Erzählverse: Der Hexameter (156)

Gustav Pfizer hat ein seltsames Mischwesen erschaffen, das er „Ghasel“ überschrieben hat:

 

Hatte ich Wein getrunken am Morgen, um schnöd‘ zu vergessen,
Dass zu verzeih’n des Propheten Gebot ist?
Schmerz hat den Spiegel der Seele betrübt, nicht bedacht ich, dass Zürnen
Nicht zum Leben der Weg, nur zum Tod ist.
Treffen wollt‘ ich dein Herz, doch mein Pfeil jetzt vom eigenen Blute
Und vom Weinen das Auge mir rot ist.
Zürne, Geliebter, mir nicht! Schon duld‘ ich jegliche Strafe,
Die dem Verräter der Liebe gedroht ist.
Trotzig zog ich zum Kampf, doch die blaue Kling‘ ist gebrochen
Und besudelt die Fahne von Kot ist.
Wisse, dass Jammer mein Ross, und träumende Sorge mein Lager,
Tränen mein Wein und Kummer mein Brot ist.
Einst war ich reich an Zimmet und Weihrauch; aber dem Armen
Kaum noch vom Pfunde übrig ein Lot ist.
Kehre, o Holder, zurück! Du weißt, dass Hafis zum Leben
Liebe und Liebe genießen so not ist.

 

Das ist, denke ich, aus vielerlei Gründen ein schlechtes Gedicht; formal gesehen hält es die Vorgaben des Ghasels nicht ein, das ja ein Reimschema der Form aa xa xa xa … verlangt; dann benutzt es Hexameter in einem Reimgedicht, und ein „Bewegungsvers“ im Rahmen einer „Klangform“ ist nie ein guter Gedanke. Immerhin reimt sich nie der Hexameter, sondern die Reime auf „-ot“ (samt dem Überreim „ist“) stehen in den kürzeren Vierhebern; aber trotzdem.

Wieder einmal ein Beispiel, dass die Vermischung von Formen, die gegensätzliche Ansprüche an die Sprache stellen, zu einem unverträglichen Gemisch führt, in dem das eine Prinzip so wenig wie das andere wirken kann.

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (8)

Gottfried Keller verwendete den iambischen Siebenheber einmal für ein Ghasel:

 

Den Dichter seht, der immerdar erzählt von Lerchensang,
Wie er nun bald ein Dutzend schon gebratner Lerchen schlang!
Bei Sonnenaufgang, als der Tag in Blau und Gold erglüht,
Dad war es, dass sein Morgenlied vom Lob der Lerchen klang;
Und nun bei Sonnenuntergang mit seinem Gabelspieß
Er sehnend in die Liederbrust gebratner Lerchen drang!
Das heiß‘ ich die Natur verstehn, allseitig tief und kühn,
Wenn also auf und nieder sich sein Tag mit Lerchen schwang!

 

Der Überreim (das, was vor dem eigentlichen Reim in jedem Reimvers wiederholt wird) „Lerchen“ lässt aufhorchen und gleich zu Beginn vermuten, dass das Gedicht nicht ganz ernst klingen wird, und auch nicht sehr lang sein kann; und so kommt es auch, obwohl die Schluss-Erkenntnis gar nicht so unernst ist …

Der Siebenheber ist dabei eine starke Grundlage und wird in seinen Eigenarten unbeirrt umgesetzt; nur im zweiten Vers ist die Zäsur hinter der vierten Hebung nicht recht vernehmbar! Die Reimsilbe „-gang“, die erst als Senkungssilbe, dann als Hebungssilbe vernehmbar wird, ist ein nettes Extra im Versinnern.