Bücher zum Vers (92)

Otto Knörrich (Hrsg.): Formen der Literatur in Einzeldarstellungen

Ein handlicher Band, erschienen 1981 bei Kröner, in den man aber immer noch mit Gewinn hineinschauen kann! Auf Seite 200 schreibt Frank Rainer Marx zum Beispiel über die Idylle:

Die Gattung Idylle, die in ihrer Rückbezüglichkeit auf eine vorbildhafte Natürlichkeit humanere Daseinsweisen intendiert, bewahrt stets ein kritisch-utopische Potential. Sie entwirft sinnenfrohe und liebevolle Miniaturen einer besseren Welt, die – zumindest implizit – als Kontraste zur konfliktbestimmten Realität und zur Undurchschaubarkeit zivilisatorischer Prozesse gedacht sind. Wo sie aber nicht auch Gegenbild, sondern nur noch Refugium ist, eignen ihr eskapistische Tendenzen, endet sie in heimeliger Provinzialität und Hausbackenheit.

Das ist doch eine knappe, klare und zutreffende Bestimmung, will mir scheinen?! Ich hänge noch den Anfang einer Idylle an, der „Wald-Idylle“ von Eduard Mörike:

 

Unter die Eiche gestreckt, im jung belaubten Gehölze
Lag ich, ein Büchlein vor mir, das mir das lieblichste bleibt:
Alle die Märchen erzählt’s, von der Gänsemagd und vom Machandel-
Baum und des Fischers Frau; wahrlich, man wird sie nicht satt.

 

– Fügt sich doch dieser Anfang, in Distichen gehalten und ein Buch besprechend, ganz wunderbar in die Kategorie „Bücher zum Vers“!

Bücher zum Vers (88)

Hermann Patsch: Alle Menschen sind Künstler. Friedrich Schleiermachers poetische Versuche.

Die Sammlung der Dichtversuche Schleiermachers erschließt der deutschen Literatur keinen neuen Dichter, aber sie fügt dem Bild des bedeutenden Theologen, Philosophen und Philologen eine bisher weitgehend unbekannte Facette hinzu, die (zugleich) typisch für die romantische Bewegung ist. Sie nimmt den Autor dort ernst, wo er sein Scheitern erprobt und erlebt; einen Autor, der sich dieses Scheitern eingestand und der dennoch – vielleicht gerade deshalb – der Dichtungstheorie, wie seine Vorlesungen über Ethik und Ästhetik zeigen, nicht den Abschied gab.

– So Patsch in der Einleitung (genauer: auf Seite 3) dieses 1986 bei deGruyter erscheinenen Bandes. Kann ein solcher 250 Seiten langer Nachweis eines „Scheiterns“ lesenswert sein? Er kann es, er ist es; auch, weil auf so großem Raum Platz ist für viele über Schleiermacher hinausgehende Bezüge in seine Zeit hinein und ihre Dichtung. Der eigentliche Kern aber ist tatsächlich Schleiermachers Scheitern als Dichter – in einem Brief an Henriette Herz schrieb er diesen schonungslos offenen Satz:

Verse werde ich wohl machen lernen, aber keine Poesie.

Und so kam es … Wobei manches gelungene zu finden ist unter Schleiermachers Versen, dieses Distichon zum Beispiel:

 

Schöpfung

„Lass uns ein Bild nun schaffen, uns gleich“, sprach Gott zu der Erde;
Darum ist irdischer Gott, göttliche Erde der Mensch.

Erzählverse: Der Hexameter (143)

Gründe, sich einzelne Verse aus Texten herauszuschreiben, gibt es viele: inhaltliche, aber auch solche des Versbaus.

 

Und der Gesang schwimmt hin in den Lärm irrplaudernder Bäche

 

Das ist ein Hexameter aus Rudolf Borchardts „Pathetischer Elegie“, von bemerkenswertem Inhalt und nicht weniger bemerkenswertem Bau:

Und der Ge- / sang schwimmt / hin || in den / Lärm irr- / plaudernder / che

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– Die Senkungssilben in den dreisilbigen Füßen sind wirklich sehr „leicht“, die Senkungssilbe in den zweisibigen Füßen ist sehr „schwer“; der Vers bewegt sich klar und nachdrücklich! Auch die fünf Sinneinheiten (allesamt verschieden!) sind kraftvoll und gut vernehmbar:

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Wobei Borchardts Verse ganz allgemein diese Kraft haben. Drei Distichen aus der Elegie als Beispiel:

 

Aber sie lebten, die so die Nacht und den Tag durch schweigen,
Und sie hatten vielleicht selber die Stimme von Zeus
Oder von Orpheus her, von dem die wehenden Bäume
Sehnsucht lernten, wie einst Tod und die Höhlen des Tods
Tief vergessend der Mund des Geheimnisvollen sie ausrief,
Als er allein dastand in der verfinsterten Welt.