Sein und Tat

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In stetem Gang, dann jäh strauchelnd
Bewegt der Vers sich, tut’s wieder:
Ihm scheint’s richtig so,

Und wer sein Tun genau ansieht,
Kann anders nicht, als „Schön!“ rufen:
Die Tat ehrt das Sein.

Ableger

Ein Schlachter steht, das Schlachtmesser
Zwar in der Hand, doch bleibt’s reglos,
Mit weiten Augen tagträumend:
Er sieht sich selbst als Schlachtmesser,
Der Waffen Zahl, des Heers Größe,
Wie oft ein Krieger stirbt, misst er;
Und grinst?! Der Mann erwacht besser …

Die Bewegungsschule (24)

Im letzten Beitrag war die Bewegungseinheit „ta TAM TAM ta“ neu dazugekommen, eine, wie gesagt, sehr eigenartige, fremde, zerrissene Bewegung. Häufig ist sie nicht in der deutschen Dichtung, aber man trifft sie doch immer mal wieder an; oft auch an Stellen, wo man sie nicht vermutet.

Die folgenden sechs Verse stammen aus Wilhelm Müllers „Der Ausflug eines jungen Elfen“:

 

Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen
Und strengte meiner müden Flügel Kräfte
Mit allen Sehnen an, dass nicht die Stürme
Mich griffen und fortrissen in die Weite
Des öden Raumes, der um unsre Blume
Auf allen Seiten unabsehbar dämmert.

 

Das sind ziemlich unauffällige Blankverse – mit einer Ausnahme: „Mich griffen und fortrissen in die Weite“! Wollte man diesen Vers streng nach Metrum, also auf Grundlage von“ta TAM“ vortragen, klänge das so:

Mich grif– / fen und / fortris– / sen in / die Wei– /  te

– Und das wäre ja Quatsch.  Also eher so:

Mich griffen / und fortrissen / in die Weite

ta TAM ta / ta TAM TAM ta / TAM ta TAM ta

Da ist es, das „ta TAM TAM ta“! Und das zerrissene Wesen dieser Bewegung passt hier auch sehr gut zum dagestellten Inhalt, den „Fortreißen“?! (Das „in“ kann man sicherlich auch als „ta“ lesen, dann wird der Vers vierhebig.)

Man  kann das „ta TAM TAM ta“ aber auch zum Grundbaustein eines Verses machen. Das zeige ich an einem eigenen Beispiel – der folgende paargereimte Vierzeiler benutzt diesen Vers:

ta ta TAM TAM ta / ta TAM TAM ta

 

wenn die gralshüter der reimworte
die magie wirken, entsteht: torte,
die ein lachfältchen aus worttönen
ins gesicht runzelt: dem urschönen.

 

Das ist jetzt ganz bestimmt keine große Dichtung; aber es zeigt doch, dass dieses „ta TAM TAM ta“ einen ganz eigenen Klang hat von hohem Wiedererkennungswert; mit dem einiges anzufangen ist!