walde
Wandelt, und nun, an der Hand der frommen Entzückung geleitet,
Dich, Unendlicher, denkt! wie ihm dann, zu tausenden, neue,
Bessre, große Gedanken die glühende Stirne voll Wonne
Schnell umschweben: So eilet, umringt von den Seelen, der Seraph.

Mit „des Mondes Düfte“ sei eine unfassbare, verschwimmende Vorstellung gegeben, sagt Spinner; der Mond sei hier das Gestirn der göttlichen Weisheit. Und:

„Wenn bei Klopstock der Weise Gott nachsinnt, so ist das nicht mehr bloß verstandesmäßiges Denken wie bei Brockes. Das Empfinden, die Seele, die Nachtseiten des menschlichen Bewusstseins sind mit angesprochen. Das Denken ist, wie man sagen könnte, lunar geworden im Gegensatz zu Brockes‘ sonnenhafter Verstandesklarheit.“

Erschienen ist der Band 1969 bei Bouvier.

Bücher zum Vers (105)

Walter Jost: Probleme und Theorien der deutschen und englischen Verslehre. Mit einem Sonderteil über die Form des alemannischen Mundarthexameters bei Johann Peter Hebel und den Schweizern.

Ein sperriger Titel, der eine eher trockene Abhandlung erwarten lässt; und tatsächlich lassen sich Josts Ausführungen selten „einfach so weglesen“. Lohnenswert sind sie aber trotzdem! Ein knappes Beispiel aus dem Hexameter-Kapitel, betreffend das „Gleichmaß von zwei- und dreisilbigem Takt“:

Die Forderung nach kräftiger Hebung im Zweisilber. Der Hexameter mit seinen Takten von zweierlei Silbenzahl bedarf in besonderem Maße der Rücksicht auf das Gebot annährender Gleichheit der Taktdauer.  Dazu bekennen sich auch Metriker, die nur bedingt taktgläubig sind, so mit Entschiedenheit Minor, so ohne wesentliche Einschränkung de facto auch der dem Taktprinzip abgeneigte Saran.

Heusler, der vom Dreivierteltakt des deutschen Hexameters ausgeht, will die Ebenbürtigkeit des Zweisilblers gegenüber dem Dreisilbler so erreichen: ‚Der zweisilbige Hexametertakt‘, schreibt er, ‚verlangt eine gewichtigere Iktussilbe als die zweisilbigen Takte der meisten anderen Maße, weil er die Waage halten muss den umgebenden und als taktsetzend empfundenen dreisilbigen Takten; quantitativ ausgedrückt: weil seine Hebungssilbe zwei Morae misst.‘

Entsprechend hatte schon Voß, der den Hexametertakt als vierzeitig betrachtet, bei trochäischer Taktfüllung, das heißt bei Füllung lang-kurz, der Hebung ‚Überlänge‘ zugesprochen, um zeitliche Gleichheit mit dem Daktylus herzustellen.“ (Seite 74)

Und auf diese Art aufzählend, vergleichend und beurteilend fährt er fort, sowohl in Bezug auf den deutschen als auch auf den englischen Hexameter.

Der umfangreiche „Sonderteil“ ist an sich gleichfalls sehr lesenswert, dürfte aber weiter südlich wohnenden Vers- Hexameterfreunden mehr Freude bereiten als mir, der ich dem „Alemannischen“ doch eher fremd gegenüberstehe!

Erschienen ist der Band 1976 bei Lang.

Das Königreich von Sede (104)

Längst ist es dunkel in Sede, im Schloss und am Graben ist’s dunkel,
Still auch, in Kammern und Hof kein Laut; still stehen die Wachen
Hoch auf den Turm und schauen, gestützt auf die Speere, ins Dunkel,
Immerzu blind, und sie lauschen: Von dort, wo das Dunkel ein Nichts ist,
Her aus den Bäumen des alten Walds erreicht sie ein Schrei, kurz,
Kaum vernehmbar, doch voll der wissenden Trauer, und fort schon;
Dunkel erneut und Stille, und nicht bemerkt auf dem Turm man
Pulverfass, den Seher – ein Dunkel, den Dunkeln befreundet,
Tritt aus dem Tor er und geht, die Grübeleule zu suchen.