Das Verhältnis der Versfüße

Das Verhältnis der Versfüße

Über das Verhältnis der zweisilbigen zu den dreisilbigen Verfüßen im griechischen, lateinischen und deutschen Hexameter liegen uns ausgezeichnete statistische Beobachtungen vor, die Drobisch und an ihn anschließend Götzinger angestellt haben. Sie ziehen von jedem Dichter je 1000 Verse in Betracht und scheiden die Spondiaci von vornherein aus. Bezeichnet man die zweisilbigen Versfüße mit s (gleichviel ob es wirkliche Spondeen oder Trochäen sind), die dreisilbigen mit d (gleichviel ob es rein Daktylen oder Ketiken, Bacchien sind), so sind in Bezug auf den Wechsel der Versfüße 16 Formen möglich, die man mit s s s s (lauter Spondeen, s s s d (Daktylus im vierten Fuß), s s d s (Daktylus im dritten Fuß) usw. bezeichnen kann.

Die Gesamtzahl der dreisilbigen Füße zu den zweisilbigen verhält sich bei Homer wie 68 : 32, bei Vergil wie 40 : 60. Klopstock steht im Messias näher zu Homer als zu Vergil (61 : 39). Voss‘ Homer (60 : 40) unterscheidet sich von Klopstock wieder dur durch das bessere Material, die echten Trochäen und Daktylen, d.h. nur durch die Qualität der Versfüße, nicht durch die Quamtität; in der Luise ist der Verhältnis gar 65 : 35. Bei Goethe dagegen überwiegen nicht wie bei Homer, Klopstock und Voss die Daktylen, sondern es zeigt sich ein Zunahme der zweisilbigen Versfüße, die den dreisilbigen an Zahl nicht bloß gleichkommen, sondern sogar ein leises Übergewicht erhalten. Im Reineke Fuchs wenigstens ist das Verhältnis 49 : 51, in Hermann und Dorothea umgekehrt 51 : 49. Goethes Hexameter halten also die Mitte zwischen Homer, wo die dreisilbigen, und zwischen Vergil, wo die  zweisilbigen Versfüße überwiegen. Für die harmonische Natur des Dichters ebenso wie für die ruhige epische Haltung seines Gedichts ist das mühelos behauptete Gleichgewicht sehr bezeichnend.

Die Proben einer Homerübersetzung von F. A. Wolf in seinen Analekten zeigt wieder den Einfluss des homerischen Verses in den überwiegenden Daktylen (69 : 31). Die antikisierenden Metriker, A. W. Schlegel in seiner Herabkunft der Göttin Ganges und Platen, haben den Prozentsatz noch ein wenig erhöht. Das Verhältnis 70 : 30 bildet ungefähr die Grenze für die Versuche, den Daktylus im deutschen Hexameter zur Geltung zu bringen.

Betrachtet man den einzelnen Vers, so kommen Verse mit überwiegend spondeischen Füßen bei Homer im Verhältnis 7 (spondeisch) : 61 (daktylisch) : 32 (gleichmäßige Verteilung) vor; im Lateinischen 40 : 20 : 40. Bei Klopstock 13 : 47 : 40; in Voss‘ Homer fast ebenso wie bei Klopstock 12 : 44 : 44, aber in der Liuse dem Homer ähnlicher 6 : 57 : 37. Goethe aber entfern sich im Reineke Fuchs auch hier von dem bei Homer, Klopstock und Voss ziemlich ähnlichen Verhältnis und nähert sich dem lateinischen Vers durch das Überwiegen von Versen mit spondeischem Rhythmus im Verhältnis von 32 : 24 : 44. In Hermann und Dorothea stellt sich wiederum das harmonische Gleichgewicht her (27 : 28 : 45).

Betrachten wir die einzelnen Versfüße, so ist das Verhältnis der Daktylen zu den Spondeen im ersten Fuß bei Vergil als dem mittleren Repräsentanten des lateinischen Verses 40 : 60. aber bei Klopstock 52 : 48; in Voss Homer 54 : 46, in seiner Luise 59 : 41. Bei Goethe dagegen macht sich das Überwiegen des Spondeus im ersten Fuß noch noch mehr als im lateinischen Vers schon im Reineke Fuchs geltend (32 : 68), und es tritt noch stärker in Hermann und Dorothea hervor (27 : 73). A. W. Schlegel bevorzugt in seiner Herabkunft wieder die Daktylen im ersten Fuß.

Im zweiten Fuß bei Vergil 46 : 54, also Überwiegen des Spondeus. Aber bei Klopstock wiederum 71 : 29; in Voss‘ Homer 65 : 35, in der Luise sogar 73 : 27; und auch bei Goethe im Reineke Fuchs fast wie bei Klopstock 77 : 23, in Hermann und Dorothea sogar 80 : 20. Im allgemeinen ist also der Daktylus an dieser Stelle im Deutschen am häufigsten. Die richtige Erklärung hat schon Götzinger gegeben: im dritten Fuß steht meist die Zäsur, die den fallenden, daktylischen Charakter des Verses doch nicht hervortreten lässt: denn es entsteht, entweder so   | v v  „  oder so   v  | v  „ immer steigender Rhythmus; der daktylische Charakter des Verses kann sich also vor der Zäsur am leichtesten im zweiten, wie nach der Zäsur im fünften Fuß ausprägen. Der zweite Fuß ist also öfter ein Daktylus als der erste.

Im dritten Fuß bei Vergil 40 Daktylen auf 60 Spondeen. Wiederum anders bei Klopstock 72 : 28; in Voss‘ Homer 69 : 31, Luise 65 : 35. Dagegen bei Goethe Annährung an den lateinischen Hexameter schon im Reineke Fuchs 55 : 45, und noch mehr in Hermann und Dorothea, wo also der Spondeus um ebensoviel überwiegt, wie er im Reineke Fuchs hinter den Daktylus zurückbleibt. Der dritte Fuß ist also weniger oft daktylisch als der zweite, aber häufiger als der vierte Fuß.

Im vierten Fuß bei Vergil 29 : 71, also weitaus überwiegender Spondeus. Auch bei Klopstock hat er noch ein leises Übergewicht 48 : 52; in Voss‘ Homer zwar noch 51 : 49, aber in der Luise 63 : 27, also weitaus überwiegende Daktylen. Goethe steht Klopstock und dem lateinischen Vers näher, im Reineke Fuchs fast wie bei Vergil 31 : 69, in Hermann und Dorothea immer noch 42 : 58. Bei den Lehrlingen der Griechen dagegen, bei A. W. Schlegel und Platen, ist umgekehrt gerade der Daktylus an dieser Stelle beliebt.

Also: Klopstock bevorzugt, wie auch Homer, in den ersten drei Füßen den Daktylus, im vierten aber gibt er, in viel höherem Grade als Vergil, dem Spondeus den Vorzug; sein Vers steht hier wie sonst dem homerischen Hexameter näher als dem vergilischen. Der Vers in Vossens Homer ist in diesem Punkt nur wenig von dem klopstockischen unterschieden, wenn er auch sonst aus besserem Material besteht; der Vers der Luise dagegen ist zwar auch noch mit dem homerischen verwandt, aber er entfernt sich doch weiter von ihm als der der Homerübersetzung. Goethe endlich gibt den Daktylen wie Klopstock und der Übersetzer des Homer im zweiten und dritten Fuß den Vorzug, hält aber durch die Bevorzugung des Spondeus im vierten Fuß zu Vergil und Klopstock gegenüber Homer und den Schülern der Griechen. Ganz neu tritt bei Goethe die Vorliebe für den Spondeus im ersten Fuß hervor; dadurch unterscheidet er sich von allen übrigen deutschen Dichtern und steht dem Vergil näher als dem Homer. A. W. Schlegel bevorzugt im Gegensatz zu Goethe in in Übereinstimmung mit Homer den Daktylus gerade im ersten und im vierten Fuße; aber den Unterschied zwischen der Anzahl der Daktylen und der Spondeen ist bei ihm in allen Versfüßen verschwindend klein, so dass weder Neigung noch Abneigung deitlich hervortritt.

Was endlich den Wechsel von zweisilbigen und dreisilbigen Versfüßen in den unmittelbar aufeinanderfolgenden Versfüßen betrifft, so macht sich die Neigung zur Abwechslung namentlich im ersten und zweiten Fuß geltend. Selten sind beide Füße Spondeen oder Daktylen; meistens wechseln hier zwei- und dreisilbige Füße ab, und zwar ist der erste Fuß häufiger der Trochäus, der zweite der Daktylus als umgekehrt. Bei Homer und Vergil, bei Klopstock, Voss und noch mehr bei Goethe lässt sich die Neigung zum Wechsel deutlich beobachten.

In dem zweiten und dritten Fuß ist Abwechslung bei Homer, Vergil und Klopstock nicht zu erkennen, wohl aber bei Voss und bei Goethe.

Im dritten und vierten Fuß ist die Wiederholung desselben Versfußes bei Homer und Vergil häufiger als der Wechsel. Bei Klopstock und Voss dagegen findet Abwechslung statt. Goethe bevorzugt den Wechsel erst in Hermann und Dorothea, noch nicht im Reineke Fuchs.

Im vierten und fünften Fuß kommt Wechsel bei Klopstock vor, der die Spondiaci liebt. Voss dagegen liebt es, hier zwei Daktylen aufeinander folgen zu lassen; zwei Spondeen kommen bei ihm an dieser Stelle noch seltener vor als bei Homer, wenigstens im Versus spondiacus ist also der vierte Fuß immer ein Daktylus. Auch Schlegel und Platen bevorzugen hier nach griechischem Muster zwei Daktylen. Goethe und Schiller dagegen lieben, wie Vergil und Horaz, den Wechsel von Spondeus und Daktylus; bei ihnen drückt sich also in der zweiten Hälfte (s d s) der gleichmäßig schwankende Charakter des Verses am deutlichsten aus. Goethe liebt auch in der ersten Hälfte die Abwechslung. Seine Lieblingsformen sind s d s s d s, s d d s d s, s d s d d s, also ein deutliches Auf- und Abwogen, wie es Schiller vom Hexameter verlangt.

Im ganzen gestattet der Hexameter eine fünfmalige Abwechslung von zwei- und dreisilbigen Versfüßen. Bloß einmaliger Wechsel (d d d d d s) kommt  bei Homer vor in 18%, in Vossens Luise in 11%, Klopstock 10%, Vossens Odyssee 9%, im Reineke Fuchs 4%, Hermann und Dorothea 3%, noch seltener bei Vergil und Horaz vor. Fünfmaliger (d s d s d s) am häufigsten in Vossens Odyssee 11%, bei Vergil 11%, Klopstock 8%, in der Luise 7%, im Reineke Fuchs 4,5%, in Hermann und Dorothea 3%. Viermaliger (s d s d d s): am häufigsten (13%) in Goethes Hermann und Dorothea, begünstigt durch die Vorliebe für spondeischen Eingang, für wechselnde Versfüße und für Daktylen im fünften Fuß; dann in Vossens Luise 11%, im Reineke Fuchs 8%, in Vossens Odyssee 8%, bei Klopstock 6%, Horaz 5,5%, Vergil 4%, Homer 3%.

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