Hagedorns Wunsch

Epigramme sagen selten etwas völlig neues; meistens sind es nur neue Fassungen längst bekannter Einsichten, und hat man eines gelesen, kommen einem sofort ähnliche Texte in den Sinn. Das ist nichts schlechtes!

Zum Gegenstand des Übungsdistichons aus dem vorgestrigen Eintrag etwa fiel mir ein Verspaar Friedrich von Hagedorns ein – kein Distichon, sondern ein den damaligen Sitten entsprechendes Alexandriner-Couplet (Siehe dazu auch: Das Alexandriner-Couplet)!

 

Wunsch

Langweiliger Besuch macht Zeit und Zimmer enger;
O Himmel, schütze mich vor jedem Müßiggänger!

 

Das ist, einmal, farbiger und bildreicher als die sehr blasse Aussage des Distichons Heinrich Viehoffs; es ist aber auch, andererseits, ein wenig aufgeblasen, denn eigentlich ist doch im ersten Vers schon alles gesagt?! Der zweite muss sein, weil die Form ihn verlangt, aber er fügt dem Inhalt kaum noch etwas hinzu. Abgesehen davon natürlich, dass er das „Rätsel des Reims“ auflöst – wie löst der Verfasser das Gleichklang-Versprechen ein, das er mit „enger“ gegeben hat? Aha! „Müßiggänger“, und das ist dann eben doch ein schöner, milde überraschender und sehr gut passender Begriff …

Das Wie wechselt, das Was bleibt

Grabschrift des Nitulus

Hier modert Nitulus, jungfräuliches Gesichts,
Der durch den Tod gewann: er wurde Staub aus Nichts.

 

„Grabschriften“ waren zu allen Zeiten ein beliebter Gegenstand des Epigramms; geändert hat sich nur die Form, in der sie erscheinen: Von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an wurden sie eher in Distichen verfasst, davor häufig in sogenannten „Alexandriner-Couplets“, das sind durch den Reim gebundene Paare von Alexandrinern, die gleichfalls ein hohes Maß an Geschlossenheit aufweisen.

Hier ist es Gotthold Ephraim Lessing, der das in sehr überzeugender, wenn auch wenig netter Weise bestätigt! („jungfräuliches“ ist eine inzwischen aufgegebene Art der Deklination; damals ging das.)

Erzählformen: Das Reimpaar (30)

Nikolaus Lenau führt in „Die Drei“ das Reimpaar aus iambischen Vierhebern in seiner Reinform vor – keine auflockernden doppelt besetzten Senkungen, keine Abwechslung schaffenden weiblichen Versschlüsse, kein inhaltliches Übergreifen aus einem Verspaar ins nächste, kein nichts:

 

Drei Reiter nach verlorner Schlacht,
Wie reiten sie so sacht, so sacht!

Aus tiefen Wunden quillt das Blut,
Es spürt das Roß die warme Flut.

Vom Sattel tropft das Blut, vom Zaum,
Und spült hinunter Staub und Schaum.

Die Rosse schreiten sanft und weich,
Sonst flöss‘ das Blut zu rasch, zu reich.

Die Reiter reiten dicht gesellt,
Und einer sich am andern hält.

Sie sehn sich traurig ins Gesicht,
Und einer um den andern spricht:

„Mir blüht daheim die schönste Maid,
Drum tut mein früher Tod mir leid.“

„Hab Haus und Hof und grünen Wald,
Und sterben muss ich hier so bald!“

„Den Blick hab ich in Gottes Welt,
Sonst nichts, doch schwer mirs Sterben fällt.“

Und lauernd auf den Todesritt
Ziehn durch die Luft drei Geier mit.

Sie teilen kreischend unter sich:
„Den speisest du, den du, den ich.“

 

Das ist ein Inhalt, dem die formale Strenge, die Beschränktheit sehr gut tut!?

Bei sich zu Hause hatte Lenau selbst einen Geier, doch der war ausgestopft und wurde vom Dichter angedichtet, gleichfalls in Reimpaaren, aber in weiträumig-alexandrinischen; wodurch der Text einen ganz anderen Klang bekommt. In den ersten beiden Reimpaaren des langen Gedichts geht es bissig zu:

 

Du stehst so still und ernst, mein ausgebälgter Geier,
Ich bringe dir ein Lied mit meiner ernsten Leier.

Zwar hörst du nichts davon, dir geht mein Gruß verloren;
Doch Dichter sind gewohnt, zu singen toten Ohren.

 

Wobei die Dichter diesbezüglich bis heute keine Gelegenheit hatten, sich zu entwöhnen, scheint mir.

Der kürzere Schlussvers

Strophen schließen geschlossener und nachdrücklicher, wenn der Schlussvers gegenüber den anderen Versen verkürzt wird! Ein schönes Beispiel gibt ein „szenisches Epigramm“ von Dieterich Ernst Spiegel von Pickelsheim:

 

Empfindsamkeit

„Gottlob! Zur rechten Zeit erhascht‘ ich ihn am Licht,
Den armen Schmetterling! Dass ihm ja nichts begegnet,
Hans, trag ihn gleich hinaus! … Du säumest, Bösewicht?“
„Ihr Gnaden! Ach! Es regnet.“

 

Keine große Dichtung, aber doch nett zu lesen; und der letzte Vers, der durch den verwendeten  Kreuzreim fest ins Ganze eingebunden ist, schließt nach den drei langen Alexandrinern die Strophe fest, was auch dem Inhalt nützt: Die Pointe sticht so um einiges stärker hervor!

Das Königreich von Sede (91)

Und Schemel sieht die Nacht auf Schloss und Graben sinken,
Sieht aus der bunten Welt ein Dunkel satt sich trinken,
Das rülpst ihn schweigend an: „Wer bist du, alter Narr?“
– Hört aus der Wellen Spiel, dem sich im nahen Graben
Die Frösche sonder Zahl froh hingegeben haben,
Ein Quarren, hört: „Wer ist, der war“.

Satz und Vers

Das Verhältnis von Satz und Vers, beziehungsweise das Verhältnis von Satzeinschnitten und Verseinschnitten kam beim Verserzähler schon in Der Hexameter (78) zur Sprache, wo Johann Heinrich Voß‘ Anmerkungen aus seiner „Georgica-Vorrede“ vorgestellt wurden.

In diesem Eintrag soll es um denselben Gedanken gehen, vorgeführt und verdeutlicht aber nicht am Hexameter, sondern am Alexandriner, genauer: an einigen Alexandriner-Couplets des Barock-Epigrammatikers Friedrich von Logau!

 

Der Tod

Ich fürchte nicht den Tod, der mich zu nehmen kümmt;
Ich fürchte mehr den Tod, der mir die Meinen nimmt.

 

Hier fallen der Satzeinschnitt, beziehungsweise der Einschitt zwischen Haupt- und Nebensatz, mit dem (beim Alexandriner immer nach der sechsten Silbe liegenden) Verseinschnitt zusammen:

x X x X x X || x X x X x X

Das muss aber nicht so sein!

 

Die Sünden

Die Sünden scheiden Gott von uns und uns von Gott;
Ach, da wo Gott nicht ist, ist lauter Höll und Tod.

 

Der Satzeinschnitt liegt im ersten Vers hier:

Die Sünden scheiden Gott von uns || und uns von Gott;

Der Verseinschnitt liegt dagegen zwei Silben weiter vorne …

Die Sünden scheiden Gott || von uns und uns von Gott;

… und ich denke, er sollte im Vortrag auch hörbar gemacht werden, zumindest durch ein ganz kurzes Zögern und Absetzen; denn er hat hier durchaus eine Wirkung, da er die Scheidung Gott / Mensch erfahrbar macht!

 

Liebe brennt

Die Fische lieben auch; mag Wasser-Liebe brennen?
Kein Fisch bin ich, und sie sind stumm; wer will’s bekennen?

 

Hier geht es um den durch zwei kräftige Satzeinschnitte dreigeteilten zweiten Vers. Trotzdem ist der Verseinschnitt da – und kann auch hier zur Geltung gebracht werden! Dass dies möglich und sinnvoll ist, zeigt das Einfügen eines zusätzlichen Satzzeichens:

Kein Fisch bin ich, und sie – sind stumm; wer wills bekennen?

Ein kurzes Zögern vor der Pointe; das wird dem Inhalt gerecht, glaube ich.

 

Steuer-Kalender

Im Steuer-Almanach ist keine rote Schrift;
Sie feiert, weil die Welt steht, keine Stunde nicht.

 

In diesem Epigramm (leicht unverständlichen Inhalts) führt der zweite Vers die weitestmögliche Unterdrückung des Verseinschnitts vor; die kräftigen Satzeinschnitte liegen vorne und hinten, und der Verseinschnitt in der Mitte bleibt unhörbar. Dass er aber da ist und den Vers gliedert, zeigt der Wortschluss, der mit dem Schluss des ersten Halbverses zusammenfällt („Welt“)! Das ist die Grenze, die nicht überschritten werden darf, soll ein Vers noch als Alexandriner gelten.

Im allgemeinen aber fallen Satz- und Verseinschnitt weit häufiger zusammen, als dass sie auseinandertreten; und so hat man den Alexandriner im Ohr. Das letzte hier vorgestellte Epigramm Logaus hält es auch so:

 

Frühling und Herbst

Der Frühling ist zwar schön; doch wann der Herbst nicht wär,
Wär zwar das Auge satt, der Magen aber leer.

Erzählformen: Das Madrigal (23)

Gotthold Ephraim Lessing ist berühmt für die Klarheit und Schärfe seiner Prosa; seine Verse ragen dagegen kaum über den Durchschnitt seiner Zeit heraus. Beispielhaft ist „Faustin“:

 

Faustin, der ganzer funfzehn Jahr
Entfernt von Haus und Hof und Weib und Kindern war,
Ward, von dem Wucher reich gemacht,
Auf seinem Schiffe heimgebracht.
„Gott“, seufzt der redliche Faustin,
Als ihm die Vaterstadt in dunkler Fern‘ erschien,
„Gott, strafe mich nicht meiner Sünden,
Und gib mir nicht verdienten Lohn!
Lass, weil du gnädig bist, mich Tochter, Weib und Sohn
Gesund und fröhlich wieder finden.“
So seufzt Faustin, und Gott erhört den Sünder.
Er kam, und fand sein Haus in Überfluss und Ruh.
Er fand sein Weib und seine beiden Kinder,
Und – Segen Gottes! – zwei dazu.

 

Das wirkt heute recht betulich?! Aber die Verse tragen es; Vierheber, Fünfheber, sechshebige Alexandriner (mit dem kennzeichnenden Mitteleinschnitt), bunt gemischt und gereimt, doch ohne feste Reimordnung – ein weiter Raum, durch den die Erzählung ihren ruhigen Gang geht. So waren damals viele Texte aufgebaut, einige hat der Verserzähler auch schon vorgestellt; und ich denke, auch jetzt überzeugt dieser Aufbau noch. Ein wenig schneller müsste alles sein, sicher; aber nicht viel, das Getragene, Geschlossene, Gebundene ist auch im 21. Jahrhundert wirksam!

Erzählformen: Das Madrigal (21)

Madrigale sind nach Herkunft und Anlage leichte, luftige Gebilde, in denen der Wohlklang sich zu Hause fühlt und die scherzende Muse geistreiche Plaudereien darbietet. Im Allgemeinen! Friedrich Schiller dagegen verschafft auch hier, wie eigentlich überall, eher dem Gedanklichen Raum:

 

„Wie tief liegt unter mir die Welt,
Kaum seh ich noch die Menschlein unten wallen!
Wie trägt mich meine Kunst, die Höchste unter allen,
So nahe an des Himmels Zelt!“
So ruft von seines Turmes Dache
Der Schieferdecker, so der kleine große Mann
Hans Metaphysikus in seinem Schreibgemache.
Sag an, du kleiner großer Mann,
Der Turm, von dem dein Blick so vornehm niederschauet,
Wovon ist er – worauf ist er erbauet?
Wie kamst du selbst hinauf, – und seine kahlen Höhn,
Wozu sind sie dir nütz, als in das Tal zu sehn?

 

– Aber immerhin, eine gewisse Schärfe ist vorhanden … Wieder findet sich die so häufige Mischung von vier- bis sechshebigen Versen, wobei die sechshebigen bemerkenswerterweise immer Alexandriner sind:

Der Turm, / von dem / dein Blick || so vor– / nehm nie– / derschau– / et,

Einmal treten Satz- und Verseinschnitt auseinander –

Der Schie– / ferdec– / ker, so || der klei– / ne gro– / ße Mann

– aber das lässt sich durch den gesamtem inhaltlichen Zusammenhang auch gut so vortragen?!

Eigentlich war Schiller ja kein Freund des Alexandriners; aber das heißt selbstredend nicht, dass er keine schreiben konnte. Wenn er wollte.

Erzählformen: Das Madrigal (18)

Barthold Heinrich Brockes‘ bald 300 Jahre alte Gedichtsammlung „Irdisches Vergnügen in Gott“ in die Hand zu nehmen, lohnt durchaus. Nicht jedes Gedicht ist heute noch zumutbar, aber insgesamt ist in den Texten ein ganz eigener Ton zu finden, der sie sehr anziehend macht. Der Anfang von „Der Goldkäfer“:

 

Der Monat Junius beblümte Feld und Auen,
Als ich, die Wunderpracht der Blumen zu beschauen,
Im Garten ging. Mein ält’ster Sohn lief mit;
Sein reger Fuß hüpft‘ immer hin und her,
Mit fröhlichem, fast nimmer stillem Schritt.
Als er nun ungefähr
Ein güld’nes Käferchen auf einer Rose fand;
Ergriff er es mit seiner kleinen Hand,
Und kam darauf, in vollen Sprüngen,
Mir den gefund’nen Schatz zu bringen.
Ich lobte seinen Fund, und nahm ihn lächelnd hin,
Betrachtete, mit fast erschrock’nem Sinn,
Die Schönheit, Farben und Figur,
Mit welcher ihn die bildende Natur
Begabt und ausgeziert.
Durchs Auge ward mein Herz gerührt,
Als ich, mit höchster Lust, erblickte,
Wie ihm Smaragd und Gold den glatten Rücken schmückte;
Und ich bewunderte sein wandelbares Grün,
Das bald wie Gold, bald wie Rubin,
Und bald aufs neu Smaragden, schien,
Nachdem der Fürst des Lichts auf seine Teilchen strahlte,
Und die verschied’ne Fläche malte.

 

Das Anschauen der Welt um ihn herum, die Wahrnehmung ihrer Schönheit und Besonderheit, immer (noch) hingedacht auf Gott: darum geht es Brockes. Manchmal dreht er die Geschichte auch um, wie in „Hans und Mops“, das allerdings kein wirkliches Madrigal ist (nur ein Vierheber hat sich bei den Alexandrinern eingeschlichen – da fragt man sich, ob „dehnte alle vier“ einer dieser Dichterscherze ist -, und auch die Reime ordnen sich schnell: ab dem vierten Vers sind es ausschließlich Paarreime).

 

Hans stund des Morgens auf, und Mops, sein Hund, zugleich:
Hans zog die Kleider an, reckt‘ seinen Arm, und gähnte;
Mops reckte, schüttelt‘ sich, und dehnte
Nicht minder alle vier‘: Geback’nen weißen Teig
Aß Hans; da Mops nur bloß vom schwarzen Brote fraß.
Mops trank das Wasser roh, und Hans gekochtes Nass.
Hans ging darauf ins Feld; Mops gleichfalls. Hans beschritte
Ein Pferd; Mops aber nicht: Er lief, und jener ritte,
Bis dass der Mittag sie nach Hause wieder rief.
Hans aß; Mops ebenfalls. Wie Hans ein wenig schlief,
Schlief Mops nicht weniger. Das schöne Sonnenlicht
Ward nicht von Hans beschaut, von Mops imgleichen nicht.
Dass in der Frühlingszeit die Kreatur so schön,
Hat weder Hans noch Mops bemerkt und angesehn.
Sie machten sich daraus nicht die geringste Freude.
Durch wenig viel gesagt: Sie schlief- und wachten beide;
Sie tranken beide Nass; Sie aßen beide Brot;
Es lebten Hans und Mops; Jetzt sind sie beide tot.

 

Ich weiß nicht … Mir gefällt es. Wer mag, sollte beide Texte einmal laut lesen! „Sie machten sich daraus nicht die geringste Freude“ – das muss für Verse erst recht nicht gelten, und Freude machen sie zuerst und vor allem: gehört.