Die Zäsur

Die Zäsur

Der Hexameter gestattet die reichste Mannigfaltigkeit der Gliederung durch Abwechslung in den Zäsuren. Es sind sechzehn Zäsuren möglich und für alle Fälle ließen sich Beispiele anführen. Da ferner neben der  Hauptzäsur auch Nebenzäsuren eintreten, kommen auch die Kombinationen in Betracht, die ins Unübersehbare gehen. Ganz vermieden wird der Versabschnitt, im Griechischen sogar der Wortschluss, nach dem dritten Fuß, durch den der Vers in zwei fast ganz gleiche Teile zerfiele; besonders anstößig ist das folgende Beispiel:

Sei du dann | hülfreich dem | Volke, | wie du es | Sterblicher | wolltest

weil hier ein Trochäus vor der Zäsur und am Versschluss steht, die beiden Hälften also völlig gleich sind. Goethe hat daher den Vers später umgearbeitet:

Hülfreich | werde dem | Volke! So | wie du ein | Sterblicher | wolltest

Aber auch zu nahe ans Ende oder an den Anfang des Verses darf die Zäsur nicht fallen, wenn sie den Vers gliedern soll. Allerdings hat Voss eine Vorliebe für die Zäsur vor der letzten Silbe, die sich mit dem Versschluss auf ein einsilbiges Wort so gern verbindet; aber nicht bloß un den oben zitierten Beispielen, sondern auch in den folgenden:

Grablos bleib‘ Ajax! So gebeust du, Atrid; Und warum? Sprich!

Sagt uns: nichts ist genug; weil jeder, soviel er besitzt, gilt

bilden die letzten Worte doch nur eine Nebenzäsur, die dem Rhythmus freilich auch so nicht zum Vorteil gereicht: denn sie befördert das schon durch den Akzent veranlasste Zerfallen des einen Versfußes in zwei (anstatt wa|rúm? Sprích! | vielmehr wa|rúm? | Sprích! nur noch mehr.

Am beliebtesten ist deshalb der Verseinschnitt im dritten Fuß (von den Grammatikern Penthemimeres genannt), der den Vers in zwei ungefähr, jedoch nicht ganz gleiche Teile gliedert und sowohl männlich als auch weiblich sein kann; der weibliche (auch κατα τριτον τροχαιον genannt) ist im Deutschen häufiger:

Über das hohe Gewölk | sich der fliegende Reiher emporschwingt

Oft auch siehst du Sterne, | sobald hindränget der Sturmwind

Nur wenig seltener ist die, im Griechischen immer männliche, Zäsur im vierten Fuß (Hepthemimeres):

Reißet die triefenden Segel herab, | doch ohne zu warten

Meistens verbindet sich mit dieser Zäsur eine Nebenzäsur, männlich oder weiblich:

Jähen Falles | am Himmel entfliehn | und das nächtliche Dunkel;
Was gedenk ich | des Herbstorkans | und der stürmischen Sterne!

Die weibliche Zäsur im vierten Fuß wird bei den Griechen vermieden, nach den einen wegen ungleicher Teilung des Verses (15 : 8 Moren), nach den anderen ohne triftigen Grund. Schon A. W. Schlegel hat beobachtet, dass zwischen der ersten und zweiten Kürze des vierten Daktylus bei Homer sogar der Wortfuß selten endigt; die beiden Kürzen bilden entweder mit den vorhergehenden Silben oder mit der folgenden Länge ein einziges Wort. Nach den Untersuchungen von Walser kommt die Zäsur post quartum trochaeum aber schon bei den Römern als regierende Zäsur vor, im deutschen Vers tritt sie sogar sehr oft als Hauptzäsur auf. Namentlich bei Klopstock kommt sie als caesura regens vor, meistens mit Nebenzäsur im zweiten Fuß; Klopstock redet ihr in den Grammatischen Gesprächen ausdrücklich das Wort. Sein Schüler Denis, besonders aber Sonnenberg in seiner Donatoa folgen seinem Beispiel. Voss dagegen, als echter Lehrling der Griechen, hält sich an die antike Tradition und vermeidet sie: wie bei Voss kommt sie auch bei Goethe selten, bei Schiller fast nie vor. Wie die Lesarten der waimarischen Ausgabe zeigen, hat sie Goethe in seinen Elegien (besonders in Alexis und Dora) unter A. W. Schlegels Beistand oft abgeschafft; und auch Schiller hat der Vers in der Elegie von 1795:

Um mich summen geschäftige Bienen, | mit zweifelndem Flügel

später im Spaziergang trotz harter Apokope so hergestellt:

um mich summt die geschäftige Bien‘, | mit zweifelndem Flügel

Wie sehr die Gliederung durch die Zäsuren zur Vollkommenheit des Versrhythmus beiträgt, hat Voss an einem hübschen Beispiel gezeigt. Man lese den folgenden, durch Haupt- und Nebenzäsuren ausgezeichnet gegliederten Vers:

Jener sprachs, | und verwirrt | enteilte sie, | Qualen erduldend

und man setze nun anstatt den einen Redeabschnitt möglich machenden Partizips ein Adverbium, nach dem eine Pause unmöglich ist, so ist der Rhythmus wesentlich geschädigt:

Jener sprachs, | und angstvoll eilte sie, | Qualen erduldend

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