Wortvergnügt (7)

Mit der Vorsilbe „ent-“ werden, und vor allem: wurden viele schöne Verben gebaut. „Entmuten“ zum Beispiel ist heutzutage ein technischer Begriff; früher stand es oft anstelle von „entmutigen“. Als ich im „Online-Grimm“ dieses Wort nachschaute, fanden sich dort wunderbare „Ent-Verben“ die Menge – „entnasen“ zum Beispiel, das in einem schönen Distichon auftaucht – und dabei gleich einen Freund mitbringt:

 

Alte, verwitterte Steine mit unerklärbaren Schriften,
Urnen voll Asche und Sand, Büsten, entnast und entohrt;

 

– So zu finden in Johann Jakob Jägles „Gedichten“. Die wahrscheinlich unübertroffene Höchstleistung ist in dieser Hinsicht aber die von Friedhelm Kemp stammende Übersetzung eines Verses von Pierre de Ronsard:

 

Je n’ai plus que les os, un squelette je semble,
Décharné, dénervé, démusclé, dépulpé

Ich bin nur noch Gebein, mein eigner Knochenmann,
Entmarkt bin ich, entsehnt, entmuskelt und entfleischt

 

Das hat eine beachtliche Überzeugungskraft!

Von daher: Ruhig einmal darauf achten, was einem so alles an „Ent-Verben“ begegnet beim Lesen; und dann auch den Mut haben, nach eigenem Gefallen neue Vertreter dieser Art selbst zu bilden und einzusetzen!

Getäuschte Erwartung

Tage wechseln mit Nächten, es wechseln Sonn‘ und Mond:
Doch immer gleich mir im Herzen die große Sehnsucht wohnt.

 

Ein Verspaar von Therese Dahn, bei dem die erste Hälfte des ersten Verses wie ein Hexameter klingt – da erwartet man ein Distichon; und wird ausgebremst und gerät ins Stolpern in der zweiten Vershälfte, und erst recht im zweiten Vers, an dessen Ende klar wird, dass hier ein Reimverspaar vorliegt!

Allerdings klingt dieser zweite Vers doch sehr umständlich; da ist die Versuchung groß, ein wirkliches Distichon zu versuchen?!

 

Tage wechseln mit Nächten, es wechseln der Mond und die Sonne,
Aber die Sehnsucht wohnt, immer sich gleich, mir im Herz.

 

Der Hexameter drängt sich geradezu auf, die Augenblicksversion des Pentameters hat noch Schwächen – das „sich“ verschiebt den Sinn, „Herz“ statt „Herzen“ ist böse umgangssprachlich, das „große“ fehlt; da wäre noch Arbeit zu tun. Wäre! Es gehört sich aber nicht wirklich, in den Texten anderer Verfasser herumzufuhrwerken, seien es lebende oder tote; von daher bleibt es bei dem Eindruck „Ein Distichon wäre die bessere Wahl gewesen“ …

Apolog

Hast du jemals den Schwank vom Fuchs und vom Kranich gelesen?
Etwas ähnliches, Freund, hab ich vor kurzem erlebt.
Hab‘ ich, ich las und vergaß über ihm Speise und Trank.

 

Das Ursprungsdistichon findet in den Xenien Goethes und Schillers.