Der auf…

…gefallene Mensch

Ist alles denn verloren? Hat der Schmerz,
Als schütterte der Boden, das Gebäude
In einen grausen Haufen Schutt verwandelt?

…gerichtete Mensch

Doch über dem Schutt, in unendlichem Blau,
Wiegt schmetternden Lieds sich die Lerche!

 

Die drei Blankverse stammen aus Goethes „Torquato Tasso“; die anderen beiden Verse sind ursprünglich ein Aristophanischer Vers aus Prutz‘ „Die politische Wochenstube“, der für diesen Text an der Zäsur auseinandergenommen wurde.

Das Königreich von Sede (98)

Ein Stein, den eines Kindes kleine Hand
Bequem umschließt, von scharfen Kanten frei,
Sein dunkles Grau ist hier, ist da fast schwarz,
Liegt lange schon am Rand des Königswegs
Und hört den Menschen zu, die ihren Schritt
An ihm vorüberlenken – zwei, auch drei
Im fröhlichen Gespräch, ein Einzelner,
Der wanderfroh die alten Lieder singt,
Ein frischverliebtes Paar, das Bodens Burg
So weltvergessen spielt, dass es das Ziel
Der Reise lange schon im Rücken hat:
Zu allem, was sie sagen, schweigt der Stein,
Und schweigt zu Liedern und zum Rätselspiel,
Und kommt ein Mensch vorbei und spricht kein Wort,
Geschieht’s, dass ihm der Stein zum Schweigen schweigt.

Ohne Titel

„Gespenster? Gibt es nicht! Es gab sie, früher,
Als sich die Menschen noch begraben ließen,
Am Stück, im Sarg; doch heute wird verbrannt,
Und aus der Urne, schlägt es Mitternacht,
Hebt sich kein Geist ins Licht des Mondes, nein:
Nur Geisterasche, unsichtbar und stumm.“

Ohne Titel

Im Park steht eine Bank; an schönen Tagen
Ist die von morgens früh bis abends spät
Besetzt mit Menschen, die ein Päuschen machen:
Die frische Luft genießen und die Wärme.
Und ist mal niemand da, dann landen Tauben
Auf einer alten Zeitung, und sie neigen
Die Köpfe, dass es scheint, sie lesen – doch
Was Menschen kümmert, kümmert Tauben nicht.

Mit Versen erzählen!? (8)

In früheren Zeiten hat man sich über das epische Erzählen mit Versen viele Gedanken gemacht. Gustav Freytag etwa hat in „Neue epische Dichtungen auf dem deutschen Büchermarkt“ erst über den dazu passenden Vers nachgedacht – und fast alle Versarten ausgechlossen, zum Beispiel:

Der Hexameter ist einst bei einem fremden Volk aus Klangverhältnissen der Wortsilben entstanden, die wir durch unsere Hebungen und Senkungen nur unvollständig nachahmen können, er macht, wenn seine Schulregeln streng beobachtet werden, den Redegang unvermeidlich steif und geschraubt und er wird durch den trochäischen Fall, den er im Deutschen erhält, bei nachlässiger Behandlung nur zu leicht einförmig. Es gehörte der feine Sprachsinn Goethes dazu, ihn mit Freiheit zu gebrauchen.

Übrig bleibt am Ende noch der fünfhebige Iambus. Freytag:

Er hat am wenigsten Farbe und lässt sich wohl mit den durchsichtigen Lasuren der Malerei vergleichen, welche über jeden Farbenton des Stoffes gezogen werden können. Es sind feine Wirkungen mit ihm hervorzubringen, aber er verlangt eine schöpferische Kraft, welche ihn geschickt dem jedesmaligen Stoff anzupassen weiß. Auch bei ihm sind für einen jungen Dichter Schwierigkeiten zu überwinden; zunächst macht gerade sein durchsichtiger, nie stark in das Ohr fallender Rhythmus eine große Herrschaft über die Sprache nötig. Gerade bei ihm ist die Behandlung der Zäsuren, das Maß der rhythmischen Freiheiten, die Verwendung männlicher oder weiblicher Ausgänge und die Benutzung des Reims von großem Einfluss auf seinen Charakter, und jede Unbehilflichkeit des Dichters, die bei andern Versen eher durch den Klang des Metrums und des Reims überdeckt wird, tritt an ihm unverhüllt zu Tage.

… Da ist was dran! Aber auch über die Art, wie der Vers mit Inhalt gefüllt werden sollte, und mit welchem Inhalt: weiß Freytag zutreffendes anzumerken.

Der Vers ist ein schlechter Überzug für eine Erzählung ohne Interesse, ohne Zusammenhang und logische Folgerichtigkeit. Wer in Versen erzählt, wird auch in der Auswahl der charakterisierenden Momente, durch welche er schildern oder stimmen will, große Sicherheit besitzen müssen, denn ihm stehen verhältnismäßig weniger Momente zu Gebote, als dem Erzähler in Prosa. Ein einzelnes Bild muss oft die Stärke einer leidenschaftlichen Bewegung, zwei, drei kleine Striche vielleicht eine Örtlichkeit, zum Beispiel einen landschaftlichen Hintergrund, lebendig vorführen. Wenn das Gemüt des Dichters das Zweckmäßige hier nicht kräftig empfindet, wird aller Wortreichtum unnütz sein. Der Vers unterstützt in großartiger Weise die Wirkung einer richtig empfundenen Charakteristik, weil er das wahr Empfundene viel vornehmer zu sagen vermag, als der prosaische Satz, aber er wird peinlich, wenn er den Mangel solcher Empfindung durch sein Geklapper ersetzen soll. Und grade sein Klang verführt leicht zur Phrase.

Das Für und Wider der Verserzählung, knapp aber klar auf den Punkt gebracht!

Bücher zum Vers (82)

Paul Merchant: The Epic.

Ein nicht mehr ganz taufrischer, englischsprachiger Band, erschienen 1971 bei Methuen & Co. Ltd. in der Reihe „The Critical Idiom“. Diese Reihe schafft es, auf kleinem Raum – „The Epic“ umfasst gerade einmal hundert Taschenbuch-Seiten – große Inhalte auf sinnvolle Weise abzuhandeln; und alleine der Blick auf die Art und Weise, wie dies gelingt, lohnt das Lesen!

„This book surveys the whole field of European Epic from it origins in the oral tradition, through the secondary epics of Rome, Italy, Spain and England, to its varied later development in poetry, prose and drama.“

Sagt die hintere Umschlagsseite; und hat Recht. Sogar für Beispiele bleibt noch Platz – die folgenden (Blank-)Verse stammen aus „The Epic“ von Alfred Lord Tennyson, Sprecher ist ein Dichter, der ein großes episches Werk verbrannt hat:

 

„Why take the style of those heroic times?
For nature brings not back the mastodon,
Nor we those times; and why should any man
Remodel models rather than the life?
And these twelve books of mine (to speak the truth)
Were faint Homeric echoes, nothing worth,
Mere chaff and draff, much better burnt.“  …

 

Klingt erst einmal nicht sehr hoffnungsvoll in Bezug auf ein modernes Epos. Aber ein Freud hat einen Teil des Werkes aus den Flammen gerettet, und der Dichter lässt sich überreden, es vorzulesen; mit großem Erfolg!

Pfadfinder (7)

6 – Knochenschwund

Dringlichkeitssitzung

In Sotzens Werkstatt sitzen an dem Klapptisch
Sich gegenüber: Sotz und Heinrich, stumm,
Und zwischen ihnen liegt der Wabbelfrosch,
Den sehen sie mit müden Augen an
Und wissen doch, was immer sie versuchen!
Nicht im geringsten, was geschehen ist.
Da öffnet sich die Tür. Herein kommt Liese,
Ein Radio in der Hand, das leise brabbelt.
„Die Herren sind zurück – und fragen sich,
Was mit den Knochen meines Froschs geschah!“
„Woher …“, beginnt der Doktor, aber Liese
Hebt nur das Radio; und stellt es lauter.

Pfadfinder (6)

5 – Götterspeise

Knochenschwund

„Nun, es befindet sich in ihrer Hand;
Sie haben kurz zuvor den toten Frosch
Ergriffen; also muss das Wabbelding
Der Frosch sein – aber was ist ihm geschehen?!“
„Es sieht so aus“, sagt Doktor Sotz und stupst
Den Klumpen an, der wackelt, wundersam,
„Als ob bei unserm … überstürzten Aufbruch
Des Froschs Skelett zurückgeblieben ist;
Und ungestützte Biomasse – wabbelt …“
„Zurückgeblieben? Das Skelett?! Wie soll
Das gehen!“ „Keine Ahnung – lassen Sie uns
Nach Hause gehen und den Fall bedenken.“

7 – Dringlichkeitssitzung

Pfadfinder (5)

4 – Verschwinden

Götterspeise

Und zieht vorüber. Heinrich, Dr. Sotz,
Der Frosch – der Frosch als letzter in der Kette
Gerät noch in die Bahn, wird noch gestreift,
Doch in die Büsche, von der Lichtung fort,
In Zweige ohne Zahl und Nebelreste
Werfen die Drei sich, fort, nur fort, und kommen
Zur Parkbank, wo die Welt ist, wie sie ist …
Die Hände auf den Knien, außer Atem
Fragt Heinrich: „Was zum Teufel war das, Doktor?!“
Doch Sotz hält ihm die Hand hin, darauf wabbelt
Grün-Braun ein Klumpen ohne Halt und Form:
„Ja, was? Und was zum Teufel, Heinrich, ist das?!“

6 – Knochenschwund

Pfadfinder (3)

2 – Unter Büschen

Still!

„Ein toter Frosch“, sagt Sotz, „und ein besond’rer:
Der hier gehörte Liese. Gestern Nacht
Erschien sie in der Werkstatt mit dem Tier
Und wies mich an, es in den Park zu bringen …“
„Sie wies Sie an? Wie das? Die junge Dame
Ist Ihre Nichte!“ „Nun, da war ein Nachdruck
Ganz eig’ner Art in ihrer Stimme, welchem
Zu folgen ratsam schien; ich nahm das Glas
Samt Frosch und kam hierher, der Frosch
Entsprang, ich folgte ihm zu dieser Lichtung
– Und fand ihn tot; und kehrte um, auf Ihre Ankunft
Zu warten …“ „Still!“ „Warum?“ „Ich höre etwas.“

4 – Verschwinden