Zum deutschen Hexameter

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Neue Jahrbücher für Philologie und Pädogogik, II. Abteilung, 1869, Heft 5

„Nächst der bedeutsamen und wohlklingenden Mannigfaltigkeit in dem Verhältnisse und der Folge der Füße, beruht die Schönheit des Hexameters hauptsächlich auf der Zäsur, den untergeordneten Einschnitten und den Wortfüßen.“ Unter diesen von A. W. Schlegel zusammengestellten Hexametergrundlagen sind die drei letztern, Cäsur, untergeordnete Einschnitte und Wortfüße bereits öfters abgehandelt worden; die Wortfüße schienen besonders Klopstocken zur Untersuchung zu reizen. Dagegen war mir bisher nicht möglich, Eingehenderes über die bedeutsame und wohlklingende Mannigfaltigkeit in dem Verhältnisse und der Folge der Füße zu finden; Klopstock bemerkt bloß: die Regel unsers Hexameters ist, den Daktylus öfter als den Trochäus, und diesen öfter als den Spondeus zu setzen; ob aber die vier ersten Füße in ihrem Verhältnisse zum fünften Fuße einander gleich stehen oder nicht, darüber hat er sich nicht ausgesprochen. Auch bei A. W. Schlegel finde ich nichts Näheres; ebenso wenig bei F. A. Wolf in den Analeklen oder bei Platen oder bei Minckwitz. Es scheint, man hat vor lauter Streit darüber, ob der deutsche Rhythmus quantitierend oder akzentuierend sei, vergessen, einzelne Verse selbständig zu untersuchen; denn Wackernagels vortreffliches Büchlein reicht bloß bis an Klopstock, und nicht einmal in seine Hexameter hinein; bloß bei Viehoff in der Vorschule der Dichtkunst habe ich einigen Aufschluss gefunden, wenn er als drittes Hexametergesetz folgendes aufstellt: ‚Es darf in den vier ersten Füßen nicht eine Reihe von Spondeen auf einander folgen, es sei denn, dass dadurch eine besondere Wirkung erzielt wird, sowie es auch andrerseits nicht wünschenswert ist, dass sämtliche vier erste Füße aus Daktylen bestehen, wenn man nicht wieder dadurch etwas Besonderes ausdrücken will.‘ Unter den Spondeen versteht Viehoff sinkende Spondeen; von den Trochäen spricht er weiter unten und gibt für sie vier Punkte zu beachten: l) Man vermeide sie, wo der Gegenstand eine gemessene würdevolle Haltung der Form verlangt. 2) Man stelle sie nicht zwischen zwei schwere Spondeen, sondern vermittle den Übergang durch einen Daktylus. 3) Nicht jede Stelle erträgt den Trochäus gleich gut. Am besten eignet er sich für den ersten Fuß, der in mehreren Versarten gewisse Freiheiten gestattet, und für den vierten, in welchem auch bei Homer einige Male Trochäen vorkommen. 4) Der Trochäus wird weniger störend, wenn auf die Arsis eine kräftige Zäsur folgt, weil dann die Satzpause in die Thesis fällt.

Aber warum im ersten und vierten Fuß? Weils bei andern Versarten mit dem ersten so geschieht und bei Homer mit dem vierten? Das sind keine schlagenden Gründe, und doch war es mir Bedürfnis, meinen Schülern zum Behufe metrischer Aufgaben sagen zu können, wie es zu halten sei in Betreff der Vertauschung der vier ersten Daktylen mit zweisilbigen Versfüßen, denn auf die Frage, ob Spondeus oder Trochäus, ließ ich mich hier nicht ein.

Ich nahm darum irgend ein hexametrisches Gedicht vor und schrieb mir sämtliche Versfüße auf, ob sie zweisilbig oder dreisilbig seien; an die erste Probe hängte sich eine zweite und dritte, bis ich soviel zusammen hatte, dass ich hier Einiges mitteilen zu können glaube, was den Freunden des deutschen Hexameters nicht ohne Interesse sein dürfte.

Im ersten und dritten Bande der Analekten von F. A. Wolf finden sich bekanntlich etwas über hundert Verse der Odyssee so übersetzt, dass die deutsche Übersetzung eben dieselben Versfüße, Gliederungen und Einschnitte hat wie der griechische Text. Der Übersetzer, nach Schlegel F. A. Wolf selber, obgleich er sich E. G. L. unterschreibt, verspricht die ganze Odyssee so bearbeiten zu wollen, wenn ihm ein Verleger etwas über 2 Rthlr. für jeden Vers verspreche; es solle eine Übersetzung werden, in welcher der Übersetzer das Allerhöchste, wozu die Kunst am Ziele der Laufbahn reize, mit redlicher Liebe angestrebt habe. Ich will hier wie bei allen übrigen statistischen Anführungen die Zahl der dreisilbigen Versfüße in Prozente verwandeln, damit zwischen allen dasselbe Verhältnis stattfinde; es gibt also in der Wolfischen Odyssee folgende Daktylen in den vier ersten Versfüßen auf je 100 Verse: Wolf 63 — 58 — 82 — 73, also im dritten und vierten mehr als im ersten und zweiten; in 22 von hundert Versen sind die zwei ersten Versfüße zweisilbig.

Ich fahre weiter fort und stelle von Dichtern aus der Vorwolfischen und Vorschlegelschen Zeit die Daktylen zusammen, wobei ich mit der Aufzählung der Gedichte beginne, aus welchen ich die Versfüße erhoben habe. Ich habe lauter ganz hexametrische und keine elegischen Gedichte gewählt, weil ich nicht weiß, ob nicht der Pentameter eine gewisse Wirkung auf seinen Hexameter ausübe; bloß bei Gottsched sind neun Hexameter aus Distichen gezählt, um von ihm eine möglichst große Zahl zu haben; auf literarische Vollständigkeit macht mein Verzeichnis keinen Anspruch.

In der nun folgenden Aufzahlung gelten die vier ersten Zahlen als Zahl der Daktylen vom ersten bis vierten Fuße; die fünfte Zahl gibt den Durchschnitt der vier ersten, die sechste diejenigen Verse, welche den ersten und zweiten Fuß zweisilbig haben, alles auf Hundert erweitert oder zurückgeführt.

1. Gottsched, (aus W. Wackernagels Gesch. des Hexameters): 75, 66, 40, 55, 59, 1

2. Klopstock, sechster Gesang der Messiade: 46, 76, 65, 44, 58 ,8

3. Voss, Siebzigster Geburtstag: 60, 75, 64, 63, 65, 4

4. Voss, Odyssee, sechster Gesang, älteste Ausgabe: 48, 65, 70, 53, 59, 12

5. Hölty, Christel und Hannchen: 49, 79, 51, 58, 59, 26

6. F. L. Stolberg, Antwort an G. A. Bürger: 41, 78, 78, 66, 63, 6

7. Bürger, Übersetzte Ilias, erster Gesang: 45, 57, 42, 35, 45, 22

8. Wieland, Hymne auf Gott: 58, 80, 88, 40, 66, 0

9. Goethe, Episteln: 38, 78, 59, 42, 54, 14

10. Knebel, Philomela in Tiefurt: 46, 76, 50, 30, 50, 8

11. Kosegarten, Hymne an die Tugend: 51, 80, 55, 45, 58, 5

12. Mnioch, Hellenik und Romantik: 47, 96, 43, 71, 65, 0

13. Selmar, lieber Empfindung und Vernunft: 60, 88, 69, 53, 67, 2

14. Neubeck, Hymnus an die Nemesis: 60, 79, 67, 52, 64, 5

15. Neuffer, Die Tageszeilen, Der Mittag: 50, 83, 67, 48, 62, 2

16. Hölderlin, An den Äther: 41, 65, 60, 38, 51, 16

17. Seume, Das mystische Backwerk: 54, 70, 72, 49, 61, 11

18. Lappe, Bücher und Bilder: 85, 87, 70, 29, 68, 2

Man hatte bei den Zahlen der Wölfischen Verse: 63, 58, 82, 73 etwa vermuten können, dass nach dem bereits von Viehoff angeführten Gesetze die beiden ersten Füße deshalb weniger Daktylen enthalten, weil in jedem Verse eine Vertretung des Grundrhythmus durch stellvertretenden Rhythmus am ehesten im Anfange stattfinden mag, indem ja in diesem Falle der reine Rhythmus schon noch Gelegenheit hat, wieder am Ende des Verses sein Recht zu behaupten. Sieht man aber die neuen Zahlen an, so fällt auf den ersten Augenblick auf, dass im Allgemeinen der zweite Fuß am meisten, der vierte am wenigsten Daktylen hat, also ganz anders als bei Wolf; und der Grund ist leicht genug zu ermessen: durch die Hauptzäsur wird der Hexameter geteilt; da diese weitaus in den meisten Fallen im dritten Fuße steckt, so verliert der dritte Fuß den Eindruck seines Rhythmus, sei er nun zwei- oder dreisilbig; ist nämlich die männliche Zäsur da:

X x x / X x x / X || x x / X x x / X x x / X x

so hören wir wol beim Beginn des Hexameters den daktylischen Rhythmus; dieser klingt aber vor der Cäsur in anapästischem Rhythmus aus, um mit ebendemselben Anapäst wieder die zweite Hälfte zu beginnen und diese mit Trochäus zu schließen.

Ist aber weibliche Zäsur da:

X x x / X x x / X x || x / X x x / X x x / X x

so schließt die erste Hälfte trochäisch und beginnt die zweite jambisch. Wie daher nach altem Rechte der fünfte Fuß als der letzte daktylische des ganzen Verses rein bleiben soll, so pflegen unsere Hexametriker den zweiten Fuß als den letzten ganzen vor der Cäsur ebenfalls womöglich rein zu halten, d. h. in den angeführten Gedichten wenigstens von 100 Füßen 57, bei Mioch 96, im Durchschnitt 82 mal. Dagegen wird der vierte Fuß, auf den der ständige Daktylus folgt, am ehesten zweisilbig sein dürfen, bei uns von 100 Versen zum wenigsten bloß 29 Mal, zum meisten 71 Mal, im Durchschnitt 48. Der erste Fuß pflegt (bloß beim alten Gottsched ist das noch nicht der Fall) weniger Daktylen zu haben als der zweite, eben weil ja der zweite es ist, dem man vor allem die Obliegenheit auferlegt hat, den daktylischen Rhythmus der ersten Hälfte zu retten; er hat nämlich in den 18 Beispielen wenigstens 38 und höchstens 85 Daktylen auf 100 Verse, tut im Durchschnitt 53 auf hundert; es hat aber zugleich dieser erste Fuß mehr Daktylen als der vierte, weil im Falle der zweite Fuß zweisilbig erscheint, er den daktylischen Rhythmus der ersten Hälfte repräsentieren soll; dass dies im allgemeinen der Fall ist, ersieht man aus der sechsten Rubrik, wo wieder in Prozenten die Verse verzeichnet stehen, welche weder den ersten noch den zweiten Fuß daktylisch haben; es sind bei Wieland und Mnioch gar keine Fälle der Art, bei andern wenig; bei Voss in der Odyssee, bei Hölderlin und Seume schon etwas mehr, drei Dichtern, die freilich schon mit dem zweiten Fuße unter dem Durchschnitt blieben, und beim genialen Bürger, der den daktylischen Tanz am wenigsten versteht, am meisten, durchschnittlich sechs Prozent, bei denen teilweise anzunehmen ist, dass besondere metrische Wirkungen den Mangel der Daktylen herbeigeführt haben. Der dritte Fuß erscheint mehr daktylisch als der vierte, öfters weniger rein als der erste, manchmal doch reiner als der erste, bei Voss Odyssee, Stolberg, Wieland und Seume ebenso rein oder noch reiner als der zweite Fuß, jedenfalls unter den vieren der Fuß, welcher sich der Berechnung am ehesten entzieht, im Durchschnitt (es sei bloß der Vollständigkeit zu Liebe erwähnt) 62 Daktylen enthaltend. Er ist wie wir schon gesagt, durch die Zäsur seines zusammenhängenden Rhythmus beraubt, enthält aber vielleicht darum noch so viele reine dreisilbige Füße, weil die weibliche Zäsur durchaus den Daktylus voraussetzt. Statistische Nachweise dafür kann ich jetzt nicht geben.

Man hat mit einer gewissen Geringschätzung diese deutschen Hexametriker behandelt und ihnen besonders vorgeworfen, sie hätten sich aus lauter Bequemlichkeit des Trochäus statt des reinen Spondeus bedient, wie ja schon Klopstock dem Trochäus geradezu das Wort geredet habe. Man hat dabei aber, soviel uns bekannt, stets bloß auf die zweisilbigen Füße Rücksicht genommen und nie zugeschaut, wie denn die dreisilbigen Füße dieser trochäischen Hexametriker beschaffen wären. Zwar können freilich ihre Daktylen reiner oder weniger rein sein – davon sprechen wir hier weiter nicht – aber bloß Bequemlichkeit war die Zulassung der Trochäen sicher nicht; sonst hätten sie sich nicht, wie sich uns herausgestellt hat, daneben und als Ersatz für die Spondeen einem andern Gesetze untergeben, das Homer gar nicht kennt, „dass nicht bloß der fünfte Fuß den ganzen Vers als daktylischen repräsentieren solle, sondern daß auch die erste Hälfte durch Reinhaltung in erster Linie des zweiten, in zweiter Linie des ersten Fußes den Grundrhythmus des Hexameters zu Tage legen müsse. Wenn sowohl erster als zweiter Fuß zweisilbig sind, so wird das so gut einseitig metrischen Wirkungen zugeschrieben werden müssen als Zweisilbigkeit oder Spondeus im fünften Fuße.“

Dass in der Praxis weitaus die meisten Dichter einem solchen Gesetze sich unterwarfen, glaubt unsere Zusammenstellung erwiesen zu haben; dass keiner, weder Freund noch Feind, es aussprach oder überhaupt deutlich erkannte, gehört auch nicht unter die undenkbaren Dinge; sagt doch auch A. W. Schlegel in den Betrachtungen über Metrik: „Man kann sehr wohlklingende Verse zu machen verstehen, und gar nicht im Stande sein zu entwickeln, wie man dabei verfährt.“ Dass derselbe metrische Poet freilich auf der vorhergehenden Seite die Bürgerschen Hexameter als sehr schön bezeichnet, scheint fast weniger ehrlich gesagt worden zu sein; Bürger ist unter der Familie der, welcher am meisten Trochäen braucht. Eher hätten wir die Verse Höltys, Wielands, Mniochs, Seimars auszeichnen mögen.

A. W. Schlegel machte zuerst in seinem Gedichte Rom den Versuch, die Trochäen aus dem deutschen Hexameter zu verdrängen. „Es versteht sich von selbst, daß im Hexameter keine Trochäen geduldet werden können: sein Wesen wird dadurch zerstört: denn es ist ein allgemeines Gesetz, daß in den Silbenmaßen, welche nicht nach Dipodieen, sondern nach einzelnen Füßen gemessen werden, nur Füße von gleicher Dauer an die Stelle des vorwaltenden Fußes treten dürfen.“ So lautet des Mannes energischer Kabinetsbefehl in den Vorerinnerungen zur Herabkunft der Göttin Ganga. Und ebendaselbst: „Die Römer gebrauchen den Spondeus weit häufiger als die Griechen; wir werden dem Daktylus noch um etwas mehr das Uebergewicht geben müssen.“ Das war denn freilich der Fall bei den von Schlegel als mustergiltig erkannten Hexametern in den Analekten; denn diese hatten durchschnittlich 69 Prozent Daktylen, ein Verhältnis, welches unter den 18 Mithastern nicht einmal Lappe erreicht. Als Hexameter, welche er „mit der größten Sorgfalt und, soweit seine Einsicht reicht, nach den strengsten Gesetzen sowohl der alten Metrik, als der deutschen Prosodie behandelt“ (aber wie es scheint nicht deutscher Metrik), gibt Schlegel seine Übersetzung der Herabkunft der Göttin Ganga zu erkennen. Wir zählen bloß die Füße und finden:

Schlegel, Ganga I: 70, 73, 67, 66, 69, 3

Schlegel, Ganga II: 72, 73, 69, 67, 70, 2

Es ist wahr, auch die Schlegelschen Gangahexameter (Sie sind 1820 gedruckt; Übersetzungen aus Lukrez vom Jahre 1798 gehen nach alter Schablone: 65, 76, 54, 69, 63, 4) haben mehr Daktylen als die aller altern; aber reiner daktylisch darf man sie darum kaum nennen; im zweiten Fuße, dem Hauptfuße vor der Zäsur, haben die altern durchschnittlich noch mehr Daktylen angewandt (83), im dritten Fuße fast gleichviel, und ob ein weniger tanzender Gang im ersten und vierten Fuße nicht gerade zu den Schönheiten des Hexameters zu rechnen sei, ist sehr die Frage. Aber auch abgesehen davon, so erweist sich wieder, dass es sich, wenn man die zwei Gattungen deutscher Hexameter vergleicht, gar nicht bloß um Trochäus oder Spondeus handelt, sondern auch um den Daktylus. Eine kleine Differenz zwischen den vier Füßen ist freilich auch bei Schlegel vorhanden, aber verschwindend klein.

Auf Schlegel folgen bekanntlich Platen und die neuen Übersetzer; daneben gehen immer noch Leute nebenher, welche den alten Kleiderschnitt tragen; wir stellen zuerst folgende Dichtungen zusammen, denen sicher gelehrtes Studium des Hexameters vorausgegangen ist:

1. Platen, Fischer auf Capri: 59, 79, 61, 72, 68, 2

2. Platen, Das Fischermädchen in Burano: 73, 75, 69, 84, 75, 0

3. Platen, Amalfi: 71, 76, 71, 74, 73, 2

4. Wiedasch, Odyssee, Gesang VI: 69, 70, 83, 59, 70, 4

5. Donner, Odyssee, Gesang VI: 65, 76, 77, 64, 70, 2

6. Viehoff, Grönlandisches Bild: 53, 63, 49, 58, 56, 1

Man erkennt, dass Platen mit den zwei Übersetzern in der großen Durchschnittszahl der Daktylen sich zusammentut; aber die Verteilung der Dreisilben stellt sich nicht gleich; bei Platen fällt besonders die Fülle der Daktylen im vierten Fuße auf, im striktesten Gegensätze zu den andern, auch zu Schlegel, Wiedasch und Donner; es scheint, als ob Platen eben überall bloß möglichst viel Daktylen habe wollen herstellen, ohne auf die Verteilung Rücksicht zu nehmen; bei Wiedasch und Donner trifft das mindere Vorhersehen der Dreiteiligkeit im ersten und vierten Fuße mit den altern Dichtern zusammen; dagegen ist, wohl vom Übergewicht der weiblichen Zäsur herrührend, der dritte Fuß silbenreicher als der zweite geworden. Viehoff bringt beinahe ebensoviel Daktylen an als der Mann, dessen Leben er so fleißig beschrieben; aber Goethe verteilt sie anders.

Es folgen schließlich noch einige Nachzügler:

1. Schumann, Moses am Brunnen in der Wüste
(aus C. H. Schumann, Musikstücke. Annaberg 1824): 53, 79, 71, 56, 65, 1

2. Rückert, Episteln: 57, 72, 67, 49, 61, 2

3. Mörike, Idylle vom Bodensee, Gesang I: 60, 75, 63, 50, 62, 4

4. Hebel, Habermuß: 5, 9, 28, 6, 12, 84

5. Hebel, Häsnetjungfrau: 14, 15, 18, 19, 14, 76

6. Klaus Groth, Hanne ut Frankrich: 87, 99, 31, 84, 75, 0

Die ersten drei, unter denen die Schumannschen Hexameter besonders wohlklingend sind, haben wiederum das frühere Verhältnis der Versfüße. Dagegen könnte man sich gewiss die beiden dialektischen Dichter nicht diametral entgegengesetzter vorstellen als sie sich hier auf hexametrischem Felde treffen. Zwar daß beide in Hexametern überhaupt gedichtet haben, möchte schon auffallen, wenn nicht Vossens Einfluss die Sache erklärte. Doch bleiben Hexameter im Munde Schwarzwälderischer und Holsteinischer Bauern stets ein kleines Rätsel; bei uns im Süden sind sie freilich fast populär geworden, seit Usleri, Hagenbach, Corrodi und andere Hebel auch im Versmaße nachgeahmt haben. Erwähnen darf ich noch, dass unsere Schüler, auch wenn sie bereits durch Homer, Vergil, Ovid längst mit dem Hexameter vertraut geworden sind, doch kaum je in den ihnen wohlbekannten Hebelschen Idyllen denselben Vers vermuten. In dem einen Gedichte 84 Mal, im andern 76 Mal ist die erste Hexameterhälfte ganz zweisilbig gebaut; Daktylen finden sich in den vier ersten Füßen gleichsam bloß wie Oasen in der Wüste; ob wohl Schlegel diese Verse als Hexameter anerkannt hat? Sie sind es ganz gewiss und entsprechen gewiss dem, was sie wollen: das Gewand abgeben für eine behaglich breite langsam vorrückende Erzählung. Den Eindruck, welchen Klaus Groths Verse auf seine Leser oder Zuhörer machen, kann ich leider nicht beurteilen; sie entsprechen zum Teil den andern Hexametern und hätten wahrscheinlich Schlegels und Platens warmen Beifall. Für mein alamannisches Ohr sind sie mir zu tanzmäßig, vielleicht für die Ditmarschen nicht.

Noch ein Wort. Ich bin weit entfernt zu glauben, daß durch vorliegende Fußzählungen die ganze Natur des neuen deutschen Hexameters offen liege; sie wollen vielmehr bloß eine bis jetzt wenig oder nicht beachtete Eigentümlichkeit des Verses darlegen, den uns das griechische Altertum als eines seiner Gastgeschenke dargeboten hat.

Ernst Götzinger

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