Die Trochäen

Die Trochäen im Hexamter

Wenn also die natürliche Quantität der Silben über die Taktdauer auch nicht entscheidet, so kann sie doch bei dem gleichmäßig ruhigen Tempo des Hexameters, das starken Verkürzungen widerstreitet, die Einhaltung der Taktdauer für sich ermöglichen; das heißt: als lang zu bezeichnende Senkungen müssen nicht durchaus fehlerhaft sein, aber die richtige Quantität der Senkungen kann niemals fehlerhaft sein. Kurze Senkungen, ohne Konsonantenhäufung, ohne vollen oder gar langen Vokal und ohne den „Tiefton“ (der immer die Neigung hat, eine Silbe zu längen), kurz also reine Daktylen werden dem Vers immer zum Vorteil gereichen. Ebenso wirkliche Spondeen, welche die Dauer eines Taktes ebenso gut ausfüllen können wie die Daktylen.

Damit hängt nun auch die oft erörterte Frage zusammen, ob Trochäen im deutschen Hexameter zulässig sind? Klopstock betrachtete sie sogar als ein Mittel, dem Vers durch größere Mannigfaltigkeit eine höhere Schönheit zu geben. Aber schon Moritz verlangte, dass der Hexameter aus lauter Daktylen besteh, die nur hier und da durch einen Trochäus unterbrochen würden, denn der Trochäus mache ihn schleppend. Unsere deutschen Hexameter seit Klopstock aber seien nichts als sechsfüßige, mit Daktylen untermischte Trochäen, keine Hexameter.

Goethe im Reineke Fuchs und auch Schiller in seinen ersten Hexametern kümmerten sich gar nicht um die Trochäen. Namentlich bei Schiller sind ein Trochäus oder zwei, drei Trochäen, sogar vier in einem Vers nichts Außerordentliches, und nur sehr selten besteht ein ganzer Vers aus Daktylen, fast nur bei nachahmender Charakteristik, wie in dem folgenden Vers:

Aber in freieren Schlingen durchkreuzt die geregelten Felder

Später aber ist Goethe zunächst durch Vossens Einleitung zu den Georgika von Vergil auf strengere Anforderungen aufmerksam geworden und unter W. von Humboldts, A. W. Schlegels und des jüngeren Voss Beistand näherten sich die beiden weimarischen Dichter den antikisierenden Verskünstlern. Trotzdem sind ihre Hexameter auch später von Voss, Schlegel und Platen insgeheim und öffentlich verspottet worden; Platen hat gegen Hermann und Dorothea das künstliche Distichon gerichtet:

Holpericht ist der Hexameter zwar, doch wird das Gedicht stets
Bleiben der Stolz Deutschlands, bleiben die Perle der Kunst.

Goethe hat sich zwar noch später gegen die Rigororisten in den Versen erklärt:

Allerlieblichste Trochäen
Aus den Zeilen zu vertreiben,
Und schwerfälligste Spondeen
An die Stelle zu verteilen,
Wird mich immerfort verdrießen

Aber man vergesse nicht, dass unter den schwerfälligsten Spondeen die vossischen zu verstehen sind, die zu den gleichgewogenen streben!

A. W. Schlegel unterschied anfangs den griechischen Vers genau von dem deutschen; unsere Hexameter, meinte er damals, würden den Griechen bei ihrer flüchtigeren Sprache fade und matt erscheinen sein; der wahre griechische Hexameter mit seinen Spondeen und Daktylen dagegen würde sich in unserer Sprache nur mühselig fortschleppen, oder man müsste die Daktylen noch mehr suchen als selbst Homer. Später wurde auch er Rigorist: er verlangt zuerst in den Charakteristiken die völlige Verbannung des Trochäus; seine Elegie „Rom“ ist er erste Versuch in trochäenlosen Distichen.

F. A. Wolf in den Proben einer Odyssee-Übersetzung und andere Übersetzer der alten sind ihm darin gefolgt: Gräfe als Übersetzer des Nonnos, Wolf (1813) in der Übersetzung der ersten horazischen Satire, Falbe in der humanistischen Zeitschrift Athenäum (1817) in der Übersetzung der ersten 162 Verse aus der Pharsalia des Lukan. Dann sind Apel als Metriker und Platen als Dichter gegen den Trochäus aufgetreten, gegenn den sich noch Hamerling und Jordan erklärt haben.

Zwar gegenüber Paul Heyse, der dem Trochäus auf dem Umweg durch das patriotische Gefühl Eingang verschaffen wollte, weil sonst das Wort Vaterland nicht in den Vers passe, wendet Hamerling mit Recht ein, man dürfe auch aus Patriotismus keine schlechten Verse machen. Aber auch nach seiner Meinung macht der Trochäus den Vers unsicher und hinkend, er nehme ihm den getragenen, feierlichen und doch anmutigen Gang; Hamerling will noch lieber Daktylen von der Form v oder   v gelten lassen als Trochäen, das heißt starke Verkürzungen lieber als Dehnungen.

So kurzer Hand, indem man den Trochäen in Bausch und Bogen entweder die Türe öffnet oder die Türe weist, ist die Frage schon deshalb nicht zu erledigen, weil niemand sagen kann, wo der Spondeus aufhört und der Trochäus anfängt. Es ist für uns kein Zweifel, dass die deutschen Hexameter wie die deutsche Sprache überhaupt weil mehr Spondeen enthalten, als Voss und seine Schule glaubten, weil sie nach „gleichgewogenen“ Spondeen suchten.

Ein konstantes Verhältnis zwischen Länge und Kürze besteht meiner Meinung nach werder in dem trochäischen Wortfuß (in guter ist die erste Silbe weit länger als in dem schwächer betonten unbestimmten Artikel eines) noch in dem trochäischen Versfuß. Auch hier handelt es sich bloß darum, dass die geforderte Taktdauer möglichst genau eingehalten wird. Das kann geschehen entweder durch eine dehnbare Hebung; betonte Silben können physisch zwar immer gedehnt werden, aber bei unbedeutenden oder satzuntertänigen Wörtern wäre die Dehnung aus logischen Gründen unerträglich: ein Versfuß einen wird sich im Hexameter immer übel genug ausnehmen, weil der unbestimmte Artikel wohl die Kürzung, aber nicht die Dehnung des Vokals verträgt.

Oder es kann geschehen durch eine dehnbare Senkung: das heißt durch eine Senkungssilbe, die durch vollen Vokal oder durch starke Konsonanz (auch der folgende anlaut spielt hier eine Rolle) die Dauer des Taktes ausfüllt; die Aufstellung Hamerlings, dass liebes (Kind) ein besserer Versfuß ist als liebe (Tat), wegen der stärkeren Konsonanz, duldet keinen Widerspruch.

Es kann aber der der Taktdauer endlich auch dadurch genügt werden, dass eine kleinere oder größere Pause (Zäsur) den Takt füllen hilft, und darum kommt außer der natürlichen Prosodie auch die Zäsur in Betracht; ja auch Trochäen, die aus einem einzelnen Wortfuß bestehen, werden störender empfunden als Trochäen, die verschiedenen Wortfüßen angehören und also durch ein zwar sehr kleines, aber eben doch durch ein Intervall getrennt sind.

Hat man auf diese Weise jene Engherzigkeit verbannt, die den Rigoristen eigen war; hat man die schweren Trochäen als Spondeen, wenn auch glücklicherweise nicht als gleichgewogene, erkannt; hat man dann endlich das oberste Gesetz der annährend gleichen Taktdauer über das untergeordnete, die Länge oder die Kürze der Hebung oder der Senkung, gestellt: dann wird man sich der Erkenntnis nicht verschließen dürfen, dass die wahren und wirklichen Trochäen, die übrig bleiben, in dem Verse keinen Platz haben. Ein Vers wie der:

Aber in | einer | von den | besten und glücklichsten Stunden

oder wie der

Dass du der | Fehler | schlimmsten, die | Mittel | mäßigkeit, meidest

ist einfach schlecht, weil einer und von den unmögliche Versfüße sind.

Ebenso hört jeder, dass die erste Hälfte des Pentameters meinen ge | ängstigten | Schritt besser ist als meinen | angstvollen | Schritt, wo man, um hzwischen den so ungleichen Takten wenigstens einigermaßen auszugleichen, das schwachbetonte meinen unwillkürlich dehnt und das schwere angstvollen ebenso ungebührlich verkürzt.

Es ist also kein leerer Wahn, wenn sich der Dichter den Grundsatz vor Augen hält: bei zweisilbigen Versfüßen nach möglichst langen, bei dreisilbigen nach möglichst kurzen Senkungen zu trachten. Bewusst oder unbewusst haben das auch alle unsre Dichter getan; und wer nicht die vossischen „Gleichgewogenen“ Spondeen sucht, der wird in Goethes Reineke Fuchs mehr lange Senkungen finden, als er glaubt.

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