Anagramm-Geplauder (3)

Romantik ist ein Wort vieler Bedeutungen, als Anagramm-Quelle aber nicht sonderlich ergiebig?! Schaut man trotzdem, was sich machen lässt, stößt man auch auf einen Ausdruck äußerster Nicht-Romantik: Arm in Kot.

Derlei beiseite lassend, müsste man schon einige begriffliche Vorbereitungen treffen, sollen andere Anagramme Sinn ergeben … Versteht man „Romantik“ zum Beispiel nicht als eine „kulturgeschichtliche Epoche“, sondern als einen „sentimentalen Zustand des Gefühlsreichtums“, und nimmt man „Akt“ als den „Geschlechtsakt beim Menschen“ (alle Bestimmungen: Wikipedia), und schätzt man schließlich Rom als einen Ort ein, der „romantisch“ sein kann (eine Google-Suche lässt da durchaus hoffen): dann kann man, nach all diesen Vorbereitungen, einen kleinen begriffsbestimmenden Text wagen wie den hier:

Romantik:
Akt in Rom.

Aber das ist sicherlich ein Ertrag, der dem Aufwand wenig angemessen ist.

Obwohl, „kulturgeschichtliche Epoche“ – da gibt es auch eine anagrammatischen Widerspruch, gewissermaßen: Rom, Antik, Romantik – Welcher Begriff passt nicht in diese Reihe?! „Sesamstraße für Fortgeschrittene“, ich weiß; auch schlicht in der Art der Anagrammverfertigung …

Stimmungsbilder lassen sich vielleicht noch finden:

Karton / im
Kamin / rot /
Romantik

Auch kleine Szenen lassen sich entwerfen, verschiedene:

Im Karton:
Romantik.
Martin: „Ok,
Oma, trink!“

Aber gleichgültig, welche man wählt: Alle sind eher traurig als romantisch …

Bücher zum Vers (39)

Renate Kühn: Das Rosenbaertlein-Experiment. Studien zum Anagramm.

1994 bei Aisthesis erschienen und kein sehr umfangreiches Büchlein; trotzdem steckt sehr viel wissenswertes über das Anagramm drin!

Den Anfang macht unter dem Titel „Writing without Apoll I“ eine allgemeine Einführung in das Anagrammieren, weder auf das Deutsche beschränkt noch auf die Gegenwart, wenn auch mit dem Schwerpunkt dort.

Dann folgt das eigentliche „Rosenbaertlein-Experiment“, in dem die Verfasserin eine Gedichtzeile von Hans Arp, „und schert ihr Rosenbärtlein ab“, in einer leicht abgewandelten Fassung, „und scheert ihr Rosenbaertlein ab“, die schon in den Fünfzigern von Unica Zürn als Grundlage mehrerer Anagramm-Gedichte genutzt worden war, an mehrere Dichter und Dichterinnen geschickt hat, mit der Bitte,  aufgrund dieser Zeile ein eigenes Anagramm-Gedicht zu schreiben.

Der dritte Teil, „Writing without Apoll II: Versuch über das Rosenbaertlein-Experiment“, versucht Kühn zu ergründen, wie die jeweiligen Anagramme entstanden sind; welche Abläufe dabei eine Rolle gespielt haben.

Dabei hilft ihr der Schluss des Bändchens, die „Dokumentation“; hier berichten die Dichter selbst über ihr Vorgehen, oder / und es werden handschriftliche Seiten abgedruckt, auf denen die einzelnen Anagrammier-Schritte nachvollzogen werden können.

Wirklich Schluss ist aber erst nach „Statt eines Nachworts: Anagramm und Stereogramm“.

Insgesamt sehr lohnend! Wer dem Anagramm gewogen ist, sollte bei Gelegenheit unbedingt in diesen Band hineinschauen.

Als Beispiel führe ich noch ein Anagramm-Gedicht Unica Zürns an, bei Kühn zu finden auf Seite 46; von ihr zitiert nach dem ersten Band der Unica-Zürn-Gesamtausgabe, erschienen 1988 bei Brinkmann & Bose, dort zu finden auf der Seite 51.

 

Und scheert ihr Rosenbaertlein ab

Tristan neben Isolde – herber Rauch
irrt ueber das harte Leben. In schon
bleicher Birne aus sternroter Hand
bau’n die Lerchen ihr Nest. Aber rot,
rebenrot schneit es Baldrianruhe.

 

Sehr beeindruckend. Anagramm-Generatoren, wie es sie heute gibt, waren vor bald 60 Jahren nicht verfügbar – spannend zu überlegen, wie sich dadurch die Arbeitsweise verändert, was für neue Möglichkeiten es gibt und wo die Gefahren liegen?!

Anagramm-Geplauder (2)

Wie sieht der Weg aus, der zu einem Anagramm-Gedicht führt?! Da gibt es bestimmt so viele, wie es Anagrammisten gibt. Gar nicht mal so falsch ist der Gedanke, sich technische Hilfe zu sichern – zum Beispiel diesen Anagramm-Generator – und sich eine Angramm-Liste erstellen zu lassen. Die enthält dann erst einmal einiges Unbrauchbares – Abkürzungen, Fachbegriffe, seltene (Fremd)-Wörter -, das sofort entsorgt werden kann. Im Falle eines beliebigen Beispiels, „Sternenlicht“, bleiben danach noch diese Anagramme übrig:

sternenlicht, schelte rinnt, rechnens litt, chile trennst, lichtern nest, schlitten ren, lichten stern, lichten ernst, sichel trennt, schielt rennt, schielt trenn, stichel rennt, stichel trenn, stichelt renn, stilecht renn, leicht rennst, lichte rennst, schient lernt, sichten lernt, scheint lernt, schneit lernt, tischen lernt, nichte lernst, elch rennt ist, elch trenn ist, scher nett nil, recht nest nil, echt lernst in, echt lernt ins, echt renn list, echt renn stil, echt stern nil, echt ernst nil, cents lehrt in, cents ehrt nil, cent lehrst in, cent lehrt ins, cent ehrst nil, cent ehrt nils, ich lernt nest, lichts trenne, lichts entern, lichts ernten, licht trensen, licht nestern, licht sternen, licht ernsten, licht rennt es, licht ren nest, nichts lernte, nichts eltern, schnitt erlen, schnitt lerne, nicht elstern, nicht lernt es, sicht lernten, stich lernten, tisch lernten, sticht lernten.

Daraus lässt sich einiges machen? Selbst wenn man einfach nur von „Sternenlicht“ ausgeht und dieses etwas tun lässt:

Sternenlicht
Schielt, rennt,
Scheint, lernt,
Lernte: Nichts.
Nichts, Eltern!

Das ist nun sicher kein Meisterwerk, klingt aber schon mal wie ein Gedicht?! Für gehaltvollere Aussagen ist mehr Arbeit nötig; ein genauerer Blick ins Angebot. Wer mag, kann den ja versuchen?! Ich beschränke mich auf das offensichtliche, den enthaltenen Schüttelreim (Schüttelreime „an sich“ sind immer Anagramme!). Der bräuchte allerdings, um unmittelbar verständlich zu sein, einer kleinen Einkleidung … Jemanden, der spät für eine Skat-Prüfung lernt und von seiner Herzens-Dame zu einem romantischen Nachtspaziergang aufgefordert wird, zum Beispiel. Der antwortet ihr nämlich:

„Lernen sticht
Sternenlicht!“

Das Spannende an so einer Liste ist: man muss sich mit Wörtern und Zusammenhängen abgeben, die sonst außerhalb des eigenen Denkens blieben. Dabei ist die von einem Programm erstellte Liste aber nur ein Ausgangspunkt – vieles ist möglich, was ein Anagramm-Generator nicht macht! Zum Beispiel Verkürzungen, sagen wir, von „ein“, „einen“ oder „den“ auf „’n“. Dann kann man aus dem eigentlich Buchstabenvorrat ein „n“ herausnehmen und schauen, was die restlichen Buchstaben hergeben …

‚N Lichternest –
Es rennt Licht,
Sternenlicht,
Ins Echt, lernt
‚N rechten Stil:
Lichten Ernst.

Oder man verkürzt „gehen“ auf „gehn“ und ähnliches … Der Möglichkeiten sind viele, gleichgültig, ob man mit Bleistift und Papier anagrammiert oder mit der Hilfe von Programmen! Einfach versuchen, meist kommen erstaunliche Ergebnisse zustande; Sachen, auf die man sonst nie käme.

Anagramm-Geplauder (1)

„Distichen“. Kein Wort, von dem man auf den ersten Blick annehmen würde, es bietet viele spannende Anagramme; aber einige lassen sich doch finden!

„Identisch“ zum Beispiel – was aber inhaltlich nicht so wirklich passt, denn zwei Distichen sind ja aufgrund der verwendeten Verse, Hexameter und Pentameter, eben nicht „identisch“, sondern höchst verschieden voneinander; jedenfalls verschiedener als so gut wie alle anderen Formen.

Also vielleicht „Ich-Dienst“? Das gilt für alle anderen Gedichte mindestens genauso – auch nicht sehr überzeugend …

Allemal sinnvoll sind dagegen die möglichen „Aufforderungs-Anagramme“:

„Distichen? Dicht eins!“

„Dicht es in Distichen!“

Dem komme ich selbstredend nach. Aber welcher Gegenstand soll verhandelt werden? Die Versbewegung bietet sich an. Womit anfangen? Da hilft wieder ein Anagramm – ich wähle mir „Seid nicht“:

 

Den Freunden der Dichtung

Seid nicht nur Auge; seid Ohr, seid redende Zunge, damit ihr,
Wenn sich ein Vers bewegt, diese Bewegung auch spürt!

 

Wer nun selbst ein Distichon dieser Art versuchen möchte – Anagramm-Anfänge sind noch einige verfügbar. Wo „Seid nicht“ ist, ist auch „Nicht dies“, und andere mehr. Schlechter dagegen sieht es mit Ding-Wörten aus, da bietet die Anagramm-Liste nicht viel an. Eine der wenigen Möglichkeiten ist „Neid-Stich“, ein Gefühl und eine Erfahrung, die zumindest menschlich wären beim Betrachten der meisterhaften Distichen, die unsere Dichtergrößen erschaffen.