Erzählformen: Das Madrigal (32)

Ludwig Rellstab kennt man wahrscheinlich am besten durch sein von Franz Schubert vertontes Ständchen (dem in dieser Form schwer zu entkommen ist). Sonst kennt man nicht viel von ihm – nicht ganz zu Unrecht, wohl. „Ihr Auge“ bietet immerhin bezüglich der Form Überraschendes:

 

Nimm einen Strahl der Sonne,
Vom Abendstern das Licht,
Die Feuerglut des Ätna,
Die aus der Lava bricht –
Du hast, was mich erhellt
Und mich erwärmt und mich verklärt, –
Und was mein inn’res Leben
Bis in den Tod verzehrt!

 

Der Anfang, die ersten vier Zeilen sind eine schlichte Brunnenstrophe, und man erwartet, dass es so weitergeht; stattdessen folgt aber ein männlicher Versschluss statt eines weiblichen, und dann sogar ein Vierheber anstelle des erwarteten Dreihebers, ehe die beiden Schlussverse das Muster der Brunnenstrophe wieder aufnehmen, als wäre nichts gewesen. Gereimt wird, aber nicht viel: gerade einmal zwei Halbreime verschaffen sich Gehör. Eigenartig, aber: nicht ohne Wirkung!

Drei Stimmen

Der junge Dichter

Gedichte will ich schreiben,
Die niemand je vergisst,
Die im Gedächtnis bleiben:
Weil Wahrheit darin ist.

 

Der alte Dichter

So viel hab ich gedichtet,
Schön, herrlich, wunderbar:
Die Zeit hat es vernichtet,
Weil Wahrheit darin war.

 

Die Zeit

Ob schön, ob hässlich, trage
Dein Lied in mich hinein;
Am Ende aller Tage
Wird Wahrheit darin sein.