Getäuschte Erwartung

Tage wechseln mit Nächten, es wechseln Sonn‘ und Mond:
Doch immer gleich mir im Herzen die große Sehnsucht wohnt.

 

Ein Verspaar von Therese Dahn, bei dem die erste Hälfte des ersten Verses wie ein Hexameter klingt – da erwartet man ein Distichon; und wird ausgebremst und gerät ins Stolpern in der zweiten Vershälfte, und erst recht im zweiten Vers, an dessen Ende klar wird, dass hier ein Reimverspaar vorliegt!

Allerdings klingt dieser zweite Vers doch sehr umständlich; da ist die Versuchung groß, ein wirkliches Distichon zu versuchen?!

 

Tage wechseln mit Nächten, es wechseln der Mond und die Sonne,
Aber die Sehnsucht wohnt, immer sich gleich, mir im Herz.

 

Der Hexameter drängt sich geradezu auf, die Augenblicksversion des Pentameters hat noch Schwächen – das „sich“ verschiebt den Sinn, „Herz“ statt „Herzen“ ist böse umgangssprachlich, das „große“ fehlt; da wäre noch Arbeit zu tun. Wäre! Es gehört sich aber nicht wirklich, in den Texten anderer Verfasser herumzufuhrwerken, seien es lebende oder tote; von daher bleibt es bei dem Eindruck „Ein Distichon wäre die bessere Wahl gewesen“ …

Apolog

Hast du jemals den Schwank vom Fuchs und vom Kranich gelesen?
Etwas ähnliches, Freund, hab ich vor kurzem erlebt.
Hab‘ ich, ich las und vergaß über ihm Speise und Trank.

 

Das Ursprungsdistichon findet in den Xenien Goethes und Schillers.