Der Akzent

Der Akzent im Hexameter

Wie alle Verse, die nicht auf regelmäßigem Wechsel von Hebung und Senkung beruhen, so fordert auch der Hexameter einen fest und sicher ausgeprägten Takt: also stark hervortretende Akzente und und nicht zu starke Verletzung der Taktdauer. Nur wo die Akzente schon in der natürlichen Betonung deutlich hervortreten, wird auch der Rhythmus ganz unzweideutig sein. Ob ich lesen soll

Áuch dem Ménschen, | dér dir im | éngen Lében begégnet

oder

Áuch dem Ménschen, der | dír im | éngen Lében begégnet

ist nicht so deutlich. Voss wollte schwachbetonte Silben wie an, sich überhaupt nur im ersten und fünften Fuß gelten lassen: im ersten Fuß begreift man es, denn wenn mit dem Vers ein neuer Satz beginnt, so wird die erste Arsis beim Anheben unwillkürlch verstärkt; im fünften Fuß aber, wo sich der Vers dem Ende nähert und daktylischen Rhythmus fordert, erwartet man viel mehr einen stärkeren Akzent. Voss irrt auch hier, indem er die einslibigen Wörter für „Längen“ und „Kürzen“ erklärt; denn auch Wörter wie an, sich und dergleichen können einen stärkeren Akzent haben, wofern es die Umgebung erlaubt. Mehrere schwachbetonte Hebungen schwächen daher den Vers:

Áber in eìnem Gebúsch und in eìner vertraúlichen Laúbe.

Versetzte Betonung ist im Hexameter selten möglich. In den schon erörterten Fällen, wo Meerflút oder ferntréffend oder ehrwúrdig mit dem Akzent auf der zweiten Silbe gebraucht werden, liegt nur Abweichung von der gewöhnlichen Wortbetonung vor, nicht versetzter Versakzent; der Rhythmus ist hier völlig ungestört. Aber im ersten Versfuß kommen Fälle vor, wo nach der natürlichen Betonung steigender, nicht fallender Rhythmus herrscht. Die antikisierende Metrik drückt das so aus, dass ein steigender Spondeus oder ein Iambus statt des fallenden Spondeus oder des Daktylus stehe; und sie lässt uns darüber im Zweifel, ob die natürliche Betonung oder die Versbetonung zu Recht besteht. Soll man lesen

In wétt | eìfernder | Hast und oft mit dem Schöneren prahlend

oder

Ín wett | eífernder | Hást und oft mit dem Schöneren prahlend

etc.;

Den Weínstòck der Zy | présse vermählt

oder

Dén Weinstóck der Zy | présse vermählt

Voss setzt oft auch logisch betonte Silben an die Stelle der Senkung, zum Beispiel im Eingang der Ilias:

Und víel | tápfere | Séelen der Héldensöhne zum Ais
Sendete

wo Únd viel tápfere einen anderen Sinn (= sehr tapfere) gäbe; oder

Doch mír | gébet die | Tochter zurück und empfahet die Lösung

wo mir Gegensatz zu dem vorhergehenden euch verleihen die unsterblichen den Sieg bildet. Trotzdem aber diese Betonung durch den Silnn gefordert und am Eingang des Verses auch rhythmisch möglich ist, zweifle ich doch, dass Voss sie angenommen hätte. Ihm war es vielmehr in dem eitlen Streben nach gleichgewogenen Spondeen gerade lieb, zwei Akzente nebeneinander gehabt zu haben, und er wird in únd viel und dóch mir gewiss beide Akzente zur geltung zu bringen gesucht haben, das heißt schwebende Betonung haben eintreten lassen, da hier ja nicht bloß zwei, sondern drei Akzente zusammentreffen: die Arsis, die zu betonende Silbe in Thesis, und die folgende Arsis. Dafür spricht auch, dass er gewohnt war, Komposita wie Wetteifer, Weinstock ohne Rücksicht auf die Umgebung mit dem akzent auf der zweiten Silbe zu gebrauchen und sich auch bei einsilbigen Wörtern um die Umgebung nicht zu kümmern: darum erlaubt er sich auch in der Mitte des Verses Betonungen wie

Rastlos schritten sie fort, kühl | vón Baum | zweígen be | schattet

Halleten | vón Kirch | túrmen die Glocken laut zu der Feier

Den Zuhörern erschien daher auch sein feierlicher Vortrag als „wahrer Gesang und Intonation“.

Zu den Akzentfragen pflegt man auch seit Klopstock die Lehre vom Nebenton oder (wie Klopstock ihn nennt) vom Tiefton zu zählen. Bekanntlich hat Klopstock Wörter wie Richterstuhl, Sonnenweg, Weltgericht ( v ‚) oder wie Sturmfluten ( v) erst in den späteren Gesängen des Messias (1755) vermieden, angeblich als Verletzung des „Tieftons“; früher hatte er sie stets als Daktylen gebraucht. Diese Frage betrifft aber erst in zweiter Linie und indirekt den Akzent; denn die Missachtung des Tieftons wäre an und für sich ohne Bedeutung. In Wörtern nach dem Paradigma Stúrmflùten folgt der „Tiefton“ unmittelbar auf den Hauptakzent und seine Unterdrückung würde bei zwei Silben zwischen zwei starken Akzenten der Hebungen ( v | „— v v ) kaum ins Gewicht fallen. Im anderen Fall steht der Nebenakzent gar unmittelbar vor einer folgenden Hebung, durch die er noch mehr herabgedrückt wird ( v  ‚ | „—), so dass er ganz verloren geht ( | „—). An der Verletzung des Akzents würden wir also wenig Anstoß nehmen; es handelt sich vielmehr um die Taktdauer und die Quantität. Denn diese Wörter mit nebentonigen, vollen Stammsilben sind entweder zu lang für die Dauer eines Taktes; oder es werden, um die Taktdauer auszugleichen, die schwächer betonten Stammsilben unerträglich verkürzt, es geht mit dem Akzent die Silbendauer verloren.

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